LITERATUR-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
>>Aber das Schweigen macht es nicht ungeschehen, Mo. Nur unausgesprochen. Weißt du.<<
Zuschreibungen aufgrund von Vorurteilen und Projektion: Zwei größere Probleme nicht nur in „unserer“ Gesellschaft. Oder im vorliegenden Jugend-Roman der (teils feinen) Wiener Gesellschaft rund um Opernball und Taylor Swift. Julya Rabinowich umrahmt MO & MORITZ mit Shakespeares Romeo & Julia (oder Spider Mans Peter Parker und Gwen Stacy), also einer Erzählung von star-crossed lovers. Liebender also, deren Liebe nicht unter dem besten Stern steht.

Nun gleich einmal vorweg und MAJOR SPOILER ALERT: Der im Januar bei Hanser (Öffnet in neuem Fenster) erschienene, trotz einer Blauen Fee fantastisch geerdete Roman Rabinowichs steckt zwar voller Dramatik so wie Romantik, spitzt sich unweigerlich zu, stellt ständig neue Fragen und öffnet viele Gefahrenbereiche. Doch ist das Ende keines, das einen endgültigen Abschied bedeuten würde (Öffnet in neuem Fenster). Kaum wer wird zu einer Wolke (Öffnet in neuem Fenster).
Zunächst zum Anfang: Mo, der aus einer Familie mit muslimischen Wurzeln stammt, ist mit dieser auf der Suche nach Schutz vor Krieg und Tod nach Wien gekommen. Durch ein Missverständnis gepaart mit geschmeidigem Grund-Rassismus fliegt er von der Schule. Doch tut sich in einem der noblen Wiener Friseursalons eine Gelegenheit für ihn auf, die er unsicher und doch mutig ergreift. Als der Salon von Herrn Franz auserkoren wird, die Frisuren wie Krönchen für die Debütantinnen des Wiener Opernballs zu richten, trifft Mo auf einen mysteriösen jungen Mann, der „[g]raue Augen und dunkle Locken“ hat, schmal ist und der, im Gegensatz zu Mo, „sehr, sehr helle Haut“ hat.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/bf7deae6-3cdb-4485-95dd-3df6bc62f718 (Öffnet in neuem Fenster)Bald heißt es „Mo war hier“, doch geht es dabei eben nicht um den scheuen Mo, sondern Moritz, den Jungen vom Opernball. Dieser ist weniger scheu, wenngleich nicht ohne eigene Päckchen, die Julya Rabinowich ebenso wie die Familiendynamik Mo’s nach und nach auspackt. Ohne Dellen kommen sie allerdings nicht an.

Es ist, anders kann es nicht gesagt werden, schlicht beeindruckend, wie die Autorin die tonalen Wechsel mit scheinbar selbstverständlicher Eleganz vollzieht (Öffnet in neuem Fenster), wie sie zwischen der Zuneigung von Mo und Moritz zum Zorn der Umgebung wechselt. Wie sie Mo klingen, träumen, sich wundern und ärgern, lieben und lügen lässt. Wie sie Moritz' Klarheit wanken und ihn lernen, aber auch entschieden sein lässt. Wie die Familien von und in MO & MORITZ unterschiedlicher, auch ineinander, nicht sein könnten. Wie jede Eigenschaft und Bewegung greifbar wird. Wie das Begehren spürbar ist, ebenso die Unsicherheit. Wie keine Beobachtung unnütz wirkt und dennoch nichts gekünstelt bedeutungsschwanger aufgeladen ist (Öffnet in neuem Fenster).
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/253cd360-7264-470c-bb9b-f90f5694aa08 (Öffnet in neuem Fenster)Was Heartstopper für Mental Health Issues (Öffnet in neuem Fenster) ist, dürfte Mo & Moritz für die Fragen sein, was uns prägt, wenn wir mit Kriegs- und Erinnerungstrauma, vererbten Ängsten und einer neuen Welt konfrontiert sind. Rassismus, Antisemitismus, Islamismus und Terrorismus begleiten die liebevolle Geschichte der beiden Jungen, die, wie es scheint, schon sehr jung recht alt zu sein haben. Jedoch, bei allem Schmäh und aller bissigen Schlagfertigkeit (Öffnet in neuem Fenster) Moritz', nicht altklug sind. Ihre Sorgen, ob die alltäglichen oder größeren, sind real und werden nicht durch abrupte Genialität oder fragwürdige Resilienz aufgelöst (Öffnet in neuem Fenster). Leben statt Élite.

Julya Rabinowich erzählt die Geschichte um junge Jungen-Liebe, familiäre Fallstellen und starke Schmerzgeister mit feingliedriger Wucht, gewinnendem Humor und spannungsgeladenem Charisma. Eine auch den Leser*innen zugewandte Charaktergeschichte ohne unnötige Exposition, voller Nähe und Echtheit. Ein sensationell wunderbarer Roman.
AS
IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (Öffnet in neuem Fenster) oder auf Facebook (Öffnet in neuem Fenster). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (Öffnet in neuem Fenster), durch unseren Merch stöbert (Öffnet in neuem Fenster) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Julya Rabinowich: Mo & Moritz (Öffnet in neuem Fenster); Januar 2026; 224 Seiten; Klappenbroschur; ab 14 Jahren; ISBN 978-3-446-28589-7; Hanser Verlag; 17,00 €
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/3ddbf307-da86-4631-91b3-fa5ee86e1f54 (Öffnet in neuem Fenster)