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Kündigung und Alkohol

Ein Gastbeitrag von Tanja Selters

Gestern wurde mir überraschend gekündigt.

Ohne die Umstände im Detail zu erörtern, soll nur gesagt sein, dass dies dazu führte, mit der gesamten Palette an Emotionen innerhalb sehr kurzer Zeiträume konfrontiert zu sein. Schock, Überraschung, Sorge, Angst, Wut, Trauer, Überraschung sowie Gefühle von missverstanden werden und nicht wertgeschätzt, ungerechter Behandlung, ach ja, und nicht zu vergessen: Scham! Schuld! Schande! Scheitern!

Innerhalb weniger Minuten präsentierte sich die Welt als eine in Wirklichkeit völlig andere und alles, was eigentlich als ziemlich sicher und verlässlich galt, entblößte sich nun als vollkommen fragile Illusion. All das umwabert mit ein paar grundsätzlichen Gedanken und Gefühlen zu Themen wie „Vertrauen“ und „Zugehörigkeit“. Mir wurde gestern einfach von jetzt auf gleich der Boden unter den Füßen weggezogen, worauf ich schüchtern ein Gerüst für mein Leben errichtet hatte, gibt es ab sofort nicht mehr.

Im Laufe des Tages dachte ich zwischendurch daran, wie ich mich früher an einem solchen Tag verhalten hätte. 

Auf dem Heimweg hätte ich mir eine Flasche Wein oder ein paar Bier gekauft. Das wäre dann meine Gesellschaft für den Rest des Tages gewesen. Ich wäre nur noch einmal rausgegangen, bereits reichlich angetütert, um noch eine Flasche Wein zu kaufen oder ein paar Bier. Ich hätte ab mittags offiziell innerlich den Ausnahmezustand verhängt, mich wahrscheinlich mit von mir gestreckten Beinen auf den Boden gesetzt, wie vom Schlag getroffen, neben mir mein Getränk, vielleicht ein Tagebuch, vielleicht Musik angemacht, die die vorhandenen Emotionen verstärkt hätte und dann stundenlang geruhsam, aber innerlich hochgradig agitiert, vor mich hingestarrt, getrunken, alle Gedanken zur Situation durch mich durchrauschen lassen, merken, wie sich der Alkohol in meiner Blutbahn ausbreitet, zuerst in den Armen, bis er irgendwann den ganzen Körper betäubt hat und ich nicht mehr weiß wo er sich genau befindet, weil er nun überall ist.

Gegrübelt, Platz für Selbstzweifel und Depression schaffen, sie sich langsam aber sicher breitmachen lassen mit ihrer selbstsicheren Dreistigkeit und ihrem ewigen „ich hab sowieso Recht und gegen mich kannst du weder etwas sagen noch ausrichten, my way or highway“. Trotz, Selbstmitleid, Hilflosigkeit, Überforderung, alle Einfallstore für diese Gesellen wären weit geöffnet gewesen, damit sie unkontrolliert strömen können. Alles etwas weicher und dumpfer gemacht durch den Rausch, der langsam immer dichter geworden wäre, bis er sich irgendwann am späten Abend zu einem stagnierenden Zustand gefestigt hätte, der nur noch eins zu sagen zulässt: Leckt mich doch alle am Arsch, I don‘t give a fuck. Jeder Moment begleitet von einem unausweichlichen Gefühl von Unerträglichkeit.

Ich hätte noch etwas geweint, mich nicht richtig getraut mit jemandem zu sprechen, weil ich mich so geschämt hätte, erst für die Situation in der ich mich plötzlich befinde, für das was mir widerfahren ist, wahrscheinlich ist schließlich alles meine Schuld, aber auch für meinen Rausch. Aber mich können ja alle mal, auch meine sogenannten Freunde, ich habe doch gerade wieder festgestellt, was von Vertrauen zu halten ist.

