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Wir lancieren den Zukunftsdialog!

Gleichzeitig mit der zunehmenden Industrialisierung entstand im 18. Jahrhundert eine Bewegung, die sich für die Bewahrung der Natur einsetzte. Philosophen und Autoren der Romantik wie Rousseau, Goethe und Humboldt betonten in ihren Schriften den Eigenwert der Natur. Erste Gesetze zum Schutz von Wäldern und Tieren entstanden (Forstordnungen, Jagdverbote, Nationalparks in den USA ab 1872). Zivilisation und Natur wurden verstärkt als Gegenpole wahrgenommen. Es ging nicht in erster Linie darum eine Industrie zu schaffen, die Kreisläufe beachtet, sondern man wollte die Natur vor dem Menschen und insbesondere der Wirtschaft schützen. Die Naturschutzbewegung war der Gegenspieler der Wirtschaft.

Zweihundert Jahre später hat die Postwachstumsbewegung das Anliegen eines «Weniger». Wird dies in der Logik der frühen Umweltbewegung interpretiert, steht dahinter der Wunsch nach mehr Natur. Viele Stimmen der Bewegung sehen in der Entschleunigung, Suffizienz und im geringeren Ressourcenverbrauch die Chance, Natur wieder mehr Raum zu geben. Es geht um Biodiversität, lebendige Landschaften, gesunde Ökosysteme und darum, dass Natur nicht nur Ressource ist, sondern einen Eigenwert hat. Das „Weniger“ bezieht sich aber nicht ausschließlich auf den Schutz der Natur, sondern auf Überfluss und Überlastung in modernen Gesellschaften: zu viel Arbeit, zu viel Konsum. Es steckt auch der Wunsch nach mehr Lebensqualität dahinter: mehr Zeit, mehr soziale Beziehungen, mehr Musse, mehr kulturelle und gemeinschaftliche Aktivitäten. Industriepolitik und Kreislaufwirtschaft sind Themen und stehen aber in meiner Wahrnehmung nicht im Mittelpunkt.

Es ist nicht gelungen, aus dieser Bewegung heraus ein Narrativ zu schaffen, dass die Gesellschaft eint. Trotz einiger Versuche («Weniger ist mehr», Buen Vivir und Commons) gibt es nicht wenige Aktivist:innen, die hinter vorgehaltener Hand sagen, dass «Degrowth» kein Konzept für die Masse ist. Auch mit der Botschaft des sozialen Mehrwertes kann die breite Masse nicht erreicht werden.

Viele beziehen Gemeinschaft und damit das Soziale sehr stark auf Kernfamilie in Verbindung mit dem Eigenheim und allenfalls noch auf die Verwandtschaft und enge Bekannte. Dahinter stehen andere Werte als in der Degrowth- und der Umweltbewegung. Es geht um das eigene Daheim, das möglichst attraktiv sein soll und Annehmlichkeiten bietet. Dazu gehören die Ferien und damit Erlebnisse mit der engsten Familie. Auch Status kann eine Rolle spielen. Dies aber nicht einmal zwingend. Wer Familie als höchsten Wert sieht, kann Status dem sogar unterordnen. Respektive, es geht dann mehr um Werte wie Sicherheit und Heimat als um Status. Es ist zudem nicht zu unterschätzen, wie viel Einfluss die populäre Kultur (Filme, Romane, Werbung, etc.) diesbezüglich hat. Entsprechende Bilder und Wunschvorstellungen begleiten uns von klein auf.

Dieser Lebensentwurf übt immer noch für viele eine starke Anziehung aus. Wer entsprechend sozialisiert ist, wird nicht so schnell loslassen wollen. Der aktuelle Backlash deutet auch darauf hin. Man reagiert ausgesprochen aggressiv, wenn man das Gefühl hat, der eigene Lebensentwurf werde in Frage gestellt. Stattdessen könnte aber die Resilienz eine Rolle spielen. Denn der Klimawandel, Umweltkatastrophen und Konflikte bedrohen auch dieses Ideal und die Sicherheit aller. Nicht ohne Hintergrund wird in ganz vielen Katastrophenfilmen das Ideal der Familie und deren Werte verteidigt. Während wir in der Unterhaltungsindustrie Dystopien lieben, neigen wir aber dazu die Risiken zu verdrängen, die tatsächlich drohen. Entsprechende Filme haben wie eine Stellvertreterfunktion für reale Bedrohungen. Die realen Bedrohungen bringen einem nicht ins Handeln oder zu Verhaltensänderungen. Im Gegenteil. Auf die Bedrohungen der Welt reagieren viele eher mit Rückzug in die eigenen vier Wände oder in intakt erscheinende Konsumwelten.

