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Journalismus als Stadt-Event

Hallo,

das ist der Media-Rewilding-Newsletter mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird.

Heute führt uns die gemeinsame Spurensuche nach Innsbruck. Lies diesen Newsletter und denke mit mir darüber nach, wie sich Journalismus als mehrtägiges Festival in der Innenstadt umsetzen lässt und warum dabei Partnerschaften eine sehr große Rolle spielen.

Der Anlass: Am vergangenen Wochenende war ich beim Journalismusfest Innsbruck. Das ist von München aus gar nicht besonders weit entfernt, aber ich habe es trotzdem erst im fünften Jahr dorthin geschafft.

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Worum es geht

  • Das Journalismusfest Innsbruck – Internationale Tage der Information (so der ganze Titel) gibt es seit 2022. Es versteht sich als internationale Veranstaltung, die Journalist:innen, aber auch Wissenschaftler:innen und andere Expert:innen aus der ganzen Welt nach Innsbruck bringt. Es ist aber keine Fachkonferenz, sondern ein offenes Programm, in dem Journalismus und gesellschaftliche Fragen an mehr als 20 Standorten in der Stadt erlebbar werden.

  • Vorbild ist das Festival Internazionale a Ferrara (Öffnet in neuem Fenster), mit dem das italienische Wochenmagazin Internazionale bereits seit 2007 auf diese Weise die Stadt Ferrara bespielt. Auch in Deutschland gibt es übrigens mit dem vom gemeinnützigen Bonn Institute organisierten b° future festival (Öffnet in neuem Fenster) seit drei Jahren ein solches Stadt-Event in Sachen Journalismus (dazu wird es dieses Jahr auch noch einen Deep Dive geben).

  • Hinter dem Journalismusfest steht ein gemeinnütziger Verein, der neben der Organisation auch für die Finanzierung, vor allem durch öffentliche Fördergeber, Institutionen wie der Universität Innsbruck, Verbände, Stiftungen und eine Reihe von Partnerschaften sorgt.

  • Die Palette der Formate ist breit. Neben klassischen Gesprächsrunden gibt es niederschwellige Dialogformate mit Medienmacher:innen, Live-Podcasts, Workshops und Ausstellungen. Die meisten Veranstaltungen sind kostenfrei. Vor allem für Kinovorführungen, Konzerte und Bühnenshows wird Eintritt an den jeweiligen Veranstaltungsorten fällig. (hier findest du das gesamte Programm (Öffnet in neuem Fenster))

Was ich gelernt habe

  1. Journalismus hat genug zu bieten, um mehrere Tage zahlreiche Orte einer Stadt mit interessanten Inhalten zu bespielen und so in der Gesellschaft sichtbarer und erfahrbarer zu werden. Das gilt auch deswegen, weil das Journalismusfest zusätzlich auf Bühnenformate und Screenings in Kinos setzt, die Menschen einen in anderen kulturellen Bereichen gelernten Zugang zu Journalismus anbieten.

  2. Auf der anderen Seite ist die Sichtbarkeit relativ. Eine Stadt wie Innsbruck mit rund 130.000 Einwohnern saugt selbst über 80 Programmpunkte an 20 verschiedenen Orten in der Innenstadt erstaunlich schnell auf. Wer sich mit Programm gezielt durch die Stadt bewegt, nimmt das Journalismusfest deutlich wahr. Die zufälligen Touchpoints für Menschen, die in anderen Angelegenheiten unterwegs sind (Gastro, die gleichzeitig laufende Nacht des Shoppings etc.), versenden sich ein wenig in der diffusen Fläche des Veranstaltungsradius. Solange ein Festival noch nicht komplett etabliert ist, braucht es ein intensiv bespieltes physisches Zentrum, um stärker wahrgenommen zu werden.

  3. Kooperationen sind alles. Das Journalismusfest arbeitet eng mit der Universität Innsbruck zusammen, die nicht nur mit in der Innenstadt befindlichen Räumlichkeiten unterstützt, sondern auch mit Geld. Darüber hinaus helfen studentische Volunteers bei der Umsetzung und es gibt Lehrveranstaltungen, die zum Festivalthema beitragen. Auch die enge Kooperation mit dem Innsbrucker Kulturzentrum Treibhaus ermöglicht vieles. Und das Tourismusmarketing der Stadt (oder der Region) ist mit an Bord, für Kommunen sind solche Festivals schließlich eine große Chance. Das alles entlastet Organsator:innen eines solchen Riesenprojektes ein wenig und schafft Möglichkeiten, von denen alle Seiten profitieren.

  4. Fördermittel aus der öffentlichen Hand sind wichtig für so eine Veranstaltung. Vermutlich geht es erst einmal gar nicht ohne sie. Sie schaffen aber bei allen Chancen auch finanzielle Abhängigkeiten, ebenso wie die Kooperationen. Diese Verbindungen transparent zu machen, ist dabei selbstverständlich für eine journalistische Veranstaltung wie das Journalismusfest. Aber was passiert, wenn sich der politische Wind dreht? Etwa wenn Parteien wie die FPÖ in Österreich oder die AfD in Deutschland über Kulturförderung entscheiden können. Oder wenn die öffentlichen Kassen einfach leer sind?

