SACHBILDERBUCH (Öffnet in neuem Fenster)-KINDERBUCH-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
...und etwas zu einem gewissen Charles D. aus D., K.
Was haben Charles Darwin und ein Regenwurm (vermutlich) gemeinsam? Was? Nein, nicht den blassrosa Hautton, Hendrick... Genau, sie sind beide gottlos. Der eine, weil er meinte, Gott und Welt, das gehe so recht nicht zusammen. Der andere, weil er vermutlich schlicht kein Konzept von G'tt hat. Wer nun wer ist, bleibt euch überlassen. Weiterhin eint Darwin wie Wurmwin, dass sie erstaunlich vielseitig sind.

So jedenfalls vermitteln es uns zwei sehr bunte Bücher. Eines ist ein humorvolles Sachbilderbuch ab 5 Jahren von Polly Owens, das bereits 2024 in der Übersetzung von Ulrike Hauswaldt bei Penguin Junior erschienen ist und den verlockenden Titel Kackadiesisch! Darwins großes Regenwurm-Spektakel trägt. In diesem geht es in herrlich plastischen Illustrationen (Öffnet in neuem Fenster) von Gwen Millward (die ursprünglich Naturforscherin werden wollte, da sie es liebt, Insekten zu studieren und zu zeichnen) vor allem darum, was den bekanntesten britischen Naturforscher nach David Attenborough dazu brachte, sich trotz seiner Kritiker nicht von seiner Idee abbringen zu lassen, dass Regenwürmer eine erstaunliche Superkraft besäßen.

Nur welche? Um dies herauszufinden wurden Seh- und Lichttests durchgeführt, Darwin spielte Kammermusik, brachte die Umgebung ins Schwingen, picknickte mit den ihn so faszinierenden, heute teils als gefährdet geltenden Regenwürmern, ja, spielte gar Schatzsuche mit ihnen! Zwar registrierte er Fähigkeiten und Verhaltensweisen im Sinne stereotyper Reaktionen im Gegensatz zu kognitiven Reaktionen, doch eine wirkliche Superkraft, etwas, das sie besonders auszeichnete und womit er die VIPs der Gesellschaft überzeugen konnte, dass es sich nicht um Schädlinge handelte, fand er zunächst nicht.
Doch dann, doch dann...! Findet er sie und irgendwie hat das gar etwas mit ganz alten Steinen, nämlich jenen in Stonehenge, zu tun. Was und wieso und welche, sei hier nicht verraten (die Coverabbildung mag ein Anhaltspunkt sein). Nur der Satz, mit welchem Darwin nach jahrelangen Studien die Veröffentlichung seiner bahnbrechenden Ergebnisse beschloss:
„Es darf bezweifelt werden, ob es viele Tiere gibt, die eine dermaßen wichtige Rolle in der Erdgeschichte gespielt haben wie diese niederen, wohlorganisierten Geschöpfe.“

Der bunte und sehr quirlige Band ist ein perfekter Einstieg in die Welt Darwins und der Forschung, fördert Wissen und Neugierde bei größtmöglicher Unterhaltung. Ganz zum Ende wird noch ein wenig hartes Wurm-Wissen vermittelt. Zum Beispiel war uns unbekannt, dass es über 3000 verschiedene Regenwurmarten gibt. Dass sie intelligent und gesellig sowie zwittrige Wesen sind hingegen wussten wir. (Oder behaupten es nun einfach mal...)

