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Ich schreibe: Trotzdem.

Verschiede Bücher in schwarz weiß mit pinken markierungen wie von einem Neonmarker.
Ready Made Collage April 2026 © Kristina Klecko

Eine menschenleere Straße in der Nähe meiner Wohnung. Fast vertrautes Gelände. Ein weißer Van, ohne das zumindest ein wenig Vertrauen einflößende Logo eines Lieferdienstes oder Paketunternehmens, parkt im Halteverbot. Die Seitentür ist aufgeschoben, die Haustür gegenüber steht offen. Niemand zu sehen.

Ich denke, hoffentlich geht’s gut.

Ich denke, dass Männer in dieser Situation vermutlich nichts Vergleichbares denken.

Ich denke, dass ich es besser weiß, dass ich die Statistiken kenne: Das Risiko vom eigenen Partner Gewalt zu erleben, ist größer als willkürliche Gewalt auf der Straße.

Ich denke trotzdem, während ich all das denke.

Die amerikanische Journalistin Vivian Gornick gibt im Buch Alte Frauen an, sie sei seit 1970 Feministin. Gornick ist 1935 geboren, sie war also 35, ungefähr das Alter, das auch viele Frauen in meinem Freundes- und Bekanntenkreis angeben. Das Alter, in dem viele erkennen, dass die “linken Typen”, die vor der Geburt der gemeinsamen Kinder noch Judith Butler und Simone de Beauvoir zitiert haben, nun auch nicht bereiter sind, beruflich oder privat über das absolut Notwendige hinaus zu gehen, weil es gerade nicht passt / finanziell mehr Sinn macht / sich die zwei Monate Elternzeit so gut für diese eine Reise eignen, die beide schon so lange machen wollen.

Ich denke: Wäre ich mit 35 Feministin geworden, wäre ich jetzt nicht so erschöpft.

Um Beziehungen führen, oder einfach nur Teil der Gesellschaft sein zu können, müssen Frauen* darauf vertrauen, dass sie es mit den Guten zu tun haben. Dieses Vertrauen wird im Wochentakt von “Einzelfällen” auf die Probe gestellt. Die Publizistin Samira El Ouassil listet in einem Artikel (s.u.) Angriffe auf Frauen aus naher Vergangenheit auf, eine Erzählung gruseliger als die nächste, und doch insgesamt nur ein Auszug. Diese Fälle vermischen sich mit einer Kultur, die Frauen am liebsten als (schönes) Opfer in Film und Serie (Öffnet in neuem Fenster) sehen möchte – oder gar nicht (Öffnet in neuem Fenster). Diese Fälle vermischen sich nicht zuletzt mit der täglichen Erfahrung, dass Wortmeldungen von Frauen ignoriert oder nicht ernst genommen werden – beim Arzt, im Beruf, in der eigenen Partnerschaft. Um beziehungsfähig zu bleiben, müssen wir ausblenden, was wir wissen, oder lieber gar nicht erst wissen wollen. Wie soll der Alltag sonst gelingen? Stattdessen Angst vor weißen Vans, einsamen Straßen ... Angst davor, den einen Mann unter #notallmen** nicht zu erkennen.

Ich denke: Was kann ich noch darüber schreiben?

Am nächsten an eine feministische Erleuchtung à la Gornick kommt bei mir ein Tag im Jahr 2004 oder 2005, an dem ich ein Buch über weibliche Genitalverstümmelung aus der Bibliothek heimgetragen habe. Die letzte Erleuchtung war die Lektüre Hexen von Mona Chollet vor wenigen Wochen. Dazwischen Tausende Seiten an Geschriebenem, meine eigenen, vor allem aber die aller möglichen Menschen.

Der Zustand der Welt zwingt mich zu Floskeln wie „der Zustand der Welt“. Ich spüre Abneigung gegen Vorgedachtes, was sich im Vorformulierten äußert, doch alles scheint so absurd, dass ich an manchen Tagen nicht weiß, wie das alles passieren konnte, und an anderen Tagen nicht sicher bin, dass schon etwas passiert ist.

“Der Gewohnheitskörper und der denkende Körper liegen im Widerstreit.”

