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Nur Zahlen und Vorurteile

Eine Collage mit braunen, hellen und altrosa Papierstreifen.
Collage 3/2026 © Kristina Klecko

Bald gibt es diesen Newsletter seit zwei Jahren. Mit dem heutigen haben 48 Beiträge meinen Schreibtisch verlassen, weitere 15 in der Mitgliederrubrik Romansuche (Opens in a new window). Über 100 Notizen warten darauf, zu einem Kurzessay verarbeitet zu werden. Manchmal vergesse ich, worüber ich bereits geschrieben habe. Ich will mich nicht wiederholen, aber wenn man immer wieder um die gleichen Themen (Opens in a new window) kreist, lässt sich das nicht vermeiden. Ein veröffentlichter Text ist dann nur ein vorübergehendes Fazit.

Habe ich darüber schon geschrieben? Oder nur nachgedacht?

Mir scheint, ich müsste hunderte Texte über „das Alter“ oder „das Altern“ geschrieben haben, weil ich so oft darüber nachdenke. Nicht im Sinne eines ängstlichen Blickes in eine ungewisse Zukunft, sondern als die Erfassung eines Zustandes, der sich immer verändert. Es gibt ein Foto, das mich als kleines Mädchen zeigt, ich muss gerade angefangen haben zu laufen. Die Temperaturen im winterlichen Tscheljabinsk konnten bis 40 Grad unter Null fallen, ich trage einen Pelzmantel und halte in der Hand eine schmale Tasche. Stünde ich nicht zwischen zwei Sitzbänken, die das Größenverhältnis offenbaren, könnte man mich für eine Frau Mitte sechzig halten, die Angst hat, im Schnee und Eis auszurutschen.

Ich bin immer diese Frau Mitte sechzig.

Neulich zwang ich mich zur Lektüre eines Buches, das ich vor Ewigkeiten gekauft hatte, aber eigentlich nicht mehr lesen wollte. Mir war die Autorin mit bissigen, wenig durchdachten Äußerungen aufgefallen und bissige Kommentare, die nur einen Millimeter daneben gehen, sind bloß traurig. Ich las die ersten paar Seiten und legte das Buch endgültig weg.

Früher hätte ich mich durchgebissen. Hätte gesagt, das Thema sei zu wichtig, hätte an Bulgakows Meister und Margarita gedacht,* hätte angenommen, ich muss das Buch als „belesene Person“ kennen. Aber es gibt Tausende von Büchern, jedes Jahr erscheinen Tausend weitere, und meine Zeit ist begrenzt.

Der Spruch von den ‘roaring forties’ hat etwas Wahres – oder er wird wahr, weil man gehört hat, dass dieses Alter stürmisch sei. Man fühlt sich noch immer jung, ist sich aber absolut darüber im Klaren, dass die Zeit vergeht, und verspürt vielleicht eine gewisse Ermüdung, was das Gewohnte betrifft. Dann wird man unruhig, reißt an der Leine – vermutlich auch, um festzustellen, ob die Leine hält. Man hat überhaupt Lust, zu experimentieren, sich preiszugeben, etwas zu wagen.“

Valla, Kristin, Ein Raum zum Schreiben, übers. v. Gabriele Haefs

Ich bin nicht ganz vierzig, aber ich spüre diese Unruhe schon jetzt. Manchmal ist es eine gute, eine befreiende Unruhe, weil es ein “mir egal, wie man es macht, ich mache das jetzt so” beinhaltet. Manchmal aber ist es eine ungute, eine zähe Unruhe, weil auch ich mittlerweile die Lebensdauer der Dinge (Opens in a new window), die mich nerven, in Jahrzehnten angeben kann.

Ich habe noch nie über das Alter(n) geschrieben, weil ich mich dazu nicht berechtigt gefühlt habe.

