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In der letzten Ausgabe schrieb ich über Körperlosigkeit in unserer Gesellschaft. Auch diese Ausgabe dreht sich um den Körper. Aber dieses Mal mit dem Fokus auf Verkörperung, also dem Vorgang, die Verbindung zwischen Körper und Gehirn zu stärken oder wiederherzustellen. Ich werde ausführen, warum ein verkörperter Zustand – engl. Embodiment – nicht nur für das individuelle Wohlbefinden, sondern auch für das Funktionieren unserer Demokratie wichtig ist, und wie wir ihn gezielt herbeiführen können.
Was ist Embodiment?
Im Kern bedeutet Embodiment, dass Gehirn und Körper verbunden sind und über das Nervensystem miteinander kommunizieren. Es ist ein Zustand von Handlungsfähigkeit und Souveränität, in dem Körper und Geist abgestimmt sind und als Einheit agieren.
Wie fühlt sich das an? Es ist ein Gefühl von Entspannung bei gleichzeitiger Präsenz. Der Kopf ist klar, die Gefühle ruhig, man fühlt sich geerdet und mit der eigenen Mitte verbunden. Erkennungsmerkmale sind beispielsweise:
Du fühlst dich gelassen und aufmerksam, bist jederzeit bereit, zu handeln.
Du spürst deine Bedürfnisse deutlich, z. B. Hunger, Durst, nach Ruhe oder Bewegung, nach Nähe oder Distanz, etc.
Andere Menschen nehmen dich wahr und reagieren (meist) positiv auf dich
In Diskussionen kannst du widersprechen und eine andere Meinung gelten lassen, ohne Dinge persönlich zu nehmen.
Wenn Verkörpertsein so positiv ist, dann müssten wir doch eigentlich versuchen, immer in diesem Zustand zu sein? Warum setzen wir nicht alles daran, dass wir jederzeit verkörpert sind? Die Antwort auf diese Frage liegt im Stammhirn. Das ist der menschheitsgeschichtlich älteste Teil unseres Gehirns, der rein instinktiv und komplett unbewusst arbeitet.
Das Stammhirn übernimmt bei Stress die Kontrolle. Es entscheidet darüber, ob wir sicher oder in Gefahr sind. Und wenn es die Umgebung als gefährlich einstuft, dann behält es Informationen aus dem Nervensystem bei sich, um schneller darauf reagieren zu können. Wir sind dann in einem Modus von Fight or Flight – Kampf oder Flucht – und im schlimmsten Fall erstarrt oder dissoziiert. Die anderen Teile des Gehirns, nämlich die bewusst denkenden und fühlenden Teile, sind von vielen Körperinformationen abgeschnitten.
Das bedeutet, wir kriegen es nicht bewusst mit, wenn wir weniger verkörpert sind. Noch mal, weil die Tragweite dieser Erkenntnis aus der Gehirnforschung so groß ist: WIR BEMERKEN NICHT, wenn unsere Gehirnkapazitäten eingeschränkt sind. Wir können weniger gut denken, aber wissen es nicht. Es entzieht sich unserem Bewusstsein.
Warum Demokratie Embodiment braucht
Eine funktionierende Demokratie ist auf verkörperte Bürgerinnen und Bürger, genauso wie auf verkörperte Politikerinnen und Politiker angewiesen.
Der Kern unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist die Idee der Selbstbestimmung des Volks. Selbstbestimmt leben kann nur, wer sich ermächtigt fühlt und handlungsfähig ist – in anderen Worten, wer verkörpert ist. Embodiment ist eine physiologische Grundlage der Souveränität des Volks.
Konkret: Wenn wir mit unserem Nervensystem verbunden sind, wissen wir besser, was wir brauchen und wollen. Bürger:innen müssen fähig sein, ihre Bedürfnisse zu spüren, sie zu artikulieren, sich zu organisieren und sich Gehör zu verschaffen – in Gesprächen, Petitionen oder bei Beteiligungsprozessen.
