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Jede Menge heilige Kühe und Putinversteher unterwegs. Und der venezianische Kulturkrampf geht weiter

Präsident Mattarella besuchte in diesen Tagen Venedig, um das 35-jährige Bestehen der Europäischen Kommission für Demokratie durch Recht (besser bekannt als Venedig-Kommission) zu würdigen, einem Gremium des Europarates in Verfassungsfragen, das Länder bei Verfassungs- und Rechtsreformen berät. Besonders aussagekräftig finde ich dieses Foto, das den Präsidenten zusammen mit Bürgermeister Brugnaro und dem Regionalpräsidenten Zaia vor einem Verkaufsstand mit Touristentrash zeigt.

Tatsächlich lebe ich in einer Stadt, die nicht mehr von Venezianern bewohnt wird, sondern vom “Homo turisticus”. Sein Wesen wird in der jüngsten Monatsschrift Micromega (Öffnet in neuem Fenster) ergründet - gegründet von dem Philosophen Paolo Flores D’Arcais (Öffnet in neuem Fenster), der

https://www.micromega.net/micromega-5-2025-homo-turisticus (Öffnet in neuem Fenster)

über Jahrzehnte den Diskurs der Linken in Italien auf unkonventionelle Art prägte. Unter anderem veröffentlichte Micromega im März 2003 ein spektakuläres Interview mit Veronica Berlusconi lange bevor diese die Scheidung einreichte: Ein Interview, in dem sie sich als Pazifistin outete und die Friedensbewegung gegen den Angriff der USA auf Saddam Husseins Irak lobte, den die Regierung Berlusconis hingegen unterstützte.

Micromega ist für mich eine der letzten unabhängigen Stimmen in Italien - so auch bei den Positionen zu Trump und Putin, dem Nahostkonflikt und dem Ukrainekrieg, was mir in der gegenwärtigen politischen Lage ein Trost ist, in dem nicht nur die geopolitischen Gleichgewichte, sondern oft auch auch Übereinstimmungen mit Richtungen und etablierten Meinungen zerlegt und neu zusammengesetzt wurden. Bei der Lektüre von Micromega finde ich immerhin noch etwas, das nicht den gegenwärtigen Dogmen der sogenannten progressiven Linken entspricht, also: Trump ist okay, weil er keine Kriege angefangen hat, und weil er irgendwie gegen „das Establishment“ und ein„pragmatischer Geschäftsmann“ dazu ist. Der irgendwie den Krieg in der Ukraine beenden wird (wie ist erst mal egal). Und Putin konnte nicht anders, als die Ukraine anzugreifen, weil die Nato ihn provoziert hat.

Wer an dieser Stelle fragt: Es gibt doch genügend andere Zeitungen in Italien, die kann sie doch auch lesen? Ja, das stimmt, und die lese ich auch - aber auch sie vertreten ihre Interessen, die zufälligerweise den Positionen der italienischen Regierung, vulgo Meloni, entsprechen.

Der Guardian hat bereits vor zwei Jahren dokumentiert (Öffnet in neuem Fenster), wie die Putin-Propaganda einige italienischen Medien unterwandert hat. Mein einstiges Lieblingsblatt, die vormals unabhängige Tageszeitung Il Fatto Quotidiano hat sich zum Verlautbarungsblatt der dogmatischen Linken entwickelt, was ich, wie die kostbaren Leser von Reskis Republik wissen (Öffnet in neuem Fenster), bereits mehrmals (Öffnet in neuem Fenster) ausgeführt habe.

Marco Travaglio, Chefredakteur des Fatto Quotidiano und Spin-doctor von Giuseppe Conte, dem “Präsidenten” der nunmehr (von Grillo bereinigten) Fünfsterne-Partei, gibt die Trump-Putin Linie vor. Seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs machen sich die Putinversteher mehr und mehr im Blatt breit. Anfang des Jahres starb Furio Colombo (Öffnet in neuem Fenster), renommierter Journalist, Mitbegründer und Leitartikler des Fatto Quotidiano, der die Zeitung unter Protest verließ (Öffnet in neuem Fenster), weil Chefredakteur Travaglio dem Soziologieprofessor und selbsternannten Russland-Experten Alessandro Orsini zu viel Platz einräume.

Den Italienern ist Orsini als Putinversteher par excellence bekannt: In der Talkshow "Carta Bianca", sagte er: "Ich betrachte das [den Krieg] nicht aus einer politischen, sondern aus einer humanitären Perspektive. Ich würde lieber Kinder in einer Diktatur aufwachsen sehen als sie durch Bomben sterben zu lassen, die im Namen der Demokratie abgeworfen werden. Auch in Diktaturen kann ein Kind glücklich sein", woraufhin die Rai den Mitarbeitervertrag mit ihm kündigte - und der Fatto Quotidiano ihn als Helden der Meinungsfreiheit unter seine Fittiche nahm.