Mit Umweltkatastrophen zu drohen oder zum Handeln animieren, funktioniert darum bei vielen nicht wirklich. Einzig mit Handlungsstrategien im Lokalen könnte in Verknüpfung mit Resilienz ein Ansatz liegen, wie z.B. der Ansatz der Transition Towns, Mitmachregionen oder Engagement, das aus partizipativen Prozessen heraus entsteht, beweist. Vielen verlangt aber Arbeit und Kinder grossziehen so viel ab, dass dafür die Ressourcen fehlen. Wer zudem noch ein oder zwei liebste Hobbys hat, die in Verbindung stehen mit einem sozialen Umfeld, wird kaum Kapazität haben für weiteres Engagement. Und das Vereinswesen, das daraus entsteht, ist ja auch wertvoll.

Zudem ist es so, dass mögliche Umweltkatastrophen von vielen als weniger bedrohlich empfunden werden, als dies was einem weggenommen werden könnte durch notwendige Verhaltensänderungen. Das eine ist eine eher abstrakte Bedrohung. Das andere ist konkret, da gefordert wird, wir müssten jetzt unser Leben ändern. Hier kommt ein anderer Wert ins Spiel: Die Freiheit. «Ich lasse mir doch nicht sagen, wie ich zu leben habe.» Dazu kommt, dass viele Menschen denen Sicherheit und damit Resilienz wichtig sind, Migration als die noch grössere Bedrohung sehen. Und umweltbewegte Menschen sind gegenüber Zuwanderung häufig eher tolerant und vertreten andere Werte. So werden die Grünen und die Klimabewegung selbst zum Feindbild. Darum greifen Narrative zu Resilienz nicht so, wie sie könnten. Man empfindet Unterschiedliches als bedrohlich.

Nun gibt es ein weiteres Narrativ, das sehr in einem Aufschwung begriffen ist: Und zwar die Regeneration, respektive regenerative Ansätze. Es wird dann von einer regenerativen Wirtschaft oder einer regenerativen Landwirtschaft gesprochen. Dies kann in Verbindung gebracht werden mit der Landschaft. Menschen, die auf dem Land leben, und zwar auch konservative, identifizieren sich häufig sehr stark mit der Landschaft. Zudem liegt nach ein paar Jahrzehnten des Neoliberalismus so einiges im Argen: Im Gesundheitssystem, in der Bildung, selbst im Zusammenleben. Es gäbe einiges zu reparieren. In ländlichen Regionen wurde die Infrastruktur ausgedünnt. Poststellen, Bankfilialen, Restaurants und Dorfläden gingen zu. In einigen Dörfern hält man dagegen. Häufig betont man dann, wie z.B. in Lichtensteig im Toggenburg die Wichtigkeit des Machens. Könnte hierüber eine breite Bewegung angestossen werden?

Häufig standen dort, wo besonders viel läuft, partizipative Prozesse am Anfang. Es gäbe also bekannte Mittel und Wege, Engagement anzustossen. Einfach mit dem, dass die Menschen vor Ort gefragt werden, wo es brennt. Häufig ist man sich diesen Potentialen aber nicht bewusst. Zwar haben in der Schweiz inzwischen auch kleinere Städte damit begonnen, entsprechende Fachpersonen anzustellen oder partizipative Prozesse zu initiieren. In ländlichen Regionen werden diese Methoden aber eher selten genutzt. Und wenn doch, dann noch am ehesten in der Jugendarbeit.

Darum möchten wir aktiv werden und stossen den Zukunftsdialog Thurgau an. Wir möchten aber nicht nur partizipative Prozesse initiieren, sondern ein Narrativ finden, das als sinnstiftende Erzählung dient. Es geht darum, das Verbindende zu finden. Mehr dazu ist auf der Webseite des Thinkpact Zukunft zu finden. Mehr dazu ist auf der Webseite (Opens in a new window) des Thinkpact Zukunft zu finden.

Bild: Gabriel Jimenez (unsplash)

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Topic Nachhaltige Entwicklung

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