Die Schönheit des Lebens genießen – das ist die Aufgabe, die in unserer Zeit so schwer ist. Überall herrscht Angst. Unsere Gesellschaft ist gesättigt davon.
Ich habe manchmal Angst, dass der Golfstrom schon gekippt ist. Ich habe Angst, politisch verfolgt zu werden, wenn die AfD an die Macht kommt. Ich habe Angst, alt zu werden in einer zerfallenden Welt.
Wenn man Angst hat, ist es schwer, die Schönheit des Lebens zu genießen. Sie färbt alles grau, macht eng, und irgendwann: aggressiv. Und diese Aggression sehe ich überall. Während der Corona-Pandemie war das so offensichtlich. In meinem Freundeskreis brachen erbitterte Streits über die richtigen Maßnahmen aus: die einen hatten Angst vor der Impfung, die anderen hatten Angst um ihre Kinder, die nicht raus durften, und dann – Clash.
“Faschimus ist Rache”, sagte kürzlich ein Bekannter, und ich glaube er hat Recht. Viele der Menschen, die jetzt AfD und Trump wählen, ich glaube, die haben einfach Angst – sie wollen ein Gefühl der Stärke und Kontrolle zurückerlangen, in dieser eskalierenden Welt.
Und so führt ihre Angst zu meiner Angst, und wir leben alle in einer Welt der Gewalt, auf die wir mit Gewalt reagieren – ja, auch ich.
Gewalt hat nicht immer die Form eines Baseballschlägers. Gewalt ist auch, mich besser zu fühlen als andere, überlegen. Gewalt ist auch Schadenfreude. Gewalt ist auch ein hämischer Kommentar. Deshalb sind die “sozialen” Medien ja auch solche gewalvollen Räume – und das meine ich nicht nur auf Rechte bezogen. Ja, Gewalt ist so allgegenwärtig geworden, es fällt oft schwer, sich eine andere Welt vorzustellen.
Schönheit.
Die Schönheit des Lebens genießen, das kann ein Urlaub in Italien sein. Die Hügel der Toskana im Sommer. Am Strand liegen und den Wellen zuhören. Mit geliebten Menschen einen schmalen Pfad durch ein Gebirge hochkraxeln.
Die Schönheit des Lebens genießen, das kann heißen, sich etwas zu kaufen, was man wirklich haben will: dieses bestimmte Shirt, ein gutes Fahrrad, die Schuhe, die man für den Sport braucht.
Und darunter lebt noch eine andere Form der Schönheit, eine tiefere, eine Schönheit, für die ich nicht verreisen oder etwas kaufen muss:
Danke sagen, aber nicht nur mechanisch, sondern sich wirklich dafür einen Moment nehmen, zum Beispiel an der Kasse im Supermarkt, einfach mal kurz innehalten, wirklich die Person da vor sich wahrnehmen und “danke” sagen.
Wenn ich einen Fehler gemacht habe, das anerkennen, nicht versuchen, mich rauszuwinden, sondern kurz Augenkontakt suchen und sagen: Ja, tut mir leid.
Und dann auch: Wenn sich jemand entschuldigt hat, zu verzeihen, es nicht innerlich zu nehmen als: Hatte ich doch recht!
Das sind Momente der Schönheit, die allesamt getragen werden von der gleichen Haltung, die man pflegen kann, wenn man die Schönheit des Lebens genießen will. Die Angst lebt in der Gewalt. Die Schönheit lebt in der Beziehung.
Eine Politik der Schönheit bedeutet für mich, sich aus der Welt der Gewalt zu befreien, individuell im Alltag – und kollektiv im Versuch, es besser zu machen.
Das sieht erstmal komisch aus, und ich merke, wie ich Angst habe, dafür verurteilt zu werden, denn so eine Politik bedeutet zwingend: Am Ende sind wir alle gleich. Alles Menschen, zu denen ich gute Beziehungen will: zu meinen Nachbarn, zu Taylor Swift, zu meinem Bruder, zu Björn Höcke, zu Donald Trump, zu den anderen Jogger:innen im Wald, meinen Mitbewohner:innen, zu Robert Habeck. Mit all denen gute Beziehungen zu haben, das wäre doch eine Welt der Schönheit.
Das heißt nicht, dass ich zu allem, was diese Menschen tun, ja sage. Das heißt nicht, dass ich nicht versuche, dafür zu sorgen, dass sie weniger gewalttätig handeln. Aber ich versuche das auf eine Weise zu tun, die nicht verletzend ist. Ich will von ihnen respektiert werden, also respektiere ich sie auch. Ich will, dass sie mir zuhören, also versuche ich auch ihnen zuzuhören.
Das ist leichter gesagt, als getan, und bei Menschen, die mir nahe stehen, manchmal noch schwerer als beim fernen Gegner.
Aber wenn ich in einer Welt der Schönheit leben will, dann muss ich versuchen, Wege zu finden, in einer Welt der Schönheit zu leben – und oft heißt das: eine Entscheidung treffen, Fehler machen, den Betroffenen zuhören, es wieder versuchen; dann hoffentlich in größerer Schönheit.
Das könnte für einige abgehoben klingen und ist doch das Grundlegendste. Klimakatastrophe, Faschismus, Machtstreben – all das wurzelt in der Gewalttätigkeit unserer derzeitigen Welt.
Wirklich radikal sein heißt: So leben, als wären Höcke und der Dalai Lama beides meine Brüder, als wären Alice Weidel und Alexandria Ocasio-Cortez beides meine Schwestern. Ich kann scheisse finden, was sie tun, aber sie sind Familie, und ich will, dass es ihnen gut geht.
Seit ich das versuche zu leben, bin ich nicht weniger aktiv. Gerade erst starten wir eine Kampagne zum Thema Künstliche Intelligenz, und ich arbeite morgens bis abends non-stop daran. Das tue ich jedoch aus einer anderen Haltung heraus.
Wenn ich jemandem begegne, dann versuche ich wirklich erstmal den Menschen zu sehen, und ihm auf dieser Ebene zu begegnen. Manchmal scheitere ich. Letztes saß ich bei einer NGO in einem weißen Konferenzsaal, und da war kein Raum für diese andere Art, da war ganz klar: Hier geht es darum, sich gegenseitig abzuchecken und zu sehen, auf welche Weise wir zusammenarbeiten könnten. Das ist dann so. Da kann ich nichts machen. Aber gleich im nächsten Moment kann ich es wieder versuchen – weil ich glaube, dass das für mich gut ist, und auch für die Welt.
Beim Formulieren dieser Gedanken frage ich mich oft, wie das bei anderen ankommt, mir fehlt es an Resonanz und ich fände es spannend, da mit anderen drüber zu sprechen.
Falls Du Interesse daran hast, lass uns mal in diesem Call treffen und austauschen:
29. Januar
18.30 Uhr
Zoom-Link (Opens in a new window):
https://us02web.zoom.us/j/81272410854 (Opens in a new window)Ich würde mich freuen, dich da zu sehen
Raphael