Bangaranga, bangaranga, bangaranga
I'm the bangarang—
(Dara)
182/∞
Good evening, Europe!
Für Euch ist der ESC 2026 wahrscheinlich schon lange her.
Ich hab mich die letzten neun Monate nahezu täglich mit dem Eurovision Song Contest, seiner Geschichte, seiner (gesellschafts-)politischen Dimension, seiner angeblich in Frage stehenden Zukunft und dann zwischen Anfang April und vorletztem Samstag auch endlich mit seiner Gegenwart beschäftigt, und befinde mich gerade immer noch im Abklingbecken jenes paneuropäischen Wettsingens.
Dieses fand, wie seit 2023 üblich, unter dem Motto „United By Music“ statt, das man aus verschiedensten Gründen belächeln kann, aber es sollte sich wieder einmal mehr bewahrheiten: Der ESC ist nicht nur ein Ort, wo Ferienclub auf Kunsthochschule trifft und Metal auf Disco, sondern auch ein Ereignis, das die Menschen durch Musik zusammenbringt.
Wenige Stunden nach meiner Ankunft in Wien war ich mit Teilen der deutschen Delegation zu einem Einkaufszentrum nahe der Donau aufgebrochen, um dort in einer Karaokebar die polnische Party zu besuchen. Solche Parties werden in den ESC-Wochen von nahezu allen Ländern ausgerichtet; sie sollen die künstlerischen Fertigkeiten des eigenen Acts präsentieren, mit Freigetränken für Wohlwollen bei den Besucher*innen sorgen, vor allem aber gute Bilder und damit Aufmerksamkeit liefern (früher in den traditionellen Boulevardmedien, heute natürlich vor allem auf Social Media).
Obwohl ich den ESC jetzt seit 16 Jahren vor Ort begleite,1 war es das erste Mal, dass ich von einer solchen Party hörte, die in einer Karaokebar stattfand — dabei ist es natürlich total naheliegend, junge Menschen, die zu einem länderübergreifenden Kirchentag jener Religionsgemeinschaft zusammengefunden haben, deren Gott ein DJ ist, gemeinsam singen zu lassen.2
Neben Gastgeberin Alicja aus Polen waren unter anderem auch Sarah Engels, Jiva aus Aserbaidschan, Akylas aus Griechenland und die spätere ESC-Gewinnerin Dara aus Bulgarien vor Ort. Was auch immer die Freigetränke waren (an Farbe und Geschmack war es nicht festzumachen), sie entfalteten schnell auch bei den Kollegen und mir ihre Wirkung, und alsbald lagen sich alle in den Armen und die Stimmung war hehr.3
Inmitten dieser Marke Eurovision Song Contest, inmitten der ganzen zynischen Mechanismen der Unterhaltungsindustrie und der immensen politischen Aufladung, die vor allem die Medien im Vorfeld wieder auf dieses Event projiziert hatten, war es ein genuin menschlicher Moment. Vieles erinnerte eher an eine 18. Geburtstagsfeier im örtlichen Kleingartenverein - die polnischen Flaggen, die den Raum schmückten, waren noch eiligst aus weißem und rotem Tonkarton mit Tesafilm zusammengebastelt worden - und gerade das machte alles so wohltuend normal und schön.4
Natürlich warf der Abend auch großartigen content (Opens in a new window) für die Sozialen Medien ab, aber in manchen Momenten sind das eigene Leben und dessen mediale Repräsentation für eine Weile dann eben doch deckungsgleich und das Ewige des Wahren, Guten, Schönen ist erhabener als jede Inszenierung.
Und überhaupt: Da kommen Leute aus ganz Europa zusammen, um kreativ zu sein. Man muss das ja nicht alles gut finden, aber in einer Zeit, in der unseren Regierungen offenbar jedwede Ideen ausgegangen sind (zumindest die neuen), finde ich es beruhigend, tröstend und erfrischend, so viele Leute zu sehen, die doch noch welche haben.
Und wie gut all diese jungen Menschen Englisch sprechen! Bei uns lief vor der Kinderstunde „Telekolleg III“ im Fernsehen, aber der rheinische Akzent, den unser LK-Lehrer auch im Englischen hatte, hat uns nie an die wirklich korrekte Aussprache herangeführt. Unvergessen,5 wie die Schweizer Sinplus - eine überraschende Mischung aus den Ehrlich Brothers und der vergessenen deutschen Rockband Stanfour - in der ersten Version (Opens in a new window) ihres Wettbewerbsbeitrags von 2012 „Sweam against the strim / Following your wildest drim, your wildest drim“ gesungen hatten. Dank YouTube, TikTok und Netflix sprechen inzwischen einfach alle wie native speaker.