Viel Unbekanntes hingegen entnehmen wir dem nicht minder bunten, in bestem Rosa-Farbton gehaltenen Band Über das unglückliche Leben der Regenwürmer von Noemi Vola, der wenig überraschend in der Kategorie Ästhetik als Wissensbuch des Jahres 2025 nominiert ist (Öffnet in neuem Fenster). Erschienen ist der fantastisch wuselige Band in der Übersetzung von Alexandra Titze-Grabec im Frühjahr 2025 im Kunstmann Verlag.
Nach der Mahnung der Autorin, bloß nie ein Buch über Regenwürmer zu schreiben, führt sie uns in die Wurm-Welt ein und begleitet uns dann in sieben Kapiteln zu den verschiedensten Eigenschaften und Verhaltensweisen, Forschungen und Studien (Darwin is back!), Gedanken und Philosophien zum und gar vom Wurm-Leben. So wird der Frage nachgegangen, warum der Regenwurm womöglich lieber ein Schnürsenkel wäre, als er selbst. Es geht um Gräben und Teilung, Tarnung und Unsicherheit, Gegner und Fressfeinde – wenn auch anders, als der Gemeine Deutsche denken mag. Es regnet und stürmt, geht ins Museum und in Bücher, Gesellschafts- und Haushaltstipps werden geteilt und die Wichtigkeit des passenden Schwanzes wird vermittelt.

Das “relativ kurze, naturkundliche Traktat” ist so unterhaltsam wie sachkundig, stimmt irgendwie nachdenklich und ist erfüllt von liebevoller Kraft, wie sie sich selten in leicht versponnenen, wuseligen Sachbilderbüchern für (junge) Erwachsene und ältere Kinder finden. (Wobei allein die brillanten Illustrationen jede Generation anfixen dürften.) Die Textteile reichen von knackigen One-Linern zu ausführlichen Erläuterungen.

So viel also gesponnen wird, so viel wird gelernt über diese Würmer mit all ihren erstaunlichen Facetten. Der Band, von dem wir inhaltlich nicht zu viel verraten wollen, da er auf nahezu jeder Seite überrascht, ist ein naturkundliches Fest (sicherlich auch ein gutes Geschenk zu diesem) voller Geheimnisse und wir drücken alle Daumen und Co. für den Wissensbuchpreis!
AS
PS: Und noch einmal mehr Charles Darwin! Die August/September-Ausgabe aka No. 171 von mare befasst sich in der Titelgeschichte von Jürgen Neffe und Anthony Russo mit “Weltversteher” Darwin und der “Reise, die die Welt veränderte.” Weitere Themen sind die Badekappe, eine schottische Hebrideninsel (in Gestalt einer reich bebilderten mare-Reportage), Maulbrüter und der belgische Maler Leon Spilliaert. Infos zum Heft findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
(Öffnet in neuem Fenster)Die Auszeichnung für die Wissensbücher des Jahres wird seit 1993 vom Magazin Bild der Wissenschaft verliehen. 2025 sind 59 Bücher in sechs Kategorien nominiert. [Bis zum 14. August 2025 konntet ihr an der Publikumswahl teilnehmen (Öffnet in neuem Fenster).] Das Ergebnis dieser sowie die von der 11-köpfigen Jury ausgewählten Titel werden am 21.11.2025 im Dezember-Heft von Bild der Wissenschaft und auf wissenschaft.de (Öffnet in neuem Fenster) bekannt gegeben.
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Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Polly Owen (Texte), Gwen Millward (Illustrationen): Kackadiesisch! Darwins großes Regenwurm-Spektakel (Öffnet in neuem Fenster); Aus dem Englischen von Ulrike Hauswaldt; Februar 2024; 32 Seiten, durchgehend farb. Illustriert; Hardcover, gebunden; Format: 23,5 x 27,6 cm; ISBN: 978-3-328-30297-1; Penguin Junior; 16,00 €

Eine Leseprobe findet ihr hier (Öffnet in neuem Fenster).
Noemi Vola: Über das unglückliche Leben der Regenwürmer. Ein relativ kurzes naturkundliches Traktat (Öffnet in neuem Fenster); Aus dem Italienischen von Mag. Alexandra Titze-Grabec; März 2025; 264 Seiten, durchgehend farb. illustriert; Hardcover, gebunden; Format: 15,5 × 21,5 cm; ISBN: 978-3-95614-629-9; Kunstmann Verlag
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