Der Tag beginnt so wie jeder andere mit Arbeit. Brote schmieren für die Kinder, beim Anziehen helfen, Medikamente verabreichen, Brille putzen, Rennwagen reparieren, Zopf machen, Reißverschlüsse hochziehen, Sachen ins Auto laden, und daneben im ständigen Wechsel motivieren, erklären, moderieren, diskutieren, streiten, lachen und, wenn möglich, irgendwie eine Tasse Kaffee, ein Glas Wasser und zumindest den Aufmacher der Süddeutschen einverleiben. Iran-Krieg bremst Wachstum. Ein ganz normaler Morgen, damit wir alle gut in diesen Tag kommen. Die schlechten Nachrichten auf Seite 1 sind eingepreist.
Meine achtjährige Tochter, die Ferien hat, ist heute bei einem Mitschüler zu Besuch. Ich gehe mit ihr den Tag durch, damit sie versteht, was sie erwartet, und sich sicher fühlen kann. Sie versteht alles, aber in ihrem Tempo. Aufgrund ihrer Behinderung benötigt sie stets jemanden, der ihr geduldig erklärt, was passieren wird.
Im Auto schalte ich Tocotronic an, Ein Monster kam am Morgen. Meine Kinder kennen den Text und singen mit. Glückliche fünf Minuten. Wir hören noch Crash, ich stelle lauter. Von Lowtzow singt: Ich blicke zurück in meinen Spiegel. Die Dinge sind größer, als es mir scheint.
Es sind unzählige kleine Handgriffe, unzählige Worte, die getan und gesprochen werden, an die gedacht wird und die erspürt werden, ehe ich um 9.41 Uhr, schon ziemlich spät, mit einer zweiten Tasse Kaffee und erstmals mit Ruhepuls, am Schreibtisch sitze, um einige Stunden das zu tun, was gemeinhin unter Arbeit verstanden wird.
Meine Liste an Aufgaben, die vor mir liegen, ist kaum vereinbar mit der Tatsache, dass die Osterfeiertage bevorstehen. Ich habe keine Zeit für freie Zeit. Über Urlaub habe ich nicht einmal nachgedacht.
Ich möchte nicht klagen, nicht über diesen Morgen, nicht über dieses Leben. Doch ich merke, während ich versuche, mich durch diesen Alltag zu navigieren, wie groß, wie unermesslich groß meine Frustration darüber ist, dass das Leben, das ich führe, politisch unerwünscht ist.
Ich leiste im Schnitt etwa 30 Stunden Erwerbsarbeitszeit pro Woche. Manchmal mehr, manchmal weniger.
Nachmittags verbringe ich Zeit mit meinen Kindern. Wir fahren Fahrrad, spielen Fußball, gehen in die Bücherei oder erledigen Einkäufe.
Ich gehe mehrmals die Woche zum Sport, koche jeden Tag frisches Essen, mache jeden Tag eine längere Pause, in der ich lese, Musik höre und meditiere.
Ich denke viel nach, setze mich mit meiner Geschichte auseinander. Ich mache Therapie, seit sechs Jahren inzwischen, um endlich den Mut zu haben, das Wort Stabilität zu benutzen.
Ich schreibe diesen Newsletter, um meine Gedanken zu ordnen.
Ich schlafe, wenn es geht. Ich erhole mich, wenn es möglich ist. Ich versuche, nicht auszubrennen.
Ich folge meinem eigenen Rhythmus, meinem eigenen Tempo. Ich versuche ein Leben zu führen, das mir entspricht. So wie viele, viele andere Menschen auch, die das auf ihre Weise versuchen.
Wir leben ein Leben, das uns fordert und uns im besten Fall zufrieden stimmt, trotz allem.
Und doch bleibt das Gefühl, dass dieses Leben ein Problem sein soll, das es zu lösen gilt.