Das offizielle deutsche Event während der ESC-Woche war übrigens ein Empfang der Botschafter Deutschlands und Italiens, zu dem auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer erschien. Ich musste glücklicherweise arbeiten.
Ich habe die Berichterstattung deutscher Medien über den ESC nicht näher verfolgt (unser Verhältnis ist spätestens seit 2024 (Opens in a new window) zerrüttet), von daher weiß ich nicht, wie oft Euch eingehämmert wurde, dass es eine politische, aufgeladene, brisante, aufgewühlte oder sonstwie apokalyptische Veranstaltung sei. Das deckt sich erstaunlich wenig mit unseren Erfahrungen vor Ort.
Meine zutiefst genervte, aber hoffentlich halbwegs gutgelaunt vorgetragene Gegenfrage an einen öffentlich-rechtlichen Journalisten, der mit mir wieder vor allem über Spanien, Irland, Island, Slowenien und die Niederlande sprechen wollte, ob er und seine Redaktion sich während der anstehenden Fußball-WM der Herren auch vor allem auf Manuel Neuer kaprizieren würden, wurde von Julian Nagelsmann zwar im Nachhinein komplett entwertet (Opens in a new window), aber können wir bitte einmal festhalten, wie respektlos es den 35 Acts gegenüber war, vor allem über jene Länder sprechen zu wollen, die nicht teilgenommen haben? Danke!
Und obwohl sich der niederländische Sender AVROTROS in diesem Jahr gegen eine Teilnahme entschieden hatte,6 waren die Niederlande auf Platz 10 jener Nationen gelandet, die im Vorfeld die meisten Karten gekauft hatten (Opens in a new window). Ich denke, die Leute werden eine gute Zeit gehabt haben.
Auch wenn ich Bulgarien, Dara und „Bangaranga“ vorab nicht auf dem Zettel gehabt hatte - und zugegebenermaßen zu Beginn der Punktevergabe noch mehrmals nachgucken musste, welcher Song sich eigentlich hinter diesem offensichtlichen powerhouse „Bulgaria“ verbarg -, ist es ein denkbar perfekter Siegertitel.
https://www.youtube.com/watch?v=EltgrumKJfk (Opens in a new window)Ich hatte mir im Vorfeld gewünscht, dass mal wieder ein Land gewinnt, das noch nie gewonnen hatte, und wir einen Siegertitel bekommen, der auch im Radio laufen kann. Meine Wette auf Australien ist nicht aufgegangen, aber Delta Goodrem und ihr „Eclipse“ (Opens in a new window) erinnerten bei aller Liebe und allem Respekt auch eher an eine Las Vegas residency ca. 1998 und es tut dieser Veranstaltung nach dem intensiven Zurückgeblicke anlässlich ihres 70. Geburtstags7 glaube ich ganz gut, jetzt auch mal in die Zukunft zu schauen.
Der bekannte Popkulturanalytiker Friedrich Merz hat „Bangaranga“ als „Ohrwurm des Sommers 2026“ prognostiziert (Opens in a new window) und auch, wenn ich seit fast 30 Jahren allem widersprechen möchte, was dieser Mann - der in den einen Satz, mit dem er dem bulgarischen Ministerpräsidenten Rumen Radew zum Sieg beim „European Song Contest“ gratulierte, fast so viele „Ähs“ einbaute wie Dara „Bangarangas“ in ihren Song - so sagt, würde ich mich sehr freuen, wenn der Kanzler (bzw. sein Redenschreiber) hier recht behielte.8

„Bangaranga“ ist kein Song, den die notorisch lauwarmen Formatradiosender jemals auf ihre markterforschten Rotationslisten setzen würden. Jetzt ist er aber ein Hit9 und sie müssen, was ich mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis nehme.
