Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es um schrumpfende Gehirne und die Frage, ob es sowas wie ein Schwangerschaftsgedächtnis gibt.

Fünfmal waren meine beiden Schwestern schon schwanger. Fünf kleine, wundervolle und wundersame Mädchen haben sie auf die Welt gebracht. Und wundersam waren auch die jeweils neun Monate, bevor es soweit war. Für uns als Familie natürlich weniger als für meine Schwestern selbst. Aber ich erinnere mich noch gut an einen Dänemark-Urlaub, in dem meine eine Schwester hochschwanger am Esstisch stand und mir was Wichtiges sagen wollte. Sie schaute mich mit mit großen Augen an, begann ihren Satz dreimal von vorn, aber stoppte immer wieder an einem Punkt, an dem ihr das Wort fehlte. Sie kam einfach nicht drauf. Sie winkte ab und meinte nur: „Boah, mein schwangeres Gehirn ey. Wird Zeit, dass die Kleine rauskommt.“
So einen Satz sagt man in der Nähe eines Wissenschaftsjournalisten, der beruflich über Gehirne schreibt, natürlich nicht folgenlos. Ich musste mich zwingen, nicht direkt los zu recherchieren (ich war ja schließlich auch im Urlaub!), aber ich machte mir eine Notiz: Gibt es sowas wie ein schwangeres Gehirn? Und wenn ja: Wie genau verändern Schwangerschaften das Gehirn? Darum geht es heute. Denn wie sich herausstellt, schrumpft das Gehirn von Schwangeren. Das wirkt auf den ersten Blick erstmal schockierend. Denn schrumpfende Gehirne kennt man in erster Linie von Alzheimer oder Alkoholismus. Was steckt dahinter?
Die Schwangerschaft ähnelt der Pubertät
2016 veröffentlichten die Neurowissenschaftlerinnen Elseline Hoekzema und Erika Barba-Müller mit ihrem Team eine Studie (Opens in a new window), die bis heute als Meilenstein gilt. Sie untersuchten Frauen, bevor sie schwanger wurden, und dann erneut, nachdem sie ihr erstes Kind bekommen hatten. Mithilfe von hochauflösender Magnetresonanztomografie (MRT) kartierten sie die Gehirne und verglichen sie mit denen von Vätern und kinderlosen Frauen. Das Ergebnis war eindeutig und ziemlich überraschend.
Das Gehirn der Mütter hatte messbar an Volumen verloren. Vor allem in der sogenannten grauen Substanz, also dem Teil des Gehirns, der Milliarden Zellkörper der Neuronen enthält und neuronale Netzwerke bildet. Die betroffenen Regionen? Fast ausschließlich solche, die für soziale Kognition zuständig sind. Also für Dinge wie Perspektivübernahme, Empathie oder Selbstwahrnehmung.
Ein beunruhigender Verlust? Nicht ganz. Denn ja, neuronalen Rückbau kennt man vor allem von neurodegenerativen Krankheiten (hier eine Ausgabe über Parkinson (Opens in a new window), hier eine über Alzheimer (Opens in a new window)), aber eben nicht nur. Wie ich hier beschrieben (Opens in a new window) habe, kennt man diesen Rückbau auch von Jugendlichen in der Pubertät. Synaptic Pruning nennt man es, wenn die Verbindungen zwischen Nervenzelle gekappt werden. Das Ziel: Nur die besten, die stärksten Verbindungen bleiben bestehen. Die, die oft genutzt werden. Das Gehirn spart so Energie und verbessert seine Verarbeitungsgeschwindigkeit enorm.
Man schneidet die Äste zurück, damit der Baum später mehr Früchte trägt
Wie bei der Pubertät spielen auch bei der Schwangerschaft Hormone die Hauptrollen. Wie genau, das hat ein Forschungsteam um Yanbin Niu 2024 in einer Längsschnittstudie (Opens in a new window) untersucht. Zehn schwangere Frauen wurden über Wochen hinweg gescannt, ihre Hormonwerte im Speichel und in den Haaren gemessen, ihre Gehirne kartiert. Dabei zeigte sich: Progesteron und Estradiol – zwei Hormone, die während der Schwangerschaft massiv ansteigen – standen in direktem Zusammenhang mit den Veränderungen im Gehirn.
Vor allem zwei Dinge sind dabei passiert:
Die graue Substanz nahm ab – wie schon von Hoekzema und Barba-Müller gezeigt hatten.
