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Das banale letzte Glas

Mika über das Ende ihres Trinkens

Ich will leben (aber nicht so). Das ist der Paukenschlag, mit dem für mich ein neues Leben beginnt. Ich stehe im Norden Serbiens auf einem Feld und atme schwer die heiße Spätsommerluft. Um mich herum ist alles flach. Die Felder, das Gras, die Büsche. Alles scheint Platz zu machen und sich eng an die heiße Erde zu schmiegen, damit ich den Horizont sehen kann. Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen. Janko sitzt unter dem kleinen Holzdach vor dem Haus und hilft seiner Mutter beim Kartoffeln schälen. Jankos Vater holt die Zeitung aus dem Dorf. Ich höre Hundebellen. Janko weiß nicht, dass ich auf dem Feld stehe und denke, dass ich leben will (aber nicht so). Janko weiß auch nicht, dass das überhaupt zur Debatte stand. Er weiß nicht, dass es diese Frage gibt, die ich seit Jahren mit mir herumtrage. Er weiß nicht, dass ich ein Geheimnis habe. Er denkt, dass es an meinem Job liegt, wenn ich abends zu müde bin, um ihn noch zu treffen. Ich sage nicht, dass ich betrunken auf dem Sofa sitze. Janko denkt, ich würde einfach gerne trinken. Er weiß nicht, dass ich seit Jahren in einen Kampf verwickelt bin, den ich nicht gewinnen kann. Er weiß nicht, dass ich mehr Trinkpausen gemacht habe als ich zählen kann, mir immer wieder vorgenommen habe, die Mengen zu reduzieren und immer wieder daran gescheitert bin. Er weiß nicht, wie viele Seiten meiner Tagebücher ich mit meinen Gedanken über das Trinken vollgeschrieben habe. Er weiß nicht, dass ich mich schäme.

Er weiß nicht, dass ich mir ein Leben ohne Alkohol nicht mehr vorstellen kann. Niemand weiß das. Ich weiß es ja selbst meistens nicht. 

An diesem heißen Septembertag, an dem die Hunde bellen, Janko Kartoffeln schält und das serbische Flachland einladend flach ist, weiß ich es. Ich spüre die Erschöpfung des Kampfes in jeder Faser meines Körpers, diese ewige Wiederholung von Trinken, nicht Trinken wollen, Trinken wollen, Trinken, Schämen, Nicht Trinken wollen, Trinken, Trinken wollen, Schämen; so drehe ich die Schleifen in meinem Kopf, wie auf einem Gefängnishof. Ich habe ihn abgeriegelt und Mauern aus Schweigen drumherum gezogen, damit niemand ihn bemerkt. Und während ich meine Kreise denke, mache ich alles, was normale Menschen machen. Ich treffe Freundinnen, gehe zur Arbeit, gucke Serien, bin politisch interessiert, rufe meine Eltern an und führe eine Beziehung, aber eigentlich bin ich mit etwas anderem beschäftigt, ein Teil von mir ist reserviert für das Trinken und das Nachdenken über das Trinken. Manchmal glaube ich, ich müsste dringend aufhören, manchmal will ich es sogar, dann wieder nicht. Manchmal denke ich, ich hätte es unter Kontrolle, dann wieder nicht. Meistens denke ich nur dumpf, dass mein Leben so nicht weitergehen kann. Oft frage ich mich, wie ich es eigentlich so verkacken konnte.

Aber allem voran bin ich müde.

Ich bin gelangweilt von meinen eigenen Gedanken, die nie irgendwo hinführen, sondern immer nur zum Ausgangspunkt zurück; zum Trinken und zu meinen Gedanken über das Trinken. Auf dem Feld in Serbien habe ich zum ersten Mal ein paar Millimeter Luft für neue Gedanken. Die ewige Rotation des Alltags, ihre mächtige Taktung, die jeden Funken für Veränderung verlässlich erstickt, steht schon seit ein paar Tagen still. Statt Häuserdächern sehe ich den Horizont und statt Notifications höre ich Hundebellen. Die dröhnende Angst vor meiner Chefin hat sich in ein leises Hintergrundrauschen verwandelt. Es gibt keinen Supermarkt, in dem sich die Weinregale auftürmen und mir die Sicht auf einen nüchternen Feierabend versperren. Niemand fragt mich, ob wir in die Kneipe gehen, denn Janko trinkt keinen Alkohol. Vor der Abreise hatte ich noch Angst, zwei Wochen am Stück mit ihm zu verbringen. Was im Alltag mit getrennten Haushalten und unterschiedlichen Arbeitszeiten gut zu verstecken ist, wird im gemeinsamen Urlaub plötzlich zu einem logistischen Problem.

Zwei Wochen mit einem Abstinenten bedeuten für mich: Zwei Wochen Selbstkontrolle, 24 Stunden am Tag Beobachtung, 14 Abende mein eigenes Verlangen an der Leine halten.

Hier ein Bier, dort einen Wein bestellen, vielleicht zwei bis drei Mal betrunken sein. Es bedeutet, Normalität zu performen, eine elende und würdelose Aufführung zu inszenieren, beiläufig die Weinkarte überblättern, demonstrativ überlegen, ob es ein kleines oder ein großes Glas sein soll, als wollte ich nicht einfach die ganze Flasche. Immer wieder sagen »Ach, wir sind ja im Urlaub«, als hieße es aus Freude am Leben mal über die Stränge zu schlagen und nicht ein Opferakt der Selbstkasteiung – ausnahmsweise mehr trinken, statt ausnahmsweise weniger. Es bedeutet zwei Wochen paradoxe Sehnsucht nach meinem eigenen Gefängnis, um einfach in Ruhe zu trinken. Ich hatte sogar versucht, in der Zeit vor der Abreise meinen Konsum zu reduzieren, als könnte ich mich trainieren, aber trank einfach nur mit noch schlechterem Gewissen weiter, bis es sich dann ohnehin nicht mehr lohnte.

