Wer mir ein bisschen länger auf LinkedIn folgt, weiß, dass ich sehr oft kein gutes Haar an Recruitern auslasse.
Natürlich mache ich mir Gedanken darüber, ob meine Posts sich nachteilig für mich auswirken. Und ja, vielleicht ist das auch schon mal vorgekommen.
Aber ich habe vor ein paar Monaten den Entschluss gefasst, dass ich bei Fehlverhalten nicht länger schweigen möchte. Die derzeitige Misere im Recruiting rührt auch daher, dass man schlechte Arbeit zu lange geduldet oder sogar belohnt hat.
Ist es Recruiter-Bashing, wenn man irgendwann seinen Frust über falsche Versprechungen und zeitverschwendende Prozesse rauslässt? Über Stellenanzeigen, die noch Wochen nach Besetzung auf der Karriere-Seite online sind bzw. beworben werden? Über das alltägliche Ghosting?
Ist es Recruiter-Bashing, wenn man darüber berichtet, dass die Senior-Stelle in Wirklichkeit nur eine Praktikum-Stelle ist? Oder dass man jedem Recruiter erklären muss, dass ein "Kaufmann im Einzelhandel" und "Kassierer" nicht dasselbe ist? Wenn man auf einen Konfigurationsfehler im ATS aufmerksam macht und dieser Monate später immer noch existiert?
Ist es Recruiter-Bashing, wenn man sich über die ewig gleichen, austauschbaren Standard-Absagetexte aufregt, während man von Bewerbenden speziell zugeschnittene Bewerbungen (natürlich mit Nicht-KI-generiertem Anschreiben) verlangt? Warum haben manche Anschreiben mehr Bezug zum Unternehmen als deren Absagen?
Ist es Recruiter-Bashing, wenn man keine Lust mehr hat, mit “ein anderer Kandidat hat dem Anforderungsprofil mehr entsprochen” angelogen zu werden und die Stellenanzeige am nächsten Tag erneut beworben zu sehen?
Ist es Recruiter-Bashing, wenn man keine Lust mehr darauf hat, von Menschen, die bestenfalls Excel oder ihr ATS bedienen können, beurteilt und abgelehnt zu werden, weil im Lebenslauf Affinity statt Adobe steht? Wordpress statt Typo 3? Weil das eine B2B-Tool nicht aufgelistet ist?
Ist es Recruiter-Bashing… oder sind es nicht eher reale Erfahrungen, die die Leute gemacht haben? Die JEDER von uns schon mal gemacht hat!
Niemand hier würde einer Frau Männer-Bashing unterstellen, nur weil sie schreibt, dass sie keine Lust mehr auf das permanente Catcalling, übergriffiges Verhalten oder Mansplaining hat. Und das sind alles Erfahrungen, die Frauen heutzutage leider immer noch machen. Wir glauben ihr.
Muss ich erst zur Frau werden, damit ich toxische Maskulinität kacke finden darf?
Seit wann sind Erfahrungsberichte im Recruiting = Bashing?
Muss ich erst Recruiter werden, damit ich das obige Verhalten kacke finden darf? Was ist mit den Recruitern in meinem Umfeld, die sich ebenfalls (alle!) über ihre unfähigen Kollegen auslassen? Vielleicht sollte man jeden Bewerber mal nach der schlimmsten Bewerbungserfahrung fragen.
In den letzten Monaten wurden mir viele kritische Posts über Recruiter und Bewerbungserfahrungen in den LinkedIn-Feed gespült. Und ja, vielleicht war der eine oder andere Post oder Kommentar (auch von mir) etwas härter formuliert. Aber zurecht, denn wenn es um das Leben anderer (und dem Wohl des Unternehmens) geht (Öffnet in neuem Fenster), dann kann man als Recruiter nicht mit Bauchgefühl kommen.
Ich habe keinen Grund, den Betroffenen auf LinkedIn nicht zu glauben. Wir alle haben diese Erfahrungen schon gemacht. Wir reden hier nicht von Einzelfällen, sondern von einem system(at)ischen Versagen.
Ist es deshalb Recruiting-Bashing, wenn man erwartet, dass Recruiter einfach nur ihren Job machen sollen?
Dazu gehört für mich, dass man
👉 eine positive Candidate Experience/Journey sorgt
👉 grundlegende Basics wie Eingangsbestätigungen und für geregelte Prozesse sorgt
👉 weniger Fehler macht
👉 sich vor einem Gespräch mit dem Kandidaten beschäftigt
👉 weiß, was die Fachteams beschäftigt
Und vor allem, dass man nicht die Zeit der Bewerbenden verschwendet. Wir reden hier noch nicht mal von Eignungsdiagnostik und fairen und objektiven Auswahlprozessen.
Es kann doch nicht angehen, dass man über KI und das neueste HR-Tools redet, aber nicht mal die Basics auf die Reihe kriegt. Dass sich ein Fehler an den nächsten reiht, aber niemand dafür zur Verantwortung gezogen wird.
Sich heutzutage irgendwo zu bewerben bedeutet, dass man seine Erwartungen extrem weit nach unten schrauben muss — und trotzdem noch enttäuscht wird.
Ich möchte diesen Zustand nicht länger akzeptieren. Ich möchte es besser machen.
Wenn mir das nachteilig ausgelegt wird, dann soll es so sein.
(Bevor hier jemand mit “Ja, aber die Bewerber…” — Ja, auch euren Erfahrungen glaube ich. Deshalb teilt diese!)