Der Winter hält die Ostsee in diesem Jahr in einem festen und eisigen Griff. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind große Teile der Küste in Mecklenburg-Vorpommern für mehrere Wochen zugefroren. Und während die kalte weiße Wüste ungewöhnlich viele Tourist*innen an die Strände lockt, gibt es immer mehr Meldungen von ungewöhnlichem Verhalten aus der Vogelwelt. In mehreren Häfen tummeln sich hunderte Kormorane auf einer dicker werdenden Eisschicht, die sie von ihrer Nahrung trennt. Kormorane tauchen normaler Weise nach ihrer Nahrung in flachem Wasser, das nun in der gesamten Region des Greifswalder Boddens zugefroren und nicht mehr zugänglich ist. Zwischen den Tieren und den Booten im Hafen liegen all jene Vögel, die keine Reserven mehr hatten. Sie werden nun entweder von Raubvögeln gefressen oder vom weiterhin rieselnden Schnee bedeckt.

Um mir selbst ein Bild zu machen, besuche ich den Greifswalder Ortsteil Eldena. Hier mündet der Fluss Ryck in den Greifswalder Bodden. Am Sperrwerk sind die letzten etwa einhundert Meter eisfrei und ich sehe jede Menge Wasservögel. Auch eine Gruppe von etwa 25 Kormoranen sitzt hier locker verteilt am Rand des Eises. Auf den ersten Blick wirken die Tiere fit aber nach kurzer Beobachtung fällt mir ein Kormoran auf, der scheinbar innere Verletzungen hat und Blut verliert. Auch auf dem Eis zwischen den anderen Vögeln sind überall große rote Lachen. Hier ist etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Später erfahre ich, dass dies Anzeichen von Verhungern sein können, da Seevögel sehr aggressive Magensäure besitzen. Bei fehlender Nahrung kommt es zu Verletzungen im Magen-Darm-Trakt.

Beim Weitergehen entdecke ich sogar mehrere tote Kormorane im Wasser. Um mich herum sind überall Menschen, die hier spazieren gehen und Fotos vom Eis machen. Eine Frau deutet auf die Kormorane und sagt "Richtig niedlich, wie sie da hocken, oder?" Erst als ich sie auf das verletzte Tier und die großen Blutflecken aufmerksam mache, sieht sie genauer hin, bekundet kurz Mitleid und spaziert dann weiter. Und ich frage mich frustriert, warum ich nicht Diejenige sein kann, die über das Leid einfach hinwegschauen und ihren Alltag unbeirrt fortführen kann.
Zur selben Zeit werden außerdem jede Menge toter Vögel an den Stränden der Insel Rügen und auf dem Eis gefunden. Ob es sich hierbei um Opfer der Vogelgrippe handelt oder die Vögel tatsächlich verhungert sind, ist schwer zu sagen. Nachdem einige tote Schwäne auf dem Eis von Touristen entdeckt wurden, ruft die Tierrettung der Region dazu auf, nun Futterstellen für geschwächte Schwäne anzulegen und beginnt, Spenden anzunehmen. Einen Tag später raten offizielle Stellen davon ab. Denn zum Einen kommen an solchen zentralen Futterstellen gesunde Tiere mit kranken eng zusammen und könnten sich somit leichter infizieren. Zum Anderen fliegen Schwäne bei gefrorenem Wasser ins Inland auf die Felder und haben die Möglichkeit, sich dort von Gräsern oder Kräutern zu ernähren.
Hier zeigt sich ganz deutlich, dass durchaus unterschieden wird, wem geholfen wird und wem nicht. Schwäne sind schön, elegant, sind niemandem im Weg. Sie sind gern gesehen in einem Bundesland, das vom Tourismus lebt. Ihnen wird geholfen, obwohl die Not nicht ansatzweise so groß ist, wie bei den Fisch fressenden Vogelarten. Denn Kormorane sind in dieser Region ein Dorn im Auge der fest verankerten Küstenfischerei. Ihr fällt es schwer, die industrielle Überfischung der Ostsee, den Eintrag von Schadstoffen, den menschlichen Müll in den Gewässern und die Klimakrise mit daraus resultierenden verschobenen Laichzeiten als die Ursache für den Rückgang vieler Fischarten anzuerkennen. Die Schuld wird dagegen leider noch viel zu häufig bei Fisch fressenden Tieren wie der Kegelrobbe oder dem Kormoran gesucht. Die am lautesten geforderte Maßnahme: Abschuss. Noch ist der Kormoran EU-weit geschützt, nachdem er eine Zeit lang stark bejagt wurde und sich nun erholt. Die Gesamtpopulation ist auch objektiv betrachtet nicht zu groß und schwankt je nach Nahrungsverfügbarkeit. Doch nun, da sich die Tiere um die letzten verbliebenen offenen Wasserstellen sammeln, wird das öffentliche Bild gezeichnet, es wären zu viele. Als gäbe es so viele Kormorane, dass sie nicht mehr wüssten, wo sie hin sollten und deshalb in die Städte und Häfen kommen.
Weil vermutlich zu wenig Menschen schon mal eine Kolonie besucht haben und so viele Tiere an einem Ort beobachten konnten, ist die Wahrnehmung von Mengen in der Tierwelt verschoben. Wir sind es nicht mehr gewohnt, ganze Schwärme am Himmel, in den Bäumen oder auf dem Wasser zu sehen. Ich lese in den letzten Tagen immer häufiger Kommentare in den Sozialen Medien, die sich im Wortlaut ähneln: "Der Kormoran frisst uns den gesamten Fischbestand weg. Der Kormoran frisst 500g Fisch am Tag. Der Kormoran frisst mehr, als er benötigt." Ich wundere mich also nicht, dass mich auch Berichte erreichen von Personen, die bei scheinbar geschwächten Kormoranen die Tierrettung anriefen und keine Hilfe für diese Tiere erhielten. All diese Nachrichten und meine eigenen Beobachtungen lösen jede Menge unterschiedlicher Gefühle in mir aus. Ich bin wütend über den Speziezismus, den wir hier erleben. Dass Leben unterschiedlich bewertet wird, ist ein Konzept, dass ich immer weniger akzeptieren kann. Ich bin außerdem frustriert von der Berichterstattung vieler Medien, die oft nur die laute Stimme der Fischerei wiedergeben. Doch nicht immer sind die lautesten die, die Recht haben. Ich fühle mich verzweifelt, weil es so schwer ist, herauszufinden, ob ich als Privatperson irgendetwas tun kann. Ob es überhaupt notwendig ist, etwas zu tun. Ob es ganz furchtbar wäre, nichts zu tun. Meine Gedanken drehen sich im Kreis und je mehr ich lese, je mehr Meinungen ich dazu höre, desto gelähmter fühle ich mich. Und ich merke, dass ich genau an dem Punkt bin, der mich zum Schreiben gebracht hat.

