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🇩🇰 Postkarte aus Dänemark

Hallo!

Ich hoffe, du hast ein paar entspannte Tage, egal, ob du Weihnachten feierst oder nicht. Ich bin ja über Weihnachten und Neujahr immer in Dänemark, und wie immer schicke ich dir von hier ein paar Eindrücke. Los geht’s:

Die Bäume werden hier meist nicht sehr hoch.

Wir sind unterhalb des Ringkøbing Fjords, und hier fahre ich schon seit meiner Kindheit hin. Viele Stellen in Dänemark sind Deutschland sehr ähnlich, aber hier ist es dann doch sehr anders. Kleine hutzelige Kiefer-, Lorbeer- und Eichenwälder ducken sich unter dem Küstenwind, der über sie hinwegzieht und sie in Form biegt.

Hier gibt es auch weitläufige Heiden, Sümpfe und Moore:

Heute früh bin ich aufgewacht und direkt mit der Kamera losgezogen, weil alles gefroren und mit Kristallen überzogen war, und das alles bei wunderschönem Licht.

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Hier gibt es ja ganz viele Flechten, vor allem meine Lieblinge, die Cladonia-Arten. Man denkt eigentlich gar nicht, dass die noch schöner aussehen können als ohnehin schon, und dann sieht man sie mit Kristallen überzogen und denkt sich: Ah, doch, geht.

Das Rote sind die Sporenkörper, über die sich die Flechten fortpflanzen.
Der Formenreichtum innerhalb einer Art ist so ausgeprägt, dass man die meisten Flechten unterm Mikroskop bestimmen muss, um sich wirklich sicher zu sein.

Ich bin dann mit Lorenz in mein Lieblingswaldstück hier in der Nähe des Hauses gegangen. Dort gibt es Bäume, die wirklich komplett von Flechten überzogen sind:

Und da hat mich Lorenz dann so abgelichtet:

Denn ich habe das hier im Geäst entdeckt:

Und das musste ich mir recht lange so anschauen. Bis der Inhaber dieses kleinen Flausch-Popos dann doch mal nach hinten geguckt hat:

"Momendemal ...."
"Haben Sie mich gerade in den Arsch gefilmt?? SIE DÜRFEN DAS NISCHHH"

Ein Wintergoldhähnchen hatte sich mit anderen seiner Art und ein paar Blau-, Kohl- und Tannenmeisen zu einem kleinen Trupp vergesellschaftet und sich über die Spinnen und Insekten zwischen den Flechten an den Unterseiten der Äste hergemacht.

Das Wintergoldhähnchen ist Europas kleinster Vogel und wiegt gerade einmal fünf bis sechs Gramm, etwa so viel wie ein Stück Würfelzucker! Denkt man nicht, wenn man den kleinen aufgepufften Kerl sieht, oder?

Wintergoldhähnchen leben fast ausschließlich in Nadelwäldern, besonders zwischen Fichten und Kiefern, so wie hier. Dort huschen sie rastlos durch die Zweige und suchen nach winzigen Insekten, Spinnen und deren Eiern. Sie sind ständig in Bewegung, denn ihr schneller Stoffwechsel verlangt kontinuierliche Nahrungsaufnahme. An kalten Wintertagen müssen sie praktisch den ganzen Tag fressen, um nicht zu erfrieren. Nachts muckeln sich mehrere Vögel eng aneinander, um Wärme zu sparen.

Hier in Dänemark sind sie ganzjährig anzutreffen, wobei im Herbst und Winter zusätzlich Vögel aus Skandinavien durchziehen. Find sie aber tatsächlich schwer zu entdecken, weil sie gut getarnt und eben unfassbar winzig sind, und da sie so schnell von Zweig zu Zweig huschen, muss man ganz schön fix mit der Kamera sein.

Was hier auch toll ist, ist, wie viel Totholz es gibt, was für Flechten, Pilze, Insekten und dadurch auch Vögel natürlich eine super Nachricht ist. Vor allem meine Lieblingsflechtenarten findet man hier, Cladonia sehen teilweise so aus, als hätte jemand ein Miniaturkorallenriff am Waldrand abgestellt.

Flechten besiedeln Oberflächen, an denen andere Lebewesen scheitern: Nackter Fels, verwittertes Holz, Glasscheiben, Metallgeländer. Sie brauchen weder Erde noch Wurzeln, oft erreichen sie einen Lebensraum als Erste und bereiten ihn für nachfolgende Organismen vor. Um zu verstehen, was Flechten ausmacht, lohnt ein Blick auf das Prinzip, das sie erst ermöglicht: die Symbiose. Viele Organismen durchlaufen ihr Leben in Kooperation mit anderen, denn Einzelkämpfer:innen haben es in der Natur oft schwer (mittelfreundliche Grüße an Friedrich Merz an dieser Stelle). Lebewesen schließen sich zusammen, tauschen Ressourcen, teilen Aufgaben. Die Partnerinnen und Partner in einer Flechtengemeinschaft machen genau das: Gemeinsam erschließen sie Lebensräume, die für jeden von ihnen allein unerreichbar wären.

