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Lügenpresse-Vorwurf a la LINKE

Ein Artikel aufgrund einer irreführenden, von methodischen Mängeln strotzenden Studie deutet an, dass deutsche Leitmedien die Wahrheit für den jüdischen Staat systematisch verschleiern - dabei verrät die Studie jedoch mehr über den Autor und die deutsche Gesellschaft als über die unabhängigen Medien

Ich mische mich eigentlich ungern in das Kleinklein rund um deutsche Debatten und Befindlichkeiten rund um Israel ein, weil ich die Polarisierung und die unsachlichen Beschimpfungen darum überhaupt nicht leiden kann. Außerdem mag ich eigentlich ungern „eine Seite einnehmen“, wie das auf den sozialen Medien rund um diesen Konflikt häufig der Fall ist.

Aber man hat mich vor kurzem auf einen Beitrag aufmerksam gemacht, der nicht eine der Konfliktparteien kritisiert (was ich lieber meide), sondern etwas ganz anderes tut: Unabhängige Medien in Deutschland anzugreifen.

Und dieser Beitrag ist im Umfeld der Linkspartei viral gegangen (Öffnet in neuem Fenster). Daher fühle ich mich verpflichtet, mich damit auseinanderzusetzen.

Es geht um einen Artikel eines Bloggers unter dem Titel „Schantall und die Scharia“ (Öffnet in neuem Fenster), der mir vor ein paar Jahren schon einmal aufgefallen ist, als er das real existierende Problem des religiös motivierten muslimischen Rechtsextremismus (Islamismus) verharmloste, im Glauben, sich damit gegen antimuslimischen Rassismus zu wehren. So gibt er beispielsweise Akteuren des deutsch-islamistischen Spektrums rund um die Islamische Zeitung Raum (Öffnet in neuem Fenster), die eine lange Geschichte (Öffnet in neuem Fenster) des Antisemitismus (Öffnet in neuem Fenster) hat.

Der Artikel wurde in der LINKE-nahen sozialistischen Vierteljahreszeitung und Onlinemagazin Jacobin veröffentlicht, deren frühere Chefredakteurin nun die Co-Vorsitzende der Partei Die LINKE ist (Öffnet in neuem Fenster). Eine Zusammenfassung ging anschließend auf Instagram viral, weswegen ich mich nun damit befasse. Die Analyse des Autors spielt auch eine wesentliche Rolle im medienkritischen Buch des Autors mit dem überaus neutralen Buchtitel

„Staat(räson)funk. Deutsche Medien und der Genozid in Gaza“.

Der Titel des Buches sollte bereits die Alarmglocken klingeln lassen, denn er unterstellt durch sein Framing staatsfernen unabhängigen Medien, Teil einer staatlichen Propaganda zu sein. “Staatsfunk” konnotiert ganz klar Steuerung durch die Regierung und wird sonst üblicherweise von AfD-Kreisen als Wort genutzt. (Öffnet in neuem Fenster) Damit begibt sich die Analyse bereits anhand ihres Titels in populistische Gewässer (Öffnet in neuem Fenster) einer allgemeinen Medienschelte, wonach alle Konkurrenzmedien des JACOBIN als staatliche Propaganda abgekanzelt werden. Dies ist besonders auffallend angesichts der Tatsache, dass die ehemalige Chefredakteurin des JACOBIN Co-Vorsitzende der Linkspartei ist, die angesichts der derzeitigen populistischen Ausrichtung der Linkspartei in Bezug auf Israel ein großes parteipolitisches Interesse an einer solchen populistischen Medienschelte haben muss.

Gefährlich ist dies auch angesichts einer Anknüpfungsfähigkeit an antisemitische Diskurse einer jüdischen Medienverschwörung (Öffnet in neuem Fenster), demzufolge die Medien jüdischen (oder “zionistischen”) Interessen dienen würden (Öffnet in neuem Fenster). Auch gefährlich ist es, da die Linkspartei und Jacobin mit ihren Diskursen angibt, gegen Kapitalismus und die Macht der Reichen zu kämpfen und die Armen zu schützen, was ebenfalls durch das antisemitische Stereotyp reicher und mächtiger Jüd:innen anknüpfungsfähig an antisemitische Diskurse ist und gerade dann gefährlich ist, wenn es mit jüdisch konnotierten Dingen wie dem einzigen Staat mit jüdischer Mehrheit einhergeht.

