
Nach jedem WM-Aus der Nationalmannschaft taucht er wieder auf: der Satz, das Ergebnis „helfe nur der AfD“. Doch was davon ist Gefühl, was Projektion – und was sagt die Forschung?
Für die deutsche Nationalmannschaft ist die Weltmeisterschaft nach der Niederlage im Elfmeterschießen gegen Paraguay schon beendet. Über das Sechzehntelfinale hinaus hat es das Team unter Trainer Julian Nagelsmann nicht geschafft, seit dem WM-Titel im Jahr 2014 ist die Weltspitze weit entfernt.
Über die sportlichen Gründe für das frühe Ausscheiden lässt sich viel diskutieren, doch das ist nicht das Ziel dieses „Lagebild”-Textes. Denn schon wenige Stunden nach einer Niederlage wie dieser fällt in Deutschland regelmäßig ein Satz, der weit über den Fußball hinausweist: „Das hilft nur der AfD.“ Doch stimmt das überhaupt?
Eine Niederlage wie diese ruft starke negative Emotionen hervor. Die Ergebnisse der Nationalmannschaft beeinflussen nach wie vor die Stimmung im Land und fügen sich ein in die Wahrnehmung einer Gesellschaft, die sich ohnehin mit zahlreichen Krisen und Unsicherheiten konfrontiert sieht. Gerade deshalb wirkt ein sportlicher Rückschlag für viele wie ein weiterer Beleg eines allgemeinen Niedergangs.
Vertrauen in Bundesregierung und Demokratie, die wirtschaftliche Situation, Inflation, der Zustand der Deutschen Bahn: Die Probleme in Deutschland sind vielfältig. Dies wurde umso deutlicher an den Tagen vor dem Spiel gegen Paraguay.
Eine historische Hitzewelle mit Temperaturen bis zu 42 Grad hatte das Land fest im Griff und brachte Menschen an ihre gesundheitlichen Grenzen. Notaufnahmen in vielen deutschen Städten waren überlastet, weil zu viele Menschen mit hitzebedingten Beschwerden medizinisch behandelt werden mussten.
Autobahn-Abschnitte platzten wegen der enormen Hitze auf, Züge fuhren gar nicht erst los, weil Teile der Infrastruktur geschmolzen waren oder die Klimaanlagen nicht funktionierten. Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich bis heute nicht zur Hitzewelle geäußert, zur Chefsache will er Klimaschutz und -anpassung auch nicht machen, wie ein Regierungssprecher erklärte.
Und dann scheidet auch noch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Männer bei der Weltmeisterschaft aus.
Dass Merz am Tag danach ausgerechnet hierzu zwei Social-Media-Posts veröffentlichte und sich schützend vor die Mannschaft stellte, während er zur Hitzewelle schwieg, zeigt vor allem eines: Fußball besitzt in Deutschland enorme öffentliche Aufmerksamkeit. Dass er dafür Spott und Häme erntete, ist dabei fast nebensächlich.
In jedem Fall ist ein solches Ergebnis für mehrere Tage Gesprächsthema Nummer 1. Ob im Internet, im Alltag auf der Straße oder in Gesprächen im Büro: Einige Menschen arbeiten sich an einer Entscheidung des Schiedsrichters ab, andere bemängeln Auf- oder Einstellung der Mannschaft und fordern den Rücktritt des Trainers. Die bleierne Stimmung im Land hat einen weiteren Dämpfer bekommen. Die Temperaturen sind gerade gesunken, da steigt das emotionale Thermometer noch weiter an.
Und wie so oft fällt in ganz alltäglichen Gesprächen oder politischen Debatten der Satz: „Das hilft nur der AfD.”
Diese Behauptung ist inzwischen fast zu einer politischen Floskel geworden. Doch zwischen der Beobachtung, dass Fußball die Stimmung im Land beeinflusst, und der Behauptung, dadurch gewinne die AfD Wählerinnen und Wähler, liegt ein entscheidender Unterschied. Die Frage ist deshalb nicht, ob Sport Emotionen auslöst – sondern ob sich diese Emotionen überhaupt in politisches Verhalten übersetzen.
