
Hallo Ihr Lieben:
Ende Februar erscheint eines der besten Bücher der vergangenen Jahre auf deutsch: “Die Vergiftung der Welt” (oder auf englisch: “They Poisoned the World”) von Mariah Blake. Ich habe das Buch gleich bei seinem Erscheinen auf Englisch im vergangenen Jahr verschlungen und bin großer Fan. Nicht nur, weil ich zu dem Thema des Jahrhundergiftes PFAS selbst jahrelang recherchiert habe.
Für die deutsche Ausgabe von Blakes Buch hatte ich die Ehre, das Vorwort zu schreiben. Ich möchte Euch das Buch von ganzem Herzen empfehlen. Nicht nur, weil es ein journalistisches Meisterwerk ist. Sondern auch, weil ich hoffe, dass durch dieses Buch noch mehr Menschen verstehen, wie problematisch unser Umgang mit PFAS ist und wie dringend es ist, dass wir daran etwas ändern.
Rennt in Eure unabhängige Buchhandlung, bestellt es vor, lest es – ich bin gespannt, wie Ihr es findet. Hier geht es direkt zur Vorbestellung beim oekom-Verlag (Opens in a new window), der immer wieder wichtige Umwelt-Bücher möglich macht.
Wer das Buch bis zum 25. Februar vorbestellt, kann an einem Leser*innen Zoom-Call mit Mariah Blake teilnehmen. Mehr Infos gibt’s auf der Seite des oekom-Verlages (Opens in a new window).
(Und noch etwas: Falls Ihr Journalist*innen seid und gerne über das Thema berichten wollt oder für Organisationen oder Buchläden arbeitet, die gerne eine Veranstaltung oder Lesung mit Mariah veranstalten wollt, dann könnt Ihr Euch über reinemann@oekom.de (Opens in a new window) mit dem Verlag oder über mariah@mariahblake.com (Opens in a new window) auf Englisch mit Mariah direkt verbinden.)
Auf ganz bald und viele Grüße aus Cambridge,
Daniel
Auf dieses Buch habe ich jahrelang gewartet.
Ich arbeite seit 25 Jahren als Journalist, seit 15 Jahren bin ich investigativer Reporter, seit zehn Jahren lese ich fast ausschließlich gut erzählte Sachbücher.
Bücher wie »Die Vergiftung der Welt« von Mariah Blake sind der Grund, warum ich ständig versuche, besser zu werden – denn Bücher wie dieses zeigen mir, was Journalismus sein kann.
Und wie wichtig es ist, dass wir mit unseren Recherchen nicht nur der Wahrheit möglichst nahe kommen, sondern auch die berührenden Geschichten der Menschen erzählen, die vorher keine Macht hatten und keine Stimme bekommen haben.
In »Die Vergiftung der Welt« ist es Michael Hickey aus dem kleinen amerikanischen Ort Hoosick Falls, den der plötzliche Tod seines Vaters so erschüttert, dass er selbst anfängt zu recherchieren. Er stellt fest, dass das Trinkwasser in seiner Gemeinde völlig verunreinigt ist. Dass die verantwortlichen Firmen seit Jahrzehnten wussten, wie gefährlich ihre Chemikalien waren. Und dass sie trotzdem nichts dagegen unternahmen, das alles sogar aktiv verheimlichten.
Mariah Blake erzählt die Geschichte der Menschen in Hoosick Falls, aber diese Geschichte betrifft uns alle. Sie beschreibt den Kampf der Menschen gegen das Gift, das ihr Leben zerstört, so detailliert, so lebhaft, so nachvollziehbar, dass man sich fühlt, als sei man dabei gewesen. Sie legt die Beziehungen, die inneren Konflikte, die Kämpfe dieser Menschen gegen die Industrie und Politik offen, die Kämpfe gegen die eigenen Familien und Nachbarn, gegen Zweifel und Unsicherheiten. Das alles so konkret zu beschreiben, dazu braucht es jahrelange Arbeit.