Eine handlungsfähige Politik, gerade im Angesicht komplexer Krisen, lebt von der Fähigkeit zur Perspektivübernahme, zur Kreativität und zu konstruktiven Kompromissen. Diese Fähigkeiten sind jedoch an einen physiologischen Zustand von Sicherheit und Offenheit geknüpft. Ein chronisch übererregtes Nervensystem hingegen engt den Denk- und Fühlraum ein, gute Zusammenarbeit erschwert und Konfrontation wahrscheinlicher macht.
Top-Down-Staat oder Bottom-Up-Demokratie
Aus der Traumaforschung wissen wir, dass es zwei Wege gibt, die Verbindung von Körper und Geist wiederherzustellen:
Top-Down: Das ist der Versuch, über das Denken und Reden eine Veränderung zu bewirken. Dieser Ansatz hat Grenzen, da er das Stammhirn, den instinktiven Teil des Gehirns, kaum erreicht.
Bottom-Up: Körperbasierte Übungen, die dem Gehirn vom Körper aus signalisieren: „Du bist sicher.“ Das hilft deutlich besser als Top-Down, wenn wir uns in einem getriggerten Zustand befinden.
Besonders wirksam ist die Kombination aus beidem. In der Praxis sehe ich jedoch oft ein Ungleichgewicht. Top-Down wird bevorzugt, die Körperwahrnehmung vernachlässigt. Darüber habe ich auch in der vorherigen Newsletterausgabe geschrieben.
Die praktisch gelebte Politik scheint mir auch fast nur der Top-Down-Logik zu folgen: Einfach gesagt: Der „Vater Staat“ soll es richten. „Starke“ Politiker entscheiden, weil sie wissen, was für alle das Beste ist. Gleichzeitig befindet sich die öffentliche Debatte in einem offensichtlich getriggerten Zustand. Die Merkmale sind deutlich: Polarisierung, reaktive Empörung, die Abwesenheit von Zusammenarbeit zwischen (manchen) Parteien und medialer Dauer-Alarmismus. Das sind Zeichen von fehlender Verkörperung.
Demgegenüber steht die Idee von Demokratie, die im Kern dem Bottom-Up-Prinzip folgt. Denn Demokratie lebt vom Engagement jeder und jedes Einzelnen. Vor Ort, in der Kommune setzen sich Menschen für ihre Mitmenschen ein, unterstützen sich und organisieren das gemeinschaftliche Leben. Sie können sich zusammenschließen und ihre Anliegen „nach oben“ tragen. Und auch das in Deutschland für Politik geltende Subsidiaritätsprinzip – die Idee, dass Probleme immer auf der niedrigstmöglichen Ebene gelöst werden sollten – entspricht dem Bottom-Up-Prinzip.
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Praktiken der Verkörperung
Mir gefällt die Parallele, dass sowohl das Individuum, als auch die Demokratie Bottom-Up-Interventionen braucht, um gut zu funktionieren. Nimmt man den Stand der neurophysiologischen Forschung ernst, ergibt sich daraus ein provokantes Gedankenexperiment: Was würde sich verändern, wenn politische Sitzungen mit Körperübungen zum Embodiment beginnen würden? Ich erlebe es jedenfalls immer wieder: Wenn Menschen individuell verkörpert sind, funktioniert auch der politische Austausch besser.
Auch der Dialog, die Verlangsamung, das achtsame Sprechen von der eigenen Erfahrung ist in meiner Erfahrung ein geeignetes Mittel, um die Körper-Geist-Verbindung zu stärken. Dafür ist das Gehörtwerden wesentlich, weil es ein Bottom-Up-Signal für das Stammhirn ist, um die Verbundenheit mit dem Körper zu stärken und dadurch auch die innere Souveränität zu erhöhen. Dieser Vorgang der Ko-Regulation durch Dialog ist so fundamental, dass er eine eigene Betrachtung wert ist – vielleicht in einem der nächsten Newsletter.
