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Ich wär so gern mal wieder faul

Es ist Sommer – und zwar einer von der Sorte, unter dem die meisten Menschen ächzen. Nein, Temperaturen, die tagelang weit über der 30-Grad-Marke und an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen sogar über der 40-Grad-Marke liegen, sind längst kein Freibadwetter mehr. Sie sind Boten des Klimawandels und ein Vorgesc

hmack darauf, was uns in den nächsten Jahren wohl häufiger erwarten dürfte. Und während es viel zu schimpfen und zu reflektieren gibt, treibt mich doch vor allem eine sehr persönliche Frage um, die ich während dieser Hitzewelle besonders deutlich zu spüren bekomme: Wie ist man eigentlich faul, wenn man gelernt hat, dass das das Schlimmste ist, was man sein kann?

Faul zu sein muss man sich leisten können

In den vergangenen 14 Tagen konnte man dabei zusehen, wie die Temperaturen Tag für Tag ein wenig weiter auf dem Thermometer angestiegen sind. Es ist kein Geheimnis, dass ich den Sommer nicht mag. Ich mag die drückende Hitze nicht, die mir das Gefühl nimmt, frei atmen zu können. Ich hasse es, dass ich bei heruntergelassenen Rollläden vor einem anhaltend brummenden Ventilator sitze, während ein auftauender Kühlakku mich durchnässt und der Laptop auf meinem Schoß gleichzeitig immer heißer wird. Ich hasse es, zu schwitzen, weil ich den klebrigen Film auf der Haut kaum ertragen kann und mir dauernd die Brille von der Nase rutscht. Ich bin permanent überreizt, schlafe noch schlechter als ohnehin schon häufig und als chronisch kranke Person kann ich auch noch zusehen, wie meine Symptome Tag für Tag präsenter werden. Nachts wälze ich mich hin und her, an jeder Stelle, an der der Körper die Matratze berührt wird er noch heißer und klebriger. Kaum bin ich für einige Minuten weggedöst, werde ich wach, weil mein Schmerzlevel Nacht für Nacht steigt. Ich werde nervöser, unleidlicher, aggressiver – und will nur noch, dass es jetzt endlich vorbei ist. Ich kenne das alles schon, es ist ja schließlich nicht mein erster Sommer – nicht mal mein erster Sommer als dicke, neurodivergenten chronisch Kranke.

Gleichzeitig finden einige der Projekte, die mich in den letzten Monaten sehr umgetrieben haben, gerade allmählich zu einem Ende. Also habe ich mich zu Beginn der Hitzewelle bei einem Gedanken ertappt: „Ich könnte jetzt eigentlich mal faul sein.“ Ich wollte träumen von einem trägen Sommer, den ich lesend mit einem kühlen Spaßgetränk im Schatten verbringen würde. Träumen, von langen und lauen Sommerabenden auf der Terrasse. Und träumen davon, dass es okay sein würde, ein langsameres, gemächlicheres Leben zu leben. Dieser Sommer würde mir nichts anhaben können, so nahm ich es mir vor. Diesen Sommer würde ich endlich mal so zu schätzen wissen, wie alle anderen es tun.

Little did I know.

Ich habe mich verfangen in romantisierten Träumen und Schwärmereien. Nicht nur habe ich das Ausmaß, das diese Hitzewelle auf jeglicher Ebene annehmen würde, und die damit einhergehenden Konsequenzen komplett unterschätzt. Ich habe auch vergessen, dass ich nun mal nicht aus meinem Kopf und meinen eigenen „Einspurungen“, wie sie der Systemiker Rolf Arnold so schön benennt, herauskommen kann. Denn Fakt ist auch: Ich halte es ganz schlecht aus „faul“ zu sein. Nicht weil ich mir zu wenige wunderbare Weisen einfallen würden, auf die ich den ein oder anderen faulen Tag zelebrieren könnte. Sondern weil der Begriff „Faulheit“ für mich einen ganz besonders bitteren Beigeschmack hat – einen Beigeschmack, den alle dicke Menschen kennen.

Wer will schon ein Klischee erfüllen?

