
Es gibt Gedanken, die klopfen nicht an. Sie setzen sich.
Still, beharrlich, mit jener sanften Penetranz, die nur Überlegungen besitzen, die einen wahren Kern berühren. Das Schubladen-Denken ist ein solcher Gedanke. Ich habe ihm bereits Raum gegeben – und doch meldet er sich erneut, als wolle er sagen: Du bist noch nicht fertig mit mir.
(Das Wiesel nickt energisch. Es sitzt bereits auf dem Gedanken, Beine baumelnd, und denkt nicht daran, wieder zu gehen.)
Schubladen, so unerquicklich ihr Ruf auch sein mag, erfüllen zunächst eine zutiefst menschliche Funktion. Sie sind kognitive Ordnungsinstrumente, mentale Sortierkästen in einer Welt, die sich mitunter überbordend, chaotisch, widersprüchlich darbietet. Wir kategorisieren, benennen, verorten – nicht aus Bosheit, sondern aus dem legitimen Bedürfnis nach Orientierung. Das Gehirn liebt Effizienz. Es greift nach Mustern wie nach Geländern in einem Treppenhaus der Überforderung.
(Das Wiesel flüstert: „Geländer sind okay. Festzurren eher nicht.“)
Und doch liegt genau hier die leise, kaum wahrnehmbare Gefahr. Denn was uns Halt gibt, wird allzu rasch zur Begrenzung. Die Schublade, eben noch pragmatisches Hilfsmittel, schnappt zu. Aus Ordnung wird Reduktion. Aus Orientierung eine Verengung des Blicks. Wir etikettieren Menschen, Lebenswege, Haltungen – und vergessen dabei, dass kein Mensch je nur eine Eigenschaft ist, keine Biografie je nur eine Erzählung kennt.
(Das Wiesel faucht kurz auf. Es hasst Etiketten. Vor allem klebende.)
Und so wird unausweichlich, was sich kaum bestreiten lässt:
Keine Schublade, die wir uns erdenken, könnte jemals wirklich passen. Nicht ohne Druck. Nicht ohne Verlust. Nicht ohne jene stillen Abstriche, die wir vornehmen, um irgendwie hineinzugleiten. Jede vorgefertigte Ordnung scheitert früher oder später an der Wirklichkeit des gelebten Menschen.
Wir sind Palimpseste, keine Etiketten. Überlagerungen aus Erfahrungen, Brüchen, Entwicklungen, Widersprüchen. Heute souverän, morgen verletzlich. Hier analytisch klar, dort zutiefst emotional. Anpassungsfähig und störrisch, leise und unüberhörbar zugleich.
(Das Wiesel hebt eine Pfote: „Ich bin gleichzeitig hochsensibel, genervt und hungrig. Nur der Vollständigkeit halber.“)
Wer all dies in eine einzige Schublade pressen möchte, betreibt weniger Erkenntnis als intellektuelle Bequemlichkeit – nicht selten aus Müdigkeit, gelegentlich aus Unsicherheit, bisweilen aus Angst vor Komplexität.
(Hier räuspert sich das Wiesel leicht verlegen. Es hasst es, in eine Schublade gesteckt zu werden. Wirklich. Inbrünstig.
Und dennoch prüft es – beinahe reflexhaft – in welche Schublade sein Gegenüber passen könnte. Nur kurz. Rein organisatorisch. Man will ja vorbereitet sein. Das Wiesel nennt es Selbstschutz. Die Büffelin nennt es: Übung.)
Auch ich passe in keine Schublade.
Nicht aus Pose. Nicht aus demonstrativem Eigensinn. Sondern aus innerer Stimmigkeit.
Ich bewege mich mit derselben Selbstverständlichkeit über das Parkett gehobener Gastronomie, durch die gedämpfte Eleganz von Sternehotels, zwischen Kristallgläsern, kultivierten Gesten und jenem stillen Einverständnis eines Kosmoses, der seine eigenen Regeln kennt – und ich fühle mich sicher. Zugehörig. Unaufgeregt. Ich gleite durch die Menschen und bin Teil dieses Gefüges, ohne erklären zu müssen, warum.
(Das Wiesel gleitet mit. Es mag Parkett. Glatt. Übersichtlich. Keine Krümel.)
Und genauso stehe ich später über der Spüle, kratze mit einem Stück Keto-Brot die letzten, ölglänzenden Reste aus der Pfanne, esse sie mit bloßen Händen, zufrieden, satt, vollkommen bei mir. Kein Widerspruch. Kein Bruch. Keine Verlegenheit. Beides bin ich. Gleichzeitig. Mühelos. Wahr.
(Das Wiesel wischt sich den Mund. Zufrieden. Das ist sein Lieblingsabschnitt.)
Das eine adelt mich nicht mehr als das andere.
Und das andere schmälert nichts.
Diese Gleichzeitigkeit irritiert jene, die Schubladen lieben. Sie verlangt ein Denken, das Ambivalenz aushält, ohne sofort nach Auflösung zu gieren. Sie fordert ein Bewusstsein, das versteht, dass Würde nicht am Ort hängt, nicht am Porzellan, nicht an Stoffservietten oder dem Fehlen derselben. Würde wohnt im Selbstverständnis. In der Kohärenz mit sich selbst.
(Die Büffelin tritt nun deutlicher ins Bild. Ruhig. Erdend. Sie mahnt zur Gleichbehandlung. Nicht Gleichmacherei.
Sie sagt: „Du darfst beobachten. Du darfst vorsichtig sein. Aber hüte dich davor, anderen genau das anzutun, was du selbst als Einengung empfindest.“)
Vielleicht liegt das