Zum Hauptinhalt springen

Was die Neue Rechte mit dem Bild vom “Märtyrer” bezweckt

Guten Morgen,

die Journalistin Dunja Hayali macht Pause von den Sozialen Medien. Sie erlebt gerade eine rechtsextreme Hetzkampagne gegen sich, nachdem sie im “Heute Journal” den Tod von Charlie Kirk eingeordnet hat. Sie bezeichnete Kirk dort unter anderem als “extremen und extrem umstrittenen Influencer” und “radikal religiösen Verschwörungsanhänger”.

Außerdem sagte sie: “Dass es nun Gruppen gibt, die seinen Tod feiern, ist mit nichts zu rechtfertigen, auch nicht mit seinen oftmals abscheulichen, rassistischen, sexistischen und menschenfeindlichen Aussagen.”

Und als Reaktion darauf bekommt sie nun Morddrohungen auf Social Media.

Um das noch einmal klar zu sagen: Das ist kein “Shitstorm” (Öffnet in neuem Fenster)wie u.a. der Spiegel schreibt - das ist eine gut orchestrierte rechtsextreme Kampagne gegen eins der bekanntesten Feindbilder der Neuen Rechten.

Auch wir beschäftigen uns heute mit Charlie Kirk - und vor allem mit einem Wort, das in Zusammenhang mit seiner Ermordung immer wieder auftaucht: “Märtyrer”.

Bleib achtsam und alles Liebe!

Um was geht es?

“Er ist ein Märtyrer, der für Wahrheit und Freiheit stand.”

So kondolierte US-Präsident Donald Trump nach der Ermordung Charlie Kirks. Am 10. September wurde der rechtsextreme MAGA-Influencer während eines TPUSA-Auftritts an der Utah Valley University erschossen. Noch in der Nacht setzten rechte bis extrem rechte Akteure eine Märtyrer-Inszenierung in Gang: Auf Fox News (Öffnet in neuem Fenster) erschienen in kurzer Folge Artikel, die Kirk zum Gefallenen “für das Land“ verklären; in sozialen Netzwerken kursierten Heiligenschein-Montagen.

Was es mit dem Märtyrer-Narrativ auf sich hat, welche strategischen Ziele dahinter stehen – darum geht es heute.

Wer war Charlie Kirk?

Charlie Kirk hat Turning Point USA (TPUSA) gegründet, eine mittlerweile extrem rechte Organisation, die mit groß angelegten Tourneen den Kulturkampf in Universitäten trägt. Das Ziel: Hegemonie. Dafür organisierte Kirk Uni-Debatten im ganzen Land, um daraus Videos zu produzieren, die zeigten, wie er wahlweise Woke, Linke und / oder Feminist:innen “zerstörte”.

Die Debatten waren nie fair oder auf Austausch angelegt, sondern inszeniert. Ein vielbeachteter Thread (Öffnet in neuem Fenster) auf Bluesky macht die Methode transparent. Demnach muss man sich die Debatten als Bühnenproduktion mit asymmetrischem Setting vorstellen. „Die Ziele waren überwiegend junge Student:innen mit “starken Meinungen & starken Emotionen” und ohne Medientraining. Daraus haben Kirk und sein Team Clips geschnitten, in denen stets rechte Positionen gewannen – was möglich war, weil Kirk “Mikrofon, Moderation und Kameras” kontrollierte.

Laut Bluesky-Thread stand nicht der Inhalt im Vordergrund:

“Du musst die Gegenseite nicht argumentativ entkräften. Du musst sie lächerlich machen!”

Dafür reichen wenige, scharf geschnittene Momente in denen substanzielle Einwürfe verschwinden und (linke) Ausraster geclipt werden. So entsteht das Kontrastbild: ruhiger Host gegen “hysterische” Linke mit Titeln wie “Kirk zerstört …”.

In einem Beitrag für den Volksverpetzer (Öffnet in neuem Fenster) geht auch Annika Brockschmidt auf die Methode Kirks ein. Da heißt es, dass TPUSA von Beginn an auf “Clickbait & Outrage” getrimmt gewesen sei. Viele seiner Positionen sind menschenfeindlich: Abtreibung sei “achtmal schlimmer als der Holocaust”, der Islam “anti-amerikanisch”, Trans-Menschen eine “Abscheulichkeit”, Homosexualität eine Sucht.

Das machte Kirk zu einem wichtigen Influencer der MAGA-Bewegung, der erst vor allem junge Menschen und später alle Altersgruppen erreichte. Das lag an seiner Hinwendung zu christlich-nationalen Bewegungen. So stellt er seit Jahren die Trennung von Kirche und Staat infrage und orientiert sich am “Seven-Mountains”-Mandat, wonach Christ:innen Regierung, Medien, Bildung, Wirtschaft, Kunst, Kirche und Familie dominieren sollten. Das professionalisierte er mit “TPUSA Faith”: Er machte Pastor:innen und Gemeinden zu politischen Multiplikatoren und verlegte seine Kulturkampf-Shows in Kirchen. Er fokussierte sich ganz und gar auf Formate an der Schnittstelle von Glauben, Freiheit, Kultur.

