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Wir möchten einfach nicht sterben – Altenreptows Ampelchaos - Teil 3

Ausgabe vom Mittwoch, 22. Oktober 2025

Der große Auftritt

Freitagmorgen. Der Rathausflur glänzt, als hätte man ihn mit Euphorie gewachst. Liane Glanzreich steht auf einem Stuhl und schreit Anweisungen wie ein Regieorakel: „Licht! Stimmung! Authentizität!“ Die Pappbanner hängen schief: „Altentreptow leuchtet gemeinsam.“ Meister Munter verteilt Kaffee, Balduin übt das Nicken vor dem Spiegel, und Baron Tollensius trägt eine Sicherheitsweste in Größe „zu edel für diese Welt“.

Lamprecht sieht aus, als wolle er fliehen. „Ich hab Lampenfieber.“
„Das ist wörtlich perfekt!“, ruft Liane begeistert. „So was kriegst du im Theater nicht.“

Die Kleinstadtkanzlerin Pusemuckel betritt die Bühne, Lippenstiftfarbe: Haushaltsrot. „Altentreptow geht neue Wege!“, verkündet sie. „Wir haben verstanden, dass Sicherheit alle angeht – vor allem die Bürger selbst.“ Applaus von den Beteiligten. „Und jetzt, Herr Lamprecht, zeigen Sie uns die Zukunft!“

Lamprecht beugt sich über den Schaltschrank, zittert leicht. „Also einfach umlegen, ja?“

„Selbstbewusst!“, flüstert Liane. „Denk an den viralen Moment.“ Er dreht. Nichts passiert. Dreht noch einmal. Wieder nichts. „Vielleicht war’s gestern Vollmond“, murmelt jemand.

Dann – ein Fauchen, ein Blitzen, ein Knistern wie von Rachegelüsten. Alle Lichter springen an: Ampeln, Straßenlaternen, Rathausfassade, sogar der Weihnachtsstern von 2018, der seit Jahren im Keller lag. Das Publikum hält die Luft an. Ein Funke tanzt, der Putz bröckelt, ein Kabel glüht.

„Läuft, das läuft!“, ruft Liane euphorisch und filmt weiter. Der Beamer von letzter Woche brummt wieder, als wolle er Rache nehmen. Ein Knall. Rauch. Lamprecht taumelt zurück. „Stecker raus!“, brüllt jemand. Baron Tollensius springt vor, zieht beherzt das brennende Kabel aus der Steckdose, schüttet den Inhalt von Meister Munters Kaffeekanne drauf – zischend, dampfend, heroisch.

Stille. Dann Jubel.Liane hustet, wischt sich Ruß von der Stirn und sagt mit Tränen in den Augen: „Das war visuell megastark! Ich mach gleich ein Reel draus!“

Reichweite statt Rettung

Zwei Stunden später geht das Video online: „Altentreptow leuchtet zusammen“ – dramatische Musik, Hashtag #LightUpLocal, Close-up auf Lamprechts zitternde Hände, Zeitlupe von Tollensius’ Sprung. Innerhalb von zwei Tagen: 1,2 Millionen Aufrufe. Kommentare: „Ist das Satire?“ – „Ich liebe diese Serie.“ – „Wann kommt Staffel 2?“

Liane wird in der Kantine gefeiert. „Wir haben’s geschafft!“, ruft sie. „Wir sind viral!“

Pusemuckel nickt andächtig. „Das ist der Spirit der neuen Verwaltung.“

„Und was ist mit den Ampeln?“, fragt Fuchs.

„Die sind rausgeflogen“, sagt Lamprecht.

„Symbolisch oder technisch?“

„Beides.“

Die Bürger wundern sich. Nachts bleibt es dunkel, aber jetzt mit einem offiziellen Imagefilm. Die Stadt glänzt im Internet, während sie draußen erblindet.

Nachglühen

Eine Woche später. Kein Strom, kein Licht, kein Applaus mehr. Der Antrag der Bürger – der, in dem stand „Wir möchten einfach nicht sterben“ – liegt wieder im Umlauf. Fachbereich 4 hat ihn an Fachbereich 5 übergeben, Fachbereich 5 an Fachbereich 3, Fachbereich 3 an die Ablage.

Liane postet ein Abschiedsreel: Sie steht im Halbdunkel, Blick zur Kamera, sagt: „Licht ist mehr als Energie – es ist Gefühl.“ Untertitel: #BleibtHellImHerzen. Nusseltrud sieht es sich an und murmelt: „Gefühl hilft dir auch nicht über die Straße.“ Fuchs nickt: „Aber wenigstens blendet’s nicht.“

Baron Tollensius liegt vor dem Rathaus, schnarcht zufrieden. Der Held hat genug Heldenmut für dieses Jahr gezeigt.

Ich gehe zur Südkreuzung. Autos huschen vorbei wie Schatten. Kein Licht, kein Ton, nur ein Summen, das klingt wie Amtsflüsterpolitik. Ich denke an die Bürger, die einfach nur wollten, dass man sie sieht. Stattdessen sieht man jetzt ein Reel.

Vielleicht ist Dummheit die einzige erneuerbare Energie, die wirklich zuverlässig liefert.

Danke fürs Lesen, ihr wackeren Mitbürger zwischen Rot, Gelb und Grün.

Am Sonntag erzähle ich, warum das neue Rathauskonzept „Smart Silence“ heißt – und warum keiner was davon hört. Clubmitglieder lesen früher, ungekürzt und mit Butterbrotbonus.

Mit Amtswitz und Aufpassblick

Ihre Erna Schippel

Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Mittwoch, 22. Oktober 2025 - © Erna Schippel 2025 – Alle Texte und Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

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