Er und Titel wie „Pray“ von Alicja (Opens in a new window) (Polen, Platz 12) wirken in sich schon wie kleine Schnelldurchläufe: sehr viele Songs für einen Song. Damit sind sie schon wieder einen Schritt weiter als die aktuell vorherrschende Lehrmeinung, dass man vor allem eine hook brauche, die TikTok-taugliche 15 Sekunden lang sein, früh etabliert und dann möglichst oft wiederholt werden sollte.
Er bricht durch seine wahnsinnigen Tempowechsel und seine Anleihen bei orientalischer Folklore und K-Pop mit vielen Vorstellungen, wie zeitgenössische Popmusik angeblich klingt,10 und klingt wie Musik, die wirklich junge Menschen wirklich hören. Dass es gleichzeitig der erste ESC-Siegersong seit 2017 („Amar pelos dois“ (Opens in a new window) von Salvadrol Sobral aus Portugal) ist, der Jury- und Publikumswertung gleichermaßen gewinnen konnte, verleiht ihm eine zusätzliche Legitimation.11
Jeder Dampfplauder, der in einem Seniorenmedium die alte, weiße Nase rümpfte, vermutlich aber nicht mehr als einen Siegertitel diesseits von 1990 benennen könnte, machte es deutlicher: The Kids Are Alright.
Auch bei der Inszenierung, die allerspätestens seit ABBAs Sieg 1974 wichtiger Bestandteil eines ESC-Auftritts ist, hat Dara - bzw. der Schwede Frederik Rydman, der auch schon die siegreichen Auftritte von Måns Zelmerlöw („Heroes” (Opens in a new window), Schweden 2015) und Nemo („The Code” (Opens in a new window), Schweiz 2024) verantwortet hatte - ein paar Pflöcke ins Erdreich getrieben.
Wenn man sich - anders als deutsche Medien - mal auf das konzentriert, was dieses Jahr erfolgreich war, wird man feststellen, dass die Inszenierungen auf den ersten drei Plätzen z.B. alle recht close begannen: Bulgarien hatte seinen eigenen kleinen Wartesaal mitgebracht, Israel (Opens in a new window) (das zugegebenermaßen nicht nur aus künstlerischen Gründen so weit vorne gelandet sein dürfte) begann in einer Art verspiegelter Artischocke, und selbst Rumänien (Opens in a new window), das noch am ehesten eine klassische Rockkonzert-Ästhetik bemühte, begann ganz nah bei der Sängerin, die sich mithilfe von Baumarkt-Lichtwürsten von der schwarzen Leere der Halle abhob.
Mit Australiens „Mehr ist mehr“, Italiens Mini-Musical, dem finnischen Beichtstuhlbrand, den sechs Personen, die gemeinsam in die dänische Kiste stiegen, und den fröhlichen Kindergeburtstagen aus Moldau und Griechenland erzählten fast die gesamten Top 10 kleine, abgeschlossene Geschichten, die sich auch jenen mehr oder weniger erschlossen, die nicht auf den Text achteten. Das hatte deutlich mehr mit Bad Bunnys Super Bowl Halftime Show (vgl. Newsletter #177 (Opens in a new window)) gemein, die ja auch in erster Linie für die Steadicam und ein paar andere Fernsehkameras inszeniert war, als mit dem ESC-Sieg von Lena Meyer-Landrut vor 16 Jahren.
Zum wahrscheinlich ersten Mal waren die vielen Behind (Opens in a new window)-the (Opens in a new window)-scenes (Opens in a new window)-Videos (Opens in a new window) auf Instagram, TikTok und YouTube nicht mehr die Domäne von uns Theaterkindern und Inszenierungs-Nerds, sondern Mainstream. Das „Wie” dient plötzlich nicht mehr der Entzauberung, sondern der Ergänzung des „Was”.
Dass Dara nach ihrem Sieg beim bulgarischen Vorentscheid Ende Januar und den darauf folgenden Manipulationsvorwürfen und Hasskommentaren auf Social Media, kurzzeitig erwogen hatte (Opens in a new window), gar nicht anzutreten, verleiht ihrem Sieg weitere Wucht, denn es ist so gesehen auch ein (sehr) fröhlicher Mittelfinger in Richtung all jener, die nicht viel mehr zum Weltengang beizutragen haben als übellaunige Sauce im Internet. Wenn wir (also: die Medien) jetzt noch daraus lernen könnten, Social-Media-Kommentare endlich als das zeitgenössische Äquivalent zu Trinkermonologen zu handeln, das sie sind, und nicht als ein auch nur annähernd relevantes Spielfeld zu begreifen, das qua ewiger Mauerschau auch zu jenen gebracht werden muss, die sich eigentlich aus guten Gründen von dieser sich ausschließlich selbst befeuernden Hölle fernhalten, dann … Na gut, hier kommt selbst mein Optimismus an seine Grenzen. Journalists gonna love haters who gonna hate.
