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Verändert es dein Gehirn, wenn du Vater wirst?

Jeden Freitag erzähle ich dir von Erkenntnissen aus Neurowissenschaft und Psychologie, die du kennen solltest. Heute geht es die Gehirne von Vätern und wie Politik ihre Gehirne indirekt beeinflusst.

Ich habe zwei Schwestern, die zusammengenommen schon fünf Töchter auf die Welt gebracht haben. Kein Wunder, dass ich schon darüber geschrieben habe (Opens in a new window), wie eine Schwangerschaft das Gehirn von (werdenden) Müttern verändern kann. 

Eine Schwangerschaft lässt das Gehirn zwar messbar schrumpfen, aber dieser Rückbau der grauen Substanz ist kein Defizit, sondern eher eine Spezialisierung. Ähnlich wie beim Synaptic Pruning in der Pubertät werden neuronale Verbindungen effizient zurückgeschnitten, um Platz für neue Fähigkeiten zu schaffen, die als Mutter ziemlich wichtig sind: Gesteigerte Empathie, eine stärkere Bindungsfähigkeit und eine geschärfte Wahrnehmung für die Bedürfnisse des Babys. Während kognitive Einbußen wie Vergesslichkeit meist temporär sind, baut sich das soziale Netzwerk im Gehirn dauerhaft um – ein Upgrade, das Mütter oft noch Jahre später von kinderlosen Frauen unterscheidet.

Mein Bruder und ich sind noch nicht Väter geworden. (Wir sind auch jünger, hallo, keinen Druck aufbauen hier!) Aber ich habe mich gefragt, ob es das Gehirn eigentlich auch verändert, wenn man Vater wird. Meine intuitive Antwort war: Nö, wahrscheinlich nicht.

Bei Frauen passiert so viel im Körper während der Schwangerschaft, was harte Biologie ist (ich meine, da wächst einfach ein anderer Mensch in dem Menschen drinne??). Dass das Auswirkungen auf das Gehirn der Mutter hat, erschien mir sehr schlüssig. Diese harten biologischen Fakten fehlen dem Mann, wenn die Frau schwanger ist. 

Aber: weit gefehlt. Ich habe eine Studie gefunden, die sich genau mit diesem Thema beschäftigt hat. Und ja: Vatersein schrumpft das Hirn. No (Dad-) Joke.

Die Studie

In einer internationalen Studie (Opens in a new window) haben sieben Forschende aus Spanien (Barcelona) und den USA (Kalifornien) im Jahr 2022 untersucht, wie sich das Gehirn von Männern verändert, wenn sie zum ersten Mal Vater werden.

Dafür haben sie insgesamt 47 Männer ins Labor eingeladen. 20 Männer aus Spanien, die untersucht wurden, bevor ihre Partnerinnen schwanger waren und erneut nach der Geburt. 20 Männer aus Kalifornien, die untersucht wurden während der Schwangerschaft ihrer Partnerinnen (im letzten Drittel) und dann einige Monate nach der Geburt nochmal. Und 17 kinderlose Männer aus Spanien. Diese dienten als Kontrollgruppe. Sie wurden in einem ähnlichen zeitlichen Abstand untersucht wie die Väter, planten aber nicht, in nächster Zeit Vater zu werden. So konnten die Forscher:innen sicherstellen, dass Veränderungen im Gehirn wirklich durch die Vaterschaft und nicht einfach durch das Älterwerden entstehen.

Die Studie war eine sogenannte Longitudinalstudie (Längsschnittstudie). Das bedeutet, dass dieselben Personen über einen längeren Zeitraum hinweg mehrfach untersucht wurden, um Veränderungen direkt beobachten zu können.

Die Teilnehmer mussten zwei Mal in die Röhre, also eine MRT-Untersuchung (Magnetresonanztomographie) machen lassen. MRT kennst du mittlerweile: Das ist ein Gerät, das mit starken Magnetfeldern sehr detaillierte Bilder vom Inneren des Körpers (hier dem Gehirn) macht. So kann man zum Beispiel erkennen, welche Hirnregion wie groß ist oder ob Regionen sich im Laufe der Zeit verändert haben.

Was genau wurde am Gehirn gemessen?