Eigentlich müsste es ein metapolitisches Ziel sein, die Bürgerinnen und Bürger eines Landes darin zu unterstützen, ihre Nervensysteme besser zu regulieren. Denn die positiven Auswirkungen davon würden nicht nur dazu beitragen, dass Demokratie besser funktioniert, sondern vermutlich würden alle Politikfelder davon profitieren: Gesundheitspolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik und Klimapolitik, um nur ein paar Felder zu nennen. Natürlich lösen regulierte Nervensysteme alleine keine strukturellen Machtfragen. Aber es schafft eine Grundlage dafür, diese Konflikte mit größerer Klarheit und weniger destruktiver Energie auszutragen.
Stell dir vor, vor jeder demokratischen Praxis würden die Teilnehmenden kurz innehalten und ihre eigene Körper-Geist-Verbindung prüfen. Und wenn sie merken, dass sie gerade nicht ganz bei sich sind, macht die gesamte Gruppe für 5–10 Minuten eine einfache Körperübung. Ich bin überzeugt, das Miteinander – und auch das konstruktive Gegeneinander – wäre grundlegend anders: eingestimmter, lösungsorientierter und wohlwollender.
Übungen zum individuellen Embodiment
Hier sind zwei kraftvolle Übungen, die ich gerne selbst und auch mit Gruppen zur Verkörperung anwende. Übung 1 von Wangũi wa Kamonji (Öffnet in neuem Fenster) und Übung 2 von Peter A. Levine (Öffnet in neuem Fenster). Du brauchst dafür idealerweise einen Raum, in dem du ungestört bist und Laute machen kannst.
Vorbereitung: Skalenabfrage
Bewerte auf einer Skala von 0 (gar nicht verbunden, angespannt) bis 10 (vollständig verbunden, entspannt), wie sehr du dich gerade mit deinem Körper verbunden fühlst.
Übung 1: Stein wegschieben
Nimm deine Hände vor deinen Oberkörper. Die Handinnenflächen zeigen nach vorne. Nun stell dir vor, du schiebst einen schweren Stein langsam von dir weg. Du benötigst dafür all deine Kraft. Mache dies langsam und bewusst.
Wenn deine Hände ausgestreckt sind, der Stein weggeschoben ist, lege deine Arme kurz ab und atme einmal durch.
Dann mach die Bewegung ein, zwei oder drei weitere Male.
Übung 2: Der Wuu-Ton
Nimm einen leichten tiefen Atemzug und töne beim Ausatmen ein langes, tiefes, vibrierendes „Wwwwwwuuuuuuuuuuuuu“. Lass den Ton so lange klingen, wie dein Atem reicht.
Warte, bis der Einatemimpuls von ganz alleine wiederkommt.
Wiederhole das „Wuu“ zwei weitere Male, wenn du möchtest auch häufiger. Dann nimm dir einen Moment Zeit und spüre nach, wie sich dein Körper und Geist anfühlen.
Hier im Video (Öffnet in neuem Fenster), ist ab Minute 3:32 zu sehen, wie Peter Levine die Übung selbst vormacht:
https://youtu.be/n1bPdbBF1Ck?si=mNFp3QpTqS4XQpp4&t=212 (Öffnet in neuem Fenster)Abschluss: Erneute Skalenabfrage
Bewerte dein Verkörperungsgefühl erneut auf der Skala von 0 (gar nicht verbunden, angespannt) bis 10 (vollständig verbunden, entspannt) und nimm wahr, was sich verändert hat.
Wie fühlt es sich für dich an, wenn du gut verkörpert bist? Und was hilft dir, diesen Zustand zu finden oder zu stärken? Fühlst du dich dadurch ermächtigt?
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Herzliche Grüße
Josef
PS: Über diese und andere Formen der inneren Arbeit spreche ich mit Su Schöb im CRITICAL FRIENDS Podcast (Öffnet in neuem Fenster):
https://shows.acast.com/critical-friends/episodes/9-innerwork-mit-dr-josef-merk (Öffnet in neuem Fenster)