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LebensSpuren #10: Die Sonne wartet nicht

Was die ersten wärmenden Sonnenstrahlen verändern, wenn man genau hinschaut.

Vor ein paar Wochen sah diese Terrasse noch aus wie eine Zwischenstation. Nass, kalt, still. Ein Ort, über den man schnell hinwegschaut, weil man sowieso gleich wieder rein will.

Jetzt liegt das Licht breit auf den Holzdielen, als hätte es sich dort verabredet. Zwei Frauen sitzen in ihren Liegestühlen, Sonnenbrillen auf den Nasen, die Gesichter der Sonne zugedreht. Hinter ihnen an der Wand steht in großen Holzbuchstaben: AHOI. Als würde gleich jemand ablegen.

Oma (100) und ihr Schwester Emi (95) auf der Terasse, die ersten Sonnenstrahlen genießend.
Hundert und fünfundneunzig. Und bereit für die nächste Tour.

Links sitzt meine Oma Maria. Rechts meine (Groß-)Tante Emi. Hundert und fünfundneunzig, wenn man es auf dem Papier sehen will. Auf dem Foto wirken sie deutlich jünger. Vielleicht liegt es am Licht. Vielleicht an den Sonnenbrillen. Vielleicht auch daran, dass es Momente gibt, in denen ein Mensch nicht nach Alter aussieht, sondern einfach nur ganz da ist.

Die Brillen gehören eigentlich mir und meiner Mum.

Auf den Nasen der beiden sehen sie aus, als hätten die zwei spontan beschlossen, noch eine kleine Motorradtour zu machen. Oder zumindest später ein Eis zu holen, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Ich musste lachen, als ich sie so sah.

Emi hält eine Zeitschrift in der Hand. Sie hat sie nicht einfach nur auf dem Schoß liegen. Sie liest vor, mit diesem vollen Ernst, den sie manchmal in die Stimme legt, wenn sie etwas für wichtig hält.

„Leben jetzt"

Dann schaut sie weiter unten auf die Seite: „Die Kraft der Träume."

Als hätte sie gerade eine Ansage gemacht.

Niemand kichert. Niemand verbessert. Niemand redet darüber hinweg. Sie liest, also hören wir zu. So schlicht ist das manchmal. Und so selten vielleicht auch. Nicht das Lesen. Das Ernstnehmen.

Emi (95) liest laut vor.
„Die Kraft der Träume." Laut vorgelesen. Im vollen Ernst.

Es gibt diese kleinen Situationen, in denen man merkt, wie schnell Menschen mit Demenz unmerklich aus der gemeinsamen Wirklichkeit geschoben werden. Nicht aus Bosheit. Eher aus Ungeduld, Gewohnheit oder Unsicherheit. Dann wird über sie gesprochen statt mit ihnen.

An diesem Nachmittag war das anders. Emi saß da mit ihrer Zeitschrift, im Sonnenlicht, mit meiner viel zu sportlichen Sonnenbrille auf der Nase, und las ihre Überschriften vor wie jemand, dem das Wort noch gehört.

Demenz hin oder her.

Man muss Menschen nur ernst nehmen. Auf Augenhöhe begegnen. Manchmal reicht genau das.

Überhaupt verändert der Frühling gerade vieles, ohne dabei großen Lärm zu machen.

Es fängt nicht mit einem Vorsatz an. Nicht mit einem Plan. Eher mit einem geöffneten Fenster. Mit einer Jacke weniger. Mit dem ersten Gang nach draußen, bei dem man merkt, dass die Luft nicht mehr gegen einen arbeitet.

Emi, die im Winter oft zögert, die Stube zu verlassen, war an diesem Tag bereit. Kein allzu langes Überreden oder mehrfaches Fragen. Einfach: raus.

Und Oma Maria, die ohnehin selten stillsitzt, hatte sich schon längst einen Platz gesucht.

Emi geht sonst nicht einfach mal eben in den Garten. Jeder Weg dorthin ist ein kleiner Übergang. Treppen. Langsame Schritte. Der Rollator. Die Hüfte, die nicht plötzlich mitmacht, nur weil März ist. Und trotzdem geht sie.