Das Richtige zu tun und alle retten zu wollen, ist eine Aufgabe, die viel zu groß ist, um sie allein zu bewältigen. Selbst laut zu sein ist etwas, dass nicht allen liegt. Und immer nur negative Nachrichten zu hören und uns an der Tragik aufzureiben ist alles andere als gesund. Also trete ich Anfang Februar einen Schritt zurück von meinem Gedankenkarussel, das pures Gift für meine mentale Gesundheit ist. Ich fahre ein paar Tage auf die Insel Rügen in der Hoffnung, ein wenig Frieden zu finden und neue Energie tanken zu können. Doch als ich in meiner Unterkunft ankomme, ist alles anders als erhofft. Obwohl ich wusste, was mich erwartet, trifft es mich doch.
Im dritten Jahr übernachte ich nun für ein verlängertes Wochenende in einem Pfahlhaus eines Hotels im Südosten von Rügen. Dieses Haus steht mitten im Wasser und bei meinen vorherigen Besuchen konnte ich vom Bett aus durch die bodentiefen Fenster sowohl jede Menge Seevögel, als auch Kegelrobben beobachten. Egal, wie grau das Wetter war oder wie kalt der Wind pfiff: ich konnte das machen, was mich immer wieder mit Ruhe und einem großen Glücksgefühl erfüllte: die Natur beobachten. Doch nun ist auch hier alles zugefroren und weit und breit ist nur ein einziger Vogel auf dem Eis zu sehen: ein einzelner Singschwan liegt weit ab von seinen Artgenossen und sieht nicht so aus, als würde er demnächst wieder aufstehen.
Während also jede Menge Tourist*innen an die Ostsee reisen und von der Schönheit des zugefrorenen Meeres schwärmen, sehe ich nur eine karge weiße Wüste und sehr viel Tod. Meine Ankunft hatte ich mir anders vorgestellt. Am nächsten Tag kann ich auf einer aktuellen Karte vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie sehen, wo es noch offenes Wasser gibt. Ich mache mich also auf den Weg nach Glowe. Der Ort liegt weiter im Norden und ist weniger geschützt vor Wind und Wellen. Tatsächlich treffen hier große Wogen auf den Strand und auf ihnen tanzen sie: hunderte Entenvögel, die hier bei uns den Winter verbringen. Ich sehe Bergenten, Reiherenten, Mittelsäger und Eisenten. Ich sehe tauchende Kormorane und so viel mehr während mir der Eisregen ins Gesicht peitscht. Ich habe lange nicht mehr so viel Lebendigkeit gespürt! Das hier ist es, was ich gebraucht habe, um weiter zu machen. Ich musste sehen, dass es auch noch etwas anderes gibt als Tod. So viel Leben auf den Wellen zu sehen, rückt alles wieder in das Gleichgewicht, das ich zwischenzeitlich verloren hatte.

Ich erkenne, dass beides gleichzeitig nebeneinander existieren kann. Die Wut neben dem Glück. Die Verzweiflung neben der Hoffnung. Ich möchte weder das eine, noch das andere ignorieren. Der Frust über das öffentliche Bild der Kormorane motiviert mich, genau mit dem weiter zu machen, was ich bereits in all meine Arbeit einfließen lasse. Ich will die Seite derer zeigen, die nicht sofort die Attribute süß und nützlich zugeschrieben bekommen. Die erst auf den zweiten Blick in diese Kategorien sortiert werden. Oder den dritten. Aber ich kann das nicht tun, in dem ich mich Kopf über in Katastrophen verliere. Ich muss genügend gute Momente sammeln, um weiterhin mit meiner Arbeit zeigen zu können, wieviel Schönheit unsere Küste zu bieten hat. Dass jeder Bestandteil ihrer Natur schützenswert ist und wie wir uns gemeinsam dafür einsetzen können, damit unsere Ostsee heilt. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen und es gibt nicht die eine perfekte Herangehensweise. Ich habe in mir die Bestätigung gefunden, dass mein Weg über Fotografie, Kunst und das Schreiben der ist, der zu mir passt und den ich dauerhaft gehen kann ohne auszubrennen. Nun werde ich mich in diesem Jahr wieder auf die Suche nach Menschen begeben, die andere Wege gewählt haben. Mögen sie wissenschaftlich, ehrenamtlich oder aktivistisch sein: ich freue mich über weitere Einblicke in den Natur- und Umweltschutz an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns.
