Skip to main content

Im Fernsehen sein und Handstand machen

Mia: Im Fernsehen

Ich hasse es sehr, gefilmt zu werden und deswegen würde ich gerne einen sehr großen Bogen um Fernsehauftritte machen, aber Mika ist in der Reha und kann nicht und ich muss es also machen, für den SodaKlub und die gute Sache.

Aus irgendeinem psychologischen Selbstschutz heraus bin ich felsenfest davon überzeugt, dass ich in der Sendung als eine der Publikumsexpertinnen auftauche, die während der Sendung immer mal zwei Minuten lang ihr Fachwissen einstreuen. Kein Problem also, ich ziehe meine Leopardenhose an, kämme mir mir den Fingern durch die Haare und los geht’s.

Doch als ich beim mdr Studio ankomme und die Redakteurin sagt: »die Maske ist gleich fertig, Herr Blienert ist noch vor Ihnen«, wird mir klar, dass ich eine der vier Gäste bin und nicht nur zwei Minuten Spotlight kriege, sondern eine Stunde. Schlagartig werde ich extrem nervös. Doch glücklicherweise ist es ja nun nur noch wenig Zeit zum Ausflippen, bis es losgeht und ich verbringe den Hauptteil dieser Zeit in der Maske, wo ich die Maskenbildnerin über ihren Job ausfrage (Männer kümmern sich immer noch erschreckend wenig um ihre Haut!) und danach werden wir verkabelt und ich meiner Kamera vorgestellt (Kamera 3) und dann ist die Nervositätszeit auch schon vorbei.

Ich gebe all die Antworten, die ich natürlich mittlerweile vorwärts und rückwärts im Schlaf runterbeten kann, denn die Fragen sind ja auch immer die gleichen. Die Moderatorin ist sehr cool und ich fühle, dass sie auf unserer Seite ist. Der Psychiater erklärt, was moderates Trinken ist (sehr viel weniger, als immer alle denken!), Blienert wirkt wie immer etwas abgekämpft (was ich an seiner Stelle ebenfalls wäre). Von der Industrie haben sie niemanden gekriegt. Stattdessen macht eine von der FDP den Job, fadenscheiniges über den kulturell so wertvollen, doch akut leider stark bedrohten freien Markt zu erzählen. 

Hinterher denke ich an all die Sachen, die ich nicht gesagt hat habe und an all die Zahlen, die ich der FDP noch hätte um die Ohren hauen können, aber glücklicherweise habe ich ja einen Podcast, muss das also nicht im Fernsehen tun. Am nächsten Tag schreiben sie mir, dass 160.000 Leute die Sendung gesehen haben und ich versuche, mir all diese Menschen zusammen an einem Ort vorzustellen und kann wahrscheinlich von Glück sagen, dass ich immer schon schlecht mit Zahlen war.

https://www.ardmediathek.de/video/fakt-ist/ein-glaeschen-in-ehren-gesellschaftsdroge-und-kulturgut/mdr-fernsehen/Y3JpZDovL21kci5kZS9iZWl0cmFnL2Ntcy9kYjA2MTc0MS0xN2Y1LTQ0OGQtYTgzZS04MDMwNzBlZmEzMTQ (Opens in a new window)

Mika: Der Handstand

Wenn mir noch vor ein paar Wochen jemand gesagt hätte, dass ich meine Freitag Abende begeistert in einer Turnhalle verbringen würde, hätte ich gedacht: Okay, wird Zeit, mein Leben zu überdenken. Wir zocken Tischtennis und Federball, eine Patientin hat ihre Boombox mitgebracht und ein anderer sitzt still in der Ecke, hört seine eigene Musik und hat ein friedliches Lächeln auf dem Gesicht. Während ich so dasitze und sich mein innerer Takt an das Plop und das Klack von Ball auf Schläger oder Platte anpasst, merke ich ein leichtes Ziehen am Solarplexus. Das ist so ein Ziehen von etwas, das gleich die Oberflächenspannung bricht, ein Krokus im Frühjahr, der durch verkrustete Erde wächst oder ein Küken, das schlüpft. Auf jeden Fall will ich einen Handstand machen.

Ich sage: Ich will gerade richtig gerne einen Handstand machen.

J. sagt: Kannst du das?

Ich sage: Jein.

Dann erzähle ich von früher, als ich klein war und überall und immer Handstände machen wollte. Egal, ob im Gang von einem Krankenhaus, in der Schule, bei Familienfeiern. Ich wollte Handstand machen. Aber jetzt traue ich mich nicht und in meinem Kopf gehen die Szenarien los: Ich breche mir einfach sofort das Handgelenk oder knicke ein und breche mir das Genick. Zack. Tot. Reha vorbei.

Zum Glück haben wir einen dabei, der weiß, wie es geht und mich sanft darauf hinweist, dass ich mich nicht von ganz oben mit dem Kopf voran ins Kopfüber stürzen muss. Dass ich auch langsam anfangen kann, die Hände nah am Boden und einfach mal schaue, wie weit ich die Beine nach oben bekomme. Wir probieren ein bisschen rum und dann stehe ich, kurz und wackelig, mein unterer Rücken ächzt ein bisschen und ich kippe um. Aber für einen Moment war sie wieder da: Die kindliche Freude, kopfüber die Welt zu sehen, Sachen andersherum zu machen und meinen Körper zu fühlen. Ich beschließe, in der nächsten Zeit meine Übungen extra sorgfältig zu machen, vielleicht sogar einen der Physiotherapeuten um Hilfe zu bitten und hier in ein paar Wochen – halb metaphorisch, halb buchstäblich – auf meinen Händen rauszugehen.

Bis nächste Woche 💙

Mika + Mia

Topic Bi-Weekly

2 comments

Would you like to see the comments?
Become a member of SodaKlub to join the discussion.
Become a member