In Deutschland gibt es die Tendenz, besonders im Medienbetrieb gewisse gegenwärtige Phänomene als Ausgangspunkt zu nehmen, den Puls der Bundesrepublik zu messen. Ob das der gestrandete Buckelwal, ein Bahnchaos oder das WM-Aus der Nationalmannschaft ist: Solche Ereignisse werden häufig zu Symbolen eines vermeintlichen allgemeinen Zustands Deutschlands erklärt.
Der „Niedergang” Deutschlands lasse sich bestens an solchen Geschichten erzählen, wobei es diese aus meiner Sicht gar nicht braucht. Denn die strukturellen Probleme des Landes bestehen unabhängig davon, ob die Nationalmannschaft gewinnt oder verliert.
Ein überzeugendes Turnier hätte weder die Hitzewelle beendet noch die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder politischen Herausforderungen des Landes gelöst.
Ein Sommermärchen 2.0, 20 Jahre später in den USA, hätte den Schalter in der Heimat auch nicht umgelegt.
Umgekehrt gilt aber auch: Sport beeinflusst Stimmungen, erzeugt Aufmerksamkeit und kann Debatten prägen.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob daraus ein politischer Effekt entsteht. Nach meinem Kenntnisstand gibt es keine Studie, die belegt, dass schlechte Leistungen der deutschen Nationalmannschaft das Wahlverhalten zugunsten der AfD verändern. Hier lohnt sich ein Blick auf die Forschung.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Forschung keine Antworten bereithält. Sie zeigt vielmehr, was Fußball beeinflusst – und was eben nicht. Der Sportwissenschaftler Michael Mutz kam 2013 in seiner Studie „Patrioten für drei Wochen. Nationale Identifikation und die Fußballeuropameisterschaft 2012 (Opens in a new window)” zu einem interessanten Ergebnis. Ein Jahr zuvor war die DFB-Elf bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine im Halbfinale an Italien gescheitert.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, „dass das Anschauen der Spiele der deutschen Mannschaft mit einem starken Anstieg von Patriotismus und einem moderaten Zuwachs von Nationalismus” verbunden sei. Und weiter: „Diese Zuwächse resultieren aus dem Erleben starker, positiver Emotionen, der Einbindung in kollektive Rituale und der Aneignung nationaler Symbole während der EM.”
Mutz kommt allerdings zu dem Schluss, dass diese Effekte nur wenige Tage nach der EM “erkennbar schwächer” ausgefallen seien. Der Kernsatz aus der Studie ist daher: „Eine nachhaltige Veränderung patriotischer oder nationalistischer Einstellungen dürfte die EM deshalb nicht bewirkt haben.”
Bei der Bundestagswahl scheiterte sie an der Fünf-Prozent-Hürde.
2019 veröffentlichten Freya Gassmann, Jan Haut und Eike Emrich eine Studie, die thematisch anknüpft. Sie untersuchten den Effekt der Weltmeisterschaften 2014 und 2018 in Bezug auf deutschen Nationalstolz („The effect of the 2014 and 2018 FIFA World Cup tournaments on German national pride. A natural experiment (Opens in a new window)”).
Speziell nach dem Titelgewinn bei der WM 2014 ließ sich auch hier ein signifikanter Anstieg in Nationalstolz feststellen, der allerdings ebenfalls nach einer kurzen Zeit wieder nachließ. Die Auswirkungen seien zudem gering gewesen, so die Gassmann, Haut und Emrich. Nach dem historischen Vorrundenaus 2018 in Russland stellten die Wissenschaftler fest, dass der Nationalstolz abgenommen hatte.
Daher, so lässt sich aus den Befunden ableiten, haben sportliche Großveranstaltungen keine maßgeblichen Auswirkungen auf Nationalstolz in Deutschland. In Übereinstimmung mit Mutz’ Studie sind die kleinen Effekte ohnehin nur temporär.