Aber wie alt muss ich werden, um über das Alter(n) schreiben zu dürfen? Ist 40 zu peinlich? 60 zu hochnäsig? 80 jenseits aller Vorstellungskraft? Ist „das richtige Alter“ als Erlaubnis, etwas zu tun, nicht wie das Hitzeflimmern am Horizont? Unerreichbar mit jedem Schritt?

Oder wie eine Grenze, die immer wieder verschoben wird?

Zahlenspiele …

  • Sängerin Kate Bush hat ihren Durchbruchsong Wuthering Heights kurz vor ihrem 19. Geburtstag geschrieben. Bei der Veröffentlichung des Romans, auf den das Lied sich bezieht, war die Schriftstellerin Emily Brontë 29.

  • Autorin Mary Shelley hatte die Idee zu ihrem Welterfolg Frankenstein mit 18. Die Schauspielerin Mae Clarke, die bei der Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1931 Frankensteins Verlobte Elisabeth spielte, war mit 16 an Theatern am Broadway engagiert.

  • Dichterin Marina Zwetajewa veröffentlichte mit 18 Jahren ihren ersten Gedichtband.

  • Autorin Agatha Christie war bei der Veröffentlichung ihres Krimidebüts 30.

  • Dichterin Hilde Domin begann mit 37 zu schreiben und veröffentlichte ihr Debüt im Alter von 45 Jahren.

  • Künstlerin Isabella Ducrot war bei ihrer ersten Einzelausstellung Anfang 90.

Manche sagen, dass der Körper im Alter schwächer wird, der Geist aber leichter. Manche sagen, dass man im Grunde immer die Person bleibt, die man schon mit 20 war. Manche schauen milde lächelnd auf Probleme jüngerer Menschen herab. Manche sagen „hätte ich damals“ und sagen „ich kann nicht“.

Wir sind uns immer hinterher.

Ich lese das Buch Alte Frauen von Verena Lueken, in dem sie Frauen porträtiert, die spät mit Kunst angefangen haben oder spät zu Ruhm gekommen sind. Spät heißt in der Kunst um die Dreißig, viele Literaturstipendien und Nachwuchspreise ziehen bei 35 eine Grenze. Lueken aber trifft auch Frauen, die erst im Alter von sechzig Jahren mit dem Schreiben oder dem Malen begonnen haben.

Jugend ist kein gutes Maß, wenn es ums Leben geht.“

Verena Lueken, Alte Frauen

Ein paar Tage bevor ich zum Buch greife, höre ich von Eunice Parsons, einer Collage-Künstlerin aus den USA. Sie wollte schon als Kind Künstlerin sein, entschied sich aber mit 18 dagegen, weil sie annahm, sie würde damit ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten können. Stattdessen heiratete sie, bekam Kinder. Mit 34 schrieb sie sich an einer Kunstschule ein, an der sie später neben ihrer künstlerischen Praxis auch selbst unterrichtete. 2001 starb sie mit 108 Jahren. Was wäre, hätte sie mit 34 entschieden, es sei zu spät? Hätte sie es mit 45 trotzdem versucht? Oder vielleicht mit 70? Hätte Verena Lueken sie mit 80, immer noch fast 30 Jahre vor Lebensende als Gesprächspartnerin in ihr Buch aufgenommen?

Natürlich wissen wir nicht, wie alt wir werden, aber Parsons wusste es auch nicht.

1000 Dank, dass du mitliest!

Bis in zwei Wochen!

Kristina

* Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow musste ich im Studium lesen. Ich habe es gehasst, und ich habe es über weite Strecke nicht verstanden – bis das in meiner Erinnerung fulminante Ende alles umwarf und ich dankbar war, dass ich durchgehalten habe, weil ich musste. Vor kurzem habe ich mir eine deutsche Ausgabe gekauft und freue mich sehr auf die Lektüre.

Kurse

Am 17. März startet an der VHS Bonn der Kurs Online-Schreibwerkstatt: Schreiben Sie einen Kurzessay. Vier Termine, je 60 Minuten, für schmale 25,39 €!

Beischrift

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und tschüss

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Topic Alltag & Politik

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