Wir sehen hier also alle Merkmale für Anknüpfungsfähigkeit klassisch antisemitischer Diskurse.

Aber befassen wir uns nun also mit den eigentlichen Aussagen.

Die These des Autors ist kurz zusammengefasst: Unter dem Namen „Wenn nur eine Seite spricht“ (Öffnet in neuem Fenster) wird allen deutschen Leitmedien unterstellt, sie wiederholten einfach das, was der israelische Staat sage und würden arabische oder überhaupt nicht proisraelische Quellen extrem selten als Quelle nutzen und daher Vertrauen schenken. Darin versteckt ist ein Rassismusvorwurf und ein Vorwurf israelischer Staatspropaganda an besagte Medien.

Der Artikel beruht auf einer eigenen statistischen Auswertung des Bloggers, dessen Methodik auf seinem Blog „Schantall und die Scharia“ aufgeführt ist (Öffnet in neuem Fenster). Demnach hat der Autor möglichst viele Überschriften von 4 deutschen, live veröffentlichten Online-Leitmedien (Tagesschau.de (Öffnet in neuem Fenster), Bild.de (Öffnet in neuem Fenster), Zeit.de (Öffnet in neuem Fenster) und Spiegel.de (Öffnet in neuem Fenster)) zu Nachrichtenartikeln zum Thema Nahost zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 19. Januar 2025 (der Beginn der letzten Feuerpause) ausgewählt. Essays, ausführliche Berichte, Reportagen, Meinungsbeiträge, Video- oder Audiobeiträge wurden allesamt aussortiert.

Diese 4853 Artikelüberschriften hat er dann einer einzigen Quelle zugewiesen, ein Nachrichtenartikel bekam also nur eine einzige Quelle, selbst wenn der Artikel viele Quellen beinhaltete. Diese Quellen hat er dann jeweiligen Staaten, Medien, NGOs zugeordnet.

Aus dieser Untersuchung sei demnach herausgekommen, dass die mit 35% bis 40% mit Abstand häufigste Quelle der israelische Staat sei, gefolgt vom US-Staat, internationalen Organisationen, dem deutschen Staat, dann erst palästinensischen Behörden wie dem Hamas-Gesundheitsministerium, der EU, israelischen Medien, israelischen sonstigen Quellen, dem libanesischen und iranischen Staat, neben weiteren.

Die weitere genauere Methodik kann man auf dem Blog des Autors nachlesen, wozu ich alle ermutigen möchte.

 

Man kann bereits an der Methodik eine Reihe von methodischen Problemen feststellen, die das Endergebnis beeinflussen, verzerren und letztlich einen falschen Eindruck erwecken.

1.       Die ausschließliche Nutzung von Schlagzeilen.

Schlagzeilen sind nur begrenzt repräsentativ für den Rest des Artikels, auch bei Nachrichtenartikeln. Diese sind notwendigerweise kurz und es ist daher oft nicht möglich, mehr als eine einzige Aussage in die Schlagzeile zu packen. Das wird den Aussagen der Artikeln aber oft nicht gerecht, die immer auch wichtige Kontextinformationen beinhalten. Und gerade diese Kontextinformationen sind es, die wirklich aussagen, was ein Medium den Lesenden mitgeben will. Die Analyse lässt dies daher unter den Tisch fallen, was die Ergebnisse verzerrt.

2.       Die Zuordnung von Schlagzeilen nur zu einer einzigen Quelle.

Gerade längere Artikel bestehen häufig aus einer Vielzahl von Quellen, die bei Zeitungsmedien auch häufig nicht genannt werden, da Verlinkungen auf Fremdquellen in Onlinemedien oft vermieden werden, um den eigenen Internet-Traffic nicht zu senken. Ebenso beinhalten viele Artikel mehrere Aussagen und mehrere Quellen. Diese weiteren Quellen werden bei dieser Auswahl also ausgeblendet. Das führt dazu, dass nur die erstgenannte Quelle aufgenommen wird, was offiziellen staatlichen Stellen zugutekommt, da diese häufig zuerst genannt werden, als Behauptung. Es ist aber üblich, dass direkt im Anschluss jener Behauptung dann widersprochen wird, mithilfe weiterer Quellen, die dann wesentlich eher als “gute Quellen” gelten.
Besonders problematisch ist das, da Augenzeugenberichte palästinensischer Zivilist:innen wegen deren Unsicherheit selten die erste Quelle eines Nachrichtenartikels sind und daher in der Statistik nicht auftauchen würden (Öffnet in neuem Fenster), obwohl sie in den Artikeln häufig als Quelle genannt sind.