Am 10. September wurde Kirk während eines TPUSA-Außenauftritts an der Utah Valley University erschossen.

Charlie Kirk – eine Person repräsentiert alle

Nur Minuten nach seinem Tod begann die rechte bis extrem rechte Maschinerie den Kampf um die Deutungshoheit, einzig mit dem Ziel, das eigene Projekt voranzubringen.

Dafür wurde Kirk zu einem Heiligen erklärt, der für “sein Land” gestorben sei.

Ein Märtyrer.

Ursprünglich waren Märtyrer:innen (griech. mártys) schlicht Zeug:innen – frühe Christ:innen hingegen widersetzten sich der römischen Obrigkeit und starben dafür gewaltsam. Indem ihr Tod als Martyrium, als bewusste Selbsthingabe für ein höheres Ideal, erzählt wurde, stellte er die Legitimität der politischen Herrschaft infrage und brandmarkte sie als Gewaltordnung. Diese Bereitschaft, das eigene Leben für ein Ziel einzusetzen, wirkt bis heute als starkes rhetorisches und politisches Symbol, das Opfer heiligspricht, Lager bindet und Ausnahme­maßnahmen legitimiert, während Kritik moralisch erschwert werden soll.

Märtyrer-Figuren haben die Kraft, ganz Staaten zu spalten (Öffnet in neuem Fenster)” – so ist ein Interview mit dem Religionswissenschaftler Baldassare Scolari überschrieben. Scolari setzt sich seit Jahren mit der Funktion der Märtyrer-Erzählung auseinander.  Er sagt:

“Durch martyrologische Darstellungen wird die mythische Vorstellung aufrechterhalten, dass nationalstaatliche Gemeinschaften permanent von bösen Mächten bedroht sind.”

Werde eine Person in einem Terrorakt verletzt, werde sie oft vereinnahmt – “man macht die Person zum ‘Märtyrer’ der Nation”.

Ein Angriff auf Kirk wird so zum Angriff auf alle “Seinen”.

Die Märtyrer-Erzählung dient also der Mobilisierung, Radikalisierung und vor allem Zusammenführung der Rechten.  

Wie erfolgreich das geschieht, zeigt ein Wired-Beitrag (Öffnet in neuem Fenster), in dem das Spektrum rechter bis rechtsextremer Akteure und ihre Reaktionen auf den Kirk-Mord aufgelistet werden. Sie zeigen, dass es über Lagergrenzen hinweg Aufrufe gab, um sich einzuschwören: “This is a war” (Alex Jones), “You could be next” (Laura Loomer), “This is war” (Libs of TikTok). Oath-Keepers-Gründer Stewart Rhodes schrieb, dass er seine rechtsextreme Miliz wiederaufbauen werde und ein Mitglied der Neonazi-Gruppierung “Blood Tribe” schrieb: “In life Charlie Kirk was our enemy … In death he is a martyr.”

Diese Form der Vergemeinschaftung wird schon lange, auch innerhalb der radikalen Rechten, genutzt. Ein bekanntes historisches Vorbild dafür ist der SA-Paramilitär Horst Wessel, über dessen Bedeutung für die nationalsozialistische Propaganda es hier einen langen Text gibt (Öffnet in neuem Fenster).

Zusammengefasst: Horst Wessel wurde von einem KPD-Mitglied getötet, sein Tod zu einem politischen Attentat umgedeutet.  Unmittelbar danach machte Joseph Goebbels das von Wessel verfasste “Horst-Wessel-Lied” zur Parteihymne und zum ritualisierten Trauer- und Kampfsignal, das bei Paraden, Veranstaltungen und in Schulen gesungen wurde. So wurde der Tote dauerpräsent: Das Lied machte ihn zum sakralisierten “Blutzeugen”. Der Refraincharakter (“Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen!”) inszenierte Disziplin, Geschlossenheit und Opferbereitschaft als Gefühlsroutine; durch Dauersingen wandelte sich Trauer in Tatbereitschaft und Gefolgschaft. So diente das Lied als akustisches Denkmal und Mobilisierungsmaschine, die einen individuellen Tod in kollektive Identität und politische Geschlossenheit verwandelte.

Der Feind ist links – gegen ihn ist alles erlaubt

Zur gleichen Zeit, wie die rechte Gemeinschaft beschworen wurde, folgte die Feindsetzung.