Am nächsten Tag wäre ich verkatert und unerholt aufgewacht, zu früh und zu spät gleichermaßen, an einen Tag, der ok verläuft, wäre nicht zu denken gewesen. Die Erinnerung an gestern hätte mich überrollt, die Feststellung, dass es nicht nur ein scheiß Traum war, sondern dass die Welt heute immernoch anders ist als gestern. Gleich mitüberrollt hätten mich die Scham über meinen Umgang mit der Situation, über mein Trinken. Komplett hinuntergezogen die Schwäche in meinem Körper, der die Vergiftung auszubaden versucht und spürbar kämpft und ächzt weit bis in meine Psyche hinein. Die heiße Schockwelle beim Gedanken daran, ob es doch irgendeinen Austausch gab mit jemandem gestern und ich mich betrunken emotional ins endgültige Off katapultiert habe. Den ganzen Tag hätte ich damit verbracht, mich aus dem Drama, das ich am vorangegangenen Mittag zu spinnen begonnen habe, mühsam und schmerzvoll wieder zu enttüddeln. Ich hätte nichts gegessen, am Abend irgendwann vielleicht ein Stück Brot das nicht geschmeckt hätte, wie auch. Ich hätte alles getan und daran gesetzt, mich maximal auf allen Wegen und Ebenen zu schwächen. Dann wäre abwarten drangewesen, dass der schreckliche Zustand vorübergeht. Keinerlei Kraft, irgendetwas zu tun, was die Situation lindert. Zusätzlich zu dem beschissenen Vortag ein weiterer, neuer, anderer Tag voller Beschissenheit und Elend mit selbstgemachten Gründen.

Erst nach drei Tagen hätte ich mich langsam einigermaßen gefangen und etwas halbwegs Vernünftiges auf die Beine gestellt. Aber die Erfahrungen, die wären nicht ausgewischt gewesen und die Erinnerung an die Beschissenheit gut und sicher verwahrt für die Ewigkeit.

Ich weiß nicht seit wie vielen Jahren ich nicht mehr trinke, aber es sind einige.

Als ich gestern mit den neuen Umständen konfrontiert wurde, habe ich die Information auf- und angenommen und unumwunden akzeptiert, aber auch mein Uneinverständnis und Unverständnis mit der Handhabung direkt und deutlich geäußert. Mit Tränen in den Augen, aber sachlich und klar. Nachvollziehbar. Ich habe nicht geschluckt, um tagelang zu fühlen, wie sich das Gift in mir ausbreitet. Ich habe es kurz in der Hand gehalten und dann wieder zurückgegeben, dahin, wo es herkam.

Auf dem Heimweg, die Straße zur Bahn hinunterlaufend und in der Bahn, weine ich zwischendurch etwas weiter, dafür schäme ich mich tatsächlich kein bisschen. Ich sehe die anderen Menschen gar nicht. Ich schreibe allen, die mir spontan einfallen, dass mir gerade gekündigt wurde. Ich erhalte verschiedene Angebote und Reaktionen zurück und fühle mich nicht allein mit der Situation.

Zuhause angekommen, mache ich mir einen Tee, schreibe in mein Tagebuch, was passiert ist und mit welchen Gefühlen ich gerade beschäftigt bin und versuche mich ein wenig zu sortieren. Als der Tee alle ist, gehe ich zu meiner Nachbarin, mit der ich mich gerade anfreunde und die mir einen weiteren Tee vor die Nase stellt sowie Schokolade, Nimm Zwei und Studentenfutter. Ich erzähle und weine und muss auch ein bisschen lachen, sie hört mir zu und empört sich mit mir und unterstützt, tröstet und bestärkt mich damit. Es ist alles schon nicht mehr so schlimm, weil es mitgeteilt und geteilt ist. Ihr kleiner Hund versucht ohne Unterlass meine Tränen wegzuschlecken, bringt mir verschiedene seiner Spielzeuge, legt den Kopf schief und macht dabei einen verständnisvollen und mitfühlenden Blick, ich schwöre. 

Wir beschließen, draußen Mittag zu essen, ein Teller asiatische gebratene Nudeln scheinen mir gerade richtig. Mit scharfer Soße. Und einem kleinen, süßen, sprudeligen Getränk. Mein Kühlschrank ist voller Essen, aber ich sehe mich gerade nicht in der Lage zu kochen. Wir sitzen in der Herbstsonne und arbeiten unsere überfüllten Teller ab. Danach bin ich selbstredend todmüde, immerhin habe ich in den vergangenen drei Stunden alle Grundemotionen in voller Montur durchfühlt und einen riesigen Teller Nudeln verdrückt.

Ich lege mich hin, aber kann nicht schlafen. Alles ist unangenehm, meine Gedanken kreisen, ich will doch nur schlafen. Geht aber nicht. Ich telefoniere mit meiner nun Exkollegin und bin froh, mich aussprechen zu können, dabei mehr Ordnung in meine Gedanken zu bringen und ihre Zuneigung zu spüren zu kriegen und ihre Unterstützung. Ich telefoniere mit meinen Eltern, sie hocken zu zweit vor dem auf Lautsprecher gestellten Handy meiner Mutter und verfolgen meine Neuigkeiten gebannt. Ich mache einen recht souveränen Eindruck, glaube ich, ich möchte sie nicht sorgen. Beide sind lieb zu mir, das war nicht immer so, sie vermitteln mir ihren Zuspruch und ihre Unterstützung, keine Vorwürfe, keine Sorgen, keine Vibes von „da hat sie es mal wieder verkackt, aussprechen müssen wir es gar nicht erst, das merkt sie schon von allein“. Es ist schön, in den Genuss der Altersmilde zu kommen. Ich bin froh und dankbar, es annehmen zu können.

