Hi,
was tun, wenn autoritäre Kräfte nicht nur reden, sondern regieren? Eine neue Analyse vom Thinktank Rechtsextremismus beantwortet genau das: “Das autoritäre Playbook verstehen - Demokratie organisieren (Öffnet in neuem Fenster)”.
Darin erklären die Autor:innen nicht nur autoritäre Strategien, sie geben auch Empfehlungen, wie wir unsere Demokratie schützen können. Sehr knapp zusammengefasst:
Wir müssen autoritären Kräften glauben, sie werden sich im Amt und mit Macht ausgestattet nicht mäßigen. Und wir müssen schon früh standhaft sein, breite Bündnisse über politische Lager hinweg schmieden, unsere Institutionen schützen, miteinander solidarisch sein und eigene Themen setzen, statt immer nur hinterherzurennen.
Deshalb werfen wir heute einen Blick in die Zukunft und dechiffrieren ein extrem rechtes Geschichtsnarrativ, das jedes Jahr zum 13. Februar bemüht wird.
Bleib achtsam und alles Liebe,

Um was gehts?
“Die Bombardierung Dresdens und der anschließende Feuersturm vernichteten das Elbflorenz und die darin lebenden Menschen. Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen. Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki.”
Das sagte Björn Höcke bereits 2017 in seiner Dresdner Rede [1] vor der damaligen Jungen Alternative. In ihr forderte er eine “erinnerungspolitische Wende” und erklärte, die Deutschen seien das “einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt” habe.
Die Rede ist eine Aneinanderreihung rechtsextremer und geschichtsrevisionistischer Takes. Dazu zählt auch die Erzählung vom sogenannten “Bombenholocaust”.
Zwar nutzt Höcke den Begriff nicht offen, greift aber dessen Kern auf, wenn er alliierte Luftangriffe mit Atombombenabwürfen gleichsetzt.
Passend zum Datum schauen wir uns an, was hinter diesem Narrativ steckt - und warum die extreme Rechte den 13. Februar Jahr für Jahr politisch instrumentalisiert.
Die Gleichsetzung von Schuld
Vom 13. bis 15. Februar 1945 griffen alliierte Flugzeuge Dresden an. Die Folgen waren verheerend: Große Teile der Innenstadt wurden zerstört, Zehntausende Menschen getötet. Deshalb lädt die Stadt jedes Jahr am 13. Februar dazu ein, der Toten zu gedenken, an das Leid der Überlebenden und an die “verheerenden Folgen von Menschenverachtung, Diktatur und Nationalismus” zu erinnern. So steht es auf der Webseite Dresdens [2]. Auch dieses Jahr soll demnach eine Menschenkette gebildet werden, die “Krieg, Gewalt und Zerstörung” und einer “politischen Instrumentalisierung des Tages” entgegentritt.
Genau diese Instrumentalisierung findet dennoch Jahr für Jahr statt.
Kurz vor dem 13. Februar mobilisiert die extreme Rechte nach Dresden, ruft zu Kundgebungen und Märschen auf und verengt das Gedenken ideologisch.
Das zeigt der Ausschnitt aus Höckes Rede. Darin fehlt der historische Kontext. Höcke spricht nicht über den von Deutschland begonnenen Angriffskrieg oder den alliierten Kampf gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Verantwortung bleibt unausgesprochen.
Das ist kein Zufall. Höcke will die Geschichte umdeuten.
Das Dokumentationsprojekt “Geschichte statt Mythen”, das sich mit geschichtsrevisionistischen Narrativen befasst, beschreibt die Funktion des Begriffs “Bombenholocaust” so:
“Der Begriff sollte die Bombardierung der Stadt Dresden mit dem nationalsozialistischen Massenmord an den europäischen Jüd:innen gleichsetzen.”
Ziel dieser Erzählung ist es, der deutschen Selbstwahrnehmung eine Opferrolle anzubieten - und zugleich die eigene Täter:innenschaft auszublenden. Der Blick wird weggeführt von Verantwortung und Schuld hin zu einer entlastenden Perspektive, in der Deutsche vor allem als Leidtragende erscheinen.
“Durch die bewusste Entkontextualisierung historischer Ereignisse, die selektive Fokussierung auf deutsches Leid und Zahlenmanipulation wird ein deutsches Opfernarrativ konstruiert”, heißt es bei Geschichte statt Mythen.
