Mika hat – nicht zum ersten Mal – die Trennung von Social Media eingeleitet. Wie es es dazu kam und wie es ihr damit geht, lest ihr in diesem Newsletter. Außerdem hat ihr guter Freund Martin (der unsere Folge »Anleitung zum Alkoholismus« vertont hat – Anzuhören in dieser Ausgabe (Öffnet in neuem Fenster) des Weekly) nun auch einen eigenen Podcast über mentale Gesundheit gestartet. Für die allererste Folge durfte Mika ihn interviewen. In ein paar Wochen beantwortet sie dann seine Fragen zu ihrem eigenen »Potpourri of Pain«. Hier geht's zur Folge mit Mika und Martin auf Spotify (Öffnet in neuem Fenster).
Instagram: Es liegt nicht an mir, es liegt an dir
Normalerweise sieht mein Morgen so aus: Noch im Halbschlaf greife nach meinem Handy, um auf die Uhr zu gucken. Es ist mein erster Kontakt am Morgen, selbst dann, wenn ich nicht alleine im Bett liege. Mein Lover ist zwar warm und hübsch und liebt mich, aber er kann eben nicht die Uhrzeit anzeigen. Und gerade dann, wenn es morgens noch lange dunkel ist und auf jeden Fall dann, wenn das Leben anstrengend ist, dehne ich diesen Kontakt weit in die erste Stunde des Tages hinein. Es hat sogar ein bisschen Prinzip, denn ich weiß, dass mein Gehirn wach wird, wenn ich meine Retina mit kaltem blauen Licht bestrahle, also im Grunde einen extrem stressigen Sonnenaufgang simuliere, bei dem mich ein Himmelskörper mit voller Kraft anschreit, wieso ich so viele Kleidungsstücke besitze, die keine Freude auslösen. Bevor ich mich fragen kann wie es mir geht, checke ich Instagram, um zu sehen wie es anderen Leuten geht, obwohl es der Gesamtheit meistens in etwa so geht wie gestern. Eine gut gelaunte Frau tanzt und zeigt auf Sätze über Achtsamkeit. Jemand bewirbt ein Tool, um mein ADHS zu hacken. Und irgendwer ist super mutig, weil er mit irgendeinem Problem offen umgeht. »Ahja« denke ich, und finde es ehrlicherweise etwas egal, natürlich schon mutig, ja, aber eben irgendwie auch egal. Es ist nicht seine Schuld, dass mich sein Problem nicht interessiert. Ich bin nur schon zu lange auf Social Media und da ist immer irgendwer gerade mutig und irgendwer findet es immer egal.
Seien wir mal ehrlich, wenn ich wirklich alles in meinem Feed fühlen würde, wäre ich innerhalb von wenigen Minuten verrückt.
Krieg Rassismus Hundewelpen Klimakrise Schöne Wohnung Fröhliches Gesicht Higher-Self Weinendes Gesicht It’s okay to not be okay Herzprojekt Bitte spenden Sei du selbst Kauf dieses Coaching Mach dein Bett und So erkennst du Depressionen. Wusstest du, dass es jetzt Intersektionalen Veganismus gibt und wir ihn brauchen? Irgendwas Alltägliches mache ich immer gerade falsch (Atmen, Zuhören, Zähneputzen) und an irgendwelchen einfachen Tipps, die wirklich jede:r umsetzen kann, bin ich immer schon gescheitert. Zum Beispiel, wie man seinen Social Media Gebrauch einschränken kann.
Es ist nicht so, als hätte ich es nicht versucht. Über die Jahre habe ich sowohl meinen Facebook-, als auch meinen Twitter-Account gelöscht – Facebook sogar zweimal. Leute ohne Problem lassen ihre Accounts versanden, vergessen sie und bringen ihnen in etwa dieselben Gefühle entgegen wie einem Rührbesen.