Blake berichtet seit zehn Jahren über PFAS – so lange wie kaum jemand anderes auf der Welt. Sie ist eine der besten investigativen Journalistinnen der USA. Und für dieses Buch hat sie hunderte Menschen gesprochen, tausende Dokumente gelesen, unzählige Reisen bestritten.
Um so ein Buch zu schreiben, müssen wir als Reporter*innen nicht nur das Problem erfassen und Dinge aufdecken, die andere nicht veröffentlicht sehen wollen. Wir müssen auch das Vertrauen der Menschen gewinnen, die bislang keinen Grund hatten, großen Medien Glauben zu schenken, die enttäuscht und allein gelassen wurden. Wer wie Mariah Blake ein solches Projekt über Jahre vorantreibt, der kann versinken und verzweifeln, der kann überfordert und hoffnunglos sein – und macht trotzdem weiter, mit dem Glauben an die Kraft des guten Journalismus. Ich bin dankbar, dass sie diese Arbeit auf sich genommen hat.
Das Ergebnis von Blakes jahrelanger Arbeit ist eines der besten journalistischen Bücher, die ich je gelesen habe.
Und eines der Wichtigsten, denn das Jahrhundertgift PFAS ist eine der größten Bedrohungen für uns Menschen überhaupt.
PFAS sind nicht zu sehen, nicht zu riechen, nicht zu schmecken. Sie erhöhen das Risiko für Krebs, für ein schwaches Immunsystem, für Fettleibigkeit und Unfruchtbarkeit. Einmal produziert, bleiben sie für Jahrzehnte in der Umwelt. Und sie sind inzwischen überall. In der Ostseebrandung, im Fisch, im Trinkwasser, in unserem Blut. Die menschengemachten PFAS sind inzwischen viel verbreiteter, als wir alle glauben – auch in Deutschland. Und das macht dieses Buch so besonders: Es geht weit über die auf den folgenden Seiten beschriebenen Fälle in den USA hinaus. Die Probleme in Hoosick Falls sind Probleme, die wir auch in Europa, die wir auch in Deutschland haben.
In den vergangenen drei Jahren habe ich gemeinsam mit mehreren Dutzend Kolleg*innen aus ganz Europa zu PFAS recherchiert. Unsere Recherchen für NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung haben gezeigt, dass allein in Deutschland mehrere tausend Orte mit dem Jahrhundertgift belastet sind – in Europa sind es sogar mindestens 23.000 Orte. Und es werden täglich mehr. Die Recherchen haben auch gezeigt, wie hart und mit welch manipulativen Techniken die Industrie darum kämpft, die toxischen Chemikalien weiter massiv einzusetzen. Derzeit wird in der EU erstmals eine weitreichende Beschränkung von PFAS verhandelt, doch Industrievertreter versuchen die zuständigen Politiker seit Jahren mit fragwürdigen Argumenten zu beeinflussen, diese Beschränkung aufzugeben oder extrem zu verwässern. Wir haben zudem aufgedeckt, dass in Zukunft europaweit bald jedes Jahr mehr als 100 Milliarden Euro Kosten durch den Einsatz von PFAS entstehen. Es sei denn, wir schaffen es, die Produktion und den Einsatz von PFAS sehr bald stark einzuschränken.
Das alles unterstreicht, wie wichtig es ist, dass Mariah Blake dieses herausragende Buch geschrieben hat. Ich hoffe, dass die wahren Geschichten der Menschen aus Hoosick Falls und die Recherchen von Blake möglichst vielen Menschen die Augen öffnen – und auch die Debatte um die Folgen dieser gefährlichen Chemikalien in Deutschland und Europa noch einmal stärker anfachen.
Daniel Drepper, im November 2025
Nieman Fellow der Harvard University &
Vorsitzender Netzwerk Recherche