Liebe Leserinnen und Leser,
heute geht es um unsere Fähigkeit zur Perspektivenübernahme.
In Gesellschaften wird häufig automatisch die Perspektive der Mehrheit als gesetzt gesehen und Lebenswelten von anderen dadurch - oft auch unwillentlich - nicht eingeschlossen.
Im Dezember wirkt es manchmal so, als würde die ganze Welt Weihnachten feiern und sich auf die besinnlichen Tage freuen. Das stimmt so natürlich nicht. Manche Menschen verbinden mit dem “Fest der Liebe” vor allem Einsamkeit oder den Schmerz über konfliktbehaftete Familien (Öffnet in neuem Fenster). Oder wissen nicht, wie sie sich Geschenke für die Kinder leisten sollen. Andere haben andere Feiertage. Heute Abend beginnt beispielsweise Chanukka (Öffnet in neuem Fenster), das jüdische Lichterfest.
Lerne andere Perspektiven einzubeziehen
Perspektivenübernahme beschreibt unsere Fähigkeit, Gedanken, Gefühle und Sichtweisen anderer Menschen nachzuvollziehen, ohne sie zwangsläufig zu übernehmen. Sie bedeutet nicht, allen Meinungen zuzustimmen, sondern andere Positionen kognitiv zu verstehen. Das ist ein entscheidender Unterschied, der in öffentlichen Debatten oft missverstanden wird.
In der Psychologie wird sie u. a. als kognitive Komponente von Empathie verstanden und steht in engem Zusammenhang mit der sogenannten Theory of Mind. Empathie (Öffnet in neuem Fenster) bedeutet, Gefühle von anderen Menschen mitzuerleben. Neurowissenschaften zeigen, dass unser Gehirn bei Empathie dieselben Bereiche aktiviert wie beim eigenen Erleben. Perspektivenübernahme beschreibt dagegen das gedankliche Nachvollziehen fremder Gedanken.
Unser Gehirn setzt zur Perspektivenübernahme Netzwerke ein, die an unterschiedlichen Aspekten von Informationsverarbeitung und mentaler Simulation beteiligt sind. In welchem Ausmaß wir die Perspektive anderer übernehmen, hängt neben dem Vorhandensein kognitiver Ressourcen von unserer Motivation ab, und kann sich zwischen unterschiedlichen Menschen ebenfalls unterscheiden.
Gesellschaften bestehen aus Menschen mit unterschiedlichen Lebensrealitäten. Perspektivenübernahme hilft, diese Unterschiede zu verstehen und reduziert so soziale Distanz. Die Fähigkeit, andere Sichtweisen nachzuvollziehen, ist zentral für sachlichen Diskurs, Kompromissfindung und politische Entscheidungsprozesse.
Forschung aus der Sozialpsychologie zeigt, dass Perspektivenübernahme aggressives Verhalten senken und konstruktive Konfliktlösung fördern kann, insbesondere in interkulturellen oder sozialen Spannungsfeldern. So lassen sich Vorurteile (Öffnet in neuem Fenster) abbauen und intergruppale Beziehungen verbessern. Andere kognitiv besser zu verstehen, ermöglicht es auch, strukturelle Benachteiligung besser zu erkennen, etwa in Bezug auf Armut, Behinderung oder Diskriminierung. Sie ist damit eine wichtige Voraussetzung für gerechte soziale und politische Maßnahmen.
Perspektivenübernahme ist lern- und trainierbar, z. B. durch Bildung, Dialogformate und evidenzbasierte Programme zur Empathieförderung. Am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften gab es dazu beispielsweise ein Trainingsprojekt, um durch Meditationen u.a. die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme zu steigern. „Bei den Modulen, die entweder sozio-emotionale oder sozio-kognitive Fähigkeiten trainierten, beobachteten wir, dass sich das Mitgefühl oder die kognitive Perspektivübernahme steigern ließen und dass diese verbesserten Sozialkompetenzen mit erhöhter Dicke des Cortex in den Regionen einhergingen, die Mitgefühl oder Perspektivwechsel verarbeiten“, so Tania Singer, (Öffnet in neuem Fenster) Direktorin am Institut.
🦖 Deine Übung für Heute
Nimm Dir einen Moment Zeit, komme zur Ruhe. Mach Dir vielleicht eine Tasse Tee oder dein Lieblingssnack - und mache folgende Übung:
🖊️ Stell Dir vor, du bist bei deiner Arbeit für die Weihnachtskarten verantwortlich, die an alle verschickt werden sollen. Wie könnte so eine Karte aussehen, die alle Menschen einbezieht - auch die, die eine andere Religion oder keinen Bezug zu Religion haben?
Überlege, was es bedeuten kann, wenn die eigene Lebensrealität oft nicht gesehen wird.