So wird eine moralische Gleichsetzung deutscher und alliierter Verbrechen nahegelegt. Die spezifische Verantwortung für das Leid - der von Deutschland entfesselte Vernichtungs- und Angriffskrieg - tritt in den Hintergrund. An ihre Stelle rückt eine Erzählung, die Verantwortung gleichsetzt.
Propaganda, Opferzahlen und der lange Schatten von 1945
Die Grundlage für dieses Opfernarrativ wurde bereits Ende des Zweiten Weltkriegs gelegt. Das nationalsozialistische “Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda” unter Joseph Goebbels verbreitete bereits 1945 Desinformationen bei ausländischen Nachrichtenagenturen über die “vermeintlich sinnlose Zerstörung der Kulturstadt Dresden mit hunderttausenden Toten”, schreibt Geschichte statt Mythen.
Die Zahlen seien in internationalen Medien teils unkritisch übernommen worden - was bis heute “von Rechtsextremen als Beweis für die vermeintlich höheren Opferzahlen angesehen” werde.
Das Leid wird nicht bestritten, sondern instrumentalisiert: Je höher die behauptete Opferzahl, desto plausibler erscheint die Erzählung vom “Bombenholocaust” - und desto leichter lässt sich eine Gleichsetzung mit nationalsozialistischen Verbrechen nahelegen.
Höcke setzt aber nicht nur gleich. 2017 sprach er sogar davon, dass “man” mit der Bombardierung Dresdens nichts anderes wollte “als uns unsere kollektive Identität [zu] rauben”:
“Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft. Deutsche Opfer gab es nicht mehr, sondern es gab nur noch deutsche Täter.”
Höckes Rede taucht auch in der Einstufung des Verfassungsschutzes der AfD als rechtsextremer Prüffall auf [3]. Der Geheimdienst erklärt zu dieser Stelle, dass Höcke den alliierten Angriff auf Dresden als ein “gewissermaßen unabhängig vom NS-Regime umgesetztes Projekt der antideutschen Feindstaaten, Deutschland selbst und dessen kollektive Identität von Grund auf zu vernichten” rahmt.
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Der angebliche antideutsche Kampf endete auch nicht mit der Niederlage Deutschlands und dem Ende des Nationalsozialismus - der “brutale Kampf gegen Deutschland und das Deutschsein an sich” wird Höcke zufolge auch nach 1945 “mit gleicher Intensität, jedoch anderen Mitteln in Form der Umerziehung fortgesetzt”.
Was Höcke meint, ist die demokratische Neuordnung nach 1945: die bis heute andauernde Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen, kritisches Gedenken - das “Nie Wieder”.
In Höckes Deutung sind diese Prozesse Maßnahmen antideutscher fremder Mächte, um den deutschen “Selbstbehauptungswillen” zu brechen. Eine angebliche Umerziehung in den vergangenen Jahrzehnten habe den “Gemütszustand eines total besiegten Volkes” erzeugt. Das kritische Gedenken gilt in dieser Logik nicht als Verantwortung, sondern als Zeichen nationaler Selbstaufgabe.
Das hat Höcke in einen Kampfbegriff gegossen: “Schuldkult”. Der fungiert als zentrales Feindbild für ihn. “Schuldkult” markiert alles, was an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert, als etwas Fremdes, Aufgezwungenes und Unterdrückendes. Wer Gedenken verteidigt, ist in dieser Logik Teil eines fortgesetzten antideutschen Projekts.
So schließt sich der argumentative Kreis: Aus der Umdeutung von Kriegsschuld wird ein Opfermythos, aus Erinnerung wird Unterdrückung, aus demokratischer Aufarbeitung ein Angriff auf die nationale Identität. Und aus diesem konstruierten Dauerangriff leitet die extreme Rechte den Anspruch ab, Geschichte, Erinnerung und nationale Selbstdeutung grundlegend neu auszurichten – also eine “erinnerungspolitische Wende” einzuleiten, im Sinne Höckes.
Die Verquickung mit Verschwörungserzählungen
Dass Höcke in seiner Rede den Begriff “Bombenholocaust” meidet, ist kein Zufall: Geprägt wurde er laut Geschichte statt Mythen in den 2000ern von der rechtsextremen NPD (heute: “Die Heimat”). Das hindert andere AfDler:innen aber nicht, mit dem neonazistisch codierten “Bombenholocaust” zu hantieren.