(Opens in a new window)Ich bin in einer klassischen Arbeiterfamilie aufgewachsen, einem SPD-Haushalt. Die Partei und das Selbstverständnis, das ihre Wähler*innen lange hatten, haben mich geprägt. Arbeit, also Erwerbsarbeit, steht an erster Stelle. Wenn möglich, einigermaßen gesund bleiben und genug verdienen, um die Familie zu ernähren, ein Haus zu bauen und ein Auto zu fahren, auch wenn es nur für einen schlichten Kombi reicht. Eine feste Anstellung haben, Vollzeit, unbefristet, und diese Möglichkeit, die ein Leben in Sicherheit und Würde verspricht, mit bedingungsloser Leistung zurückzahlen, damit sie ein Leben lang trägt.
Heute kann ich mich nur schwer entsinnen, warum ich die SPD selbst einmal gewählt habe. Ich meine nicht aus alter Verbundenheit, ich meine auch nicht strategisch, um Laschet als Kanzler zu verhindern (Wenn wir doch nur Laschet hätten und nicht Merz). Sondern aus Überzeugung.
In einem seltenen Moment fiel es mir neulich wieder ein. Ich diskutierte auf einem Podium mit dem Krefelder SPD-Bundestagsabgeordneten Jan Dieren über die Vier-Tage-Woche. Weder er noch ich verfochten das Modell. Aber wir waren uns einig darin, dass viele Menschen das Bedürfnis nach einem anderen, selbstbestimmteren Umgang mit Zeit haben, und dass Arbeitspolitik diesem Bedürfnis besser entsprechen muss.
Jan Dieren setzt sich in seiner Partei für gesunde Arbeitsbedingungen ein, für eine Politik, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, für eine verlässliche soziale Sicherung ohne Existenzangst und eine öffentliche Infrastruktur, die dem guten Leben aller dient.
Klassische sozialdemokratische Themen. Nach der Veranstaltung fragte ich ihn, warum solche Positionen in seiner Partei nur noch wenig Gehör finden. Hatten sich nicht noch vor wenigen Jahren prominente Vertreter*innen für die Vier-Tage-Woche ausgesprochen? Was ist daraus geworden?
Ich argumentierte an diesem Abend, dass sich die Vier-Tage-Woche politisch kaum einführen lässt. Es ist nicht Aufgabe von Politik, konkrete Arbeitszeitmodelle vorzuschreiben. Ihre Aufgabe ist es aber, den verbreiteten Wunsch nach weniger belastenden Arbeits- und Lebensrealitäten ernst zu nehmen und ihm politischen Ausdruck zu geben.
Die Vier-Tage-Woche taugt dabei vielleicht wenig als konkrete Lösung. Sie wird auf absehbare Zeit keinen breiten Konsens finden. Was aber konsensfähig ist, ist das, was sich in der Idee bündelt: das Bedürfnis nach mehr freier Zeit, nach einer Aufwertung von Sorgearbeit, nach produktiven, gesunden und modernen Arbeitsweisen.
Viele Menschen haben verstanden, dass mehr Arbeit das eigentliche Problem nicht löst. Weder werden Arbeitsbedingungen dadurch gesünder, noch Berufe attraktiver oder Menschen engagierter. Oft passiert das Gegenteil. Gerade in Bereichen, auf die wir als Gesellschaft besonders angewiesen sind, wie Pflege, Bildung, Gesundheit, zeigt sich: Wir brauchen Bedingungen, unter denen Menschen langfristig bleiben können, ohne auszubrennen.
Gerade hier hätte die SPD eine zentrale Rolle. Vielleicht nicht mehr als klassische Arbeiterpartei, aber als Arbeitspartei, die alle Formen von Arbeit sieht und adressiert. Als politische Kraft, die die Interessen von Arbeitnehmer*innen und Sorgenden in ihrer ganzen Breite ernst nimmt. Als Stimme für all jene, denen ein anderer Umgang mit Zeit wichtig ist. Doch diese Stimme ist kaum zu vernehmen. Die Politik hat ihre Verantwortung und ihre Gestaltungsmöglichkeiten in dieser Frage bisher nur unzureichend erkannt.
Ich bin dankbar, dass Jan Dieren als einer von wenigen Zeitpolitiker*innen in Deutschland dieses Thema in den Bundestag trägt. Aber ich würde mir wünschen, solche Positionen auch prominenter in der Partei zu hören.
