Liebes Taubenschlag-Publikum,
war da was?
Letzte Woche war Deaf Week, oder Woche der Gehörlosen, oder Tag der Gebärdensprachen, oder Tag der Gehörlosen, oder vielleicht auch internationaler irgendwas, und sowieso ist September der Deaf Awareness-Monat.
Ob das traditionelle Straßenfest in Berlin durchgeführt werden konnte, war sogar bis tief in den Awareness-Monat rein unklar, doch dann kam die Erlösung/Ankündigung: Es konnte stattfinden.
Da stellt sich die Frage:
Gibt es das Straßenfest eigentlich auch in anderen Städten in der Form? In Friedrichshafen gab es das ja 2024, organisiert vom Landesverband Baden-Württemberg, gar nicht mal so schlecht besucht, absolutes Bombenwetter, der Bodensee sowieso ein Träumchen – und sogar Heike Heubach war vor Ort und das DGB-Präsidium… da kann man sich in Berlin eine Scheibe abschneiden. Oder man müsste die Kulturtage der Gehörlosen gleich nebenan haben. Wo die das nächste Mal stattfinden? Who knows.
Jedenfalls war das Straßenfest in Berlin dieses Jahr ausgesprochen unpolitisch, es gab noch nicht einmal eine Bühne! Der Organisator BGSV, also der Berliner Gehörlosen-Sportverein, war vor allem organisatorisch präsent und hatte das Gleiche wie immer auf die Beine gestellt.
Doch das soll kein Gemecker sein, denn: Das ist in der Berliner Vereinslandschaft, wo aktuell der Zank zwischen GFGB und GVB das Geschehen dominiert, schon eine beachtliche Leistung. Die beiden Vereine waren übrigens nicht zu sehen auf dem Fest. Vielleicht besser so.
Zurück zu den Wurzeln: Präsent waren stattdessen vor allem Firmen wie Sinneswandel (Betreuung und soziale Angebote), Hilfsmittelanbieter (blitz blitz, klingel klingel) der Integrationsfachdienst (gehörlose Menschen im Arbeitsleben) und eben der Berliner Gehörlosen-Sportverein (Opens in a new window), der das Ganze organisierte. Dazu Kaffee und Kuchen und jede Menge Spiele für Groß und Klein. Super Sache.
Sport und Soziales. Vielleicht reicht das auch.
Dem Publikum hat es jedenfalls gereicht: Bei Kaffee und Kuchen vom Stand oder Bier vom Kiosk traf sich das Berliner Taubenvolk ziemlich zwanglos und entspannt bei bestem Sonnenschein.
Doch gehen wir trotzdem kurz noch ins Politische, also, was war aktivistisch los abseits von Straßenfest und der inzwischen etablierten Was-Wäre-Wenn-Aktion Rent-A-Dolmi?
Der DGB hatte den Klassiker schlechthin (Opens in a new window): das ZDF bzw. der ZDF Info-Instagramkanal haben angefragt für einen Beitrag zur Woche der Gehörlosen. Also beim Deutschen Gehörlosen-Bund, dem Dachverband der Gehörlosen-Landesvereine in Deutschland.
Nur: In dem Beitrag geht es dann um einen Gebärdensprachdolmetscher.
In der Woche der Gehörlosen.
Richtig peinlich.
Der DGB hatte die Anfrage dann berechtigterweise abgelehnt. Denn, noch geiler, laut DGB plante das ZDF: “wir werden schriftlich am Rande erwähnt” – es gibt noch nicht mal eine Einblendung im Beitrag, sondern nur das klassische FAQ “Was für Probleme haben Gehörlose im Alltag” als Text-Interview auf der ZDF Info-Seite.
Fast ein Vierteljahrhundert nach der Anerkennung der Gebärdensprache gibt es immer noch Fernsehsender, die meinen, ein Beitrag über einen Dolmetscher – noch dazu einen Musikdolmetscher – sei sinnvoll. Und das dann noch in der Deaf Week.
Der Landesverband Bayern findet in den Kommentaren bei ZDF heute auf Instagram (Opens in a new window) deutliche Worte:
“Leider ein Flop des Jahres. 👎”
Ach so, ach ja, der eigentliche Knaller ist sowieso, dass der Dolmetscher zum Bestellen oder mit Kompetenznachweis laut DGB noch nicht mal irgendwo zu finden ist. Kein gutes Zeichen.
Man könnte jetzt sagen: Warum hat der DGB selber nichts auf die Beine gestellt? Gegenfrage: Muss er? Nur weil einmal im Jahr Aufmerksamkeit entsteht, gleich mit um Aufmerksamkeit kämpfen?
Und: Gut transparent gemacht vom DGB und mit dem BGSD (Dolmetschdachverbanddeutschlands) aufgearbeitet in einem peppigen Instagram-Video. (Opens in a new window)
Dass die hörende Presse sich nur interessiert, wenn’s praktisch ist, weiß auch Lela Finkbeiner. Wie immer eloquent fasst sie es in ihrer DGZ-Kolumne schon mit dem Titel zusammen: “Einmal im Jahr auf der Bühne”:
“Für ein paar lustige Gebärden oder harmlose Geschichten holt man uns gerne hervor. Aber wehe, es wird unbequem.”