Die Wettquoten (Opens in a new window), zu denen ich aus verschiedenen Gründen ein angespanntes Verhältnis habe, hatten mal wieder danebengelegen, das Voting (Opens in a new window) der offiziellen Fanclubs noch mehr. Dafür berichteten mehrere Kolleg*innen übereinstimmend, ihre Teenager-Kinder hätten Bulgarien korrekt als Siegerland vorhergesagt. Wenn das Social-Media-Verbot für Jugendliche wirklich kommen sollte, würde Deutschland also auch dort noch abgehängt.
Dabei hatte Finnland sogar den Aberglauben auf seiner Seite gehabt: Die Delegation war in genau jenem Wiener Hotel abgestiegen, in dem 2015, beim letzten ESC in der Stadt, die siegreichen Schweden residiert hatten.
Auch ich hätte noch Anekdotisches beisteuern können, hatte ich doch damals während eines Schnelldurchlaufs im Finale neben Måns Zelmerlöw Wasser gelassen, der rund anderthalb Stunden später zum Sieger des Abends ausgerufen wurde. Auch in diesem Jahr hätten die Kommentator*innen und die Künstler*innen sich wieder öffentliche Toiletten mit dem Publikum teilen müssen, weswegen ich diesmal von einem Besuch absah. Dara hätte ich an diesem Ort, der mit seinen dunkelblauen Fliesen überraschend an das Badezimmer meiner Großeltern erinnerte, wohl auch nicht antreffen können.12
Die Idee des ausrichtenden ORF, die traditionelle Reprise des Siegertitels im Green Room beginnen zu lassen, hatte bei uns zu Stirnrunzeln geführt — glücklicherweise gewann dann einfach die einzige Inszenierung, für die Stühle benötigt wurden:
https://www.youtube.com/watch?v=Cgu6QuMrwKI (Opens in a new window)Bulgariens Sieg sorgt allerdings auch für ein spektakuläres, extrem unwahrscheinliches Dilemma: Selbst wenn Deutschland nächstes Jahr seinen größten Popstar schicken sollte, wird man uns vorwerfen, die Siegerin von 2026 kopieren zu wollen. So ähnlich sehen sich Dara und Nina Chuba nämlich.
Ich kann ich mir dafür bald eine Visitenkarte drucken lassen, auf der „Deutschlehrer der Stars“ steht: Sam Battle, der sympathisch überdrehte Nerd hinter dem britischen Act Look Mum No Computer, hatte mich nämlich gebeten, ihm noch ein wenig bei der Aussprache seines Refrains „Eins, Zwei, Drei“13 behilflich zu sein. Das erinnerte mich an eine Begebenheit im Rahmen der an absurden Begebenheiten nun wahrlich nicht armen ECHO-Verleihung 2011, bei der ich Gianna Nannini dabei assistiert hatte, die „korrekte“, übertrieben deutsche Aussprache des Bandnamens „Rammstein“ zu üben. (Auch eine Geschichte, die so mittelgut gealtert (Opens in a new window) ist.)

Geholfen hab ich Sam damit offenbar aber auch nicht, denn um seine Punkte auf Deutsch (oder irgendeiner anderen Sprache) zu erfassen, hätte er noch nicht mal bis Drei zählen können müssen.
Für mich war es also wieder eine arbeitsreiche, aber sehr unterhaltsame Zeit an der Seite von Thorsten Schorn und den neuen Kolleg*innen vom SWR, die von Anfang an voll bei der Sache waren.
Wir waren alle sehr zufrieden mit den Einschaltquoten und dem Feedback, auch wenn Sarah Engels und ihr Team für all ihren Einsatz natürlich ein befriedigenderes Ergebnis verdient gehabt hätten als den 23. Platz. „Germany: 12 points“ klingt ja immer toll, als Gesamtergebnis allerdings nicht ganz so.