Der ehemalige Arbeitsminister Hubertus Heil hat sich seinerzeit dieser Debatte entzogen, als er erklärte, Arbeitszeitfragen seien Sache der Sozialpartner. Das ist formal richtig, aber politisch sehr kurz gegriffen. Denn wenn sich Politik an dieser Stelle zurückzieht, sendet sie das Signal, dass die Frage, wie wir arbeiten wollen, unpolitisch ist. All das, was an Arbeitszeit hängt, Familienleben, Gesundheit, Teilhabe, hat eine gesamtgesellschaftliche Dimension. Eine politische. Es ist von Parteien und Abgeordneten nicht zu viel verlangt, dass sie die Interessen ihrer Wähler*innen aufgreifen.
Es fällt Politiker*innen schließlich auch nicht schwer, öffentlich mehr Arbeit zu fordern, obwohl sie wissen, dass sich das in dieser Form kaum durchsetzen lässt. Warum also nicht genauso selbstverständlich für weniger belastende Arbeitsbedingungen und neue Arbeitszeitmodelle eintreten?
Es gibt derzeit viele große Debatten, in denen zeitpolitische Fragen aufscheinen. Aber die gesellschaftliche Chance, die darin liegt, wird nicht erkannt. Die Diskussion um eine mögliche Wehrpflicht etwa hätte auch eine Debatte darüber sein können, wie lineare Erwerbsbiografien aufgebrochen werden können. Wie Menschen – nicht nur junge – für eine Zeit aussteigen, sich anders einbringen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen können.
Die Idee eines Pflichtjahres steht schon länger im Raum. Aber statt sie weiterzuentwickeln, etwa hin zu einem Optionsjahr, in dem Menschen selbstbestimmt entscheiden, wo und wie sie sich einbringen wollen, wurde diese Chance politisch verspielt.
Was bleibt, ist der Eindruck einer Politik, die nicht ermöglicht, sondern abverlangt. Die mutige Ideen nicht vorantreibt, sondern abwehrt oder verwässert. Die an entscheidenden Stellen ausweicht und die Fragen offen lässt, die für viele Menschen zentral geworden sind: Wie können wir langfristig gesund und sinnstiftend arbeiten? Woran können wir produktiv mitwirken? Welches Leben wollen wir führen? Worauf dürfen wir hoffen?
Der Wunsch nach einem anderen Umgang mit Zeit ist ein generationenübergreifendes Anliegen, das sich durch ganz unterschiedliche Lebensrealitäten zieht. Dieser Wunsch ist kein Ausdruck von Faulheit, mangelnder Motivation oder Verantwortungslosigkeit. Sondern wir sehen hier den Ausdruck einer tiefen, lange überhörten inneren Überzeugung und Notwendigkeit, die in allen Altersgruppen erkennbar ist: Es ist nicht möglich, ein Leben dauerhaft gegen die eigenen Grenzen zu organiseren.
Wenn die Generationen dies als gemeinsames Anliegen begreifen und nicht mer Junge gegen Alte oder Engagierte gegen Faule ausgespielt werden, dann kann daraus eine immense politische Kraft entstehen. Die SPD wäre prädestiniert, um diese Kraft aufzunehmen und zu kanalisieren.
Und sie wäre auch gut beraten, wenn sie sich etwas einfallen ließe, um ihren anhaltenden Abstieg aufzuhalten.
Ein paar Schlaglichter darauf, was die SPD-Parteivorsitzenden zuletzt erleben durften und ihnen eine Reaktion abverlangt:
Die SPD liegt bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz am 22. März deutlich hinter der CDU. Sie hatte zuvor seit 1991 ununterbrochen in dem Land regiert.
Zwei Wochen zuvor fuhr sie das schlechteste Ergebnis bei einer Landtagswahl in ihrer Geschichte ein. Sie holte in Baden-Württemberg 5,5 Prozent.
Auf Bundesebene ist die Zufriedenheit mit der schwarz-roten Koalition auf einen neuen Tiefstand gesunken.