Das ist nicht selbstverständlich. Das ist Arbeit.

Oma und Emi auf Tour mit ihren Rollatoren.
Jeder Schritt zählt. Dieser hier auch.

Gerade im hohen Alter baut Muskulatur schneller ab, wenn sie nicht benutzt wird. Schon ab dem 60. Lebensjahr verliert der Körper ohne regelmäßige Bewegung bis zu einem Prozent Muskelmasse pro Jahr. Das klingt nüchtern. Im Alltag heißt es schlicht: jeder Schritt, der noch gegangen wird, ist nicht selbstverständlich. Muskeln lassen sich auch im hohen Alter erhalten und sogar aufbauen. Nicht viel, aber regelmäßig.

Jede Treppe zählt. Jede Runde durch den Garten auch.

Ich denke in diesen Tagen oft an den “kleinen” Bruder der beiden Schwestern. Klein ist dabei natürlich Unsinn. Er ist zweiundneunzig und eigentlich der Größte von allen. Mehrmals die Woche geht er ins Fitnessstudio. Und dann fährt er noch E-Bike-Touren, fünfzig Kilometer und mehr.

Einfach nur ein Mensch, der in Bewegung geblieben ist. Auch das ist eine Art Geschichte.

Emi´s Haushälterin hatte neulich einen Satz gesagt. Ganz spontan und ganz praktisch: warum wir eigentlich keinen Toilettenstuhl für den Garten besorgen.

Wir haben sie angeschaut, als hätte sie gerade etwas völlig Neues erfunden. Dabei war es so naheliegend. Der Weg zur Toilette im ersten Stock ist für Emi oft zu weit. Und wenn sie einmal drinnen ist, ist der Rückweg nicht leichter. Also warum nicht eine einfache Lösung schaffen, statt jeden Gartenmoment heimlich schon wieder von der nächsten Anstrengung her zu denken?

Manchmal braucht es wirklich nur diesen Blick von außen. Jemanden, der nicht im Gewohnten festhängt. Jemanden, der einfach etwas sieht, das fehlt.

Osterglocken im Garten
Die ersten und noch zögerlich, aber da.

Draußen selbst verändert sich gerade jeden Tag etwas.

Die Schneeglöckchen sind schon wieder gegangen, still und leise, wie sie gekommen sind. Dafür stehen jetzt die ersten Osterglocken. Noch zögerlich, noch nicht viele, aber da. Die Tulpen kommen nach, fast täglich ein bisschen weiter. Und der Magnolienbaum hält sich noch einen Moment zurück. Knospen, Spannung, ein leises Vielleicht. Jedes Jahr hoffe ich dasselbe: bitte diesmal kein Frost mehr in der Nacht danach.

Noch ist nicht alles üppig. Noch ist vieles im Werden. Die Luft ist klarer als später im Jahr. Die Sonne wärmt, ohne müde zu machen. Eine wunderbare, kurze Zeit.

Emi liest weiter.

„Die Kraft der Träume", sagt sie noch einmal und hält die Zeitschrift ein wenig höher, als wolle sie sicherstellen, dass wir es alle verstanden haben.

Ich schaue zu ihr rüber. Zur Sonnenbrille. Zu ihrer Hand auf dem Papier. Zu meiner Oma daneben, die einfach still in der Sonne sitzt, als sei genau das heute ihre wichtigste Verabredung.

Vielleicht ist Frühling gar nicht nur das, was blüht.

Vielleicht ist es auch dieser eine Moment, in dem ein Mensch wieder ganz als Mensch da sein darf. Nicht als Fall. Nicht als Sorge. Nicht als Aufgabe. Einfach nur da, im Licht, mit einer Zeitschrift in der Hand und einem Satz, der bleibt.

Und vielleicht muss man Menschen manchmal wirklich nur ernst nehmen.

Mehr nicht. Aber ist das nicht schon erstaunlich viel?

Wenn dir diese Geschichte etwas gegeben hat, begleite uns gern weiter. LebensSpuren erscheint alle paar Wochen hier, immer dann, wenn etwas erzählt werden will.

Topic Leben im Alter