Faulheit ist – neben einem Mangel an Disziplin – das Stereotyp, dem sich wohl am häufigsten bedient wird, wenn dicke Menschen beschrieben werden, egal ob in den (Sozialen) Medien, in Filmen und Serien oder in Unterhaltungen in privaten und beruflichen Umfeldern. Wer dick ist, muss automatisch faul sein – denn wenn man es nicht wäre, wäre man nicht mehr dick. Wie sehr diese Annahme zu kurz gedacht, wie viel daran falsch und wie schädlich sie ist, muss ich dir sicher nicht erklären. Fakt ist jedoch, dass mit der Zuschreibung von Faulheit auch eine moralische Be- bzw. Entwertung erfolgt. Denn wir leben auch in einer Gesellschaft, die den Wert von Menschen an ihrer Leistungsfähigkeit bemisst. Und wer dick ist, ist faul und leistet wenig – und ist damit der verqueren Logik der Leistungsgesellschaft folgend Letztenendes weniger wert als dünne Menschen. Es ist eine menschenverachtende Logik und doch ist sie allgegenwärtig in all den Diättipps, Vorher-Nachher-Bildern, Weight Loss Journeys und vor allem in all den stereotypen Darstellungen von dicken Menschen etwa als behäbige, lustige Sidekicks.

Diese Vorverurteilung geht mit unglaublich viel Scham und mit mindestens ebenso viel Schmerz einher. Denn sie kennzeichnet dicke Personen immer als diejenigen, die nicht dazugehören. Die, die sich nicht genug anstrengen. Als diejenigen, die buchstäblich nicht reinpassen. Und damit als diejenigen, auf die man herabblicken und die man abwerten darf. Diese Art von Schmerz wollen wir aber, nachvollziehbarerweise, auf keinen Fall spüren. Wir wollen nicht erniedrigt, beschimpft und ausgegrenzt werden. Wir sind soziale Wesen, natürlich wollen wir dazugehören. Also tun wir alles, um zu beweisen, dass wir eines auf keinen Fall sind: Faul. Um keinen Preis wollen wir in das Klischee passen. Auch ich will kein Klischee sein. Ich will zeigen, dass ich anders bin, besser bin – und es ärgert mich selbst. Denn zu gut kenne ich doch längst all die Mechanismen, derer sich Gewichtsstigmatisierung zu bedienen weiß. Wieso zur Hölle kann ich dann immer noch nicht einfach einmal für ein paar Tage faul sein – selbst dann nicht, wenn meine Wohnung so aufgeheizt ist, dass sie im Prinzip von Ninja als Mehrzohnen-Airfryer vermarktet werden könnte?

Die verinnerlichte Fettfeindlichkeit und der Versuch, den Schmerz zu vermeiden

An dieser Stelle kommen zwei Aspekte zum Tragen: Zum einen haben wir die Fettfeindlichkeit, derer wir in unserer Gesellschaft konstant ausgesetzt sind, selbst verinnerlicht. Wir kommen nicht gar nicht umhin, die Vorurteile, die mit Dicksein verknüpft werden, selbst immer und immer wieder anzuwenden – auf andere und auch auf uns selbst. Dazu kommt der Umstand, dass wir natürlich alles daran setzen wollen, den Schmerz und die Scham, den die Vorurteile verursachen, zu vermeiden. Beides ist massiv schädlich – und beides ist nachvollziehbar.

Und doch ist es (wenigstens für mich) leichter an meiner internalisierten Fettfeindlichkeit zu arbeiten, sie zu verstehen und sie zu dekonstruieren, als an meiner eigenen Scham. Vielleicht ergibt das sogar Sinn, denn an einem wohlwollenderen Blick auf meinen eigenen Körper und den andere dicker Menschen kann ich aktiv arbeiten. Ich kann meine Sehgewohnheiten verändern, Bücher, Beiträge und Erfahrungsberichte lesen, Podcasts hören und mich gezielt mit den Mechanismen (und denen, denen diese dienen) hinter der Fettfeindlichkeit auseinandersetzen. Auf diese Weise habe ich die Chance, mich von Stereotypen zu distanzieren. Es liegt in meiner Macht und in meiner Verantwortung, mich von Vorurteilen zu lösen und stattdessen einen besseren, wohlwollenderen Umgang zu üben, der nicht mehr körperzentriert und schon gar nicht abwertend ist.