Laut ARD Deutschlandtrend haben 74 Prozent der Menschen kein Vertrauen mehr in die Bundesregierung, die sozialen Sicherungsnetze in Deutschland zukunftssicher zu machen.
70 Prozent haben kein Vertrauen mehr, dass die Maßnahmen der Bundesregierung helfen, die Wirtschaft voranzubringen.
Das Frühjahrsgutachten führender Wirtschaftsforschungseinrichtungen geht nach dreijähriger Stagnation auch in diesem Jahr von einem Wachstum von gerade einmal 0,6 Prozent aus. Die Forschungsinstitute plädieren für eine grundlegende Reform der sozialen Sicherungssysteme, etwa um Geringverdienende besser zu entlasten.
Keine Zufriedenheit. Kein Aufschwung. Kein Vertrauen. Keine Fantasie für eine Zukunft, die besser sein wird.
Die Antwort von Lars Klingbeil, dem Parteivorsitzenden der SPD, seine Vorstellung einer Modernisierung des Landes, aus einer Rede bei der Bertelsmann-Stiftung (Opens in a new window):
“Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen.” 2026 werde den Menschen in Deutschland einiges abverlangen und die Menschen müssten “Opfer bringen”, um den Wohlstand zu sichern. Starke Schultern müssten mehr tragen. Wir seien alle gefordert, es fange bei jedem von uns selbst an, und so weiter.
Hat nicht schon 2025 den Menschen viel abverlangt?
Haben nicht schon 2024 starke und zunehmend geschwächte Schultern mehr getragen, als sie tragen konnten?
Haben wir nicht schon 2023 Opfer gebracht?
Waren wir nicht schon 2022, 2021, 2020 und in den Jahren zuvor derart am Limit, dass wir den Beginn einer Pandemie als Verschnaufpause willkommen hießen? Weil wir noch nicht ahnten, was uns in den kommenden Jahren noch bevorstehen würde. Und weil wir nicht ahnten, wie alleingelassen sich viele von uns fühlen würden. Weil wir nicht ahnten, dass der Applaus, den wir von den Balkonen erhielten, der vorerst letzte sein würde?
Jetzt, sechs Jahre danach, lädierter und frustrierter als vielleicht je zuvor, sollen wir Opfer bringen. Wir sollen bei uns selbst anfangen, damit irgendwann … was genau passiert?
Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen. Kein anderer Satz bringt die politische Ratlosigkeit besser zum Ausdruck, die wir derzeit erleben müssen. Kein anderes politisches Ablenkungsmanöver ist so bequem, weil sie Verantwortung zurück an die Menschen delegiert. Ein Glück für die Politik, dass die Deutschen so anfällig sind, wenn ihre Leistungsbereitschaft hinterfragt wird.
Ich erkenne hier keine Politik mehr, die Antworten hat. Ich erkenne eine Politik, die noch nicht einmal die Frage kennt. Sie fordert mehr Arbeit, mehr Anstrengung, aber wofür? Wofür?
Ich sehe keine Politik, die in der so fordernden Gegenwart ein Gespür für die innere Lage der Menschen hat. Ich sehe keine Politik, die Sinn und Richtung vermitteln kann, die keine inneren Konflikte mehr auflösen kann.
Die verspricht, dass es den Menschen wieder besser gehen wird, ihre Bedürfnisse aber missachtet und verhöhnt. Die nicht mehr weiß, ob sie das Klima oder die Autoindustrie schützen will, ob sie eine offene oder eine abgeschottete Gesellschaft sein will, ob sie an Morgen glaubt oder an Gestern festhält, ob sie an uns Menschen glaubt oder das Misstrauen auf Gegenseitigkeit basiert.
Ich sehe Menschen, die sich nicht mehr gemeint fühlen, wenn Friedrich Merz und Lars Klingbeil über sie sprechen, deren Realitäten, Geschichten, Ambivalenzen, Wünsche nicht mehr gesehen werden. Die Politik erkennt sie nicht mehr. Sie erkennt ihre Wähler*innen nicht mehr.