Nur wer einen Schlussstrich ziehen muss, löscht. Nur wer leidet, verabschiedet sich. Nur wer weiß, dass das alles nicht gut ist, macht Social Media Pausen. Ich habe gelöscht, ich habe verabschiedet, ich habe Pause gemacht.
Ich bin radikale Schritte gegangen und sanfte. Ich habe meinen Job aufgegeben, weil ich mich nach der Freiheit sehnte, nie wieder eine Social Media App öffnen zu müssen und als ich diese Freiheit endlich hatte, änderte sich absolut nichts.
Die Psychiaterin Anna Lembke schreibt in ihrem Buch »Dopamine Nation«, es sei überwältigend, wie viele unterschiedliche Reize mit hohem Belohnungseffekt es heutzutage gebe. »Das Smartphone«, so Lembke »ist die moderne Injektionsspritze, die rund um die Uhr digitales Dopamin für eine verkabelte Generation liefert.«
Ich finde es etwas überdramatisch, Smartphones als Injektionsspritzen zu bezeichnen. Vor meinem inneren Auge sehe ich meinen alten Medien-Prof spöttisch lächeln, während er kulturkritische Texte aus verschiedenen Jahrhunderten aushändigt. Schon bei Platon wird nämlich die Frage diskutiert, ob das mit dem Fortschritt so eine gute Idee sei und wir nicht durch das Aufschreiben die Fähigkeit verlieren, uns zu erinnern. Im 19. Jahrhundert galten Frauenkörper als so fragil, dass sie den enormen Geschwindigkeiten von 80 km/h nicht standhalten könnten und ihnen beim Zugfahren der Uterus herausfiele (Kein Scheiß (Öffnet in neuem Fenster)). Man warnte vor dem Lesen von Romanen, weil insbesondere Frauen und Kinder nicht in der Lage wären, Realität von Fiktion zu trennen. Und allein zu meiner Lebzeit, lässt sich eine lange Liste schreiben, auf der alles steht, was Spaß macht: Comics machen dumm. Computerspiele führen zum Amoklauf. Fernsehen macht dick und faul. Und wer als Kind in der Garage an Computern bastelt, wird es nie zu irgendwas bringen.
Ich will, wie viele Leute, nicht zu den Ewiggestrigen gehören, im »Aber-Was-Ist-Mit-Unseren-Kindern?!«-Chor mitsingen oder in der Bewahrung vom Status Quo meine moralische Überlegenheit demonstrieren. Und so scheint es auch heutzutage die Meinung der meisten aufgeklärten Menschen zu sein, dass Medien erst einmal neutral sind und es ganz darauf ankommt, wie man sie nutzt. Ich bin natürlich aufgeklärt und glaube an Eigenverantwortung, aber ich bin auch sehr müde. Ich bin müde, mich zu widersetzen. Denn Medien sind nicht neutral, weil auch die Menschen, die sie machen nicht neutral sind. Sie haben Interessen und verfolgen Ziele (Geld). Erfolgreiche Apps sind so gebaut, dass wir uns nicht davon losreißen können. Wir sollen dort unsere Zeit verbringen und unsere Aufmerksamkeit lassen und wir sollen konsumieren, auch wenn es uns nicht gut tut.
Die »Digital Wellbeing« Apps sind das »Drink Responsibly« der Tech-Industrie; sind das Abwälzen struktureller Probleme auf das Individuum.
Leg es doch einfach weg, mach doch den Flugmodus an, setz dir doch ein Zeitlimit. Wenn es so einfach ist, wieso scheitern die meisten Menschen daran?
Ich bin zwar müde, aber ich vermisse meinen Morgen. Für mich ist die Zeit zwischen fünf und sieben Uhr eine magische Zeit. Die Welt ist entweder noch nicht wach oder so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass niemand was von mir will. Leerlauf, den ich sonst nur schwer ertragen kann, ist am Morgen ein Geschenk. Morgens finde ich heraus, wer ich heute bin – und das ist genau so existenziell für mich, wie es sich anhört. Das ist es, was ich zurückhaben will. Wenn man so wenig Selbstdisziplin hat wie ich, gibt es dafür nur eine Möglichkeit: Man muss sich immer wieder die Wahrheit darüber sagen und darauf vertrauen, dass irgendwann was passiert.