Noch in seiner Kondolenz-Rede rahmte US-Präsident Donald Trump Kirks Tötung als Werk der “radikalen Linken” – ohne Belege. Gleichzeitig nennt er Kirk einen Märtyrer für Wahrheit und Freiheit und will mit diesem Label eine Stimmung schaffen, in der Maßnahmen legitim erscheinen, die man juristisch und moralisch rechtfertigen müsste – weil sie verfassungsrechtlich hoch problematisch wären.

Wie weit die autoritäre Führung in den USA gehen will, oder an welche Handlungen sie denkt und jetzt sprachlich vorbereitet, zeigte sich in einer Sondersendung von Charlie Kirks Podcast, die Vizepräsident JD Vance mitmoderierte.

Darin wurde laut New York Times (Öffnet in neuem Fenster) eine breite “Crackdown”-Strategie gegen linke NGOs, der Entzug ihrer Gemeinnützigkeit und einer generellen Ausweitung des “Domestic Terrorism”-Labels auf linke Aktivitäten diskutiert. Auch versprach Trump-Berater Stephen Miller “mit Gott als Zeugen” jeden Hebel in Justiz und Heimatschutz in Bewegung zu setzen, um ein angeblich linkes Netzwerk zu “identifizieren, zu stören, zu eliminieren und zu zerstören” und die USA wieder sicher für das amerikanische Volk zu machen.

Der New Yorker (Öffnet in neuem Fenster) ordnet das alles als politische Vergeltungsagenda ein: Statt zu deeskalieren, kündigte der Präsident “schnelles Handeln” gegen vermeintliche Organisator:innen an; rechte Verbündete fordern offen, die amerikanische Linke zu “infiltrieren, zerschlagen, verhaften”.

Die strategischen Punkte des Märtrer-Narrativs sind damit: Erst die Sakralisierung, also die Heiligsprechung und Überhöhung des Toten, dann die Generalanklage, in diesem Fall die “linke Kollektivschuld”, schließlich der autoritäre Maßnahmenkatalog.

Die Rechten wollen Fakten schaffen, bevor Fakten zum Mord ihr autoritäres Handeln erschweren. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass der Attentäter Kirks nicht aus einer “radical left wing transgender terror cell” stammt, wie es Elon Musk beispielsweise geschrieben hat, sondern vielmehr rechts von Charlie Kirk zu verorten ist.

Akteure in Deutschland docken an – nicht nur die AfD

Auch hierzulande wird Charlie Kirks Tod anschlussfähig gemacht. Die Junge Union kondensierte ihn auf Instagram zum Sinnbild der Redefreiheit (“Meinungsfreiheit lässt sich nicht erschießen. Ruhe in Frieden, Charlie Kirk.”). Caroline Bosbach (CDU) adelte ihn als “Kämpfer für westliche Werte” und als eine der “einflussreichsten jungen konservativen Stimmen”, attestierte ihm sogar ein “Bestreben nach Verständigung”. Weil sie dafür vielfach kritisiert wurde, löschte sie den Beitrag wieder. Nicht aber, weil sie sich mit der Kritik auseinandergesetzt und diese eingesehen hatte, sondern mit dem Hinweis, dass die Kommentare unter dem Beitrag “am Thema vorbei (Öffnet in neuem Fenster)” gingen.

Was sich hier zeigt, ist eine weitere Märtyrer-Funktion: Das Narrativ wäscht die Biografie einer Person weiß, setzt ein idealisiertes Sinnbild an die Stelle des Streitbaren und immunisiert damit gegen jede Form von Widerspruch.

Besonders aber die AfD und ihr Umfeld nehmen die MAGA-Strategien auf und setzen die Eskalation um ihr linkes Feindbild fort. Björn Höcke ruft nach “aller Härte” gegen “linke Gewalt” und fordert, dass man das Video der Tat anschauen soll. Es kursiert vor allem auf X. Wir raten davon ab, weil es sehr brutal ist. Der Zweck ist klar: Affektbindung durch Schock- “es zeige, was sie mit uns vorhaben”.

Martin Sellner verfolgt in der Sezession die gleiche Opfererzählung: Die “Mainstreampresse” gebe Kirk “Mitschuld”, “linke Foren” würden “vor Freudenschreien” gellen, und überhaupt würde “die Linke” längst mit Zensur und Verboten agieren und sich “zunehmend radikalisieren”.

Dahinter steht: Wir als bedrohte Gemeinschaft, sie als gewalttätige Macht.

Die Choreografie endet in offener Sakralisierung. Beatrix von Storch erklärt Kirks Tod zum “Wendepunkt im Kampf um unsere Zivilisation” und fordert gar seine Heiligsprechung, indem sich auf X direkt an den Papst wendet und “Santo Subito!” schreibt.  

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Wie Rechte reden und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden