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Vier Fakten, die man zum Stromversorgungs-Bericht kennen sollte

Irreführende Behauptungen von Ministerin Reiche

Die Bundesnetzagentur hat diese Woche den neuen Versorgungssicherheitsbericht Strom (Opens in a new window) veröffentlicht. „Die Bundesnetzagentur weist einen Zubau von Gaskraftwerken bis zum Jahr 2035 zwischen 22 und 36 Gigawatt aus“, behauptete Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Doch das steht gar nicht in dem Bericht! Vier Fakten, die man über den neuen Bericht der Bundesnetzagentur wissen sollte:

1. Nicht nur Gaskraftwerke sind steuerbare Kapazitäten

Die Bundesnetzagentur stellt zwar einen „Bedarf an steuerbaren Kapazitäten“ in dieser Größenordnung fest, Gaskraftwerke werden jedoch nur als Beispiel dafür genannt - nicht als einzige Option, wie es uns Reiche suggerieren will:

Die Modellergebnisse zeigen bis zum Jahr 2035 einen notwendigen Zubaubedarf von steuerbaren Kapazitäten wie beispielsweise Gaskraftwerken in Höhe von bis zu 22,4 GW im Zielszenario, das von der fristgerechten Erreichung aller gesetzlichen und politischen Ausbauziele ausgeht, die zum Start der Untersuchung (Beginn des Jahres 2024) galten. Das Szenario "Verzögerte Energiewende", bei dem konservativere Annahmen als im Zielszenario vorgegeben sind, zeigt einen Zubaubedarf von bis zu 35,5 GW bis zum Jahr 2035.1

Denn natürlich sind nicht nur Gaskraftwerke „steuerbare Kapazitäten“, auch Batterie-Großpeicher, Pump-Speicherkraftwerke oder etwa Druckluftspeicher sind flexibel steuerbar. Außerdem könnte man die bereits vorhandenen Biogasanlagen, Wasserkraftwerke oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK) als flexibel steuerbares dezentrales Backup einsetzen. Dafür müsste man die Anreize so verändern, dass diese Anlagen nur dann Strom ins Netz einspeisen, wenn Strom knapp und dementsprechend teuer ist.

Bislang werden die meisten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen „wärmegeführt“ betrieben, d.h. sie produzieren nur Strom, wenn gerade Wärme oder Kälte (Kraft-Kälte-Kopplung) benötigt wird. Man könnte sie auch stromgeführt betreiben, so dass sie immer dann Strom ins Netz einspeisen, wenn dieser knapp und teuer ist. Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) rechnet vor, dass „bis 2030 sind 38 GW zusätzliche Erneuerbare Flexibilitätspotentiale erschließbar (Opens in a new window)“ seien - also mehr als die Bundesnetzagentur selbst im ungünstigsten Szenario bis 2035 für nötig hält. Darüber schrieb ich in diesem Newsletter bereits im Juni (Opens in a new window).

2. Baut man Wind- und Solarenergie langsamer aus, ERHÖHT sich der Bedarf an steuerbaren Kapazitäten!

Die Berechnungen der Bundesnetzagentur zeigen noch etwas ganz eindeutig: Wird der Ausbau von Wind- und Solarenergie gebremst, STEIGT der Bedarf an steuerbaren Kapazitäten. Im Szenario „Verzögerte Energiewende“ wären demnach 35,5 Gigawatt steuerbare Kapazitäten bis 2035 nötig. Das liegt daran, dass auch bei einer Dunkelflaute Wind- und Solarenergie Strom liefern - nur halt zu wenig. Je mehr Wind- und Solaranlagen installiert sind und je besser sie über das ganze Land verteilt sind, desto geringer ist die verbleibende Residuallast (Opens in a new window), die durch steuerbare Kraftwerke gedeckt werden muss.

Auf diese Weise würde die Energiepolitik von Fossil-Ministerin Reiche zur selbsterfüllenden Prophezeiung: Je mehr sie den Ausbau der kostengünstigen Erneuerbaren Energien abwürgt, desto mehr Gaskraftwerke wären nötig. Für die Industrie und die privaten Stromkunden wäre das aber viel teurer. Je mehr Gas wir verstromen, desto höher steigen die Strompreise durch den sogenannten Merit-Order-Effekt (Opens in a new window). Denn am Strommarkt bestimmen die Kraftwerke mit den höchsten Grenzkosten den Preis - und das sind nun mal die Gaskraftwerke. Deshalb stiegen auch die Strompreise, nachdem uns der russische Diktator Putin 2022 den Gashahn zugedreht hatte. Katherina Reiche will uns wieder abhängiger von teuren fossilen Energieimporten machen - Donald Trump freut es, die Stromkunden müssten es bezahlen.