3.       Die Nutzung von Nachrichtenartikeln und nur von Onlinemedien und die Aussortierung aller Essays, ausführliche Berichte, Reportagen, Expert:inneninterviews, Analysen und Meinungsbeiträgen.

Der Autor begründet diese problematische Auswahl damit, dass die Nachrichten ja der Kernteil eines Mediums seien und es darum gehe, zu beurteilen, wie die Medien ihre Lesenden informierten.
Die Informationsfunktion von Medien wird aber längst nicht nur über kurze Nachrichtenartikel vollbracht, sondern auch und eigentlich noch viel mehr über ausführliche Berichte, Reportagen, Analysen, Expert:inneninterviews, Meinungsbeiträge. Da diese ins Detail gehen, beruhen sie selbstverständlich nicht nur auf Primärquellen wie staatlichen Pressemitteilungen, wie das bei Nachrichtenartikeln eher der Fall wäre.
Dazu kommt, dass Medien auch eine weitere Funktion haben, nämlich die Meinungsbildung, und die wird vor allem mit längeren Essays, Analysen, Expert:inneninterviews und vor allem aber Meinungsbeiträgen vollbracht.
Wer diese Beiträge also von vornherein aussortiert, sorgt von vornherein dafür, dass die eher staatsfernen Beiträge aussortiert werden und damit das Ergebnis der Statistik zugunsten der staatlichen Quellen verzerrt wird.

Aber es kommt ja noch schlimmer:
Diese Auswahl ist nämlich bereits völlig widersprüchlich zur These des Autors. Der Autor insinuiert ja in erster Linie, dass die Medien die Lesenden in ihrer Meinung beeinflussen. Es erscheint dann doch völlig absurd, ausgerechnet die Meinungsbeiträge aus der Statistik herauszurechnen, obwohl es doch gerade diese sind, die wiedergeben, welche Meinungsbildung durch besagte Medien betrieben wird.

4. Die ausschließliche Nutzung von Live-Onlinemedien

Rund um die Uhr aktualisierte Onlinemedien veröffentlichen umso mehr Quantität und weniger Qualität.
Wenn es darum geht, sprichwörtlich im Minutentakt Nachrichten zu veröffentlichen, neigen Onlinemedien selbstverständlich dazu, Fremdmaterial zu veröffentlichen, das nicht oder nur wenig zuvor von Redakteur:innen bearbeitet werden muss. Deswegen sind hier aus offensichtlichen Gründen all jene Organisationen deutlich überrepräsentiert, die eigene Pressemitteilungen ausgeben. Und wer gibt vor allem Pressemitteilungen heraus? Genau, staatliche Behörden der jeweiligen Konfliktparteien, zu einem gewissen Maße auch internationale Organisationen und NGOs, aber deren Presseabteilungen und deren Aufgaben sind einfach kleiner.
Dazu kommt, dass staatliche Quellen manchmal die einzige Art und Weise ist, um an bestimmte Informationen zu gelangen.
Dies erklärt also, warum staatsnahe Quellen überrepräsentiert sind. Ergo ist dies auch beim israelischen Staat so und auch beim deutschen und amerikanischen Staat.
Gemessen daran, dass der deutsche Staat äußerst wenig Relevanz für das Konfliktgeschehen hat, mag der hohe deutsche Anteil verwundern, aber die deutsche Öffentlichkeit will verständlicherweise wissen, was die deutsche Außenpolitik zu diesem Thema ist, da es ja ihre gewählte Regierung ist, die diese formuliert und die Auswirkungen dieser Politik auch für Deutschland Auswirkungen hat.

So viel zur Methodik, die dafür sorgt, dass staatsnahe Quellen deutlich überrepräsentiert werden.


Warum sind nun dann aber staatsnahe palästinensische Quellen unterrepräsentiert?