Es frustriert mich. Es frustriert mich mehr, als ich gerade sagen kann. Und es muss anders werden. Das ist alles, was ich heute sagen kann. Ich muss zurück an die Arbeit, das Frühstück steht noch herum, es warten noch andere Aufgaben, und gleich die Kinder. Vielleicht schaffe ich noch ein Mittagessen, eine kurze Pause und eine Meditation, in der ich mich daran zu erinnern versuche:
Nicht bewerten, nur wahrnehmen.
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An dieser Stelle teile ich gelegentlich einen Gedanken, der es nicht in den Haupttext geschafft hat. Auch dieses Mal habe ich zunächst einen Anfang verworfen. Vielleicht, weil er noch etwas unfertiger und impulsiver ist als das, was ich oben geschrieben habe. Vielleicht aber auch, weil sich das Werkzeug, mit dem ich arbeite, so merkwürdig stumpf angefühlt hat.
Vor einem Monat habe ich darüber geschrieben, dass Sprache mein wichtigstes Werkzeug als Journalist und Autor sei. Mit diesem Werkzeug würde ich versuchen, Wirklichkeit möglichst genau und verständlich abzubilden.
Das setzt voraus, dass ich eine gewisse Distanz einnehmen kann. Ein Stück weit neben den Dingen stehe, Beobachter und nicht Teil des Geschehens bin. Was ich im Leben inzwischen eher als Hindernis sehe, ist als Journalist ein klarer Vorteil. Unabhängigkeit, Abstand und Autonomie sind wichtige Bedingungen professioneller journalistischer Arbeit.
Aber sie genügen nicht. Glaubwürdig wird Journalismus dann, wenn er auch die eigene Perspektive kennt. Ich versuche, meine Perspektive zu reflektieren und mache, vor allem hier in diesem Newsletter, persönliche Erlebnisse, biografische Erfahrungen und soziale Herkunft zum Thema, weil mich immer schon immer interessiert, wie individuelle Lebensgeschichte mit systemischen Faktoren zusammenhängen.
Diese Strukturen sind häufig Gegenstand meiner Kritik. Manche würden nicht Sprache, sondern Kritik als das wichtigste Werkzeug eines Journalisten betrachten. Kritik, die sich gegen Macht richtet, gegen blinde Flecken, gegen alles, was sich in unserer Gesellschaft als Selbstverständlichkeit tarnt, obwohl es bei näherer Betrachtung einzelnen Interessen dient und andere benachteiligt.
Ich erinnere mich nicht, jemals eine Definition des Begriffs gelesen zu haben, der zuletzt wieder vermehrt in medialen Diskursen aufgetaucht ist: Patriarchat. Doch mir fällt kaum ein anderer Begriff ein, auf den all das so genau zutrifft, was ich gerade benannt habe: Macht, blinde Flecken, selten überprüfte Annahmen, partikulare Interessen.
Gemeinhin wird das Patriarchat – ich schlage nun doch nach – als eine Gesellschaftsform bezeichnet, die von Männern geprägt ist. Die vorherrschenden Normen und Werte gehen also auf männliche Denk- und Verhaltensmuster zurück, führende Positionen in Politik und Wirtschaft sind vor allem von Männern besetzt, sie verdienen besser als Frauen und überlebenswichtige Bereiche wie die medizinische Forschung orientieren sich in erster Linie an den männlichen Mitgliedern der Gesellschaft. Allgemein sei in patriarchalischen Gesellschaften auch Sexismus ein großes Problem, heißt es in einer Definition der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Warum eigentlich, habe ich mich neulich wieder gefragt, ist ein solches System, das eine so massive Ungleichheit aufrechterhält, so selten Ziel von Kritik?
Könnte es sein, dass hier etwas mit dem Verhältnis von Nähe und Distanz nicht ganz stimmt? Sind die beschriebenen Mechanismen zu abstrakt, zu ungreifbar, zu fern, um sie sinnvoll journalistisch adressieren zu können? Oder aber sind sie zu nah, so nah, dass sie unscharf bleiben, dass sie sich direkt vor unseren Augen verstecken?
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