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Knall

von Mia

Seit neun Tagen arbeite ich nicht mehr, ich esse wenig und wenn ich esse, dann schlecht, süß und fettig und nebenbei. Ich schlafe wenig, und wenn, dann entweder oberflächlich wie ein nervöses Kleintier oder tief und traumlos wie eine Tote. Ich kann nicht aufhören zu lächeln. Mein Herz schlägt wie eine Buschtrommel. Mein Kurzzeitgedächtnis ist lückenhaft, meine Konzentrationsfähigkeit ernsthaft beeinträchtigt. Als ich vorgestern versucht habe, zu arbeiten, konnte ich mir selbst dabei zusehen, wie ich jedesmal drei bis vier Minuten brauchte, um irgendeinen Ordner aufzumachen. Ich fühle mich, als hätte ich Fieber. Ich war heute morgen um zehn schon so fertig, dass ich nappen musste. Auch diesen Text zu schreiben verlangt mir einiges ab. Also es ist ernst. Ich war schon seit Jahren nicht mehr so verknallt.

Noch im viktorianischen Zeitalter sah man Verliebtheit als eine Art Krankheit. Plato nannte sie eine Geistesstörung (Drama, Plato!). 

Ich kenne Leute, besonders Nüchterne, die diesen Zustand überhaupt nicht genießen, weil er sich so sehr wie ein Drogenrausch anfühlt. Obwohl ich selbst ziemlich drauf stehe, finde ich es auch ein bisschen erschreckend, wie sehr sich die Verliebtheit wie eine chemisch induzierte MDMA Welle anfühlt.

Biochemisch ist es tatsächlich wie ein Drogenrausch: Adrenalin, Dopamin, Serotonin und Oxitocyn fluten das Hirn, man muss permanent übereinander herfallen und das schüttet dann jedesmal neues Dopamin und Serotonin und Adrenalin und Oxytocin aus. Manche Leute sind der Meinung, man ist nicht richtig nüchtern, wenn man alkoholfreies Bier trinkt oder Aspirin nimmt. Bei einer Verknalltheit ist man es dann erst recht nicht. 

Wenn man nahezu alle bewusstseinsverändernden Substanzen aus seinem Leben gestrichen hat, dann knallt so ein selbstgekochter Rausch besonders. Und man kann vielleicht gar nicht anders, als ihn kritisch zu sehen.

Ich habe auch wirklich ein bisschen Angst davor. Zumindest Respekt. Und obwohl ich diese wahnhaften Glücksgefühle und die singenden Bäume und die tanzenden Blumen und all das Theater ziemlich schön finde, hat ein Teil von mir nichts dagegen, wenn es vielleicht in ein paar Wochen ein bisschen milder wird und ich es auch mal wieder schaffe, mich auf irgendwas anderes zu konzentrieren.

Aber Mann, wie toll ist es, dass das noch geht. Das innerhalb einer Woche das ganze Leben auf links gedreht werden kann. Dass jemand, der eben noch ein völlig Fremder war, einen mit diesem Virus anstecken kann, der die ganze langweilige, banale Realität in ein magisches Licht taucht. 

Ich habe früher immer gefürchtet, dass es vorbei ist mit den intensiven Gefühlen, mit der Knalligkeit, wenn ich nüchtern werde.

Für alle, die es hören müssen, weil sogar Suchtmediziner manchmal behaupten, dass man für immer Zimmertemperatur haben muss, wenn man sich nicht mehr mit Alkohol zuballert: Keine Sorge, das stimmt nicht. 

Das fette, satte Leben, das in der Verknalltheit liegt, das Drama, der Überfluss und die Farbigkeit die Knalligkeit des Lebens — der Rausch eben — der ist nicht vorbei, wenn man mit Alkohol und anderen Drogen aufhört. Alle Farben sind noch da, auch wenn es ein bisschen dauern kann, bis man sie wieder alle wahrnehmen kann. 

Love 🩷 Mia

Kategorie Bi-Weekly

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