Bei der Vorbereitung auf die 35 Wettbewerbsbeiträge war mir wieder mal aufgefallen, dass eine meiner liebsten Freizeitbeschäftigungen ist, in Wikipedia-Kaninchenbauten zu fallen, und ich insofern mein Hobby zum Beruf gemacht habe.
Wie viele Länder, autonome Republiken und Sprachen es gibt! Was für tolle Traditionen, Musikstile und Subkulturen existieren!
Und wir im „Westen“14 fühlen uns immer noch wie ein Adeliger im 18. Jahrhundert, der am Bug eines Schiffes steht, das von Sklaven und unterbezahlten Arbeitern gezimmert wurde, und jetzt völlig selbstbesoffen glaubt, das Meer, auf dem er rumtreibt wie ein einzelnes Haar in der Badewanne, gehöre ihm.
Was macht der Garten?
Die Hoffnung auf so etwas ähnliches wie Rasen habe ich auch in diesem Jahr begraben,15 aber die ersten Erdbeeren schmeckten schon ganz wunderbar. Der Lavendel scheint einen weiteren Sommer zu schaffen, was mich sehr glücklich stimmt.
Was hast Du veröffentlicht?
Irgendwie hatte ich es für eine originelle Idee gehalten, kurz vor der Abreise nach Wien noch die zweite Single meines neuen Musikprojekts Tourists From Nowhere zu droppen:
https://www.youtube.com/watch?v=6vRDSjtQGcM (Opens in a new window)„Highway Exit Sign“ (Apple Music (Opens in a new window), Spotify (Opens in a new window), Amazon Music (Opens in a new window), Tidal (Opens in a new window), YouTube Music (Opens in a new window), Bandcamp (Opens in a new window)) erzählt von Gebäuden, Dachböden und Räumen, die einst voller Leben waren – bis sie es nicht mehr waren. Es ist eine Geschichte über Verlust, das Loslassen und die Akzeptanz, dass sich die Zeiten geändert haben; ich hoffe daher, dass das Stück nicht allzu düster wirkt, sondern ihm ein gewisses Leuchten innewohnt.
Die ersten Takte sind entstanden, als ich auf meinem iPad ein wenig mit Garage Band herumgespielt habe, während mein Sohn beim Fußballtraining war. Seltsamerweise hat sich aus dieser Idee dann auch ein Lied über Familien, Häuser, Menschen und Orte entwickelt.
Musikalisch habe ich mich von Bands meiner eigenen Jugend wie Counting Crows, The Wallflowers oder Wilco inspirieren zu lassen, während ich in der Bridge versuche, midwestern emo zu spielen. Ihr entscheidet, wie gut das alles geklappt hat!
Damit mehr Menschen den Song hören, habe ich ihn sehr geschickt auch auf mein Mixtape (Opens in a new window) des Monats April gepackt, das ich wieder bei Apple Music (Opens in a new window) und Spotify (Opens in a new window) online gestellt habe.
Und noch davor hab ich in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (Opens in a new window) über die TV-Adaption des beliebten Gesellschaftsspiels „Hitster“ geschrieben.
Was hast Du gehört?
„Lost Cause Lover Fool“, das neue Album der Milk Carton Kids (Far Cry; Apple Music (Opens in a new window), Spotify (Opens in a new window), Amazon Music (Opens in a new window), Tidal (Opens in a new window), YouTube Music (Opens in a new window), Deezer (Opens in a new window), Bandcamp (Opens in a new window)). Es ist wieder sehr reduzierter Folk, der nach amerikanischer Weite, staubigen Klamotten und melancholischen Blicken ins Feuer (wahlweise als Lager- oder Kaminfeuer) klingt. Für mich eigentlich eher was für den Herbst, aber trotzdem sehr schön.
Auch die kalifornische Indie-Pop-Band MUNA hat ein neues Album draußen, ihr viertes: „Dancing On The Wall“ (Saddest Factory; Apple Music (Opens in a new window), Spotify (Opens in a new window), Amazon Music (Opens in a new window), Tidal (Opens in a new window), YouTube Music (Opens in a new window), Deezer (Opens in a new window), Bandcamp (Opens in a new window)) ist ein poppiges, sehr lesbisches, manchmal etwas düsteres, durchaus auch politisches Sommer-Album zwischen Georgia, Robyn und Carly Rae Jepsen.
Was hast Du gesehen?
