Herzlich willkommen bei Parabel Post! – Ausgabe 20
Mir ist die Tage aufgefallen: Ich bin viel zu oft sehr wütend.
Gerade im Sommer macht das doch gar keinen Sinn? Ich habe mich also gefragt: Alex, warum bist du gerade wütend. Vielleicht liegt es aktuell an den Temperaturen, dass mein Vermieter mich mit kaputter Klingelanlage, Briefkastenanlage und Wasserschaden durch meinen Übermieter ignoriert oder weil ich für eine Produktion meinen Sommerurlaub gecancelt habe, die jetzt teilweise verschoben wurde wegen… ach, reden wir nicht drüber.
Vielleicht liegt es aber auch an mir. So grundsätzlich. Man soll die Schuld ja nicht immer bei Anderen suchen. Andere ertragen die Realität ja auch – vielleicht habe ich nur die falschen Strategien zur Alltagsbewältigung:
Gestern stand eine Gruppe junger Männer vor meinem Haus, die sich am helllichten Tag ungeniert einfach Lachgas in der Öffentlichkeit reingezogen haben, bevor sie sich zum Fußballgucken aufmachten. Die wirkten auf mich nicht wütend. Auch wenn an ihnen vermutlich auch nicht vorbeigegangen ist, dass die Lebensmittelpreise seit 2020 um 36 Prozent gestiegen sind. Oder dass in diesem Bundesland bald eine Partei regiert, die vermutlich mehr als 36 Prozent bekommt und auf Jungs ihres Phänotyps die in der Öffentlichkeit Lachgas konsumieren, den eigenen Aussagen zufolge vermutlich keinen Bock hat. Ich beneide sie darum, dass sie einfach so Spaß haben können. Wirklich.
Ich würde so gerne einen Scheiß auf die Dinge, die ich jeden Tag lese, geben. Aber ich kann nicht. Vielleicht sollte ich dann einfach mal was anderes lesen?
Gott sei Dank, sind nicht alle permanent von so einem Weltschmerz gepeinigt. Es gibt Momente, wo sich die Bevölkerung kollektiv zu entscheiden scheint: Jetzt schauen wir mal was Anderes als sonst.
Wenn es eine Fußballmeisterschaft ist. Menschen meiner Profession hyperventilieren dann:
Jedes Mal, wenn EM oder WM ist, passiert etwas Skurriles: Aus purer Reichweitenverzweiflung beginnen alle, die sich ansonsten nicht mit Fußball beschäftigen, aus allen Rohren Fußball Content zu feuern. Besonders in wirklich stark politischen Magazinen wie dem Spiegel oder der Zeit finde ich das erstaunlich.
Egal welche Zielgruppe, egal welches Thema:Wenn die ganz großen Turniere stattfinden, spricht man zu einem deutlich dezimierten Publikum. Und was man da für Verrenkungen anstellt, irgendeine sinnvolle Verbindung zwischen dem eigenen Inhalt und Fußball zu finden. Da habe ich doch einen Artikel darüber gelesen, der den Einfluss Mbappes auf die kommende Wahl in Frankreich einzuschätzen versucht. Sehr interessant, musste ich direkt klicken. Oder ein anderer, über den Einfluss von Memes während der WM auf die Identifizierung der Jugend mit dem eigenen Land. Oh ja, Medientheorie am lebendigen Beispiel! Und sollten wir uns als Medienmacher nicht auch kritisch mit der Analyse der Analyse des Ausscheidens Deutschlands aus dem Turnier beschäftigen? Genau das wollte ich gestern vorm Anpfiff England gegen Argentinien im Spiegel lesen!
Das ist natürlich alles Blödsinn, aber man muss händeringend seine Auflage halten. Wir haben bei dem Spiel ja auch mitgemacht auf dem Zweitkanal und zwei Videos entwickelt, die irgendwie in unsere Videologik passen. Hat trotzdem nicht funktioniert – warum auch? Die meisten Leute haben einfach gerade kollektiv entschieden: Lass doch mal ein paar Wochen weniger Angst und Wut haben und mal in der Sonne sitzen und lecker Bierchen trinken.
Ich fürchte, viele meiner Kollegen sind so wie ich: Sie starren den ganzen Tag auf Schlagzeilen und Tabellen und würden gerne alle schütteln und sagen: „Ey, ihr könnt ihr euch nicht mit diesem oder jenem wichtigen Thema auseinandersetzen“.
Aber am Ende ist das unser Problem.
Aber es gab einen Moment, wo ich auch gesagt habe: Jetzt ist vorbei, ich ergebe mich dem Fußballcontent. Ich weiß jetzt alles über Haaland, wie sein Vater aussieht, welchen Waschbär er aus den Staaten mitgebracht hat, was seine Essens- und Trainingsroutine ist. Für ein paar Tage habe ich gnädigerweise tausende Memes über Messi und Co. gesehen. Und langsam wichen Wut und Verzweiflung.
Vermutlich war das der Moment, als ich aktiv Artikel von „Der Bunten“ in meinen Feed gespült bekam. Weil mein Algo dachte: Er ist soweit.
Im ersten ging es um die Trennung von Karl Theodor zu Guttenberg von Katherina Reiche. Und ja, für diese Überschrift war ich sowas von bereit!
Aber dann kam die Zweite:
Jens Spahn hat jetzt ein Kind. Und da wars dann wieder für mich vorbei: „Schön für ihn“ könnte man sagen – aber leider hat diese Geschichte auch wieder den typischen „Jens Spahn- Doppelmoral-Moment“ an sich, der mich eben nicht kalt lässt, egal wie entspannt ich gerade noch über Traurige-England-Fan-Memes gelacht habe: Während Spahn hierzulande gegen die Leihmutterschaft wettert, hat er sich in den Staaten eine besorgt. Und da kommt alles wieder hoch: Die Angst, die Verzweiflung, die Wut über die Ungerechtigkeit der Welt zwischen diesen Menschen, die sich von denen, die sie regieren, so komplett abgehoben haben. Über all die Dinge, über die (zu teuer gewordenes) Brot und Spiele halt doch nicht hinwegtäuschen.
Für mich ist Jens Spahn Symptom und Mitgrund für die Krankheit unserer Demokratie. Wenn wir die Demokratie gegen die AfD verteidigen, verteidigen wir gleichzeitig Jens Spahn und Konsorten und das ist etwas, das mir zunehmend schwerer fällt. Denn das einzige, was die CDU in der aktuellen Regierungsverantwortung zu tun imstande ist, ist, die antisoziale Politik umzusetzen, die mit der AfD eh Einzug halten würde.
Ich komm halt nicht aus meiner Haut, sorry. Aber vielleicht ist der Rest der Parabel Post heute ja entspannter!
Mit den besten Grüßen
Euer Alex
Nachtrag: Mit dem Vorwurf der Doppelmoral ist Alex nicht alleine: Am Samstag wurde bekannt, dass Jens Spahn als CDU-Fraktionsvorsitzender aufgrund der Kontroversen um die Leihmutterschaftsaffäre zurückgetreten ist.
0:00 Intro
05:49 Kapitel 1 „Zahlen Lügen Nicht“
09:33 Kapitel 2 „Der Blinde Fleck“
16:00 Kapitel 3 „Der Tiefere Zusammenhang“
27:47 Kapitel 4 „Nachgereicht“
31:51 Kapitel 5 „Rausgezoomt“
41:41 Kapitel 6 „Blattkritik“
50:04 Kapitel 7 „Ende gut, Alles Gut“
54:59 „P.S.“