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Thermomix, Akkuschrauber und die Küchenwürde

Spät am Abend, wenn die sozialen Medien sich in ein digitales Stammtischlokal verwandeln, flammt sie zuverlässig auf: jene Debatte, die so alt ist wie das WLAN – die Frage nach der moralischen Integrität des Thermomix-Besitzers.

Der Tenor: Wer einen Thermomix hat, kann nicht kochen. Faul, unfähig, ein kulinarischer Simulant, ein Blender mit Edelstahlbecher.

Wie kleingeistig.

Denn wer mich kennt, weiß: Ich koche leidenschaftlich, mit Hingabe und Geschmack. Ich experimentiere, würze mit Fantasie, mariniere mit Neugier. Die Schürze ist bei mir kein Alibi, sondern ein Ehrenkleid.

Doch kaum erwähne ich beiläufig, dass in meiner Küche auch ein Thermomix seinen Dienst versieht, schmilzt die Polemik der Diskutanten dahin – butterweich wie ein Soufflé im Umluftofen. Dieselben Stimmen, die eben noch empört den Kochlöffel schwangen, rudern zurück, relativieren, mildern ab.

Das Muster ist bezeichnend.

Es erinnert an die absurde Annahme, jemand mit einem Akkuschrauber sei automatisch zu ungeschickt für einen Schraubenzieher.

Als ob Werkzeug nicht Erweiterung, sondern Entmündigung des Menschen wäre.

Dabei liegt die Wahrheit so schlicht auf der Hand:

Ein Gerät – ob Mixer oder Bohrmaschine – nimmt uns nicht das Können, es multipliziert die Möglichkeiten. Es ist nicht die Technik, die den Menschen definiert, sondern die Haltung, mit der er sie nutzt.

Niemand käme auf die Idee, einen Maler zu verhöhnen, weil er statt Borstenpinsel moderne Acrylwerkzeuge benutzt. Niemand erklärt einen Architekten für inkompetent, nur weil er am Computer konstruiert, statt Millimeterpapier zu quälen.

Doch beim Kochen wird ausgerechnet an der Küchenmaschine das Maß für Würde und Kompetenz angelegt.

Vielleicht liegt es daran, dass manche Menschen lieber den Kochlöffel als moralische Keule schwingen, anstatt sich von der Vielfalt inspirieren zu lassen.

Und damit wären wir beim größeren Thema – dem Fortschritt.

Er ist nicht die Bedrohung der Kultur, sondern ihre Fortsetzung mit anderen Mitteln.

Fortschritt ist das sichtbare Zeugnis menschlicher Lernfähigkeit, der Beweis, dass wir nicht stehenbleiben, sondern uns bewegen – geistig, technisch, sozial.

In der Medizin zeigt sich das in seiner eindrücklichsten Form:

Wir operieren heute am offenen Herzen, ohne das Messer zu führen. Nanoroboter zirkulieren im Blutkreislauf, während künstliche Intelligenzen Tumore erkennen, bevor der Mensch sie ertasten kann.

Prothesen reagieren auf Gedanken, Retina-Implantate schenken Licht – und ich höre mittels einer Elektrode und eines Prozessors.

Was früher Wunder hieß, nennt man heute Forschung.

Wir lesen im Erbgut, als wäre es ein Buch in unendlicher Auflage. Wir therapieren, wo früher nicht einmal getröstet wurde.

Und doch – der Fortschritt wirft Fragen auf: Darf der Mensch so tief eingreifen? Wo endet die Heilung, wo beginnt die Hybris?

Die Antwort liegt – wie so oft – in der Verantwortung.

Nicht das Werkzeug ist gefährlich, sondern die Hand, die es führt.

Nicht die Technik entmenschlicht, sondern der Geist, der sie ohne Ethik anwendet.

Wohlstand, Gesundheit, Bildung – sie alle verdanken sich demselben Prinzip: dem Mut, mehr zu wagen, als die Gegenwart erlaubt.

Mein Wiesel – dieser kleine unruhige Mitbewohner meiner Gedanken – fiept in solchen Momenten verunsichert:

„Und was, wenn wir zu weit gehen? Wenn wir irgendwann mehr Maschine als Mensch sind?“

Ich streichle ihm durchs metaphorische Fell

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