Symbiotische Beziehungen lassen sich grob in drei Formen unterteilen. Beim Mutualismus gewinnen beide Seiten. Mykorrhizapilze verbinden sich mit Pflanzenwurzeln und erschließen Nährstoffe aus dem Boden, während die Pflanze, häufig ein Baum, dafür Zucker liefert. Ameisen halten Blattläuse wie Nutztiere, verteidigen sie gegen Fressfeinde und erhalten im Gegenzug Honigtau. Die Blattläuse allerdings haben wenig Mitsprache in dieser Beziehung. Solche Grenzfälle zeigen, dass symbiotische Verhältnisse selten eindeutig in eine Kategorie fallen. Beim Kommensalismus profitiert eine Seite, die andere bleibt unbeeinflusst. Aufsitzer wie Orchideen oder Moose wachsen auf Bäumen und nutzen sie als Standort, ohne ihnen zu schaden. Geier fressen die Überreste von Beutetieren anderer Jägerinnen und Jäger, den ursprünglichen Räubern fehlt dadurch nichts und getötet wurde auch niemand. Beim Parasitismus gewinnt eine Seite auf Kosten der anderen. Zecken saugen Blut und übertragen dabei möglicherweise Krankheitserreger wie Borrelien oder FSME-Viren, Misteln zapfen den Nährstoffstrom ihrer Wirtsbäume an, Viele Pilze zersetzen ihre Wirte von innen. Der Unterschied zum Mutualismus: Der Wirt erhält keine Gegenleistung.

Flechten entstehen aus einer symbiotischen Verbindung. In der klassischen Beschreibung beteiligen sich ein Pilz, der Mycobiont, und ein photosynthesefähiger Partner, der Photobiont. Bei diesem handelt es sich entweder um eine Alge, den Phycobiont, oder um ein Cyanobakterium, den Cyanobiont. Der Pilz liefert Schutz, speichert Feuchtigkeit und gibt der Flechte ihre Struktur. Die Alge oder das Bakterium produziert durch Photosynthese Nährstoffe. Je nach Art profitiert eine Seite stärker als die andere, und mittlerweile erweitern Forschende dieses “es gibt zwei Partner und fertig”-Bild. Viele Flechten enthalten nämlich, wie man jetzt weiß, zwei oder mehr Pilzarten. Darunter finden sich häufig Hefen, die den äußeren Look prägen. Dazu kommt eine diverse Bakteriengemeinschaft, deren Funktion teils ungeklärt ist. Manche dieser Bakterien stellen vermutlich Vitamine bereit, andere produzieren möglicherweise Abwehrstoffe, das ist noch nicht so gut erforscht. Die Flechte erscheint jedenfalls als Gemeinschaft verschiedener Organismen, die sich wechselseitig beeinflussen, zeitweise kooperieren und gelegentlich auch parasitieren, und das finde ich eben total spannend.

Ich war gerade fotografisch mit den Meisen beschäftigt, da sah ich was am Himmel. Ich hatte nicht die passenden Kameraeinstellungen, habe aber trotzdem draufgehalten, weil ich so eine Ahnung hatte …

Und ja, es stellte sich heraus, dass ich zum ersten Mal einen Seeadler festgehalten habe:

Leider nicht so schön scharf und präzise, wie ich es mir gewünscht hätte, aber da es ein Zufallsshot war, nahm ich es olympisch: Dabei sein ist alles!

Eben hatten wir den kleinsten Vogel, den man auch bei uns in Deutschland finden kann, jetzt haben wir hier einen der Größten. Der Seeadler ist einer der größten Greifvögel bei uns in Europa mit einer Flügelspannweite von bis zu zweieinhalb Metern, was ordentlich ist. In Dänemark hat sich die Population in den letzten Jahrzehnten stark erholt, nachdem die Art durch Jagd und Pestizide fast ausgerottet war.

Die Vögel leben bevorzugt in der Nähe von Gewässern, sei es an Küsten, Fjorden oder größeren Seen. Dort finden sie ihre Hauptnahrung: Fische, die sie geschickt von der Wasseroberfläche greifen. Aber sie sind keine wählerischen Esser. Wasservögel, Aas und gelegentlich auch kleinere Säugetiere stehen ebenfalls auf dem Speiseplan, ich habe heute auch welche auf einer Wiese sitzen und Mäuse jagen sehen. Im Winter versammeln sich manchmal mehrere Adler an ergiebigen Futterplätzen, deshalb war es nicht ungewöhnlich, dass da gleich zwei von ihnen waren. Vorhin habe ich aus dem Fenster geschaut und direkt 4 vorbeifliegen sehen, anscheinend habe ich die jetzt für mich freigeschaltet. Sweet.

Hier ist jetzt die erste Dänemarkwoche rum, eine sind wir noch hier. Ich werde die nächsten Tage mal in die Salzwiesen und an den Strand und dort in die Dünen gehen. Wenn du von den Lebewesen dort auch gern eine Postkarte kriegen willst, sag mir gern Bescheid, am besten hier als Kommentar, aber auch gern als Antwort auf meine Mail. :)

Liebe Grüße & bis zum nächsten Mal

Jasmin

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Kategorie Heimische Natur

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