Also mache ich das so.
Erst passiert nichts. Dann passiert weiter nichts. Dann passiert weiter – du hast es geraten – nichts. Dann will ich einen seperaten Wecker kaufen, um das Handy zu ersetzen. Während ich Tageslichtwecker recherchiere, fällt mir ein, dass ich so einen schon besitze und finde ihn – zu meiner Überraschung – sofort. Dann recherchiere ich Bluetooth-Boxen, damit ich abends Hörbücher hören kann, ohne dass mein Handy neben meinem Kopf liegt. Dann fällt mir ein, dass ich eine Bluetooth-Box ebenfalls schon besitze. Ich stelle sie neben mein Bett.
Die ersten beiden Nächte schlafe ich mit einer geleiteten Meditation ein, während mein Handy in der Küche liegt. Als ich aufwache, greife ich wie aus Reflex auf den Nachttisch, aber da ist nichts und mein Herz macht vor Freude einen Sprung. Es ist wie ein Spiel: Wie lange kann ich an meinem Telefon vorbeilaufen ohne drauf zu schauen?
Ich schreibe in mein Notizbuch, lese, trinke Kaffee und liege nach dem Duschen nackt unter der Decke, während es draußen langsam hell wird. »Ich gehe nie wieder zurück«, denke ich und fühle mich ein klein wenig erleuchtet.
Am Nachmittag spreche ich mit einer Freundin, die gerade eine harte Zeit hat und biete an, in dieser Nacht erreichbar zu bleiben. Statt wie geplant das Handy am nächsten Morgen in die Küche zu legen, bleibe ich daran hängen und fühle mich scheiße. Also doch nicht erleuchtet, nur dein ganz gewöhnlicher Suchti.
Nach dem Gespräch mit Vlada deaktiviere ich meinen Instagram-Account. Dann lösche ich meinen Reddit-Account. Dann höre ich mit dem Rauchen auf (keine Ahnung, was das zu bedeuten hat). Dann habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit Lust, einen kleinen Instagram-Beitrag für SodaKlub zu schreiben. Auf einer Zugfahrt lade ich eine dieser App-Blocking-Apps herunter und stelle fest, dass ich anscheinend genau diese App schon besitze. Als würde ich eine vergangene Version meiner selbst im Äther treffen, nicken wir uns zu und ich bedanke mich für den bereits bezahlten Premium-Account. Dann rasiere ich mir die Haare ab (Was das zu bedeuten hat, weiß ich auch nicht, aber es scheint wichtig zu sein). Es ist weniger die perfektionistische Fantasie müheloser Produktivität, die mich bis vor kurzem noch angetrieben hat, oder die Sehnsucht nach einem gesunden Lebensstil, oder der Glaube eine intellektuell entschiedene Morgenroutine würde endlich das Chaos in meinem Leben beseitigen. Das alles ist noch da, aber das was entsteht, entsteht an den Leerstellen, die Instagram hinterlassen hat.
Heute sah mein Morgen so aus: Ich wache ohne Wecker auf, trinke Kaffee und lese. Ich versuche Yoga zu machen, aber habe nach 15 Minuten keine Lust mehr (Heute bin ich also keine Person, die Yoga macht). Ich frühstücke. Ich gehe raus und laufe ziellos durch meinen Stadtteil, höre das neue Album von The National und gehe schaukeln. Ich kaufe mir vier Äpfel auf dem Markt, esse einen davon gleich und koche mir zuhause einen zweiten Kaffee. Dann esse ich ein zweites Frühstück und schmiere meine Tastatur voll mit Ei, während ich diesen Text tippe. Vielleicht ist das alles noch Pink Cloud und ich gehe schon bald zurück. Aber so wie es jetzt ist, mag ich es.