  5. Eine Veranstaltung in dieser Größenordnung, gestemmt von einem Verein: Da steckt sehr viel Herzblut drin. Schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die so etwas nachhaltig auf die Straße bringen.

  6. Und dann habe ich noch einen Gedanken mitgenommen: Ellen Heinrichs vom Bonn Institute sagte auf der Bühne, dass Journalismus-Festivals auch Innovations-Labore seien. Dort könnten Journalist:innen neue Formate kennenlernen oder eigene Ideen im öffentlichen Dialograum testen. Tatsächlich liegt hierin eine große Chance für den Journalismus.

Ein paar Einblicke

Wie immer bei meinen Spurensuchen vor Ort habe ich ein paar Fotos mitgebracht, damit du dir einen ersten Eindruck davon machen kannst. Sie zeigen natürlich nur ein paar Ausschnitte.

Konditorei Munding mit Banner des Journalismusfest Innsbruck
Viel Kulisse: Die Innsbrucker Altstadt bietet historische Häuser, atemberaubende Bergblicke durch die Gassen und Orte mit langer Geschichte. Wie hier die 1803 gegründete Konditorei Munding, in der auch Veranstaltungen des Journalismusfests stattfanden.
Beim Zeitungsfrühstück im Café Munding gab taz-Chefredakteurin Barbara Junge im Gespräch mit Journalismusfest-Gründer Benedikt Sauer Einblicke in die Veränderungen ihrer Zeitung hin zu einem digitalen Medium.
Offene Türen in der Universität: Im beeindruckenden Leopoldsaal der Theologischen Fakultät sprach Autorin Ingrid Brodnig über das „Feindbild Frau“. So heißt auch ihr neues Buch. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt.
Bühne der Investigative Lecture Performance von Dossier
Jeweils an den Abenden gab es journalistische Live-Formate an verschiedenen Spielstätten. So wie die investigative „Lecture Performance“ des unabhängigen Magazins Dossier aus Wien, das schon seit einigen Jahren mit Veranstaltungen arbeitet.
Bühne des Reporter Slams
Zum vierten Mal in Innsbruck dabei: der Reporter Slam. Hier in einer Eurovision-Ausgabe mit Journalist:innen aus fünf Ländern. Auch das Schweizer Magazin Reportagen zeigte eine Bühnenshow als Gastspiel der Bühnen Bern.
Öffentlich präsentester Ort des Festivals: Der Bozner Platz liegt etwas abseits der großen Fußgängerzone und der historischen Altstadt. In den überdachten Ständen gab es vor allem Infomaterial, Printprodukte und Gesprächsformate mit Medienmacher:innen. Ebenso Standortmarketing für die Region.
Lesetipp

Während ich in Innsbruck mit 11.000 Schritten pro Tag von einer Session zur anderen gelaufen bin, hätte ich es in München leichter gehabt. Dort veranstaltete die Süddeutsche Zeitung lediglich 20 Minuten von meinem Büro entfernt zeitgleich das Mindpop-Festival (Öffnet in neuem Fenster). Das „neue Festival für kluge Gedanken“ soll vor allem jüngere Menschen ansprechen und präsentierte sich im Vorfeld als ein sehr spannendes Projekt einer Traditionszeitung, die im öffentlichen Raum durchaus nach Präsenz sucht. Erst vor ein paar Wochen gab es eine Bühnenshow zu zehn Jahren Panama Papers in einem großen Münchner Kino. Diese habe ich leider ebenso verpasst wie jetzt das Mindpop. Deswegen war ich froh, bei XPLR: MEDIA ein paar Eindrücke und Learnings nachlesen zu können.

https://www.xplr-media.com/xplr-magazin/journalismus-zum-erleben-so-war-das-erste-sz-mindpop-festival-in-muenchen/ (Öffnet in neuem Fenster)
Ausblick

Kommende Woche blicken wir noch einmal gemeinsam nach Österreich. Dann nehmen wir uns das Lecture-Performance-Format von Dossier mal genauer vor. Es ist sehr interessant und bietet einige Hinweise, wie man schneller in die Umsetzung von Live-Angeboten kommen kann.

Bis dann,

💚 Alexander

Report 2025

Im Media-Rewilding-Report findest du ein paar Einblicke und Gedanken zu meiner bisherigen Spurensuche. Er umfasst nicht alle Punkte, die ich gesehen und gelernt habe, aber er zeichnet eine erste Landkarte einer Welt, in der bereits einige Projekte daran arbeiten, den Journalismus in der Gesellschaft zu renaturieren. Lade dir das PDF als Mitglied der Media-Rewilding-Community gerne herunter. Und gib es bei Bedarf auch an andere Menschen weiter, die sich dafür interessieren könnten.

Cover des Media Rewilding Report 2025 (Öffnet in neuem Fenster)
Media Rewilding

Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Ich habe es im Rahmen des Future of News Fellowships (Öffnet in neuem Fenster) des Media Lab Bayern 2025 gestartet.

Konkret versuche ich herauszufinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und was das mit Vertrauen und Markenbeziehung zu tun hat. Und natürlich wie sich das alles finanzieren lässt.

Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche.

Hier ist die Website von Media Rewilding: media-rewilding.de (Öffnet in neuem Fenster)
Hier ist meine Website: von-streit.de (Öffnet in neuem Fenster)
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