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being human

Das seltsame, widersprüchliche Abenteuer, ein Mensch zu sein

Eine Kolumne von Christina Emmer
#9 - Falsche Erinnerungen

Mittwoch Abend. Hunderunde.

Meine Frau geht links neben mir, der Hund rechts. Wir laufen wie immer den Feldweg abseits der Straßen entlang, weil der Hund hier ein Stück frei laufen kann.

Ich bin in Gedanken. (Oder redeten wir über irgendwas? Ich weiß es nicht mehr genau.) Auf jeden Fall sind wir so 20 Meter auf dem Feldweg unterwegs und erreichen die Stelle, wo ich normalerweise - wenn nicht gerade ein anderer Hund entgegenkommt - meinen Hund ableine. Ich kann schon fast um die kleine Biegung herum sehen...

Doch heute wird es anders sein, denn nur Sekunden später wird mein Gehirn etwas zusammenfantasieren, was überhaupt nicht passiert ist und für einige Sekunden bin ich von dieser Fantasie so absolut überzeugt, als ob es die Realität wäre.

Ja, ich reagiere regelrecht fassungslos, ob der Szene, die sich da gerade in meinem Kopf abgespielt hat.

Was war passiert?

Wie gesagt, wir redeten vermutlich über irgendwas und ich war im Begriff, mein Handy aus der Tasche zu holen. Ich wollte auf die Uhr schauen, um zu sehen, wie spät es schon war.

Als ich den Kopf wieder hebe, spüre ich im gleichen Moment die Leine an meiner Hand baumeln und mir wird klar, dass mein Hund abgeleint ist. Im nächsten Moment sehe ich Stella auch schon auf der anderen Seite an meiner Frau vorbeilaufen.

"Wie ...?" setze ich an. "Wer hat sie abgeleint?" frage ich und schau dabei ins Gesicht meiner Frau, die mich nichtsahnend anlächelt.

Und bevor sie mir antworten kann, sage ich:

"Ach klar, hab ich sie selbst abgeleint, bevor ich das Handy aus der Tasche geholt hab!" sage ich lachend.

Und ich erzähle damit genau das, was ich als Erinnerung aus meinem Kopf hole. Ein vertrautes Bild. Wie jeden Tag bücke ich mich, hake den Karabiner aus und lass sie laufen. Danach hole ich mein Handy aus der Jackentasche.

Nichts dramatisches.

Nur… das ist nie passiert.

Also nicht an diesem Abend.

Doch ich sage tatsächlich nochmal: "Ja klar, ich hab sie selbst abgeleint." Lache nochmal, weil ich es wohl kurz vergessen hatte und mich jetzt wieder erinnern kann. Das Gehirn spielt einem ja manchmal Streiche.

Nur… der Streich ist ein ganz anderer.

Es ist nicht so, dass ich es gemacht und kurz vergessen hab.

Das kennen wir ja alle von automatisierten Handlungen. Plötzlich wissen wir nicht mehr, was wir gerade eben tun wollten, was wir gestern gegessen haben, wie wir über die Kreuzung gefahren sind, ob die Ampel wirklich grün war.... So was eben.

Doch diesmal war es umgekehrt. Und ich merkte es erst als meine Frau - ebenfalls lachend - sagt:

"Nein Schatz, ich habe sie abgeleint, Du hast es nur nicht gesehen."

"Nein?!"

"Doch."

BÄMM!

What? Ich habe mich eben an etwas erinnert, was ich gar nicht gemacht hab? Ich habe mich selbst völlig überzeugt von einer Handlung, die gar nicht passiert ist? Das Bild in meinem Kopf bzw. das kleine Video wirkte echt. Realistisch. Nicht wie ein Traum verschwommen. Ganz klar.

Ich kann es nicht fassen.

Und natürlich bin ich eine Minute später in meinem Lieblingsthema:

Wie menschlich es ist, sich selbst zu verarschen.

Wie überzeugt wir immer sind, uns richtig zu erinnern.

Wie genau wir wissen, wie es gewesen ist.

Und wie leicht unser Gehirn uns etwas vorgaukelt, was gar nicht wahr ist.

Wie schnell wir die plausibelste Erklärung fraglos annehmen.

Weil... ist doch klar!

Ist doch logisch!

Muss so sein.

Zack.

Falsch gedacht.

Falsch erinnert.

Falsch bezeugt.

Unser Gehirn arbeitet im Zweifel immer für uns.

Es konstruiert unser Leben rückwirkend.

So, dass es möglichst viel Sinn ergibt.

Möglichst viel zusammenpasst.

Auch auf Kosten der Wahrheit.

***

Alles Liebe
Christina

PS: Danke an Martina für die Erinnerung an unsere langjährige Verbindung (11 Jahre Leserin - wow!) und Deine Gedanken zum Thema “Schleifchen für die Hölle”. Und danke auch an Michi für die ergänzenden Gedanken zum Thema Fokus.

PPS: Hattest Du auch schon mal glasklare Erinnerungen, die sich als falsch herausgestellt haben?
Kommentiere hier oder schreibe mir per Email an mail@christinaemmer.de (Opens in a new window), ich lese alle Nachrichten. 

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