Wenn es jedoch um Scham und Schmerz geht, denn die Vorurteile verursachen, so hilft mir all dieses Verstehen und Distanzieren nur bis zu einem gewissen Grad. Es hilft nicht gar nicht. Aber sein Wirken hört dort auf, wo ich von Außen erneut mit Abwertungen von mir selbst oder anderen dicken Menschen konfrontiert werde. Und das passiert leider nach wie vor allzu häufig. Um nicht an den Abwertungen zugrunde zu gehen, versuche ich ihr also etwas entgegenzusetzen. An dieser Stelle habe ich sehr viel Mitgefühl mit mir selbst und allen anderen, die es genauso handhaben. Das einzige, was ich aber scheinbar effektiv tun kann, ist zu zeigen, dass ich nicht bin wie die anderen. Dass ich dem Klischee nicht entspreche. Dass ich nicht faul bin, nein ich nicht. Dass Disziplin mein zweiter Vorname ist, Leistungsfähigkeit mein dritter. Ich bin die gute Dicke – und alles daran kotzt mich an. Es kotzt mich an, dass ich nicht aus meiner Haut rauskann, egal, wie sehr ich mich darum bemühe und egal, wie viel Mitgefühl ich mit mir habe. Es kotzt mich an, dass ich damit das Narrativ nur bediene und den Leistungslogiken erliege, über die ich mich so ärgere. Es kotzt mich an, dass ich damit einen Teil dazu beitrage, die Verantwortung auf den Schultern der Betroffenen zu belassen, statt diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die die Scham und den Schmerz verursachen. Und es kotzt mich an, wie sehr ich mich selbst damit schade, es nicht einmal ansatzweise auszuhalten, faul zu sein.

Egal, wie gern ich Ruhe genießen und eine ruhige Kugel schieben möchte: Das schlechte Gewissen, was ich stattdessen alles machen könnte, fährt immer mit – und schon ist die Erholung dahin. Faul sein macht einfach keinen Spaß, wenn man dabei die ganze Zeit daran denkt, was man eigentlich tun sollte. Also gehe ich an die nächste To-Dos und die noch offenen Aufgaben, irgendwas findet sich ja immer, statt einfach mal die Füße stillzuhalten. Dass ich auf diese Weise nur sehr schwer Erholung finde, erklärt sich von selbst.

Wie ein besserer Umgang damit gelingen kann? Wie wir endlich aus dieser Tretmühle rauskommen? Ehrlich gesagt habe ich dazu nur einige Ideen, aber keine Patentlösung. Die Mechanismen zu verstehen hilft sicher, doch das allein reicht noch nicht. Ich glaube, es braucht auch mehr als nur Nachsicht und Verständnis mit sich selbst. Es braucht eine Art regelmäßiges Training. Vielleicht müssen wir manchmal faul sein, obwohl es schwer auszuhalten ist, damit es mit der Zeit und der Übung leichter wird. Ich glaube auch, dass es nicht nur unser eigenes Verständnis und Training braucht. Es braucht ein Miteinander, ein gegenseitiges Verständnis und Möglichkeiten, sich über den Schmerz und die Scham auszutauschen, um nicht mehr allein damit sitzen zu müssen. Es braucht die Bereitschaft, diese Themen gemeinschaftlich anzugehen, uns gegenseitig zu stärken und respektvoll miteinander umzugehen, damit wir die Chance haben, auch im Außen zu spüren, dass wir ohne Leistung wertvoll sind. Dass wir immer Pause machen dürfen. Dass Erholung nicht erst verdient werden muss. Und dass faul zu sein ein rebellischer Akt der Selbstfürsorge sein kann.

Ich selbst kann diese Haltung sehr gut ins Außen tragen. Ich kann anderen Sicherheit spenden, ihnen Verständnis, Gelassenheit und Beruhigung vermitteln. Ich kann aber all das nur ganz schwer auch mir selbst geben – und ich bin mir sicher, das kennst du nur allzu gut. Genau deshalb sind das Mit- und das Füreinander so wichtig. Wir brauchen Solidarität, selbst beim Faulsein.

Also sag mir gern mal: Willst du mit mir faul sein?

Topic Body Acceptance

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