Der Berliner Senat plant aktuell (Stand Juni 2025), das Kapitel „Gleichheit und geschlechtlich-kulturelle Vielfalt” und damit die gesamte vorurteilsbewusste, gendersensible, diskriminierungssensible Pädagogik aus den Bildungsplänen 2025 für Berliner Kitas zu streichen.
Anfang Juni haben wir das von zwei Mitarbeiterinnen einer queeren Berliner Kita erfahren – die CDU sei hier maßgeblich beteiligt. Hier der alte Bildungsplan von 2014 (Opens in a new window) – er ist öffentlich zum Download verfügbar. Wir haben den Entwurf der Überarbeitung inzwischen zugemailt bekommen, darin fehlt tatsächlich die gesamte Seite 20 (das o.g. Kapitel) und mehr.
Der Entwurf ist vertraulich und liegt aktuell zur Prüfung in einem Berliner Gremium, das bis Ende Juni dazu Stellung nehmen soll. Wir wissen nicht, wie sich diese Gremium zusammensetzt, aber die o.g. queere Kita wurde davon ausgeschlossen und hat nur über Bande davon erfahren. Zufall oder Zensur? Aber eben weil die Kürzungen skandalös sind, macht der Entwurf jetzt die Runde, viele Kitas, Kita-Dachverband, Träger, Landeselterrat … gehen steil, zurecht: https://www.queer.de/detail.php?article_id=53851 (Opens in a new window)
All die Infos haben wir in einem Insta-Reel am 4.6. (Opens in a new window) und in darauffolgenden zusammengefasst und dazu aufgerufen, es weiterzuerzählen bzw. beim eigenen Träger oder Dachverband um Einsicht zu bitten, sich selbst ein Urteil zu bilden und sich gegen die Streichungen zu positionieren.
“Kinder brauchen das nicht” - was genau?
Was zu erwarten war: unter unseren Reels versammeln sich auch Gegenstimmen von Personen, die sich freuen, dass der “Gender-Quatsch” ein Ende hat. Aber es beschäftigt uns sehr, dass sich in der Regel schon in wenigen Zeilen zeigt, dass die Ablehung aufgrund von Desinformation und Stimmungsmache geschieht, nicht auf Grundlage von Wissen. Hier einer der Kommentare im Screenshot:

Desinformation von Rechts
Wer uns folgt, weiß, dass es aus unserer Sicht kein einziges Argument gegen Gendersensible Pädagogik gibt, außer sie wird schlecht oder falsch vermittelt. Und tatsächlich kursiert fürchterlich viel Desinformation rund um dieses Thema - was nicht zuletzt an den Desinformationen von Rechts liegt. So sind z.B. die „besorgten Eltern“ eine seit 2014 aktive Bewegung, die sich gegen Sexualkundeunterricht und für ein traditionelles Familienbild einsetzt und in ihren populistischen Texten auch gegen Gendersensible Pädagogik und verallgemeinernd allen “Gender-Gaga” hetzt. Hinter der Bewegung stehen vor allem Akteure aus dem neurechten und fundamentalistischen Spektrum, die ihre Anliegen mit Demonstrationen und öffentlichen Auftritten in ganz Deutschland verbreitet haben, und das wirkt bis heute.
Falschaussagen gradegerückt
Um dem Ganzen ein bisschen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, entgegenzuwirken, und um Euch mit Argumenten zu versorgen, wollen wir den folgenden Kommentar Schritt für Schritt analysieren, die Falschaussagen darin richtigstellen, und zeigen, wie dünn die Argumentationsbasis ist und wie groß das Unwissen über das Thema.

