Ich lerne gerade, mit zehn Fingern zu schreiben.
Ich hatte das schon länger vor. Nicht aus Geschwindigkeitsgründen. Schnell genug bin ich bereits, sogar mit meinem amateurhaften zwei-bis-vier-Finger-System komme ich auf 55 wpm, was ungefähr der Geschwindigkeit meiner Gedanken entspricht.
Aber mein System ist erstens fehleranfällig und zweitens – und das ist das eigentliche Problem – unelegant. Immer auf meine Finger gucken müssen, unnötig lange Wege zwischen den Buchstaben zurücklegen, das ziemt sich einfach nicht für eine Autorin.
Also lerne ich das jetzt. Diesen Sommer ist es soweit, ein für alle Mal.
Jon sagt, es sei ein sehr merkwürdiger Zeitpunkt, tippen zu lernen, weil wir das in allernächster Zukunft sowieso nicht mehr brauchen, weil wir perspektivisch alles unserer Textsoftware diktieren bzw. einfach nur per Gedankenkraft materialisieren werden (Jon ist wohlhabend und daher tech-optimistisch). Aber sinnlos oder nicht, es sind ja irgendwie immer die aussterbenden Kulturtechniken, die eines Tages unsere geistige Gesundheit retten und uns entschleunigen und uns wieder auf eine risikoarme Temperatur runter kühlen, wenn wir kurz davor sind, verrückt zu werden.
Außerdem finde ich den Look gut: Ich will Mad-Men-Style mit perfekt gemachten Fingernägeln auf meiner Tastatur rum klappern und dazu einen Milchshake und einen Lidstrich rocken.

Ich will den Übergangsprozess so kurz wie möglich halten und committe mich deswegen komplett: Das alte System ist over. Alles, was ich schreibe, muss ich von nun an im neuen System schreiben, egal was kommt, ob Job oder privat – sieh zu, wie du klarkommst.
Weil ich mit diesem neuen System anfangs natürlich nicht mal halb so schnell bin wie vorher (20 wpm wenn ich ausgeschlafen bin), brauche ich Übergangslösungen. Ich habe keine Zeit, alles im Schneckentempo zu machen (auch wenn ich schnell merke, dass es einen angenehm meditativen Effekt auf mich hat).
Ein Trick ist es, meiner Notes App längere Textpassagen zu diktieren.
Dabei stelle ich fest, dass meine Finger zwar nicht so schnell sind wie meine Gedanken, meine Zunge aber schneller. Was dazu führt, dass ich sehr langsam diktieren muss, um mir überhaupt selbst folgen zu können. Ich lerne, dass das Aufschreiben selbst schon ein filternder und ordnender Prozess ist, beim Reden aber alles unmittelbar heraus kommt.
Einen ähnlichen Effekt hat es, wenn ich die Transcripts unserer Podcast Folgen lese: gesprochene Sprache hat einen vollkommen anderen Sound, wenn man sie liest. Wenn jemand mir sagt, dass ich druckreif rede, liegt das daran, dass ich alles schon mal schreibend durchgedacht habe, alles schonmal von überflüssigen Dreck befreit, geputzt und geschliffen habe.

Ich schreibe also für diese kurze Lernzeit entweder schneller oder langsamer, als ich denken kann. Während mein Muskelgedächtnis besser wird – ein irreversibler Prozess – werde ich Texte eine kurze Zeit lang in einer besonderen Weise schreiben, mit einem anderen Denkrhythmus, in einem anderen Herzschlag. Vielleicht ist es so ähnlich, wie wenn man seine Bilder von früher anguckt, bevor man die richtige Technik drauf hatte, diese nicht mehr reproduzierbare Qualität des Unperfekten, man könnte nie mehr so etwas machen, man ist einfach zu gut geworden, zu glatt.
Außerdem erinnert mich der Prozess an die Magie des Lernens selbst: wie unweigerlich es passiert, wenn man es einfach immer wieder macht. Ob man den Prozess genießt oder nicht, ob man flucht oder drauf steht, man wird es unweigerlich lernen, wenn man es immer wieder macht. Es ist egal, was du dabei fühlst. Also kannst du auch einfach Spaß haben.
Buchempfehlung von Mika
Ich lese gerade ein Buch über Embodiment und möchte, dass bitte jeder Mensch es ebenfalls liest. Hillary McBride erklärt in »The Wisdom of your Body (Öffnet in neuem Fenster)« schlüssig und einfühlsam, wie wir uns von unserem Körper abspalten, wie wir ihn verfluchen, optimieren oder kontrollieren wollen – Als gehöre er nicht zu uns. Als hätten wir einen Körper, nicht als seien wir ein Körper. Und wie wir langsam wieder zurückkommen. Aufmerksam geworden bin ich durch dieses Podcast Interview (Öffnet in neuem Fenster) im We Can Do Hard Things (Öffnet in neuem Fenster) Podcast, das ich nicht nur zwei mal angehört habe, sondern auch immer wieder pausieren musste.
Je mehr ich darüber lese, wie sich die tiefe Kluft zwischen Körper und Geist, die wir in unserer Gesellschaft aufgerissen haben, in unseren Leben zeigt, desto fassungsloser bin ich, dass ich das alles erst Anfang 30 lerne. Denn ich frage mich schon lange, was da nicht stimmt. Ich frage mich schon lange, wo man hingeht, wenn man kein Problem damit hat, wie man aussieht sondern ganz grundsätzlich damit, dass man überhaupt aussieht. Dieses Misstrauen gegenüber mir selbst hat auch dazu geführt, dass ziemlich viele Selbstverständlichkeiten für mich alles andere als selbstverständlich sind. Hier ist eine (unvollständige) Liste.
Nicht selbstverständlich:
Essen, wenn ich hungrig bin
Schlafen, wenn ich müde bin
Weinen, wenn ich traurig bin
Nein sagen
Keinen Sex haben, wenn ich keinen Sex haben will
Aufstehen, wenn ich unruhig werde
Nur Menschen berühren, die ich berühren will
Zeigen, wenn ich wütend bin
Still sein, wenn ich nichts sagen will
Meine Zeit frei verschenken
Rennen, wenn ich rennen will
Kleidung tragen, die sich gut anfühlt
Pause machen