Im Verfassungsschutzbericht zur Einstufung der AfD als rechtsextremer Verdachtsfall finden sich mehrere Fälle, in denen AfD-Politiker:innen auf Artikel der Seite anonymousnews.ru Bezug nehmen. Da ist von einem “Bomben-Holocaust an der Dresdner Zivilbevölkerung” die Rede: „In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 verbrannten in Dresden mindestens 500.000, wahrscheinlich aber sogar eine Million unschuldiger, ahnungs- und schutzloser deutscher Zivilisten – Alte, Kranke, Frauen, Kinder, Babies – lebendig in einer von Briten und Amerikanern inszenierten Feuerhölle.” [4]
Hier zeigt sich eine typische Strategie von Verschwörungsideolog:innen: Ausgangspunkt ist eine reale historische Tatsache- die Bombardierung Dresdens. Diese wird jedoch gezielt verzerrt, mit Falschinformationen angereichert und emotional aufgeladen, bis sie in ein geschlossenes ideologisches Weltbild passt. Der Zweck ist klar: Die Alliierten erscheinen als moralisch verkommene Täter, Deutsche als unschuldige Opfer eines gezielten Vernichtungsprojekts.
Diese Logik findet sich bei vielen AfDler:innen. Beispielsweise hat Dario Seifert, der mittlerweile im Bundestag sitzt und den wir hier vorgestellt haben (Öffnet in neuem Fenster), auf Instagram geschrieben:
“Entgegen offizieller Behauptungen, diente die Bombardierung nicht der Zerstörung kriegswichtiger Industrie, sondern primär der Auslöschung der deutschen Zivilbevölkerung.”
Seifert führte dann die Zahl von “bis zu 250.000” ums Leben gekommener Menschen an. Den Angreifern sei es um die “Auslöschung der deutschen Bevölkerung” gegangen.
Ähnliche argumentierte Sebastian Münzenmaier, ebenfalls Bundestagsabgeordneter:
“Vom 13. bis 15. Februar 1945 wurde das sächsische Elbflorenz Opfer eines der schlimmsten Luftangriffe der Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Dresden hatte keine Militärstützpunkte und war kein strategisches Ziel. Dennoch wurde die Weltberühmte Altstadt ausradiert und Abertausende unschuldiger Menschen, darunter Frauen‚ Kinder und deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten, fanden den Flammentod.”
Auch das extrem rechte Magazin Compact hat in einer Sonderausgabe von “anglo-amerikanischen Terrorbombern” geschrieben, deren Ziel “der Tod möglichst vieler Zivilisten” gewesen soll.
Gemeinsam ist die Unterstellung von Rache, Grausamkeit und gezielter Vernichtung - verbunden mit der Behauptung, der Krieg sei längst entschieden gewesen und Dresden habe keine militärische Bedeutung gehabt.
Die Widerlegung durch Expert:innen
Die historische Forschung widerspricht dem seit Jahrzehnten. Um der politischen Instrumentalisierung des 13. Februars entgegenzutreten, hat die Stadt Dresden eine unabhängige Expert:innen-Kommission eingesetzt [5]. Die bestätigt die offiziellen Zahlen, die eigentlich schlimm genug sind:
“Bei den Luftangriffen auf Dresden vom 13. bis 15. Februar 1945 wurden bis zu 25.000 Menschen getötet.”
Die Kommission hat auch wissenschaftlich prüfen lassen, ob Menschen aufgrund der Hitze “spurlos verschwunden” sein könnten. Eine Behauptung, die häufig zur Begründung angeblich sechsstelliger Opferzahlen herangezogen wird. Antwort: nein.
“Die Kommission schließt aus, dass eine größere Zahl von Menschen - also einige Tausend oder gar Zehntausend - in der Bombennacht quasi ‘spurlos’ verschwunden seien.”
Und einen weiteren Punkt widerlegt Geschichte statt Mythen. Demnach war Dresden eben nicht “unbedeutend”, sondern ein “verkehrstechnischer Knotenpunkt, bedeutend für die NS-Kulturpolitik”. Zudem entwickelte sich die Stadt nach Kriegsbeginn “zu einer wichtigen Stätte der Rüstung”, es führten wichtige Bahnstrecken hindurch und Dresden war eine der größten Garnisonsstädte, die bis Kriegsende “in großem Stil Rüstungsgüter aller Art für den Vernichtungskrieg der Nationalsozialist:innen” produzierte.
“Der Luftkrieg um Dresden selbst war, entgegen der Darstellung der NSDAP und heutiger Revisionist:innen, keinesfalls sinnlos. Der Zeitpunkt der deutschen Niederlage war im Februar 1945 noch nicht abzusehen.”