Der Kommentar:
„Sollte es nicht den Eltern überlassen sein, welches Rollenbild dem Kind vorgelebt wird? Ganz ehrlich, mich verwirrt es ja schon als Erwachsene, mit den ganzen Geschlechtern. Und was ist daran denn so verwerflich, wenn das klassische Familienbild aufrecht erhalten wird? Ich als Elternteil kann einem Kind noch halbweg gut erklären, Mann/Frau= Frau/Frau=Mann/Mann. Und auch, dass es Kinder mit Einschränkungen gibt. Bei Non-Binär/Fuchs=Hase hört es dann aber auf. Und die Frage ist doch auch: Ist es wirklich sinnbringend, bereits 2/3-Jährige mit solchen Themen zu konfrontieren? Rein von der kognitiven Entwicklung ist das Grundschulalter da besser. So langsam bekommt man das Gefühl, dass das klassische Familienbild gar nicht mehr so erwünscht ist. Ich arbeite selbst gern, trotzdem ist mein Mann in der Rolle des Hauptverdieners und des Versorgers. Und das vermitteln wir natürlich auch unserem Kind.“
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1. „Sollten nicht die Eltern entscheiden, welches Rollenbild dem Kind vermittelt wird?“
Analyse:
Ja, Eltern haben das Recht, Werte zu vermitteln. Aber: Dieses Recht ist nicht grenzenlos. Es endet dort, wo es das Recht des Kindes auf freie Entfaltung einschränkt. Denn Kinder sind keine Privatbesitz. Sie haben eigene Rechte. Und dazu gehört auch, dass sie die Chance bekommen, verschiedene Lebensrealitäten kennenzulernen. Wenn Kinder nur ein Rollenbild zu sehen bekommen – zum Beispiel: Papa geht arbeiten, Mama macht die Wäsche –, dann denken sie oft automatisch: So muss das sein.
Widerlegung:
Gendersensible Pädagogik schränkt Eltern nicht ein – sie schützt Kinder. Kinder haben das Recht, selbst herauszufinden, wer sie sind. Wenn Erwachsene ihnen nur eine enge Vorstellung von „richtigen“ Geschlechterrollen zeigen, werden sie langfristig in ihrer Entwicklung behindert. Das schadet der psychischen Gesundheit, dem Selbstwert und der sozialen Teilhabe – wie zahlreiche Studien belegen (z. B. Heiliger & Bitzan, 2020). Eine Haltung, die nur die elterliche Deutung zulässt, mag gut gemeint sein – sie ist aber in einer diversen, demokratischen Gesellschaft nicht haltbar.
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2. „Mich verwirren die ganzen Geschlechter schon als Erwachsene.“
Analyse:
Verwirrung ist verständlich – aber keine Entschuldigung dafür, Vielfalt abzulehnen oder lächerlich zu machen. Viele Menschen, die mit einem einfachen „Mann/Frau“-Bild groß geworden sind, fühlen sich erstmal überfordert, wenn plötzlich mehr Begriffe im Raum stehen. Aber das eigene Unverständnis darf nicht Maßstab für den Umgang mit gesellschaftlicher Realität sein.
Widerlegung:
Die Aufgabe von Bildung – gerade in der Kita und Schule – ist nicht, Dinge einfacher zu machen, sondern echter. Geschlecht war nie so „eindeutig“, wie es früher schien – es wurde nur nie hinterfragt. Wer sich heute von Vielfalt überfordert fühlt, ist eingeladen, dazuzulernen – aber nicht berechtigt, anderen die Existenz abzusprechen. Kinder kommen damit meistens viel besser klar als Erwachsene – sie fragen, sie beobachten, sie ordnen sich ein. Kinder erleben und beobachten Vielfalt ganz selbstverständlich – sie sind aber irritiert, wenn Erwachsene das Thema ausweichen oder abwerten.
Kurz: Deine Unsicherheit ist okay. Aber daraus eine Ablehnung zu machen, hilft niemandem – vor allem nicht den Kindern. Wer als Erwachsene*r nicht bereit ist, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen, überlässt Kinder einem Umfeld, das sie im Zweifel verstummen oder sich selbst verleugnen lässt.
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3. „Was ist denn so schlimm daran, das klassische Familienbild aufrecht zu erhalten?“
Analyse:
Gar nichts. Niemand verbietet das. Niemand verbietet dir, Mama-Papa-Kind zu leben. Aber andere Lebensformen existieren eben auch – und die verdienen Respekt. Was problematisch ist, ist also nicht das klassische Familienmodell, sondern die Vorstellung, es sei das einzige richtige, und wenn in der Folge andere Familienformen systematisch ausgeblendet oder als „nicht normal“ dargestellt werden.