3. Auch Batterie-Großspeicher helfen bei Dunkelflauten

Batterie-Großspeicher können steuerbare Kraftwerke, wie z.B. Gas- oder Wasserstoffkraftwerke, derzeit nicht völlig ersetzen, wie ich in diesem Faktencheck (Opens in a new window)dargelegt habe. Denn zum einen eignen sich herkömmliche Lithium-Batterien nicht als saisonale Stromspeicher, weil sie sich im Laufe der Zeit selbst entladen. Das weiß jeder, der mal ein Handy mehrere Monate ungenutzt in einer Schublade liegen hatte: Irgendwann ist der Akku leer, obwohl man das Gerät gar nicht benutzt hat.

Außerdem sind stationäre Batteriespeicher meist nur für wenige Stunden ausgelegt, längere Dunkelflauten können aber schon mal mehrere Tage oder sogar Wochen andauern. Das ist selten, kommt aber vor. Für die saisonale Stromspeicherung (überschüssigen Solarstrom im Sommer für den Winter speichern) eignen sich Wasserstoff oder Pumpspeicher besser als Batterien.

Trotzdem können stationäre Batteriespeicher auch bei längeren Dunkelflauten helfen, die tägliche Residualspitzenlast zu verringern. Sie speichern nämlich auch während der Dunkelflaute zu Zeiten mit niedriger Stromnachfrage und relativ niedrigen Strompreisen Strom ein, den sie zu Zeiten mit hoher Stromnachfrage und hohen Strompreisen wieder ausspeichern. (Opens in a new window)Dieser Strom muss nicht aus Erneuerbaren Energien stammen, er kann auch auch aus Gaskraftwerken kommen. Auf diese Weise verringern Batteriegroßspeicher den Bedarf an teuren, hochsubventionierten Gaskraftwerken.

4. Wo sind die stationären Stromspeicher?

Daher verwundert es viele Expert:innen, dass stationäre Batteriespeicher im Bericht der Bundesnetzagentur kaum eine Rolle spielen. Die Bundesnetzagentur schreibt in ihrem Versorgungsbericht den Speicherstand von gestern (2,2 Gigawatt) bis 2035 einfach fort. Dabei liegen den Netzbetreibern gegenwärtig Speichernetzanschlussanfragen in Höhe von etwa 500 Gigawatt (!) vor. Darunter sind zwar viele Mehrfachanfragen, aber nur 2,2 Gigawatt Batteriespeicher bis 2035 sind absurd niedrig angesetzt. Alleine der Übertragungsnetzbetreiber 50 Herz hat bereits 12 Gigawatt Speicheranschlüsse zugesagt!

Der neue Versorgungsbericht der Bundesnetzagentur: Wo sind die stationären Speicher hin?
Absurd: Die Bundesnetzagentur geht anscheinend davon aus, dass der Anteil der Batteriespeicher bis 2035 gleich bleibt.

„Wie will die Bundesregierung mit einem Versorgungssicherheitsbericht mit klaffender Modellierungs-SPEICHERLÜCKE gegenüber der EU-Kommission ein Kraftwerkssubventionsprogramm begründen?“, fragt deshalb zu Recht der Energieexperte Carsten Pfeiffer vom Bundesverband Neue Energiewirtschaft auf LinkedIn.

Ein Herbst des Klima-Widerstands?

Angesichts des Versuchs von Fossil-Ministerin Reiche, den unter Robert Habeck gerade wieder in Gang gekommenen Ausbau der Erneuerbaren Energien schon wieder abzuwürgen, hat Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge einen „Herbst des Klimawiderstandes“ gefordert. Sie hat recht - genau das braucht es jetzt! Bitte macht deshalb am Samstag, den 20. September bei den bundesweiten Klimademos mit. (Opens in a new window) Schon dieses Wochenende finden Proteste gegen die Gasbohrungen auf Borkum (Opens in a new window) statt, die nicht nur unser Klima weiter anheizen, sondern auch das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer bedrohen.

Europe Calling-Videokonferenz mit neun Expert:innen: Erneuerbare Energien nutzen statt Abwürgen (Opens in a new window)
Am vergangen Mittwoch fand eine spannende Videokonferenz zur Energiewende statt.

Das drohende Abwürgen der Energiewende war am vergangenen Mittwoch auch Thema einer Europe Calling-Videokonferenz mit hochkarätigen Expert:innen. Falls Ihr es verpasst habt, könnt Ihr Euch die Aufzeichnung auf YouTube (Opens in a new window) ansehen.

Herzliche Grüße,

Euer Yves Venedey

  1. Bundesnetzagentur: „Versorgungssicherheit Strom. Bericht (Opens in a new window)“, September 2025

Topic Klima & Energie

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