Hallo,
bestimmt hast du es mitbekommen:
Noch nie seit 1946 sind in Deutschland so wenig Kinder auf die Welt gekommen wie 2025.
Als Katastrophe bezeichnet das nicht nur Johanna Dürrholz in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. In ihrem Debattenstück fragt sie sich, ob die Berichterstattung zu negativ ist. Zu viel würde es in den Medien um Mental Load und Care Arbeit, um durchwachte Nächte und geschlossene Kitas gehen, als dass noch irgendwer mitbekommen würde, wie schön es sei, Eltern zu werden.
Was Dürrholz in ihrem Text genauso wenig erwähnt wie die meisten anderen, die in die alljährliche Katastrophenberichterstattung nach der Geburtenraten-Meldung des Statistischen Bundesamtes (Opens in a new window) eingestiegen sind:
Es ist nicht so, dass die Menschen, die derzeit im potentiellen Kinderkrieg-Alter sind, das so viel seltener tun als die Generationen vor ihnen. Dass seit dem Zweiten Weltkrieg nie weniger Kinder zur Welt kamen wie 2025, liegt auch daran, dass es noch nie so wenig potentielle Eltern gegeben hat.
Die Geburtenziffer (nicht Geburtenrate, den Unterschied erkläre ich hier (Opens in a new window)) ist schon seit mehr als fünf Jahrzehnten etwa auf dem Niveau von heute (Opens in a new window). In den Siebziger Jahren sank die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau im gebärfähigen Alter rapide, ihren Tiefststand erreichte sie Mitte der Neunziger mit 1,25.
Doch wer Mitte der Neunziger (nicht) geboren ist - der wäre jetzt im richtigen Alter für die Familiengründung. An den so furchtbar wenig Babys derzeit sind also nicht in erster Linie die Millennials schuld. Es waren ihre Eltern und deren FreundInnen, die sich so unzureichend fortgepflanzt haben.
Diese Tatsache hindert allerdings kaum jemanden daran, im Hier und Jetzt nach Gründen für den Gebärstreik zu fahnden.
Neun Begründungen im Check:
Ist es die Unsicherheit, die vielen Krisen (Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation)? Das erscheint halbwegs plausibel (Opens in a new window), denn in Zeiten des Umbruchs neigen Menschen dazu, die Familiengründung aufzuschieben.
Gibt es zu wenig Wohnraum? In Umfragen (Opens in a new window) nennen das Paare als Grund gegen ein (weiteres) Kind. Gegen diese Begründung spricht, dass in Landstrichen ohne Wohnungsnot genauso wenig Kinder zur Welt kommen.
Sind Familie und Beruf zu schlecht vereinbar? Mit Vereinbarkeit ist es nicht weit her, das stimmt. Allerdings zeigt sich im internationalen Vergleich nicht, dass in gleichberechtigeren Ländern mehr Kinder geboren werden. Oft ist es umgekehrt.
Kosten Kinder zu viel Geld? Hier ist der Zusammenhang ähnlich. Ja, Kinder sind teuer und hindern an der Erwerbsarbeit. Dennoch - oder deswegen - bekommen wohlhabendere Menschen weniger Kinder als Menschen mit weniger Geld.
Sind Eltern zu alt? Hier ist was dran. Das Alter von Müttern bei der Geburt des ersten Kindes ist seit 1991 um fast vier Jahre gestiegen (Opens in a new window). Und es mag sein, dass sich Menschen mehr Kinder wünschen - aber weil die Fruchtbarkeit im Alter stark zurückgeht, wird aus einem später oft ein gar nicht.
Sind die Handys schuld? Zwei internationale Studien (Opens in a new window) sehen einen kausalen Zusammenhang zwischen der Verbreitung von Smartphones und den fallenden Geburtenraten seit Anfang der 2010er Jahre. Besonders stark ist der Effekt in der Altersgruppe der 15- bis 24-jährigen. Mich erinnerte das an einen Satz, den die Politikwissenschaftlerin Jennifer Sciubba, Autorin des sehr empfehlenswerten Buchs "8 Billion and counting", zu mir sagte:
The largest part of the falling birth rates is due to the decline of teen pregnancies. This is something we wanted to achieve for decades.
(Off Topic: Teenager können es der Welt einfach nicht recht machen, oder? (Opens in a new window)Wenn sie Sex haben, ist es falsch. Wenn sie stattdessen am Handy hängen, ist es auch falsch.)
Machen mRNA-Impfungen unfruchtbar? Lacht nicht. In manchen Medien und Parteien wird dieses Argument komplett ernst genommen. Ich will sie nicht mit Verlinkungen adeln. Seriöse Belege gibt es nicht.
Gibt es einen Wertewandel? Ist Kinderlosigkeit moderner als früher (Stichwort: No-Birth-Bewegung)? Vor ein paar Jahren gab es viele Medienberichte (Opens in a new window)über junge Frauen, die mit Mitte 20 schon sicher waren: Kinder niemals, allein schon wegen des Klimas. Statistisch sieht man diesen Hype nicht. Etwa jede fünfte Frau wird nie Mutter (Opens in a new window) und das ist schon seit ein paar Generationen so.
Wandern zu wenig Menschen ein? Das könnte tatsächlich ein Faktor sein. In der öffentlichen Debatte wird das kleine deutsche Geburtenhoch zwischen 2016 und 2024 meist mit dem Elterngeld und der Kitaplatzgarantie verknüpft. Es könnte aber auch daran liegen, dass Mitte der 2010er Jahre viele Menschen nach Deutschland eingewandert wird. Denn die Statistik zeigt: Frauen mit ausländischer Staatsbürgerschaft bekommen im Schnitt mehr Nachwuchs als deutsche Frauen.
Was denkst du? Wenn ich einen wichtigen Grund vergessen habe, schreib mir und ich checke ihn nächste Woche.
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Ein schönes Wochenende wünscht dir
Barbara
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