Dafür gibt es mehrere Gründe:

Grund 1:
Die meisten staatsnahen Quellen aus Gaza sind reine Propaganda. Es ist einfach kein Nachrichtenwert, wenn der Sprecher der Qassam-Brigaden, Abu Obeida, noch einmal betont, dass die zionistischen Usurpatoren scheitern würden und der islamische Widerstand gewinnen würde. Der Informationsgehalt ist hier gleich null, die Militärzensur der Terrorgruppen in Gaza ist so massiv, dass sogar die eigenen Totenzahlen verschleiert werden. Ergo kann man dies auch nicht als Quelle nutzen. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass offizielle palästinensische Quellen nur dann genutzt werden, wenn diese einen konkreten Nachrichtengehalt abgeben, zum Beispiel, wenn Abu Obeida sagt, was mit den Geiseln passieren könne, oder wenn die Hamas zugibt, dass ein Anführer getötet wurde oder wenn das Hamas-Gesundheitsministerium in Gaza neue Opferzahlen veröffentlicht.

Hierbei übrigens stellt sich die Frage, was bei dem häufigen Fall passiert, wenn Israels Armee einen Angriff bestätigt und das Gesundheitsministerium dann Opferzahlen verkündet. Der Autor sagt, dass die erstgenannte Quelle genutzt würde. Die erstgenannte Quelle könnte aber vielleicht häufig Israels Armee sein, die Opferzahlen des Angriffs tauchen ja erst später auf. Ergo könnte hier eine Gefahr von Verzerrung liegen.

Grund 2:
Die unter einer verbotenen Terrororganisation agierenden palästinensischen Behörden in Gaza agieren im Untergrund und geben daher gezwungenermaßen nur eine begrenzte Zahl von Pressemitteilungen heraus. Die der Terrororganisation zugehörigen Stellen wurden zuvor manchmal von Israel angegriffen, dazu kommt, dass das Internet manchmal ausfällt.

Das heißt, zusätzlich zur massiven Militärzensur der Terrorgruppen und des daraus folgenden geringen Nachrichtenwerts von Propaganda gibt es das Problem, dass das Hamasregime ansonsten auch weniger Pressemitteilungen verbreiten kann.

Warum sind dann auch staatsferne palästinensische Quellen unterrepräsentiert?

Dafür gibt es wieder einmal mehrere Gründe.

Grund 1:
Gaza ist eine Diktatur unter der Herrschaft der Hamas (Öffnet in neuem Fenster). Zivilgesellschaftliche Gruppen dürfen in Gaza nur arbeiten, wenn sie entweder mit dem Hamasregime sympathisieren oder den Zielen der Hamas dienlich sind. Es gibt daher kaum Pressemitteilungen von zivilgesellschaftlichen Gruppen, politischen Parteien oder anderen Stakeholdern aus Gaza, die einen konkreten Nachrichtenwert bieten. Ergo können palästinensische Quellen dieser Art auch nur höchst selten Quelle einer Nachrichtenüberschrift sein.

Allgemein gilt: Wenn Debatten verboten sind, gibt es auch umso weniger Nachrichten zu diesem Thema, weil es nur eine einzige veröffentlichte Meinung gibt. Wenn wir also etwas halbwegs Zuverlässiges über das Innenleben der Hamasdiktatur in Gaza erfahren wollen, müssen wir häufig auf auswärtige Quellen zurückgreifen (Öffnet in neuem Fenster). Und das ist wieder der Grund, warum man deswegen so häufig auf israelische Quellen (Öffnet in neuem Fenster) zurückgreifen muss, zum Beispiel israelische Medien, israelische, amerikanische oder westliche Geheimdienstberichte oder israelische zivilgesellschaftliche Gruppen, die mit Palästinenser:innen zusammenarbeiten.