Wenn ich nicht gerade mit jemandem in Kontakt bin, schleicht sich ein depressiver Schub an: „Du hast keinen Platz auf dieser Welt. Wie schlimm muss man eigentlich sein, dass problemlos so schlimm mit einem umgegangen wird, hm? Denk mal drüber nach!“ „Vertrauen? Angenehmes Leben? Durchaus. Aber nicht für dich!“

Ich mache mir eine riesige Tasse Pfefferminztee mit zwei Löffeln Zucker, denn das ist mein ultimatives Trostgetränk. Ich brauche Wärme, Trost und Geborgenheit und mache mir eine Wärmflasche. Ich lasse den Plan, heute noch Sport zu machen, fahren und einige mich mit mir darauf, es so gemütlich wie möglich zu haben und irgendetwas zu gucken, was mich ausreichend interessiert und etwas davon ablenkt, immer wieder das Gleiche zu denken.

Lust zu kochen habe ich immernoch nicht, aber ich habe noch etwas vorbereitet und ein paar Kartoffeln aufzusetzen ist dann doch möglich. Ein Freund ruft mich an und ich unterbreche die Dokumentation über eine Serienmörderin, erzähle nochmal ausführlich alles, er hört mir zu, drückt sein Mitgefühl aus und ist lieb zu mir. Meine Kartoffeln brennen an, wir hören auf zu telefonieren, aber ich kann sie trotzdem noch essen. Ich bin etwas stolz, dass ich es an einem solchen Tag geschafft habe, zwei Mal ordentlich zu essen. Der depressive Schub mit seinen monumentalen Inhalten hat sich wieder verzogen. Ich bin wütend und traurig. Ich fühle Verlust und Ungerechtigkeit. Darüber weine ich und ich weine darüber, festzustellen, wie lieb alle zu mir sind. 

Ich weine etwas vor Dankbarkeit, dass ich weich falle dieses Mal, dass ich ein Zuhause habe mit einer Wärmflasche und Pfefferminztee und Zucker und Decken und Dusche und warmen Wasser und einem Kühlschrank voll Essen und einer Nachbarin mit einem süßen Hund und einer funktionierenden Handyverbindung.

Mir fällt auf, dass heute ein Tag gewesen wäre, an dem ich mich betrunken hätte, normalerweise, früher. Dass der Tag zwangsläufig einen unheilvollen Verlauf genommen hätte, mit einem tagelangen Rattenschwanz zusätzlicher Schmerzen, die ich mir damit verursacht hätte. Es wäre überhaupt keine Frage der Entscheidung gewesen, sondern wie eine natürliche Begebenheit, eine Zwangsläufigkeit mit vorherbestimmten Ereignissen.

Ich schlafe eine Nacht und ich schlafe nicht besonders gut, morgens um halb 4 wache ich auf, das kenne ich sehr gut aus Zeiten mit Depression. Jeden Morgen gegen 4 schalten sich die Gedanken an und verbreiten eine erbarmungslose Schrecklichkeit. Ich kenn das ja. Ich lieg ein wenig da rum, denke und fühle mich schrecklich, stehe dann aber auf und hole mir noch eine Decke, ich versuche Geborgenheit herzustellen. Ich sprühe mir etwas Melatonin in den Rachen, setze meine Schlafmaske auf und höre mir eine Folge Drei Fragezeichen so leise an, dass ich garantiert nicht verstehe, was passiert. Ich schlafe noch ein paar Stunden, dankenswerterweise. Aufgewacht wird mir wieder alles gewahr, aber es fühlt sich so anders an. Ich werde traurig und weine, es flutet mich einmal komplett, dann ebbt es wieder ab und ein Kreis schließt sich. Ich merke, dass ich das nicht mit mir herumtragen werde, dass es sich nicht in mir festsetzen wird. Es geht durch mich hindurch und ich fühle alles was es zur Lage zu fühlen gibt komplett durch, vielleicht auch mehrmals, eben so oft wie nötig, bis es sich abgetragen hat. Neue Ideen und Pläne, Vorstellungen formen sich. Mir fallen nicht wenige Vorzüge und Möglichkeiten an der Sache auf. Klarheit weitet sich in mir und ein Gefühl von Frieden und Akzeptanz. Spätestens morgen wird die Sache rückstandslos verdaut sein und keinen Schatten hinterlassen haben.

Kategorie Gastbeiträge

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