Siri Hustvedt, Ghost Stories. übers. v. Grete Osterwald und Uli Aumüller

Jede neue Geschichte über Grenzverletzungen bringt die erwartbaren Einwände. Der Gewohnheitskörper reagiert auf jede neue Nachricht und jeden neuen Einwand mit einem quängeligen nicht das, wieso. Der denkende Körper bemüht sich um Einordnung.

Mehr noch vor Floskeln fürchte ich mich vor Sarkasmus und Ironie, vor dem Automatismus, mit dem aktuelle Debatten zynisch kommentiert werden. Das bringt Applaus, aber wenn ich anfange für Lacher zu sprechen, kann ich noch aufhören? Kann ich ernst nehmen, was zu absurd erscheint? Internettrolls von echten Menschen unterscheiden, deren Macht über mir schwebt, auch wenn ich sie ignorieren will?

“Meine Texte stärken den Sinn für das, was möglich ist, und wehren sich gegen das verbreitete Narrativ, dass Verzweiflung und Zynismus – diese seltsame Kombination, bei der die Anmaßung, man wüsste, was kommt, die Bereitschaft, sich einzubringen, unterminiert – es rechtfertigen, nichts zu tun.”

Rebecca Solnit, Unziemliches Verhalten, übers. v. Kathrin Razum

Trotzdem kann ich mich manchmal nicht zusammenreißen. Der Gewohnheitskörper übernimmt, wenn Männer* reichweitenstark beweinen, wie ihr Geschlecht benachteiligt wird.

Ich tippe: Junge, mach dich nicht lächerlich.

Ich tippe: So fühlt es sich eben an, wenn in 100 Jahren aufgeholt werden muss, was in Jahrtausenden verwehrt wurde.

Ich tippe: Ich hätte gern, was er hatte.

Aber ich veröffentliche fast nie, weil der kurze Ausbruch niemandem guttut, am wenigsten mir selbst, und weil ich weiß, dass ihn vor allem Menschen lesen werden, die es genauso sehen wie ich, theoretisch zumindest.

Die Literaturvermittlerin Magda Birkmann schreibt auf Bluesky 2026:

“Wenn all die empörten #notallmen cis Männer sich jetzt einfach mal auf ihren Arsch setzen und wenigstens einen grundlegenden Feminism 101 Syllabus durcharbeiten würden, damit wir auch nur ansatzweise einen gemeinsamen Wissensstand haben, wäre ja schon viel gewonnen.”

Sie weiß – und ich weiß es: Sie werden es nicht tun. Stattdessen werden sie ihre dreieinhalb Gefühle in luftiger Verkleidung heraushauen und das Gesagte wird sich nicht von dem unterscheiden, was Frauenrechtlerinnen seit Jahrhunderten hören.

Hedwig Dohm schrieb 1902:

“Entweder lesen sie die Schriften der Feministen nicht, oder sie geben sich den Anschein, sie nicht zu kennen, um sich des Versuches ihrer Widerlegung enthalten zu dürfen. Im wesentlichen besteht ihre Beweisführung (…) in Behauptungen. Und immer behaupten sie dasselbe – dasselbe. Der Tropfen höhlt den Stein, wieviel mehr das weiche Menschenhirn. (…) Eine schlaue Taktik, die Begründungen und Wiederlegungen der Frauenpartei zu ignorieren, denn – die Leute lesen in der Regel nur diejenigen Zeitungen, Journale, Bücher, die ihren Anschauungen entsprechen. Ließen sich unsere Gegner nun zu einer sachlichen Erörterung der Ideen der Frauenbewegung herbei, so würden damit diese Ideen zur Kenntnis ihrer Kreise gelangen (…).”

Hedwig Dohm, Die Antifeministen

Marie le Jars de Gournay schrieb 1622:

“Und sie haben andererseits nicht gelernt, dass es die erste Eigenschaft eines ungeschickten Menschen ist, sich aufgrund von Volksmeinung oder Hörensagen für die Dinge zu verbürgen.”