Die extreme Rechte macht weiter
Trotzdem “gedenken” AfDler:innen Jahr für Jahr in ihrem ideologischen Sinne am 13. Februar oder nehmen darauf Bezug, beispielsweise Maximilian Krah, Marc Jongen oder Jan Wenzel Schmidt. [6]
Im vergangenen Jahr hat auch Höcke das Datum wieder genutzt, um im Grunde alles, was er schon einmal gesagt hat, zu wiederholen:
“[Dresden] war überfüllt mit Frauen und Kindern aus den Ostgebieten des Reiches, die als Kriegsflüchtlinge dort Zuflucht suchten. […] ‘Elbflorenz’ wurde wenige Wochen vor Ende des Kriegs völlig zerstört. Menschen, die sich draußen aufhielten, wurden in Sekundenbruchteilen eingeäschert, jene in den Luftschutzbunkern ersticken größtenteils, weil der Feuersturm jeden Sauerstoff verzehrte. Dresden steht bis heute wie keine andere deutsche Stadt für einen eliminatorischen Bombenkrieg. [Es ging darum], möglichst viele Menschen zu töten und mit der jahrhundertealten Bausubstanz der Städte auch das kulturelle Gedächtnis eines Volkes auszulöschen.”
Das zeigt die langfristige Strategie, den extrem rechten Umgang mit Geschichte: Die Akteur:innen knüpfen an reales Leid an, verzerren es ideologisch und nutzen es, um demokratische Verantwortung in Frage zu stellen.
Aussage:
“In Dresden haben die Alliierten ein Kriegsverbrechen begangen, um Deutschland und seine Identität zu vernichten.”
Gegenrede:
“Das ist Täter-Opfer-Umkehr. Der Frame verschiebt den Blick weg von Deutschland und dem NS-Vernichtungs- und Angriffskrieg. Stattdessen wird ein Opfermythos bedient. Bei den Luftangriffen sind zehntausende Menschen gestorben, aber das ist nicht mit dem industriellen Massenmord an Jüd:innen gleichzusetzen. Die extreme Rechte wiederholt das jedes Jahr, um ihren Geschichtsrevisionismus zu normalisieren. Dem muss man klar und entschieden widersprechen.”
Aussage:
“Nach 1945 wurde Deutschland umerzogen. Der Schuldkult hat den deutschen Selbstbehauptungswillen gebrochen.”
Gegenrede:
“Das Gedenken an die NS-Zeit ist zentraler Bestandteil unserer Demokratie. Was Höcke und andere Rechtsextremist:innen als ‘Umerziehung’ diffamieren, ist die Konsequenz unserer historischen Verantwortung: Aufklärung über NS-Verbrechen, Menschenrechte, das ‘Nie wieder’. Der Kampfbegriff ‘Schuldkult’ dient dazu, Gedenken zu missbilligen. Aber genau dieses Gedenken schützt uns davor, dass nochmal so etwas passiert und greift sicherlich nicht unsere nationale Identität an.”
[1] (Öffnet in neuem Fenster) https://www.tagesspiegel.de/politik/gemutszustand-eines-total-besiegten-volkes-5488489.html (Öffnet in neuem Fenster)
[2] (Öffnet in neuem Fenster) https://www.dresden.de/de/kultur/erinnerungskultur-regionalgeschichte/Geschichte-und-Geschichtssymbol.php#?searchkey=13&searchkey=Februar (Öffnet in neuem Fenster)
[3] (Öffnet in neuem Fenster) https://netzpolitik.org/2019/wir-veroeffentlichen-das-verfassungsschutz-gutachten-zur-afd/#2019-01-15_BfV-AfD-Gutachten_Quelle-538 (Öffnet in neuem Fenster)
[4] (Öffnet in neuem Fenster) https://netzpolitik.org/2025/verdachtsfall-rechtsextremismus-wir-veroeffentlichen-das-1-000-seitige-verfassungsschutz-gutachten-zur-afd/ (Öffnet in neuem Fenster)
[5] (Öffnet in neuem Fenster) https://www.dresden.de/media/pdf/stadtarchiv/Historikerkommission_Dresden1945_Abschlussbericht_V1_14a.pdf (Öffnet in neuem Fenster)
[6] (Öffnet in neuem Fenster) https://docs.google.com/spreadsheets/u/0/d/e/2PACX-1vTvGWyaOCOk9vsTsiM_p9gOQV-WiKrps39bfyPXmuifC3OqpLmRfglX3F3RZvxEGwkadHdUvIqvZekY/pubhtml?pli=1 (Öffnet in neuem Fenster)