Ich rechne mit allem: Streit, Anstrengung, Heimlichkeit, nur damit rechne ich nicht: auf einem flachen Feld zu stehen und zu denken, dass ich leben will (aber nicht so).

Zum ersten Mal seit langer Zeit glaube ich, dass es anders werden kann, dass ich es anders machen kann, dass ich aus dem Gefängnishof ausbrechen kann. Dass ich mehr haben kann, als den kurzfristigen Freigang einer Trinkpause, nämlich: Freiheit.

Also beschließe ich, meine Flucht zu planen. Ich weiß noch nicht, wie ich die Mauern meines eigenen Schweigens überwinden soll, aber wenn ich nicht klettern kann, dann reiß ich eben alles ein. Und wenn das nicht geht, dann bleibe ich liegen. Nur eines werde ich nicht mehr tun: meine bescheuerten Runden laufen, diesen idiotischen Kampf kämpfen, den ich nie gewinnen kann, dieses elende Ringen um Kontrolle, diese peinliche Tortur eines Lebens, das nicht mir gehört sondern dieser Substanz. Ich bin müde, diesen Kampf zu kämpfen, den ich selbst begonnen habe. Ich gebe auf. Diesmal wirklich. Ich will nicht mehr trinken.

Dann trinke ich wieder. 

Ein paar Tage nach meinem Paukenschlag sind Janko und ich in Belgrad. Auf der Terrasse eines winzigen und schlecht beleuchteten Lokals essen wir Humus und Falafel. Ich bestelle Weißwein. Alles daran schmeckt falsch und sauer. Wie ein Eindringling, den ich selbst hinein gebeten habe, schiebt er sich in die romantische Hinterhofszenerie. Er stört mich bereits während ich ihn trinke, aber ich höre nicht auf. Später will ich noch ein Bier, aber wir müssen am nächsten Morgen früh raus, um unseren Flug nach Griechenland kriegen, und Janko ist müde. An diesem Abend weiß ich es noch nicht, aber das ist das Ende meines Trinkens. Und der Anfang eines neuen Lebens.

Es ist ein banales letztes Glas. Wenn ich mir diesen Moment aktiv ausgesucht hätte, dann wäre er sicherlich theatralischer gewesen. Ich hätte mich melodramatisch meinem »letzten Rausch« ergeben, hätte sorgsam Glas und Flasche gewählt, und vielleicht eine Kerze angezündet. Wahrscheinlich hätte ich dabei geschrieben und rauchend aus dem Fenster geblickt, und mir gewünscht, ich wäre dabei so klug wie Hannah Arendt. Vielleicht hätte sich das wie ein würdigerer Abschied angefühlt, das Problem ist nur: So ein ausgesuchtes Ende wäre nie das Ende geblieben. Die melodramatische Inszenierung hätte all die alten Lügen enthalten, die mich genau wieder dorthin gebracht hätten, wo ich noch schon hundertmal war. Das banale Glas Weißwein auf dem serbischen Hinterhof enthielt dagegen eine einfache Wahrheit, die ich erst fühlen musste, bevor ich sie denken konnte: Wenn alles weg ist, das ganze Getöse um den Alkohol, die Romantisierung, das Ritual und das Drama, dann bleibt nur eine Substanz, die ihr Versprechen nicht gehalten hat. 

Zu wissen, dass man zu viel trinkt, bringt wenig. Man muss mit dem ganzen System spüren, dass es anders geht, dass im Alkohol nichts mehr zu holen ist.

Kapitulation ist die Einsicht mit dem Körper. Eine Erfahrung. Keine Entscheidung.

Es ist gut möglich, dass dieses Glas besonders schlecht schmeckt, weil ich es am Vorabend einer heftigen Erkältung trinke, die mich für mehrere Tage an das Hotelbett fesselt. Ich liege am Fuße des Olymps in einer Ferienanlage, die in der Nebensaison vor allem von Rentnerpaaren bevölkert wird, und schwitze. Ich huste, schniefe und wälze mich durch die Nacht, schlafe stundenlang und erst viel später vermute ich, dass mein Körper noch mehr loswerden wollte als einen Infekt. Weil mit mir nicht viel anzufangen ist, schicke ich Janko allein auf die Ausflüge, die wir zusammen machen wollten, und er bringt mir Vitamin C und Nasenspray von seinen Streifzügen. Von morgens bis Abends höre ich Hörbücher über Alkohol, während ich dabei auf die Flasche Rotwein starre, die uns an der Rezeption als Willkommensgeschenk überreicht wurde. Nach ein paar Tagen kann ich vom Bett an den Pool umziehen, aber das Wasser ist kalt und ich bleibe auf der Liege. Ich mache ein Selfie, auf dem ich müde und abgespannt aussehe, mein glasiger Blick wirkt entrückt und mein Gesicht aufgedunsen. Ich sehe sehr unglücklich aus. Einmal machen wir einen Spaziergang und ich fange vor Erschöpfung an zu weinen. Als wir im Flieger nach Deutschland sitzen, bin ich eine Woche nüchtern.  

Hier noch das neueste fertige Bild. Es heißt passend zum Text »Kapitulation« (120×150cm, Leinwand auf Acryl)

Topic Bi-Weekly

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