Widerlegung:
Vielfalt bedroht das klassische Familienbild nicht. Was es bedroht, ist die Vorstellung, dass dieses Modell die einzige „richtige“ Form des Zusammenlebens sei. Diese Engführung ist nicht nur realitätsfern – sie ist verletzend für all die Kinder, die in anderen Konstellationen aufwachsen. Studien zeigen eindeutig: Kinder in Regenbogenfamilien entwickeln sich genauso gesund und sozial stabil wie Kinder in traditionellen Familien (vgl. Goldberg, 2010; BMFSFJ, 2020). Wer Vielfalt ausblendet, vermittelt Kindern unweigerlich: „Nur so, wie wir leben, ist es richtig.“ Das ist ein Nährboden für Ausgrenzung – und für langfristige gesellschaftliche Spaltung.
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4. „Non-binär/Fuchs=Hase – da hört’s bei mir auf.“
Analyse:
Das ist keine Verwirrung mehr, das ist Spott. Es ist ein Unterschied, ob man etwas noch nicht ganz versteht – oder ob man sich über Menschen lustig macht, die sich außerhalb der üblichen Geschlechterordnung bewegen.
Widerlegung:
Menschen, die sich als non-binär identifizieren, existieren – sie leben, arbeiten, zahlen Steuern, haben Familien. Und ja: Auch Kinder können sich außerhalb der klassischen Geschlechterrollen wiederfinden. Wer das mit Tiervergleichen ins Absurde zieht, verkennt nicht nur die Realität, sondern sendet ein gefährliches Signal: „Deine Existenz ist nicht ernst zu nehmen.“
Das ist keine Meinungsäußerung mehr – das ist eine Form von struktureller Diskriminierung. Kinder, die solche Sätze hören, ziehen daraus nur eine Lehre: „Wenn ich anders bin, gehöre ich nicht dazu.“ Das kann gravierende Folgen für die seelische Entwicklung haben – bis hin zu Depression, Angststörungen oder Suizidalität (vgl. Trans Youth CAN! Study, 2019).
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5. „Sollte man mit 2- bis 3-Jährigen überhaupt schon über sowas reden?“
Analyse:
Die Formulierung impliziert, Kinder würden durch das Thema belastet oder verwirrt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Kinder brauchen Sprache und Bilder, um das, was sie ohnehin beobachten, einordnen zu können. Und das Ding ist: Die Kinder reden ja längst selbst darüber. Sie merken, dass es Unterschiede gibt. Wer darf Kleid tragen, wer nicht? Warum weint der Junge und wird dann getröstet mit „Du bist doch kein Mädchen“? Kinder beobachten und ordnen früh in „Junge“ und „Mädchen“ ein – und fragen oft sehr direkt nach. Wenn Erwachsene dann nichts sagen, übernehmen Kinder die Klischees, die sie so aufschnappen. Dann heißt es plötzlich: Alle Jungs sind stark, alle Mädchen sind lieb. Das passiert automatisch. Und wenn wir nicht bewusst gegensteuern, bleiben diese Stereotype hängen.
Widerlegung:
Kinder stellen ab dem zweiten Lebensjahr geschlechtliche Fragen. Sie sortieren, beobachten, ahmen nach. Wenn Erwachsene darauf nicht reagieren – oder mit Verwirrung, Abwehr oder Schweigen – entsteht kein Schutzraum, sondern ein Raum der Unsicherheit. Studien zeigen: Kinder, die früh auch andere Rollenbilder kennenlernen, wachsen freier auf – mit mehr Toleranz, weniger Vorurteilen, und vor allem: mit weniger innerem Stress, wenn sie selbst mal nicht in die Norm passen.
