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#96 #Desinformation #AMOC #Interview

Aus Liebe zu den Meeren

Stefan Rahmstorf warnt seit über 30 Jahren vor den Folgen der Erderhitzung. Ein Gespräch über die USA unter Trump, die Ozeane und den fatalsten aller Kipppunkte. Lesezeit: ~ 7 Minuten

Er ist Deutschlands bekanntester Klimawissenschaftler und taucht in gefühlt jeder ARD- oder ZDF-Sendung zur Klimakrise auf. Scientists for Future hat er von Anfang an unterstützt. Und über seine Social-Media-Accounts erreicht er regelmäßig Hunderttausende Menschen.

Stefan Rahmstorf forscht seit Jahrzehnten zu Ozeanen und warnt genauso lange vor den Folgen der Klimakrise. Zwei seiner Schwerpunkte: der Kampf gegen Desinformation und der Kipppunkt der atlantischen Umwälzzirkulation (AMOC). Über beides und noch viel mehr haben wir mit ihm gesprochen.

Ein Foto von Stefan Rahmstorf
Stefan Rahmstorf, Abteilungsleiter für Erdsystemanalyse beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). 📸: Astrid Eckert

Stefan, du schreibst in deinem Kapitel in Unlearn CO₂ (Öffnet in neuem Fenster), dass du die Meere liebst. Wie hast du diese Liebe entdeckt?

Als ich sechs Jahre alt war, bin ich mit meinen Eltern nach Holland gezogen, nach Haarlem. Das ist nicht weit weg von der Nordsee. Wir haben bei gutem Wetter fast jedes Wochenende am Strand verbracht.

Als ich Gastdozent in Sydney war, habe ich auch Wellenreiten gelernt. Seither habe ich dafür aber keine Gelegenheit mehr gehabt, leider. 

Als renommierter Klimaforscher wärst du der Regierung in den USA mindestens ein Dorn im Auge. Trump greift die Wissenschaft massiv an, streicht Gelder in Milliardenhöhe (Öffnet in neuem Fenster) und versucht, Harvard zu ruinieren. Was löst das bei dir aus?

Mich erinnert die Entwicklung an den Nationalsozialismus, wo unliebsame Wissenschaft kaputt gemacht wurde. Der einzige andere Fall, den ich aus der Geschichte kenne, ist der Lyssenkoismus (Öffnet in neuem Fenster) in der stalinistischen Sowjetunion, bei dem nicht linientreue Wissenschaft unterdrückt wurde, insbesondere im Feld der Genetik. 

Es ist erschreckend. Die Mittelkürzungen berauben eine ganze Generation junger Nachwuchswissenschaftler*innen ihrer Zukunftschancen. Davon werden sich die USA, die bislang in der Wissenschaft führend waren, Jahrzehnte nicht erholen. Es ist so, als würden die USA jetzt absichtlich ihre Führungsrolle in der Wissenschaft an China übergeben.

Hast du Sorge, dass Ähnliches auch in Europa passieren kann?

Nein, habe ich akut nicht.

Trotzdem haben wir auch in Deutschland und Europa mit Desinformation und Angriffen auf die Wissenschaft zu kämpfen. Verschärft sich das Problem durch den Rechtsruck?

Ich habe keinen Gesamtüberblick, aber ich beobachte, dass sich bezüglich der Klimakrise die Strategie verlagert hat. Man sieht nur noch wenig generelles Bestreiten der Wissenschaft. Es geht jetzt um Desinformation rund um die Lösungen wie erneuerbare Energien, Elektromobilität oder Wärmepumpen. Gegen das Heizungsgesetz haben wir ja eine aggressive Kampagne erlebt. 

„Klimaskeptiker“ interessieren sich nicht wirklich für Wissenschaft. Es ging letztlich schon immer um die politischen Folgerungen, die daraus gezogen werden. 

Hinter der Desinformation steckt maßgeblich auch die Lobby der fossilen Industrie. Ist Lobbyismus sogar der Hauptgrund dafür, dass wir beim Klimaschutz so langsam vorankommen?