Vergangenen Samstag war wieder einer meiner liebsten Fernsehtage des Jahres: Beim „Finaltag der Amateure“ übertrug die ARD wieder 21 Landespokalendspiele der Fußball-Herren.
In theoretisch vier Schichten, praktisch aber eigentlich einer einzigen, siebeneinhalbstündigen Konferenz, spielten Vereine zwischen 3. und Verbandsliga; einige Paarungen lockten schon vom Namen her wie Lüneburger SK Hansa - TuS Bersenbrück, SV Todesfelde - 1. FC Phönix Lübeck oder Bahlinger SC - FC 08 Villingen; es gab spektakuläre Aufholjagden, ein paar erwartbare Berserker-Fouls, einige überraschende Höchstleistungen und Spieler, deren hauptsächliche Berufsbezeichnungen zwischen Versicherungskaufmann, Zollbeamtem und Reinigungskraft im Wohnmobilverleih changierten.
Gemessen an diesem Festival der medial kondensierten Fußballkultur war das „große“ Pokalfinale zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Bayern München am Abend eine einzige Enttäuschung.
Was hast Du gelesen?
„We Run The Tides“ von Vendela Vida hatte ich lesen wollen, seit es vor fünf Jahren erschienen war. Schließlich ist die Autorin Herausgeberin des tollen Magazins „The Believer“, sie hatte - gemeinsam mit ihrem Ehemann Dave Eggers - 2009 das Drehbuch zum großartigen Indie-Film „Away We Go“ geschrieben, und ich bin eh großer Fan dieses kreativen Paares, ohne viel von ihnen gelesen zu haben. Jetzt hatte ich irgendwie endlich mal Zeit gefunden, den Roman als Hörbuch zu hören.
Das Buch spielt Mitte der 1980er Jahre in Sea Cliff, einer wohlhabenden Nachbarschaft in San Francisco, und erzählt die Geschichte mehrerer 13-jähriger Mädchen, deren normales, schon ausreichend herausfordernd pubertäres Leben durch eine Kette von Ereignissen, von denen manche real sind und andere nicht, aus dem Gleis springt.
„We Run The Tides“ ist ein Buch über Veränderungen, die man erst wahrnimmt, nachdem sie stattgefunden haben. Es ist ein Buch über Orte und Personen, von denen man nie so richtig loskommt, aber auch eins über die Unabwendbarkeit von Wandel und über die unausgesprochenen Dinge im Leben. Als Fan des „alten“ San Franciscos habe ich die szenischen Beschreibungen geliebt, und es hat mich an „The Virgin Suicides“ (den Film, die Buchvorlage hab ich nie gelesen) erinnert. Vendela Vidas Sprache ist brillant und Marin Ireland trägt die verschiedenen Figuren und Stimmungen grandios vor. Mit dem Ende war ich nicht ganz so glücklich, aber es ist - alles in allem - ein wirklich sehr gutes Buch und definitiv eine Empfehlung für Eure Urlaubslektüre 2026!
Außerdem hat Jon Greenaway bei „Current Affairs“ eine recht brachiale, aber überraschend treffende Abrechnung mit der Late Night Show von Jimmy Fallon geschrieben: „The Banal Horror of Jimmy Fallon“ (Opens in a new window) lässt kein gutes Haar an der Sendung und ihrem Moderator, tut dies aber wohlbegründet.
Was hast Du zum ersten Mal gemacht?
Am vergangenen „Bandcamp Friday“ - einer mehrmals im Jahr stattfindenden Aktion, bei der die Musikverkaufswebsite Bandcamp keine Gebühren erhebt und alle Einnahmen direkt an die Musiker*innen weitergibt - hat jemand „Highway Exit Sign“ (Opens in a new window) gekauft und mir damit meine allerersten Einnahmen durch digitalen Musikvertrieb beschert. Das hat mich richtig gefreut!
Was hast Du gelernt?
Bulgarien hat den niedrigsten Einkommensteuersatz Europas.
Was hat Dir Freude bereitet?
Meine Familie hat mich am ESC-Wochenende in Wien besucht. Da kamen sehr viele Sachen zusammen, die ich sehr mag.
