Ausgabe vom Sonntag, 5. April 2026 – Heute für meine lieben Leser:innen ♥️
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Es gibt Tage, da reicht ein Blick aus dem Fenster, und man weiß: Heute wird wieder etwas behauptet, das draußen längst widerlegt ist. Ich saß also in meiner Küche, der Kaffee hatte noch diese ehrliche Temperatur, bei der man sich nichts vormachen muss, und draußen lag Altentreptow da wie immer – geschniegelt, ruhig und völlig überzeugt davon, dass alles seinen Gang geht.
Nur der Boden schien anderer Meinung zu sein. Der meldete sich nicht laut, sondern mit dieser leisen Beharrlichkeit, die man hier kennt. Kein Knall, kein Drama – eher ein vorsichtiges „Mal sehen, wie lange ihr das noch glaubt.“
Baron Tollensius hatte sich so hingelegt, dass er sowohl die Zeitung als auch das Fenster im Blick behalten konnte. Ein kluger Hund verlässt sich nicht auf eine Quelle. Sein Ohr zuckte leicht, als irgendwo in der Ferne etwas nachgab, das eigentlich hätte halten sollen.
Ich nahm einen Schluck, stellte die Tasse ab und dachte, dass man in Altentreptow selten überrascht wird – eher bestätigt.
„Wissen Sie, Baron“, sagte ich und sah hinaus, „die A20 ist kein Verkehrsweg. Es ist ein staatlich finanziertes Fütterungsprogramm für hungrigen Torf. Ein geologisches Buffet, bei dem der Steuerzahler die Rechnung zahlt und das Moor das Dessert serviert.“
Der „Gipfel der Bodenhaftung“ an Kilometer 132
Man hatte zum Ortstermin geladen. Schauplatz: Kilometer 132, dort, wo die Autobahn sich so galant verneigt, dass man als Autofahrer das Gefühl hat, man befände sich auf einer Achterbahn im Hansa-Park – nur ohne Sicherheitsbügel und mit deutlich mehr Gegenverkehr. Die Einladung kam per E-Mail, versehen mit so vielen digitalen Stempeln, dass mein Postfach kurzzeitig die weiße Flagge hisste.
Die Kleinstadt Kanzlerin Pusemuckel war in ihrem Element. Sie trug ein beiges Kostüm, das farblich exakt auf den märkischen Sand abgestimmt war (Tarnung ist in der Politik alles), und einen Helm, der so fabrikneu glänzte, als hätte sie ihn gerade erst aus der Originalverpackung des Stadtmarketings befreit. „Wir bauen hier nicht nur eine Straße“, rief sie gegen den Wind an, während sie ein Klemmbrett hielt, als wäre es das Originalmanuskript der Unabhängigkeitserklärung. „Wir bauen eine Brücke in die Zukunft! Eine fluide Infrastruktur, die sich den klimatischen Bedingungen organisch anpasst.“
„Fluide“ ist im Beamtendeutsch ein schönes Wort für: „Es säuft gerade alles ab, aber wir haben dafür noch kein passendes Formular gefunden.“
Neben ihr stand Magnus Breitbein, der versuchte, mit einer monströsen Aktentasche voller leerer Papiere so wichtig auszusehen, als hätte er persönlich den Asphalt erfunden. Er schwenkte triumphierend einen Stapel Grundrisspläne, die der Wind jedoch mit einer solchen Leidenschaft erfasste, dass sie wie weiße Friedenstauben über die Baustelle segelten. „Ich arbeite nur noch mit Machern zusammen!“, brüllte er einem Baggerfahrer zu, der gerade dabei war, eine Schaufel Kies in ein Loch zu schippen, das bereits den dritten Kieslaster des Vormittags spurlos verschluckt hatte.
Nusseltruds Moor-Ballett: Die gelbe Gefahr auf Tauchstation
Mitten im Geschehen, dort, wo der Asphalt bereits die Konsistenz von Pudding nach drei Tagen in der Sonne hatte: Nusseltrud. Wenn ich sage, sie „stand“ dort, dann untertreibe ich maßlos. Sie war in eine Situation hineingeboren worden, aus der es kein würdevolles Entkommen gab. Sie trug ihren knallengen, quietschgelben Ganzkörper-Taucheranzug. Das Neopren glänzte verdächtig unter dem grauen Himmel und betonte Rundungen, von denen selbst das Katasteramt nichts wusste. Auf dem Rücken trug sie zwei Sauerstoffflaschen (gelb überlackierte Feuerlöscher) und an ihren Füßen prangten neongrüne Schwimmflossen in der Größe von kleineren Surfbretter.