Das glaube ich schon. Die Öffentlichkeit wurde immer wieder mit großem Aufwand getäuscht. Zudem hat die Lobby einen direkten Einfluss auf die Politik. 

Es gibt natürlich auch einen Teil der Bevölkerung, der diese Lobby-Desinformation bereitwillig aufnimmt. Dem Angebot an Desinformation steht also eine gewisse Nachfrage gegenüber. Es kann schließlich durchaus entlastend sein, zu hören, dass sich nichts verändern muss. 

SHOUTOUT

Die neue Wirtschaftsministerin Katherina Reiche war zuletzt Chefin der Westenergie, eine Tochtergesellschaft des Energiekonzerns E.on, die auch Gas-Netze betreibt. Hat es die Gas-Lobby mit Reiche jetzt in die neue Regierung geschafft?

Ihre ersten Äußerungen wecken da durchaus Befürchtungen. Sie will Gaskraftwerke stark ausbauen und redet von einem angeblichen „Zwang zur Wärmepumpe“. 

Gibt es andere Staaten in Europa, die beim Klimaschutz gerade einen besseren Job machen als Deutschland?

Da gibt es einige, die ihre Emissionen in den letzten 20 Jahren deutlich stärker reduziert haben. Großbritannien zum Beispiel ist als erste Industrienation aus der Kohle ausgestiegen. Und Dänemark hat es geschafft, dass Klimaschutz nicht so polarisiert wie in anderen Ländern. Dort wurde nach pragmatischen Lösungen gesucht, statt einen Kulturkampf loszutreten.

Meine Co-Autorin bei einem früheren Buch über die Ozeane, Katherine Richardson, hat eine Kommission der dänischen Regierung geleitet, die Vorschläge zum Klimaschutz unterbreitet hat. Die wurden zu einem großen Teil umgesetzt.

Dänemark hat schon 2013 den Einbau von fossilen Gas- und Ölheizungen in Neubauten und 2017 in Altbauten verboten. Wir könnten, finde ich, öfter auf die Erfolgsmodelle von Nachbarstaaten schauen und daraus etwas lernen.

Wir müssen natürlich auch noch über die AMOC sprechen, die atlantische Umwälzzirkulation. Sie transportiert warmes Wasser nach Norden und sorgt in Europa für mildes Klima. Durch die Klimakrise könnte sie kippen und zum Erliegen kommen. Was ist der aktuelle Stand der Forschung?

Diese Frage erforsche ich seit über 30 Jahren. 1991 habe ich damit angefangen. Lange hat man über das Kippen der AMOC als ein sogenanntes „Low Probability, High Impact“-Risiko diskutiert. Die Forschung der letzten fünf bis zehn Jahre zeigt, dass es doch nicht so unwahrscheinlich ist, wie wir früher alle dachten. 

Ein Schaubild der AMOC
Wenn die AMOC versiegt, ändert sich das Klima in Europa radikal. 📊: C. Böning/M. Scheinert, GEOMAR

Wann könnte es soweit sein?

Die Standard-Klimasimulationen aus den IPCC-Berichten zeigen, dass die AMOC bis zum Jahr 2100 noch nicht komplett zusammengebrochen, aber stark abgeschwächt ist.

Bei einigen dieser Modelle wurde inzwischen über das Jahr 2100 hinaus gerechnet. Wenn die Emissionen hoch bleiben, zeigen diese Modelle, dass die AMOC im nächsten Jahrhundert komplett zusammenbricht.

Der Kipppunkt (Öffnet in neuem Fenster), an dem diese Entwicklung zum unvermeidlichen Selbstläufer wird, liegt offenbar um 2050 herum. In 25 Jahren könnten wir diesen Punkt also schon überschreiten, wenn wir nicht sehr schnell weltweit die Emissionen reduzieren.

In nur 25 Jahren. Das ist ja noch früher als bisher vermutet.