Grund 2:
Ausländische Journalist:innen können Gaza nicht unabhängig betreten (Öffnet in neuem Fenster) und damit nicht selbst vor Ort berichten, das oberste israelische Gericht hat Klagen gegen dieses Verbot bisher aufgrund von Sorgen um die Sicherheit der Soldat:innen gegenüber Angriffen der Hamas abgewiesen. Das heißt aber deswegen nicht, dass westliche Medien gar keinen unabhängigen Zugang zu Gaza hätten, nur muss sich dieser auf digitale Zugänge übers Internet, über Telefonanrufe und freiberufliche palästinensische Journalist:innen vor Ort beschränken. Dies sind also palästinensische Quellen, nur tauchen diese Art von Quellen in der Regel in Reportagen, Analysen, Video- oder Bildmaterial auf. Und all das war vom Autor aussortiert worden, was die Statistik verzerrt.
Das ist besonders problematisch, da in der heutigen Zeit sozialer Medien Bilder, Videos und Tonaufnahmen sehr viel häufiger und intensiver verbreitet werden und die Meinungsbildung von Menschen beeinflusst als die Aussage der Armee, sie habe eine tote Geisel aus Gaza geborgen.
Gerade auf Instagram sind Bilder und Videos dieser Art absolut überall und emotionalisieren Menschen, selbst wenn die Umstände und der Kontext dieser Bilder und Videos oft fehlt und daher irreführend sein kann. (Öffnet in neuem Fenster) Motaz Azaiza (Öffnet in neuem Fenster) oder Bisan Owda (Öffnet in neuem Fenster) haben zusammen über 20 Millionen Follower:innen und stellen selbst mächtige Medien dar. Owda hat sogar einen Emmy erhalten (Öffnet in neuem Fenster), trotz ihrer gut belegten Kontakte zur Terrororganisation PFLP (Öffnet in neuem Fenster).

Grund 3:
Die Auswahl des Autors, nur Überschriften und Primärquellen auszuwählen, sorgt dafür, dass Agenturmeldungen selbst nicht als Quelle in der Auswahl auftauchen. Die meisten wichtigen Nachrichtenagenturen haben aber zahlreiche palästinensische Journalist:innen engagiert, die vor Ort berichten, Bilder aufnehmen, Kontakte vermitteln. Es handelt sich also um palästinensische Quellen, die nur nicht als solche gekennzeichnet werden. Durch die Aussortierung von Agenturen als eigene palästinensische Quellen wird also erneut der Beitrag palästinensischer Quellen verzerrt.

Warum sind aber israelische Quellen allgemein überrepräsentiert, unabhängig vom Staat?
Dafür gibt es ebenso mehrere Gründe:

Grund 1:
Israel ist eine Demokratie (Öffnet in neuem Fenster). Das bedeutet Pluralismus, Debatte, Vielstimmigkeit, die für Journalist:innen auch relativ gut zugänglich ist. Es ist daher kein Wunder, dass das zu mehr Artikeln und zu mehr Quellen auch in den deutschen Medien führt. Wenn ich die Debatte rund um einen Abschluss eines Geiselabkommens abbilden möchte, kann ich in Israel dazu zahlreiche englischsprachige bzw. relativ leicht zugängliche Quellen finden und relativ leicht als Nachrichtenartikel aufbereiten.

Grund 2:
Konkret bei unserem Thema geht es um Krieg und insbesondere den Krieg in Gaza. Ergo sind militärische Quellen selbstverständlich überrepräsentiert.
Ich hatte bereits erwähnt, dass die militärischen Presseabteilungen der Terrororganisationen in Gaza kaum einen Informationswert haben, weil sie vor allem aus Siegpropaganda ohne ernsthaften Informationsgehalt bestehen und in einem diktatorischen Nachrichtenumfeld agieren. Deswegen tauchen diese Quellen verständlicherweise eher selten als Quelle für das Kriegsgeschehen auf, weil sie einfach extrem unzuverlässig sind. Das gilt umso mehr für Nachrichtenartikel.
Ergo ist es nicht verwunderlich, dass die israelische Armee als Quelle deutlich überrepräsentiert ist.

Grund 3:
Der Krieg in Gaza ist eine Bodenoffensive Israels als Reaktion auf die von der Hamas begangenen antisemitischen Massaker des 7. Oktobers (Öffnet in neuem Fenster) und der Geiselnahme von über 250 Israelis, von denen noch immer fast 20 lebende und etwa 30 tote Geiseln in Gaza festgehalten werden. Israels Regierung hat neben der Rückkehr dieser Geiseln als ein wichtiges Ziel die Zerschlagung der Hamas in Gaza festgelegt, von der das Massaker des 7. Oktobers ausgeht und die angedroht hat, solche Massaker zu wiederholen. Diese Ziele kann Israel jedoch nur in Gaza durchführen. Zudem ist Israel militärisch stärker als die Hamas und kontrolliert die Grenzen Gazas. Das führt in der Summe dazu, dass die israelische Armee bestimmen kann, wie der Krieg geführt wird und wie viele Hilfsgüter nach Gaza gelangen. Ergo ist es auch viel wichtiger zu erfahren, was die israelische Regierung und die israelische Armee ankündigen, als zu erfahren, was die Hamas sagt. Die israelischen Entscheidungen und Ankündigungen haben nämlich konkret sehr viel mehr Einfluss auf das militärische und humanitäre Geschehen in Gaza als die Ankündigungen der Hamas.