Bei In-Mind (Öffnet in neuem Fenster) gibt es einen Artikel, der beschreibt, inwiefern Roboter dabei helfen können, die eigene Fähigkeit zur Perspektivenübernahme zu verbessern. Der Fragebogen für Heterosexuelle (Öffnet in neuem Fenster) ist ein Ansatz, um aufzuzeigen, wie oft an Minoritäten andere Standards gestellt werden als an Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft.
Ich wünsche Dir viel Spaß mit dem Kalender,
Deine
Pia Lamberty
Hintergrund: Was ist ein Resilienz-Adventskalender für belastende Zeiten?
Die Welt ist im Wandel – und das in einer Geschwindigkeit, die viele Menschen überfordert. Gewohnte Sicherheiten brechen weg, die psychischen Belastungen nehmen zu. Verschiedene Studien zeigen, dass globale Krisen erhebliche psychische Auswirkungen haben und viele an ihre Belastungsgrenze bringen.
Viele Menschen fühlen sich aufgrund der Krisenpermanenz und zunehmenden Bedrohungslage machtlos – doch sie sind es nicht. Menschen können die Welt verändern und haben mehr Einflussmöglichkeiten als ihnen bewusst wird. Um sich zu engagieren, benötigt es aber mentale Kapazitäten und Skills, um mit Stress umzugehen. Denn: Wer keine Ressourcen übrig hat, wird sich wahrscheinlich weniger einbringen können.
Anleitung: Wie funktioniert der Adventskalender?
Dieser Adventskalender hat 24 kleine Übungen, damit Du deine Resilienz jeden Tag ein bisschen stärken kannst. Jeden Tag geht es um ein anderes Thema, um besser durch turbulente Zeiten zu navigieren.
Du kannst die Ergebnisse deiner Übungen gerne aufschreiben und immer wieder mal anschauen. Das funktioniert in der Notizen-App in deinem Handy. Oder du bastelst dir ein kleines Resilienz-Tagebuch. Jede Übung dauert nicht mehr als 15 Minuten.
Es ist auch nicht schlimm, wenn Du nicht alles schaffst oder Du Übungen nicht magst. Das Ganze soll dich stärken und kein weiterer Stresspunkt werden.
Wenn Du aktuell in Psychotherapie bist, besprich vorher mit deinem bzw. deiner Therapeut*in, ob Du aktuell solche Übungen machen solltest.
Ist Resilienz nicht nur so ein komischer Internet-Trend?
Jein. Der Begriff wird gerade auf Social Media oder bei manchen Feel-Good-Seiten ganz schön überstrapaziert und oft sehr individualistisch betrachtet. Trotzdem beschreibt er eine reale Fähigkeit: gut mit Belastungen umgehen zu können. Und diese Kompetenz brauchen wir leider gerade recht häufig. Resilienz hat natürlich auch seine Grenzen. Es ist keine Superkraft, die plötzlich alles gut macht. Dennoch ist es wichtig, um belastende Phasen besser zu überstehen.
Falls Du mich noch nicht kennst:
Ich bin Dr. Pia Lamberty und Psychologin. Mein Studium der Psychologie habe ich an der FernUniversität Hagen und der Universität Köln (Schwerpunkt Social Cognition und Medienpsychologie) absolviert. An verschiedenen Universitäten – in Köln, Mainz, Brüssel und Beer Sheva – habe ich mich intensiv mit Verschwörungsglauben beschäftigt. Darüber hinaus habe ich auch zu Erinnerungskultur, Antisemitismus und allgemeinen Vorurteilen geforscht. Wer sich für meine Forschung interessiert, kann gerne bei Google Scholar (Öffnet in neuem Fenster) vorbei schauen.
Im Jahr 2020 habe ich gemeinsam mit Katharina Nocun mein erstes Buch veröffentlich - “Fake Facts - Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen” -, das in der Coronapandemie zum Bestellter wurde. Ein Jahr später, 2021, erschien dann “True Facts - Was gegen Verschwörungserzählungen wirklich hilft” und 2023 der nächste Besteller: “Gefährlicher Glaube - Die radikale Welt der Esoterik”. Im Jahr 2021 habe ich mit anderen dann CeMAS (Öffnet in neuem Fenster)- Center für Monitoring, Analayse und Strategie gegründet und war dort bis Oktober 2025 aktiv.
Promoviert habe ich an der Sozial- und Rechtspsychologie der Universität Mainz - zur Rolle von Verschwörungserzählungen im Kontext von Gesundheitsthemen. Daneben habe ich mich durch die Deutsche Psychologenakademie zur Notfallpsychologin (Öffnet in neuem Fenster)weiterbilden lassen.
Mehr über mich findest Du auf meiner neuen Homepage.