Was ich gerade gesagt habe, ist noch nicht publiziert. Das ist das neueste Ergebnis, von dem es bisher nur den Preprint gibt. Die Studie ist gerade noch im Peer-Review-Prozess, wird also noch von anderen Wissenschaftler*innen geprüft.

Nehmen wir einmal an, die AMOC wäre vor 100 Jahren schon gekippt. Wie sähe unser Leben in Deutschland heute aus?

In Nordeuropa wäre es kälter (Öffnet in neuem Fenster), während sich Südeuropa durch den Treibhauseffekt weiter erwärmt. Die Temperaturkontraste werden also größer. Das hieße für uns wesentlich extremere Wetterbedingungen. Mal wäre es sehr kalt, wenn Kaltluft von Norden einströmt und mal sehr warm, wenn Warmluft von Süden kommt. 

An solchen Temperaturkontrasten in der Atmosphäre bilden sich starke Stürme und Unwetter. Zudem würde sich der Meeresspiegelanstieg an den Küsten beschleunigen. Ein Zusammenbrechen der AMOC würde im nördlichen Atlantik bis zu einem Meter Meeresspiegelanstieg verursachen – zusätzlich zu dem weltweiten Anstieg, der durch die globale Erwärmung und die Eisschmelze ohnehin abläuft.

Hinzu kommt der krasse Temperaturabsturz, der in einem sehr kurzen Zeitraum stattfindet – bis zu minus drei Grad pro Jahrzehnt.

Ja, innerhalb von ein bis zwei Jahrzehnten nach Überschreiten des Kipppunkts merken wir erhebliche Temperaturveränderungen. Bis die AMOC komplett versiegt ist, dauert es aber insgesamt 50 bis 100 Jahre.

Das klingt fast so, als hätten wir noch Zeit, um uns daran anzupassen.

In den Modellen sieht man, dass stufenweise abrupte Dinge passieren. Eine Anpassung daran ist mindestens extrem schwierig. Es gäbe drastische Folgen, die zum großen Teil noch gar nicht detailliert erforscht sind. 

Was die Landwirtschaft angeht, kenne ich nur eine britische Studie (Öffnet in neuem Fenster), die gefolgert hat, dass es in Großbritannien massive Ernte-Einbußen geben würde. Ein Kippen der AMOC geht auch mit starker Trockenheit in vielen Teilen Europas einher. 

Unsere Ernährungssicherheit wäre also gefährdet. Die Folgen passieren schließlich nicht nur in Europa, sondern auch um die Tropen, wo sich die Niederschlagsgürtel verschieben.

Das ist eine Katastrophe von solchem Ausmaß, dass wir alles daran setzen sollten, sie zu vermeiden – indem wir so schnell wie möglich unsere Emissionen auf Null herunterbringen, statt darüber nachzudenken, ob man sich noch irgendwie anpassen kann.

Macht Dir all das auch manchmal Angst?

Mir macht das vor allem Angst für die Zukunft meiner Kinder, die das noch erleben werden.

(Öffnet in neuem Fenster)
💌 Ausgabe #75: Don't Look Down. Was passiert, wenn die AMOC kippt?

Am PIK forscht ihr mittlerweile auch zu einem globalen Klimakipppunkt. Wie muss man sich einen solchen Kipppunkt vorstellen?

Es gibt seit längerem eine Debatte darüber, ob man einen Runaway-Treibhauseffekt triggern könnte – also einen sich selbst verstärkenden Treibhauseffekt, der außer Kontrolle gerät.

Das ist zum Glück sehr unwahrscheinlich. Realistisch ist aber eine begrenzte Verstärkung der Erwärmung, weil Ökosysteme nicht mehr so viel CO₂ aufnehmen wie bisher und durch die Erwärmung Methan aus Permafrost und den Meeren freigesetzt wird. 