Die AfD, so viel wissen wir mittlerweile, definiert sich nicht nur durch ihren eigenen Nationalstolz. Bekannt ist allerdings auch, dass sie die Nationalmannschaft als Projektionsfläche für ihre eigene Agenda nutzt und dafür Themen wie Identität, Leistungsfähigkeit oder gesellschaftliche Vielfalt aufgreift.
Als die Nationalmannschaft 2018 in Russland in der Gruppenphase ausschied, saßen AfD-Abgeordnete schon fast ein Jahr im Bundestag – mit einem Ergebnis von 13 Prozent hatte sie die Parteienlandschaft in Deutschland stark verändert. Durch die Euro-Krise 2009 und die “Flüchtlingskrise” ab 2015 hatte sich die politische Grundstimmung im Land gewandelt, Unsagbares wurde immer häufiger zum Sagbaren.
Bei der Bundestagswahl 2021 stabilisierte sich das Ergebnis der AfD bei 10 Prozent, wenige Wochen zuvor war die Nationalmannschaft bei der Fußball-EM schon im Achtelfinale ausgeschieden. Auch hier gilt: Ein Zusammenhang zwischen Turnierverlauf und Wahlergebnis lässt sich weder empirisch belegen noch plausibel kausal herleiten.
Die Forschung hat gezeigt, dass es vor allem Themen wie Migration, Wirtschaft oder soziale Sicherheit waren, von denen die AfD profitierte – ohne allerdings in diesen Bereichen Lösungen anzubieten. Die daraus resultierenden Abstiegsängste und Benachteiligungsgefühle der Bevölkerung, politische Krisen und hohe Lebenshaltungskosten führten zu einem Wahlergebnis von 21 Prozent bei der Bundestagswahl 2025.
Das Vertrauen in die Demokratie sinkt, der Wunsch nach autoritärer Sicherheit wächst. Nach dem bisherigen Forschungsstand gibt es keinen belastbaren Hinweis darauf, dass sportliche Großereignisse das Wahlergebnis der AfD messbar beeinflussen. Sollte ein solcher Effekt existieren, dürfte er gegenüber Faktoren wie Migration, wirtschaftlicher Lage oder Vertrauen in die Regierung nur von geringer Bedeutung sein.
Wenn die AfD im Herbst bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wie aktuelle Umfragen zeigen, irgendwo zwischen 35 und 40 Prozent landen wird, fragen Wahlforscher*innen nach den Gründen – das WM-Aus wird darin höchstwahrscheinlich keine Rolle spielen.
Frankreichs Nationalmannschaft spielt seit Jahren in der Weltspitze, trotzdem kann sich die extreme Rechte mittlerweile Chancen auf das Präsidentenamt ausrechnen. In England ist nicht nachgewiesen, dass die durchschnittlichen Ergebnisse der Nationalmannschaft Rechtspopulisten wie Nigel Farage mehr Stimmen bringen.
Das Mittel, den gegenwärtigen Zustand der Bundesrepublik Deutschland mit den sportlichen Leistungen der Männer-Nationalmannschaft in Verbindung zu bringen, nutzen vor allen Dingen Polarisierungsunternehmen wie der Springer-Verlag oder die AfD, die von negativen Emotionen leben, diese zu triggern versuchen und damit Erfolg haben.
Ein wirksames Mittel dagegen könnte darin bestehen, eine realistische, aber zugleich konstruktive Perspektive auf die Zukunft des Landes zu zeichnen und gleichzeitig die herrschenden Krisen und Probleme im Land (Klimaschutz und -anpassung!) zu identifizieren, zu analysieren und bestmöglich zu lösen. Sachorientierte Kommunikation senkt wahrgenommene Bedrohungen, damit schrumpft der Nährboden für Kurzschlussdeutungen. Um Themen wie Steuern, Arbeitszeit oder Kündigungsschutz geht es schon heute im Koalitionsausschuss.
Und auch der DFB wird sich bei seiner Analyse zur WM ernsthaften Fragen stellen müssen. Ihn kann man aber bei aller Kritik nicht dafür verantwortlich machen, der AfD zu Stimmen zu verhelfen.