Gleichzeitig nahm die Dichte der Nervenfasern in der weißen Substanz zu; ein Hinweis auf neuronale Plastizität.
Die Wissenschaftler:innen interpretieren diese Veränderungen im schwangeren Gehirn deshalb auch nicht als Defizit, sondern als gezielte Spezialisierung – vergleichbar mit dem Zurückschneiden eines Obstbaums, damit er später mehr Früchte trägt. Die Reduktionen sind so präzise, dass man allein am Hirnscan erkennen kann, ob eine Frau eine Schwangerschaft hinter sich hatte. Und: Je stärker die Veränderungen in den sozialen Arealen, desto enger später die Bindung zum Baby. Es wird also nicht einfach etwas abgebaut, sondern umgebaut: Weg mit Überflüssigem, her mit neuen, gezielten Verbindungen.
Empathie auf Empfang, Stress auf Sparflamme
Das Team um Elseline Hoekzema veröffentlichte 2022 eine weitere Studie (Opens in a new window) in Nature Communications. Diesmal ging es nicht um Struktur, sondern um Funktion. Genauer: um das sogenannte Default Mode Network, ein Netzwerk im Gehirn, das mit Selbstreflexion, Tagträumen und sozialer Empathie in Verbindung steht. (Mehr dazu hier (Opens in a new window).)
Während der Schwangerschaft organisiert sich dieses Netzwerk neu. Es reagiert empfindlicher auf Baby-Stimuli und ist aktiver in Ruhephasen.
Und es bleibt nicht bei Struktur und Funktion. Auch die Stressverarbeitung ändert sich. In Tiermodellen zeigen sich deutlich reduzierte Reaktionen auf Stressoren während der Schwangerschaft – ein Schutzmechanismus, der auch wieder von Hormonen gesteuert (Opens in a new window) wird. Denn ein chronisch gestresstes Gehirn ist kein guter Nährboden, weder für die Mutter, noch fürs Kind.
Schwanger? Vergesslich? Ja, aber …
In amerikanischen Elternblogs nennt man es: „Mommy Brain“. Das vergessliche, schwangere Gehirn, wie meine Schwester es sich selbst unterstellt hat im Dänemark-Urlaub. Ist da was dran? Tatsächlich zeigen neue tierexperimentelle Studien (Opens in a new window), dass sich die elektrische Aktivität in präfrontalem Kortex, Hippocampus und Amygdala verändert. Und genau das sind die Areale, die mit Gedächtnis, Konzentration und Emotionsregulation zusammenhängen.
Heißt das also: Schwangere sind irgendwie … dümmer?
Im Gegenteil. Erstens scheint es sich bei den Veränderungen im Gedächtnis eher um Nebeneffekte zu handeln. Wenn das Gehirn sich stark umbaut, ist es anfälliger für alle möglichen kognitiven Veränderungen (wie in der Pubertät ja auch). Außerdem vermuten Forscher:innen, dass das Gehirn während der Schwangerschaft Ressourcen verschiebt, und nicht verliert. Weniger Multitasking, mehr Fokus. Weniger Faktenwissen, mehr Bindungsfähigkeit. Weniger orientiert auf die Außenwelt, mehr auf das kleine Innenleben, das da wächst. Die Mutter kann dadurch zum Beispiel besser unterscheiden, ob das Baby weint, weil es hungrig ist, ungemütlich liegt, oder Schmerzen hat.
Mütter sind übrigens durch die Veränderungen im Gehirn auch besser in der Lage, das Schreien des Babys auszuhalten. Sie führen dazu, dass die Mütter ihre eigenen Emotionen herunterregeln können, um die Gefühle des Babys in den Mittelpunkt zu stellen. Und dann ist da noch das Salienz-Netzwerk. Das ist dafür zuständig, auffällig Reize zu erkennen. Wenn wir eine Parklücke suchen, ist es aktiv. Man sucht den einen freien Platz unter all den belegten. Eine wichtige Funktion von diesem Netzwerk ist es, Gefahren zu erkennen. Dass Mütter darin besser werden, ist alles andere als kognitiver Verfall – es ist ziemlich nützlich.
Wie lange halten all diese Veränderungen an? Es kommt drauf an
Bleibt die Frage, wie lange all diese Veränderungen anhalten. Verändert sich das Gehirn durch eine Schwangerschaft etwa dauerhaft? Zunächst ein Blick auf den Hippocampus.