Marie le Jars de Gournay, Zur Gleichheit von Frauen und Männern, übers. v. Florence Hervé, Ingeborg Nädinger, überarbeitet von Ulrike Streubel

Transparenz an sich ist noch kein Erfolg, hörte ich zu Beginn meines Berufslebens als frischgebackene Pressereferentin einer NGO, die sich für Frauenrechte in der gloablen Textilindustrie engagierte. Ich verstand es nicht sofort, zog ich doch einen großen Teil meiner Arbeitsmotivation aus der naiven Erwartung heraus, man (ich) müsse den Menschen lediglich erzählen, was es über die Textilproduktion zu wissen gibt, und sie werden verstehen und nach ihrem Wissen handeln. So ist es nicht, und manchmal habe ich Sorge, dass Transparenz alles nur noch schlimmer macht. Als ganz gewöhnliche sexuelle Belästigungen, die Mädchen und Frauen alltäglich von absolut durchschnittlichen Männern ertragen müssen, noch kein Thema in der Öffentlichkeit waren, konnten Mädchen und Frauen immerhin hoffen, es würde sich alles ändern, wenn alle es wissen und sich gegenseitig in Verantwortung nehmen. Was können Mädchen heute hoffen, die in einer Welt aufwachsen, in der es alle wissen können – und sich trotzdem nichts ändert?

Ich lese: Aber, was ist, wenn er es nicht war?

Ich denke: Dann werden wir vollkommen umsonst über eine Tat diskutiert haben, die stattgefunden hat.

Ich tippe nichts.

Ich lese großartige Artikel, aus der die Erschöpfung spricht, die ich fühle.

“Das, was Frauen in Beziehungen zermürbt, ist mit dem verwandt, was Frauen in Redaktionen, in Autos, in Hotelgängen, in Chatfenstern und auf Partys bedroht. Immer geht es um dieselbe Lektion: dass weibliche Grenzen dehnbar, weibliche Zeit verfügbar und weibliche Loyalität selbstverständlich seien.”

Barbara Blaha, Liebe in Zeiten des Patriarchats (Quelle (Öffnet in neuem Fenster))

Ich schicke es Freundinnen, die meisten melden sich wütend zurück.

“Das Offensichtliche muss trotzdem immer wieder neu belegt werden – der älteste Trick patriarchaler Macht: Erschöpfung durch Beweise. Also erschöpfen wir uns, wir sind es ja schon gewohnt.”

Samira El Ouassil, Hier, heute, überall (Quelle (Öffnet in neuem Fenster))

Ich schicke es Freunden – die meisten reagieren nicht.

Ich denke: Sie haben keine Zeit, sind verunsichert und wissen nicht, was sie tun oder antworten sollen, sie möchten sich endlich ins Thema einlesen …

Ich stoße auf „Ockhams Rasiermesser“, ein Prinzip, das besagt, dass die einfache Erklärung oft die wahrscheinliche ist, und denke: Es interessiert sie nicht.

Transparenz ist kein Erfolg.

Sie können es sich leisten, sich nicht damit zu beschäftigen, nicht zu reagieren, können sich aussuchen, wie sehr sie etwas betroffen macht – oder eben nicht. Wenn sie keine Töchter haben, deren Belästigung irgendwann ihre eigene Ehre verletzen könnte, kann es sie noch weniger interessieren.

Ich denke: Dann können sie immer wieder sagen, sie hätten nichts gewusst.

Ich schreibe: Trotzdem.

Danke, dass du mitliest! Bis in zwei Wochen.

Viele Grüße

Kristina

*Ich bin genervt davon, diese Binarität immer wieder rauskramen zu müssen, und rede mich mit Julia Ingold heraus, die in ihrem Text Warum ich keine Männer mehr lese schreibt: „Jeder meiner Texte wird für mich zum feministischem Kampfplatz, auf dem ich gegen die Sprache und gegen das Schweigen und die Feindseligkeit des Patriarchats antrete.“

**Sobald Frauen online oder im echten Leben von Belästigung berichten, ist schnell ein Mann zur Stelle um “darauf hinzuweisen”, dass nicht alle Männer so sind. Als wären Frauen so einfältig, dass sie … ach, lassen wir das … an geduldigeren Erklärungen (Öffnet in neuem Fenster) mangelt es nicht.

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Kategorie Gender etc.

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