Seither feuert Orsini in zahllosen Talkshows sein Arsenal ab, hier einige von seinen Perlen: „Jedes Mal, wenn ich höre, dass ein Land der NATO beitreten will, vor allem wenn es in der Nähe der russischen Grenze liegt, weine ich“. „Sollte Russland ein NATO-Land angreifen, müsste Italien sich neutral erklären und aus dem Bündnis austreten.“. "Man muss den Mut haben, zuzugeben, dass Putin bereits gewonnen hat". "Hitler hatte nicht die Absicht, den Weltkrieg zu beginnen" (Er sei erst durch die Allianz seiner Gegner dazu gezwungen worden - worin Orsini eine Parallele zur Rolle der Nato sehen will) Und natürlich: "Dies ist ein verlorener Krieg. Entweder wir geben Putin, was er will, oder er nimmt es sich trotzdem. Folglich gilt: "Zelensky ist eine Gefahr für den Frieden. Er muss aufgegeben werden. Politisch ist er inkompetent" - und weil all das noch nicht reicht, tourte Orsini auch noch durch italienische Theater mit einem Programm unter dem Titel: "Ukraine: Alles, was sie uns nicht sagen".

Zu den Putinverstehern des Fatto Quotidiano gehören noch etliche andere Namen, weshalb es mich nicht wunderte, vor einigen Tagen eine ganzseitige Lobrede auf Lukaschenkos Weißrusslan und dem leider, leider im Westen geschmähten Putin (Öffnet in neuem Fenster) aus der Feder eines Philosophieprofessors zu lesen, der an einem von Russia Today (Öffnet in neuem Fenster) organisierten Dokumentarfilmfestival teilnahm - und der bei der Gelegenheit auch noch viel lernen konnte: über “die unglaublichen Formen der Zensur und die unzähligen Verfolgungsmaßnahmen, die in den Satellitenstaaten von Brüssel und Washington durchgeführt werden.” Also Obacht: Wir leben in einem Satellitenstaat!

Und was passiert in Venedig, der kleinen Stadt im Wasser? Da stellt sich heraus, dass Brugnaro gar nicht so beliebt ist, wie einst vom Wirtschaftsblatt Il Sole 24 ore dargestellt: 2022 wurde Brugnaro zu unserem großen Erstaunen zum beliebtesten Bürgermeister Italiens (Öffnet in neuem Fenster) erklärt. Nach Bekanntwerden der Korruptionsermittlungen um Brugnaro fiel er bereits auf Platz 49 (Öffnet in neuem Fenster) der beliebtesten Bürgermeister Italiens herab. Jetzt gab der Stadtrat Marco Gasparinetti der Bürgerliste Terra e Acqua (die ich im Wahlkampf unterstützte) eine neue Umfrage in Auftrag. Und da stellte sich heraus, dass Brugnaro von jedem zweiten Bewohner der Gemeinde Venedigs (also Festland inklusive) abgelehnt wird (Öffnet in neuem Fenster). Huch!

Der venezianische Kulturkrampf (Öffnet in neuem Fenster) rund um die frisch ernannte Musikdirektorin der Fenice geht in die dritte Runde. Jetzt meldete sich noch der weltberühmte italienische Violinist Ugo Ughi (Öffnet in neuem Fenster) zu Wort - um ebenfalls zu bestätigen, dass Beatrice Venezi nicht die geeignete Statur für die ihr zugedachte Position habe: Sie sei dem nicht gewachsen (Öffnet in neuem Fenster), ihr fehle dafür der solide Werdegang. Jetzt denkt man darüber nach, ihr einen Berater zur Seite zu stellen, der auch vom Orchester anerkannt werde, damit es die bittere Venezi-Pille schlucken möge.

Das Orchester aber zeigt sich unversöhnlich und hat für den 17. Oktober angekündigt, zu streiken (Öffnet in neuem Fenster) um gegen die Ernennung von Beatrice Venezi als zukünftige Musikdirektorin der Fenice zu protestieren. Die Premiere von “Wozzeck” findet nicht statt (Öffnet in neuem Fenster). Was natürlich eine Bitternis für all die Opernfreunde ist, die dazu extra nach Venedig reisen.

Ich schreibe Ihnen heute aus dem Ruhrgebiet, heute Nachmittag lese ich in Kamen, meiner einstigen Heimatstadt zusammen mit dem iranischen Exil-Autoren Pezhman Golchin, Lyriker, Philosoph und Elsbeth-Wolffheim-Stipendiat (Öffnet in neuem Fenster) des PEN-Deutschland (Öffnet in neuem Fenster), der die Lesereihe "Ich war fremd und Ihr habt mich beherbergt" veranstaltet (Öffnet in neuem Fenster).

In meinem Fall gilt das Motto im umgekehrten Sinne, weil ich aus meinem Buch "All'Italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden" (Öffnet in neuem Fenster) lesen und von meinen Erfahrungen in Italien sprechen werde. Und was das Fremdsein betrifft: Das galt auch für meine Familie, die aus Ostpreußen und Schlesien vertrieben wurde und im Ruhrgebiet Arbeit - und damit eine neue Heimat fand. Was im Übrigen auch nicht reibungslos vonstatten ging, wie es der Historiker Andreas Kossert in seinem lesenswerten Buch "Kalte Heimat" (Öffnet in neuem Fenster) analysiert hat.

Danach geht es weiter zur Lesung im Staatstheater Hannover am Mittwoch (Öffnet in neuem Fenster) und nächsten Montag im Salon Luitpold in München (Öffnet in neuem Fenster). Ich freue mich!

Aus dem Ruhrgebiet grüßt Sie Ihre Petra Reski

Wenn Ihnen mein Newsletter gefällt, freue ich mich sehr über Weiterempfehlungen (Öffnet in neuem Fenster) - und natürlich über neue Ehrenvenezianer!

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