„Rette dich, du mächtiger, emotionaler Stier aus Spanien! Rette dich! (Miguel Hernández -spanischer Dichter)
Der Stier ist kein Tier. Er ist eine Idee. Er tauchte auf, als der Mensch begann, das, was ihm Angst machte, zu zeichnen. Die ersten Zivilisationen machten ihn zu einem Symbol. Dann kamen Mythos und Ritual. Mit dem Tod spielen und lebendig davonkommen. Während des Bürgerkriegs identifizierte der Dichter Miguel Hernández ihn mit seinem Land.
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Der Stier war das erste Tier, das der Mensch nicht beherrschen konnte.
Seit den Anfängen der Zivilisationen symbolisiert er Kraft, Fruchtbarkeit, rituelle Gewalt und Macht. Vor etwa 15.000 Jahren tauchte er in den Höhlen von Lascaux (Öffnet in neuem Fenster) und Altamira (Öffnet in neuem Fenster) auf.
In Mesopotamien bewachten die Lamassu, geflügelte Stiere mit Menschenköpfen (Öffnet in neuem Fenster), Paläste und Städte. Im Alten Ägypten wurden für den Apis-Stier (Öffnet in neuem Fenster) komplexe Bestattungsrituale abgehalten.
In der minoischen Kultur von Knossos taucht der „Stiersprung” (Öffnet in neuem Fenster) auf. Dabei handelt es sich nicht um einen Sport, sondern um ein Ritual. In der griechischen Mythologie ist der Minotaurus (Öffnet in neuem Fenster) ein Wesen, halb Mensch, halb Stier. Er ist das Monster. Zeus verwandelt sich in einen Stier, um Europa zu entführen.
Im Mittelalter symbolisiert der Stier neben dem Heiligen Lukas Stärke. Auf der Iberischen Halbinsel blieb er Teil der Kultur und mündete ab dem 18. Jahrhundert in den Stierkampf.
Heute ist der Stier nach wie vor ein Symbol, allerdings ein unbequemes. Er steht für Kraft und Identität. Aber er steht auch für Gewalt, Debatte und Widerspruch.
Der Stier war nicht nur ein Tier. Er verkörperte auch alles, was der Mensch nicht ganz versteht und nicht kontrollieren kann.
Tragisches Ende

Das Problem ist nicht der Stier. Es ist der Glaube, man hätte ihn unter Kontrolle.
Im Mittelpunkt der Serie Tauromaquia von Francisco de Goya (1746–1828) steht der Stier. Sie entstand zwischen 1814 und 1816, gliedert sich in drei Teile – die historische Betrachtung, die großen Persönlichkeiten des Stierkampfs seiner Zeit und die tragischen Ausgänge – und ist eine Hommage an den Stierkampf.
Auf diesem Stich ist kein Stierkampf zu sehen, sondern eine dieser Tragödien. Er zeigt den Moment, in dem alles schiefgeht.
Der Stier ist nicht in der Arena. Er befindet sich dort, wo er nicht sein sollte: auf der Tribüne bei den Zuschauern. Er stürmt auf den Bürgermeister zu und tötet ihn. Es handelt sich um ein reales Ereignis, das zu einem exemplarischen Bild geworden ist. Goya interessiert sich für den Riss, nicht für die Geschichte. Er möchte das Chaos auch in der Komposition widerspiegeln.
In diesem Radierung gibt es keine Elemente, die mit der Welt des Stierkampfs zu tun haben. Es gibt keine Helden. Zu sehen sind Angst, Chaos und fliehende Menschen. Goya reflektiert über Gewalt als Spektakel. Der Moment, den er einfängt, ist genau dieser: der Zusammenbruch des Festes.
Er zeigt, dass der Stierkampf ein fragiles System ist, das dem Zusammenbruch ausgesetzt ist. Es ist nicht nur die Bühne, auf der der Held das Tier beherrscht. Die Ordnung ist illusorisch. Und: Gewalt kennt keine Hierarchien – der Bürgermeister ist tot. Auch die Autorität kann ihr Ende finden.
Der Stier hingegen ändert sich nicht. Was sich ändert, ist der Ort, von dem aus man ihn betrachtet.