In Deutschland sehen wir dafür schon ein gewisses Indiz: Dem Wald geht es so schlecht, dass er seit 2018 zur CO₂-Quelle geworden ist. Zuvor hatte er netto immer CO₂ aufgenommen – so wie man das eigentlich von Wäldern auch erwarten darf, wenn sie gesund sind.

Angesichts dieser möglichen Entwicklungen: Würdest Du Dir wünschen, dass noch mehr Wissenschaftler*innen lauter werden und an die Öffentlichkeit gehen?

Auf jeden Fall – das habe ich im Laufe der letzten Jahre immer wieder gesagt. Ich finde, Wissenschaftler*innen haben eine Verantwortung und sogar eine Pflicht, vor Gefahren zu warnen, die sie erkannt haben.

Das sollten die Kolleg*innen auch nicht nur einigen wenigen überlassen. Aus meiner Sicht sollten sich so viele Wissenschaftler*innen wie möglich an der öffentlichen Diskussion zur Klimakrise beteiligen.

Vielen Dank für deine Zeit.

Wenn Du zur AMOC noch tiefer einsteigen willst: Erst vor wenigen Tagen haben die niederländischen Forscher René van Westen und Michiel Baatsen eine neue Studie veröffentlicht (Öffnet in neuem Fenster), die zeigt, wie stark sich Europa abkühlt, wenn die AMOC kippt und sich die Welt gleichzeitig um zwei Grad erhitzt. 

In Berlin zum Beispiel gäbe es im Vergleich zu heute dreimal so viele Tage im Jahr, an denen es kälter als null Grad ist. Extreme Winter mit bis zu minus 29 Grad würden durchschnittlich alle zehn Jahre auf uns zukommen. 

(K)eine Story für die Titelseiten

Es gibt noch eine weitere Studie, die eigentlich jede*r kennen sollte: Bislang sind Forscher*innen davon ausgegangen, dass die Ozeanversauerung kritisch, aber noch nicht im roten Bereich ist. Ein neues Paper zeigt jetzt (Öffnet in neuem Fenster), dass wir diese planetare Grenze wohl schon vor fünf Jahren überschritten haben. Für uns eindeutig eine Titelstory, die mal wieder keine geworden ist.

Unser Klimasong kommt schon zum zweiten Mal von Deichkind. In Die Welt ist fertig (Öffnet in neuem Fenster) denken die Hamburger alles einfach mal bis zum Ende.

Alle Straßen sind geteert
Gelsenkirchen liegt am Meer
in Grönland wachsen Palmen
alle Groschen sind gefallen

Die Welt ist fertig, endlich fertig
Die Welt ist fertig, so richtig fertig
Die Welt ist fertig, einfach fertig
Die Welt ist fertig, ganz schön fertig

Die nächste Ausgabe bekommst Du am 28. Juni.

Herzliche Grüße
Julien & Manuel

PS: Wenn Du diese Mail schnell geöffnet hast, hast Du noch die Chance am Tag der Klimademokratie teilzunehmen, der heute, am 14. Juni, stattfindet. Bei dieser Aktion treffen in persönlichen Gesprächsrunden immer 15 Bürger*innen auf Politiker*innen aus dem Bundestag, um über die Klimakrise und ihre Lösungen zu sprechen.

Um 10 Uhr beginnt der Auftakt im Livestream – Du kannst hier auf Youtube dabei sein (Öffnet in neuem Fenster). Auch Last-Minute-Anmeldungen für die Gesprächsrunden (Öffnet in neuem Fenster) sind noch möglich. 

PPS: In der aktuellen Folge vom Pod der guten Hoffnung ist Aktivist und Autor Raphael Thelen zu Gast und nimmt, wie gewohnt, kein Blatt vor den Mund – hier geht’s zur Folge auf Spotify (Öffnet in neuem Fenster). Alternativ suche einfach im Podcast-Player deiner Wahl nach „Pod der guten Hoffnung“.

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📖 Zu unserem Buch „Unlearn CO₂ (Öffnet in neuem Fenster)“ (Ullstein)

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