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Vom Aufschieben, Aufräumen und anderen inneren Großbaustellen

Wenn Texte geschniegelt warten – und keiner sprechen will

Nun ist es also geschehen.

Nicht aus Gedankenarmut – im Gegenteil. Die Texte lagen bereit, wohlgeordnet, korrigiert, geschniegelt wie disziplinierte Statisten hinter der Bühne. Und doch: Keiner wollte heute auftreten. Keiner traf diesen eigentümlichen Resonanzpunkt zwischen innerer Verfassung, Anspruch und Tagesform. Also beschloss ich, noch rasch etwas Neues zu schreiben. Ein klassischer Akt der Selbstüberschätzung. Und dann: vergessen.

Ihr ahnt es.

Das Wiesel.

Es erscheint zuverlässig genau in jenen Momenten, in denen man sich selbst gerade noch für halbwegs organisiert hielt. Es nagt nicht dezent, es bohrt. Moralisch empört, insistierend. An der Hüfte, versteht sich – dort, wo Selbstdisziplin und schlechtes Gewissen eine fragile Koalition eingehen. Blöde Prokrastination, zischt es. Als hätte ich sie eingeladen. Als hätte ich ihr Tee angeboten und sie gebeten, sich häuslich einzurichten.

Dabei ist diese Aufschieberitis kein glamouröses Laster. Sie ist unerquicklich. Man zelebriert sie nicht aus Lust, sondern aus zu vielen Ideen im Kopf, zu vielen Projekten gleichzeitig oder der Überforderung. Halbherzig. Mit innerem Stirnrunzeln. Und mit dem diffusen Gefühl, sich selbst beim Denken zuzusehen, ohne ins Handeln zu kommen.

Die Ein-Minuten-Regel und die Illusion der Kontrolle

Interessanterweise bin ich im Haushalt eine völlig andere Person.

Dort herrscht sie: die Ein-Minuten-Regel. Alles, was sich sofort erledigen lässt, wird (mittlerweile) sofort erledigt. Kein später. Kein gleich. Kein mentaler Parkplatz mit der Aufschrift Ach ja, das müsste ich auch noch. Die Tasse wandert in die Spülmaschine, der Zettel wird abgeheftet (OK nein, hier ist mein Schwachpunkt) der Krümel beseitigt.

Ordnung als Sofortmaßnahme.

Funktional. Beruhigend. Effektiv.

Warum diese Regel jedoch an der Schwelle zum Schreiben, Denken und Entscheiden regelmäßig ihre Gültigkeit verliert, bleibt ein strukturelles Rätsel. Vielleicht, weil Gedanken keine Krümel sind. Weil Texte, Berichte Widerstand leisten. Weil sie gesehen werden wollen – nicht bloß erledigt.

Schubladen, Dinge und die hohe Kunst des Behaltens

Ich habe keinen Keller.

Und das ist – nüchtern betrachtet – ein Segen.

Denn auch ich neige zur Dingetreue. Nicht aus Sammelwut, sondern aus Beziehungspflege. Dinge sind bei mir selten bloß Dinge. Sie sind Marker, Erinnerungsanker, potenzielle Zukünfte. Man wirft ja nicht einfach Material weg – man verabschiedet Kontexte.

Und dennoch habe ich gelernt zu unterscheiden.

Zwischen aufbewahren und festhalten.

Zwischen brauchen und nicht loslassen wollen.

Ich packe weg. Ich gebe her. Ich werfe aus. Nicht hastig, nicht brutal, sondern mit innerer Prüfung. Mit der leisen Frage: Brauche ich das tatsächlich – oder erfüllt es längst nur noch die Funktion eines schlechten Gewissens im Regal?

Der Weihnachtsschmuck ist selbstverständlich ausgenommen.

Er ist sakrosankt. Dass er nur einmal im Jahr gebraucht wird, ist kein Argument gegen ihn – im Gegenteil. Weihnachtsschmuck ist kein Gebrauchsgegenstand, er ist ein Zeitöffner. Er darf warten. Er soll warten. Er ist geduldiger als wir.

Effizienz im Kleinen – Zögern im Großen

Nach zahllosen verzweifelten Hauruck-Aufräum- und Putzwutaktionen habe ich begonnen, eine leisere Disziplin zu kultivieren: Alles, was sich sofort erledigen lässt, wird sofort erledigt. Nicht prokrastiniert, nicht mental markiert, sondern getan.

Diese Praxis ist unspektakulär – und gerade deshalb wirksam.

Sie entzieht der Prokrastination dort den Nährboden, wo sie sich gern einnistet: im Kleinen, im Unentschlossenen, im ständigen inneren Wiederholen.

Und doch gibt es da noch eine andere Kategorie.

Büroarbeit, Tiefe und die Angst vor dem Hinsetzen

Dann gibt es die Büroarbeit.

Mein Metier. Mein Berufsfeld. Mein intellektuelles Zuhause. Und paradoxerweise genau deshalb auch meinen bevorzugten Ort des Aufschiebens.

Nicht aus Unlust – ich liebe diese Arbeit. Sondern weil sie Zeit verlangt. Ruhe. Präsenz. Ein echtes Sich-Hinsetzen. Kein Abhaken, kein schnelles Triumphgefühl. Stattdessen: Tiefe, Komplexität, Verantwortung.

Hier zeigt die Prokrastination ihr anderes Gesicht.

Nicht als Faulheit, sondern als Zögern vor der Tiefe. Als stilles Wissen darum, dass man dieser Aufgabe nicht halbherzig begegnen möchte.

Vom Verlernen des Lernens – und seiner Rückeroberung

Man verlernt das Lernen.

Nicht das oberflächliche Aufnehmen von Information, sondern dieses tiefe Lernen, das sich ablegt, das bleibt, das nicht mehr aktiv erinnert werden muss, weil es Teil des eigenen Denkens geworden ist.

Das Gehirn ist wie ein Muskel.

Und Muskeln danken Schonung nicht dauerhaft.

Also mute ich ihm also wieder mehr zu. Nicht brutal, nicht überfordernd – sondern konsequent. Tägliche Einheiten. Rhythmus. Wiederholung. Und siehe da: Es läuft an. Es schaltet hoch. Nicht sofort, aber verlässlich.

Und es fühlt sich gut an.

Nein – es fühlt sich sehr gut an.

Da ist Euphorie. Eine helle, wache Freude. Mein Inneres wieselt, hüpft, freut sich über diesen neuen Anstrich der Synapsen. Es tut gut, etwas für sich zu tun. Es tut gut, im Leben wieder Bestand zu haben.

Krankheit, Pläne und der lange Weg zur Kaffeemaschine

Gerade dann, wenn man

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