„Tiefseetauchen!“, jodelte Nusseltrud durch ihren Schnorchel, der unter ihrer beschlagenen Tauchermaske unkontrolliert hin und her wippte. „Die Kanzlerin hat gesagt, wir müssen die digitale Aura des Asphalts reinigen! Ich bin bereit für den Abstieg in die Aktenfluten des Untergrunds!“
Das physikalische Desaster ließ nicht lange auf sich warten. Nusseltrud versuchte, einen eleganten Schritt zur Seite zu machen, um einem herannahenden Kamerateam vom Nordmumpitz auszuweichen. Doch die rechte Flosse hatte ihre eigenen Pläne. Sie verhakte sich unter der scharfen Metallkante einer Absperrbarke. Nusseltrud geriet ins Wanken. Ihr Arm ruderte wild durch die staubige Luft, sie suchte Halt und fand ihn ausgerechnet am Schnorchel, der sich wiederum im Vorbeischwingen in Alwin Anstands frisch justiertem Cordhut verfing.
Was dann folgte, war eine Choreografie des Grauens. Der Hut flog in einem hohen Bogen durch den Raum, prallte von der Nasenspitze des herannahenden Falko Federling ab, der gerade ein „Symbolfoto des Fortschritts“ schießen wollte, und landete zielsicher in einer Pfütze aus ausgelaufenem Hydrauliköl. Alwin, plötzlich barhaupt, sah aus wie ein Admiral, dem man mitten in der Schlacht die Epauletten abgerissen hatte. Er erstarrte in einer Pose antiken Entsetzens.
Hydraulik, Hektik und der nasse Jonte
Nusseltrud, nun völlig die Orientierung verloren, versuchte sich durch eine hastige Rückwärtsbewegung zu retten. Dabei wirbelten ihre Flossen so viel Staub und veraltete Baugenehmigungen auf, dass man hätte meinen können, ein Papiersturm der Stärke 12 sei über Altentreptow hereingebrochen. Sie krachte mit dem Rücken gegen einen instabilen Bauzaun.
An dieser Stelle trat Jonte Löschmann auf den Plan. Er hatte das Wort „Gefahr“ gehört und war sofort mit dem C-Rohr angerückt. „Wassereinbruch im Fundament!“, brüllte er und riss den Hahn auf. Jonte, der eher die Statur eines Windhundes im Fastenmonat hat, wurde vom Rückstoß des Wasserdrucks wie ein außer Kontrolle geratener Rasensprenger im Kreis gewirbelt.
Der Wasserstrahl traf Nusseltrud frontal am Oberkörper. Durch die Kombination aus Saugkraft des Moors und Jontes Hochdruck-Reinigung ploppte sie wie ein Sektkorken aus ihrem festsitzenden Schuh. Sie beschrieb eine perfekte Flugkurve, die Beine in der Luft, und landete mit einem klebrigen Knall punktgenau auf der Motorhaube des Dienstwagens der Kanzlerin. Dort blieb sie liegen – eine gelbe, schnaufende Kühlerfigur der bürokratischen Inkompetenz.
„Wasser Marsch!“, rief Jonte noch immer heldenhaft, während er versehentlich die Kanzlerin Pusemuckel einseifte, deren strenger Bob unter dem Strahl kollabierte wie ein Kartenhaus im Sturm.
Die Jugend und das digitale Begräbnis
Von oben, direkt auf der Autobahnbrücke, tönte es plötzlich: „Digga, das ist so ultra lost! Safe die Moor-Hexe am Start!“ Kevin-Justin und seine Gang lehnten über das Geländer und streamten das Spektakel live für TikTok. „Schau dir das an, die Omi hat die Matrix komplett gedribbelt! Absolute Endstufe, wie die da auf dem Mercedes chillt. Safe der größte Cringe des Jahrhunderts, no front!“
Kevin-Justin versuchte, sein Handy für eine Nahaufnahme noch weiter über den Abgrund zu halten, als ihm das Gerät aus den schwitzigen Fingern rutschte. Es beschrieb eine perfekte Parabel, segelte durch den Raum und klatschte mit einem hässlichen Geräusch direkt in den offenen Becher mit Hafermilch-Latte, den er auf einem Stapel „Ablehnungsbescheide für Jugendzentren“ geparkt hatte. Das Handy gab ein letztes, verzerrtes elektronisches Röcheln von sich und verabschiedete sich in den digitalen Himmel.