Grund 4 (und mit Abstand der wichtigste):
Israel wurde ab dem 7. Oktober von zahlreichen ausländischen Terrororganisationen, bewaffneten Gruppen oder Staaten angegriffen und führt deswegen gegen diese ausländischen Gruppen einen Krieg auf zahlreichen Fronten und in zahlreichen Ländern.
Dazu gehören Gebiete wie Gaza und dem Westjordanland, Staaten wie dem Libanon, Syrien, dem Jemen oder dem Iran. Allein deswegen ist es absolut logisch, dass Israels Armee und Israels Regierung sehr viel häufiger eine Quelle für militärische Ereignisse ist als ein einzelner arabischer Staat.
Zumal die arabischen Staaten nicht die kriegführenden Parteien sind, sondern iranisch finanzierte Terrororganisationen, weswegen besagte Staaten auch gar nicht die Informationen haben, die uns interessiert.

Warum der Autor einen falschen Eindruck erweckt
Der Autor begeht nun trotz dieser methodischen Probleme den Fehler, zu denken, dass statistisch mehr israelische Quellen bei Nachrichten auch bedeute, dass die israelische Sichtweise übernommen und unterstützt würde und umgekehrt die palästinensische oder arabische Sichtweise abgewertet und diskreditiert würde. Es ist aber manchmal genau umgekehrt.

Die Verlautbarungen israelischer Behörden und Politiker:innen werden ja gerade dann erwähnt, wenn es darum geht, diese zu kritisieren. So neigen Medien dazu, Aussagen rechter israelischer Politiker enorm häufig zu erwähnen, wenn diese sich extremistisch äußern (Öffnet in neuem Fenster). Es wäre völlig absurd, zu argumentieren, dass häufige Erwähnungen von rechtsextremen Politikern wie Smotrich oder Ben Gvir bedeute, die israelische Sichtweise zu stützen, wenn es hier genau das Gegenteil ist.

Umgekehrt ist es sogar so, dass die relativ seltene Erwähnung von Aussagen der Hamas, des Irans oder von antisemitischen Terrororganisationen oft sogar dazu führen kann, dass deren Antisemitismus im Westen kaum Erwähnung findet. Das ist umso stärker problematisch, wenn Smotrich und Ben Gvir häufig zitiert werden und somit der Eindruck erweckt wird, die israelische Seite sei extremistisch, während der Extremismus der Hamas in Vergessenheit geraten kann.

Ebenso kann eine geringe Erwähnung der Hamasquellen dazu führen, dass beispielsweise unter den Tisch fällt, dass Hamas-Ministerien häufig dazu aufrufen, israelische Evakuierungsaufforderungen einfach zu ignorieren (Öffnet in neuem Fenster). Dies führt dazu, dass die Zivilbevölkerung von Gaza bewusst von der Hamas gefährdet wird und deren Totenzahlen steigen. Dies medial auszulassen, bedeutet, die erhöhten Totenzahlen durch die von der Hamas abgelehnte Evakuierung der Zivilbevölkerung aus der Kampfzone der israelischen Armee anzulasten anstelle der Hamas.

Dies alles belegt, dass der Autor einfach Unrecht hat, zu sagen, dass ein höherer Anteil israelischer Quellen bedeute, sich die israelische Sichtweise zu eigen zu machen, wenn es doch manchmal sogar genau das Gegenteil ist.

 



Aber warum wird dann die israelische Armee nicht genauso abschätzig beurteilt wie die Siegpropaganda der Qassam-Brigaden, der Quds-Brigaden oder der Abu-Ali-Mustafa-Brigaden? Immerhin handelt es sich ja eindeutig um eine Konfliktpartei.