Und jetzt: Musik!
https://www.youtube.com/watch?v=lOiWuol3t3o (Opens in a new window)Ich sage nicht, dass Vanilla Ninja zu Unrecht im Halbfinale ausgeschieden sind, aber in der Studioversion hat dieser Song schon sehr viel von dem, was ich an Musik liebe. Wenn ich das Konzept nicht für totalen Quatsch halten würde, wäre das hier mein guilty pleasure.
Wenn Dir mein Schaffen (Buch (Opens in a new window), Newsletter (Opens in a new window), Blog (Opens in a new window), Musik (Opens in a new window)) Freude bereitet, teile es doch gerne mit Personen in Deinem Umfeld, denen es auch gefallen könnte!
Und wenn Du meine Arbeit auch finanziell unterstützen magst und kannst: Das geht per PayPal (Opens in a new window) oder als Bezahl-Abo.
Habt eine schöne Restwoche und ein schönes Wochenende!
Always love, Luki
Ich bin alt. ↩
Es ist auch ein ganz kleines bisschen fahrlässig, weil man, wenn man sich in einer gut laufenden Karaokebar unterhalten will, sich gegenseitig ins Ohr brüllen muss, was nicht das beste für die menschliche Stimme ist, aber, wie man bei uns im Ruhrgebiet sagt: Bisschen Schwund is’ immer. ↩
Natürlich haben wir uns nicht das Mikro geschnappt und mitgesungen — da waren ja schließlich die besten Stimmen dieses Jahrgangs mit im Raum und auch wenn es der Grundidee von Karaoke zuwiderläuft: Im Hemingway’s, einer inzwischen geschlossenen Bochumer Karaokebar, die nach Vorstellungsende oft von Stars und understudies des Erfolgsmusicals „Starlight Express“ frequentiert wurde, habe ich gelernt, nur in absoluten Ausnahmefällen selbst zu singen, wenn Menschen mit tatsächlichen Talenten im Raum sind. ↩
Ja, es liefen zwei Michael-Jackson-Songs hintereinander und wir ausgebildeten Popkulturjournalisten begannen sofort eine Diskussion untereinander über den Erfolg des Biopics, die überraschende Michael-Jackson-Renaissance bei jungen Menschen und den allgemeinen Umgang mit problematischen Künstler*innen, aber auch das wirkte wie ein intellektueller coping mechanism, um das alles jetzt nicht zu toll finden zu müssen. ↩
Im Sinne von „von Stefan Niggemeier und mir manchmal in stillen Momenten überflüssigerweise erinnert.“ ↩
Das einmalige niederländische Rundfunk- und Gesellschaftssystem machte es möglich, dass stattdessen die Anstalt NOS den Wettbewerb übertrug. ↩
Die sehr schöne Doku „70 Jahre ESC - More than Music“, in der auch ich ein paar Sätze sage, ist immer noch in der ARD Mediathek (Opens in a new window) verfügbar. ↩
Was man übrigens auch erstmal schaffen muss: Gleichzeitig so kindlich-erfreut und unauthentisch zu wirken wie Merz in diesem Moment. Eigentlich sind das zwei einander ausschließende Eigenschaften, aber ihm gelingen einfach Dinge, die andere nie vollbringen würden, und sehr viel umgekehrt. ↩
Platz 1 (Opens in a new window) der deutschen Single-Charts als erster ESC-Siegertitel seit „Euphoria“ vor 14 Jahren. ↩
Da sind wir wieder beim Radio, das ja in den allermeisten Fällen ein Medium für Ü40-Menschen und deren notgedrungen mithörende Kinder ist. ↩
Dass man mit so einem modernen Song die Jurywertung gewinnen kann, zeigt, wie hilfreich es war, die nationalen Juries in diesem Jahr von fünf auf sieben Personen zu erweitern, von denen zwei zwischen 18 und 25 Jahre alt sein müssen. ↩
Ich will nicht angeben, aber die einzigen Acts, denen ich während der Probenwoche tatsächlich in der keramischen Abteilung der Wiener Stadthalle begegnet bin, haben es beide in die Top 10 geschafft. ↩
Nerd-Info, die wirklich nirgendwo hin passte: Der erste ESC-Song, der heißt wie ein Billy-Wilder-Film. ↩
Ich werde nie verstehen, warum Mitteleuropa als „Der Westen“ gilt, wo doch weite Teile eindeutig östlich von Greenwich liegen, aber egal. ↩
Und wäre das nicht auch eigentlich Sache des Vermieters? ↩