Kindgerechte Bücher und Gespräche über Vielfalt überfordern Kinder nicht – sie stärken sie. Frühkindliche Pädagogik, die Diversität ernst nimmt, trägt nachweislich dazu bei, Vorurteile abzubauen und Empathie zu fördern (vgl. Projekt „Queere Bildung“, Universität Kassel, 2019). Wer diese Auseinandersetzung auf das Grundschulalter „verschiebt“, akzeptiert, dass Kinder vorher bereits stereotype und einschränkende Vorstellungen verinnerlichen – die sich später nur schwer wieder aufbrechen lassen.
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6. „So langsam bekommt man das Gefühl, das klassische Familienbild ist nicht mehr erwünscht.“
Analyse:
Nein. Was nicht mehr erwünscht ist, ist die Vorstellung, dass nur dieses Familienbild zählt. Vielfalt heißt nicht „Abschaffung“, sondern „Erweiterung“. Niemand sagt, dass euer Familienmodell schlecht ist. Aber wenn ein Kind mit zwei Vätern, einer alleinerziehenden Mutter oder in einer Pflegefamilie aufwächst, dann soll es sich auch wiederfinden dürfen – in Bildern, Büchern, Gesprächen. Alles andere wäre ungerecht.
Widerlegung:
Aber: Es ist schlicht nicht mehr die einzige Lebensform. Die Vorstellung, dass Sichtbarkeit von anderen Familienformen das eigene Modell entwertet, ist ein Trugschluss. Was tatsächlich nicht mehr erwünscht ist, ist das Beharren auf einer gesellschaftlichen Norm, die andere ausschließt. Vielfalt bedeutet nicht: Du darfst nicht mehr so leben wie du willst. Vielfalt bedeutet: Andere dürfen es auch.
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7. „Mein Mann ist Hauptverdiener, ich arbeite trotzdem gern – und das leben wir unserem Kind auch so vor.“
Analyse:
Das ist total okay! Ihr lebt eure Realität – und das ist euer gutes Recht. Gendersensible Pädagogik heißt auch nicht, dass man alle gleich machen will. Es geht nicht darum, Rollen aufzuzwingen, sondern darum, Rollen nicht aufzuzwingen. Wenn euer Kind später mal einen anderen Weg gehen will – wäre das für euch auch okay?
Widerlegung:
Wenn Kinder ausschließlich erleben, dass Mütter zu Hause bleiben und Väter verdienen, prägt sich dieses Bild tief ein. Das ist keine neutrale Erziehung – das ist Festschreibung von Rollen. Gendersensible Pädagogik fragt: Was braucht ein Kind, um auch andere Wege denken zu können?
Wer seinem Kind vermittelt, dass unser Weg der richtige ist, erschwert es ihm später, eigene Entscheidungen zu treffen. Und genau das zeigt sich später in der Berufswahl, in der Familienplanung, in der Rollenteilung – mit allen sozialen Folgen, bis hin zum Gender Pay Gap.
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Fazit:
Kinder, die ausschließlich klassische Rollenbilder erleben, entwickeln enge Vorstellungen von Geschlecht, von Familie, von Zugehörigkeit. Kinder, die abweichende Lebensweisen kennenlernen, wachsen offener, resilienter und empathischer auf.
Niemand will Familien etwas „wegnehmen“. Es geht im Gegenteil darum, Räume zu schaffen, in denen sich alle Kinder wiederfinden und entfalten können – egal, was für ein Geschlecht sie haben, wie ihre Familie aussieht, oder ob sie sich nicht in Schubladen pressen lassen wollen.
Und ja, manchmal verwirrt das erstmal. Aber das ist ein kleiner Preis für eine Gesellschaft, in der mehr Menschen frei, sicher und respektiert leben können.
Erwachsene, die aus Unsicherheit oder Bequemlichkeit Vielfalt abwerten oder ausklammern, schaden nicht nur den Kindern, die davon direkt betroffen sind – sondern letztlich allen:
Sie reproduzieren Ausgrenzung, sie verstärken alte Ungleichheiten, und sie verhindern gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Vielfalt ist kein Trend. Sie ist Realität. Und unsere pädagogische Pflicht ist es, Kinder darauf vorzubereiten – nicht irgendwann, sondern von Anfang an.
Bunte Grüße
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Sascha & Almut
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