„Safe mein Leben beendet!“, schrie Kevin-Justin verzweifelt in die Leere. „Das war mein ganzes Content-Material für die Woche, Alter!“
Alwins Dolchstoß mit Samthandschuhen
Inmitten dieses Trümmerfeldes aus gelbem Neopren, fliegenden Knöpfen (Magnus Breitbeins Weste hatte inzwischen ebenfalls kapituliert) und ausgelaufenem Löschwasser stand Alwin Anstand. Er hatte sich mühsam seinen Cordhut zurückgeholt, der jetzt einen leichten Geruch nach Moor und Hydrauliköl verströmte, und schlug mit der Ruhe eines Chirurgen seine Etikette-Fibel auf.
Er blickte auf einen sichtlich zitternden Bauleiter, der gerade fassungslos zusah, wie sein letzter Rüttler langsam im Asphalt versank. Alwin räusperte sich. „Mein Herr“, sagte er, und seine Stimme war so kühl wie ein Novembermorgen an der Tollense, „ich bewundere die konsequente Freiheit, mit der Sie sich hier über die Last physikalischer Gesetze hinwegsetzen. Es ist ein mutiges Zeugnis postmoderner Verwaltungsführung, die Unendlichkeit des Moors durch die radikale Verweigerung von Fundamenten zu begegnen.“
Der Bauleiter hielt inne. Er sah Alwin an. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Er fühlte sich … gelobt? Er nickte Alwin huldvoll zu und begann, den nächsten Kieslaster in den Abgrund zu winken.
Alwin sah mich an. „Siehst du, Erna? Kapitel 1: Die Kunst der passiven Aggression. Er denkt, ich habe ihm ein Kompliment gemacht. In Wahrheit habe ich gerade festgestellt, dass sein IQ knapp unter dem einer Bordsteinkante liegt.“
Er blätterte weiter:
Statt: „Ihr Plan ist totaler Schwachsinn.“
Alwins Version: „Ihre Vision zeichnet sich durch eine architektonische Kühnheit der logischen Leere aus, die in unserer Zeit ihresgleichen sucht.“
Warum diese Saga uns alle auffrisst
Wir lachen über das gelbe Neopren-Monster auf der Motorhaube und den brennenden Notizblock von Falko Federling (denn ja, Falko war vor Schreck über Jontes Wasserstrahl in einen Teerkocher gestolpert). Aber seien wir ehrlich zu uns selbst: Die Kleinstadt Kanzlerin Pusemuckel sitzt überall. Sie sitzt in den Vorständen, die entscheiden, dass wir „innovative Lösungsansätze“ brauchen, während die Brücken unter unseren Füßen wegrosten.
Die A20 ist das Symbol für ein Land, das versucht, den Fortschritt mit der Schaufel zu fangen, während man gleichzeitig vergisst, dass das Moor nicht verhandelt. Das Moor kennt keine Förderanträge und keine regionalen Ausgleichskonzepte. Es frisst einfach.
Wir haben die Baustelle verlassen, während hinter uns Nusseltrud versuchte, Magnus Breitbein zu erklären, dass der „Flug“ ein voller Erfolg war, weil sie „einen tiefen Einblick in die Struktur der vertikalen Mobilität“ gewonnen hatte. Alwin rückte seinen Cordhut zurecht, ich nahm einen letzten Schluck Kaffee aus meiner Thermoskanne, und der Baron... nun, der Baron hielt Ausschau nach einem Baum, der weniger kompliziert war als die lokale Infrastrukturpolitik.
Ihre Meinung ist gefragt!
Welche „Asphalt-Perle“ haben Sie zuletzt erlebt? Stecken Sie auch im bürokratischen Warteschleifen-Labyrinth fest, während unter Ihnen der Boden weicht? Schreiben Sie es mir in die Kommentare!
Ausblick:
Am Montag wird gesammelt.
In der Sonderausgabe „Ostern wird gesammelt – Altentreptow verteilt fremde Eier“ schauen wir, wie fremdes Engagement plötzlich sehr vertraut wirkt.
Am Mittwoch wird’s nass.
Nusseltrud zieht mit dem Kescher an der Tollense entlang und erklärt nebenbei das Eigentumsrecht neu. Baron schaut. Kevin-Justin sagt: „Safe die Tollense-Queen am Start, Digga.“
Unterstützen Sie den echten Gegenwind!
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Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Altentreptow, den 05. April 2026 © Erna Schippel 2026 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.