Die Forscher:innen schauten sich vor allem die strukturelle Plastizität an. Das ist die Fähigkeit des Gehirns, seine Struktur als Reaktion auf neue Erfahrungen zu verändern. Da alles, was wir machen und denken, unser Gehirn verändert, könnte man davon ausgehen, dass es sich mit der Pflege eines Babys genauso verhält. Die Wissenschaftler:innen konzentrierten sich dabei auf zwei Hauptbereiche.

Der Kortex (Hirnrinde): Das ist die äußere Schicht des Gehirns, die wichtig ist für komplexes Denken, soziale Fähigkeiten und die Verarbeitung von Sinnesreizen. Hier maßen sie:

  • Das Volumen (die Gesamtmenge der grauen Substanz).

  • Die Dicke der Hirnrinde.

  • Die Oberfläche (wie stark die Hirnrinde gefaltet ist).

Subkortikale Strukturen: Das sind tiefer liegende Bereiche des Gehirns, die oft mit grundlegenden Instinkten, Gefühlen und Belohnung zu tun haben. 

Was hat man herausgefunden?

Die Untersuchung der Gehirne der Erst-Väter ergab einen klaren Befund: Nachdem sie Vater wurden, verringerte sich das Volumen der grauen Substanz in ihrem Kortex. Die Volumenabnahmen betrafen aber nicht das gesamte Gehirn wahllos, sondern konzentrierten sich in spezifischen funktionellen Netzwerken:

  • Default Mode Network (Ruhezustandsnetzwerk): Dieses Netzwerk ist unter anderem für das Mentalisieren wichtig – also die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle anderer hineinzuversetzen. Bei beiden Gruppen von Vätern (Spanien und Kalifornien) wurden hier Volumenverringerungen gemessen.

  • Visuelles Netzwerk: Überraschenderweise zeigten beide Gruppen deutliche Abnahmen im visuellen System. Die Forscher:innen vermuten, dass das Vätern helfen könnte, ihre Kinder besser zu erkennen und schneller auf sie zu reagieren. Helfen? Ja: Eine andere Studie stellte bereits fest, dass Väter in Aufgaben zum visuellen Gedächtnis besser abschneiden als kinderlose Männer. Das deutet darauf hin, dass die strukturellen Veränderungen mit einer funktionellen Verbesserung der visuellen Fähigkeiten einhergehen könnten. Schau mal einer an.

  • Dorsales Aufmerksamkeitsnetzwerk: Bei den spanischen Vätern wurde zudem eine Verringerung in diesem Bereich festgestellt, der für die gezielte Steuerung der Aufmerksamkeit wichtig ist. Aber nur bei den spanischen Vätern. (Dazu unten mehr.)

Interessanterweise unterschieden sich die Gruppen darin, wie das Volumen abnahm: Bei den spanischen Vätern verringerte sich vor allem die Dicke der Hirnrinde (um etwa 1,10 %). Bei den kalifornischen Vätern reduzierte sich eher die Oberfläche der Hirnrinde (um etwa 0,52 %).

Im Gegensatz zu Müttern, bei denen sich oft tiefer liegende subkortikale Strukturen wie das Belohnungszentrum verändern, blieben diese Bereiche bei den Vätern nahezu unverändert. Das deutet darauf hin, dass die Anpassung bei Vätern eher über höhere kognitive Prozesse in der Hirnrinde erfolgt.

Was bedeuten diese Veränderungen?

Eigentlich könnte ich hier genau das schreiben, was ich auch schon über die Gehirne von schwangeren Frauen geschrieben habe: Die Wissenschaftler:innen interpretieren diese Veränderungen nicht als Defizit, sondern als gezielte Spezialisierung. Und das stimmt auch. Aber bei Vätern finde ich noch viel erstaunlicher, dass es überhaupt Veränderungen gibt, die so sichtbar sind.

Ähnlich wie in der Pubertät und bei den Frauen findet ein sogenanntes Synaptic Pruning (synaptisches Stutzen) statt. Überflüssige Verbindungen werden abgebaut, um die verbleibenden Netzwerke effizienter und spezialisierter für die neue Aufgabe – die Kinderbetreuung – zu machen. Bei Müttern wurde bereits gezeigt, dass genau diese Volumenabnahmen mit einer stärkeren Reaktion auf das eigene Kind und einer festeren Bindung einhergehen.

Wie sehr sich die Gehirne verändern, scheint bei den Vätern übrigens deutlich mehr als bei Müttern davon abzuhängen, wie viel Zeit sie tatsächlich mit ihren Babys verbringen. Warum das so ist?

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