Nun, das hat mit dem eben erwähnten Punkt zu tun, dass Israel eine Demokratie anstelle einer international geächteten Terrororganisation ist.

Die israelische Armee ist in der Tat eine Konfliktpartei, aber sie betreibt keine reine Siegpropaganda. Das hat damit zu tun, dass Israel eine Demokratie mit einer lebhaften Medienlandschaft ist, es hat aber auch damit zu tun, dass die israelische Armee eine Wehrpflichtigenarmee ist, die sich als politisch überparteilich versteht. Es gibt zwar israelische Militärzensur, aber erstens ist diese unabhängig und zweitens gilt die Zensur nur für die Dauer bestimmter Operationen und nur in Bezug auf militärisch relevante Dinge. (Öffnet in neuem Fenster) So ist es zum Beispiel vielleicht nicht erlaubt, konkrete Truppenbewegungen bestimmter Brigaden weiterzugeben, während sie stattfinden, weil dies den Feinden Israels nützen kann. Sobald diese bestimmten Operationen aber vorbei sind, dürfen Medien dies trotzdem berichten. Kritik an der israelischen Armee ist in Israel völlig erlaubt und normal und führt fast nie zu Problemen. (Öffnet in neuem Fenster)

All das bedeutet, dass die israelische Armee in einem medialen Umfeld operiert, das sie dazu zwingt, zumindest überdurchschnittlich oft korrekte oder zumindest für Nachrichten relevante Aussagen zu machen. Israelische Medien erwarten von der Armee, dass man ihren Aussagen vertrauen kann, israelische Staatsbürger:innen, die in der Armee dienen, für diese Steuern zahlen oder die einfach nur von der Armee geschützt werden wollen, müssen sich ebenfalls auf eine Richtigkeit der Angaben verlassen können.

Gerade wenn es darum geht, zu bestätigen, ob die israelische Armee etwas Bestimmtes militärisch tut oder getan hat, muss die israelische Armee logischerweise auch die wichtigste Quelle sein.

Aber auch das ist selbstverständlich keine Wertung der deutschen Medien oder eine Übernahme der israelischen Sichtweise, wenn einfach berichtet wird, dass die IDF bestätigt hat, dass sie einen Angriff geführt hat. Damit wird besagter Angriff ja nicht rechtfertigt, sondern nur dessen Existenz bestätigt.

Auch das zeigt also wieder einmal, dass der Autor irrt, wenn er so tut, als sei eine häufige Nutzung israelischer Quellen gleichbedeutend mit einer Unterstützung einer israelischen Sichtweise.

Zusammenfassend:

Der Autor deutet in populistischer, verschwörungstheoretischer Manier mit Anknüpfungsfähigkeit an antisemitische Diskurse an, dass die deutschen Leitmedien lügen und dem jüdischen Staat dienen würden. Sein eigenes LINKE-nahes Medium hat dabei einen massiven Interessenkonflikt.

Diese kruden Thesen “belegt” er mit einer selbst erstellten Statistik, die zahlreiche methodische Probleme aufweist und durch seine bewusste verzerrende Auswahl genau das Ergebnis zutagefördert, das der Autor sehen möchte, nämlich eine deutliche Überrepräsentation von israelischen Quellen. Der Kontext wird ausgeblendet, eine Erklärung wird nicht versucht, sondern nur populistisch ausgeschlachtet.

Daraus schließt der Autor den falschen Schluss, dass daraus eine positive Sicht auf Israels Behörden folge und unabhängige demokratische Medien proisraelische Meinungsmache betrieben.

Und natürlich nur der Blogger, sein Buch und das Magazin JACOBIN die einzige Wahrheit bieten würden. (Öffnet in neuem Fenster) Alle anderen lügen. (Öffnet in neuem Fenster)

Populistische Medienschelten wie die eines Udo Ulfkottes (Öffnet in neuem Fenster) oder die des Autors untergraben unsere Demokratie und befördern Extremismus durch die Förderung “alternativer Wahrheiten”, das zeigen zahlreiche Studien (Öffnet in neuem Fenster). Und vor allem aber befördern sie antisemitische Verschwörungstheorien, die bewusst durch solche Positionen angeheizt werden können (Öffnet in neuem Fenster).

 

Kategorie USA&Europa

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