Sie plädiert dafür, lieber das Geld an Gehörlose selbst zu geben, dass sie selber Veranstaltungen machen können, die sie gut finden, statt irgendwelche Aufklärungs-Wohlfühl-Propaganda für ein bequemes hörendes Publikum zu produzieren.
In Gänze zu lesen in der neuen DGZ, Abo (Opens in a new window) oder Einzelheft (Opens in a new window).
Heike Heubach deckt im Bundestag am 24.9. (nicht am 23.9., schön!) einmal wieder den Arbeitsfetisch des deutschen Inklusionsgedanken auf:
Ein Bürger aus ihrem Wahlkreis kriegt keinen neuen Elektrorollstuhl, weil er keine Arbeit hat. Der Lebenswert des Menschen wird an seine Arbeitsfähigkeit gekoppelt. Keine Arbeit? Keine Inklusion! Sie reflektiert in der Rede ihre Erfahrungen aus dem Berufsleben und wie sie im Bundestag überhaupt erst wirklich Inklusion erleben konnte, so wie es überall eigentlich sein sollte, aber bei weitem nicht ist.
“Dass die meisten Menschen mit Behinderung vermutlich nie diese Erfahrung machen können, bricht mir das Herz.”
Auf Instagram zum Nachgucken hier (Opens in a new window).
Stellenausschreibung!
Die Gesellschaft für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser e. V. (GGKG) sucht dringend eine Person für die Covergestaltung, mit Erfahrung im Grafikgestaltungsbereich, und – ganz wichtig: Erstsprache DGS!
Interesse? Hier lang, Ausschreibung gibt’s in DGS und Schrift (Opens in a new window).
Die wirrste Überleitung kommt von der Neuen Osnabrücker Zeitung (und anderen Regionalblättern, vielleicht geht’s auch aufs Konto der dpa, welche schon öfter Quatsch fabriziert hat wie “ausgebildete Lippenleser (Opens in a new window)” ) vom 29. September. So heißt es, dass die “Pommesgabel” eine “neue Bedeutung” bekommen hätte, und zwar auf der CSD-Pride-Demo in Wacken.
Kenner*innen ahnen, was kommt: Die Pommesgabel stünde auch für das “I Love You”, und man würde den Daumen abspreizen und winken. Also mit Emojis gesagt: 🤟 und hin und her. Steht da so. Wörtlich.
Kommt aber noch besser: Auf dem dazu gehörigen Bild, das dank einiger Pride-Flaggen sehr stark nach CSD, also “Love is love” aussieht, zeigt eine Person eben die Pommesgabel ohne abgespreizten Daumen: 🤘
Also im Text steht das eine, im Bild das andere. Ja ja. Sogar Wikipedias Eintrag (Opens in a new window) für Pommesgabel differenziert, dass ILY eben mit abgespreizten Daumen passiert. Wieder was gelernt: in Italien sagt man “Mano cornuta”, wörtlich “gehörnte Hand”. Ist dort aber übrigens eine relativ obszöne Geste. Also im Stiefel immer schön den Daumen abspreizen, dann ist man auf der sicheren Seite.
Seid ihr jung, gebärdensprachkompetent und wollt anderen Jugendlichen bei Cybermobbing und Sextortion helfen? Also wohlgemerkt, sie davor schützen oder beraten? Und ihr wisst nicht wie? JUUUPORT bietet kostenlose Seminare an. Danach solltet ihr dann dazu in der Lage sein, ehrenamtlich, aber trotzdem professionell zu helfen. Mehr Infos zu den Workshops hier (Opens in a new window).
Allgemein Infos zu JUUU-Sign gibt’s hier:
https://www.juuuport.de/juuu-sign (Opens in a new window)Damit verabschieden wir uns in den Oktober und in den Herbst und… war da nicht was?
Ach ja, am 17. und 18. Oktober findet in München wieder das traditionelle DEGETH-Festival statt. Ist bereits ausverkauft, aber wenn das Wetter wie letztes Mal ist, dürfte der Vorplatz vom Bürgerhaus Unterföhring, wo das Spektakel stattfindet, wieder ein schöner Ort sein, um die letzten Spätsommertage zu verplaudern.
Wir sind auf jeden Fall dabei und werden ein paar Eindrücke einfangen!
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Grüßt:
Wille
P.S.: Bei der diesjährigen Bundesversammlung des DGB (letztes Wochenende) konnten wir aufgrund von Terminkonflikten nicht dabei sein, aber: nächstes Jahr bestimmt. Dann soll die Veranstaltung 2026 vom 5.-8. November in Potsdam stattfinden. Wir halten euch auf dem Laufenden.
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Taubenschlag war lange ein ehrenamtliches Projekt, ein Blog, eine lebendige Pinnwand. Zwei Jahre lang haben wir mit dem ersten DJE-Projekt (Opens in a new window) – kurze und längere, mehr und weniger tief recherchierte journalistische Artikel veröffentlicht, gefördert von der Europäischen Union. Abseits davon: Die Sparte “Übers Dolmetschen (Opens in a new window)” mit einer eigenen Webseite (Opens in a new window) ist einerseits eine für alle zugängliche Informationsquelle rund um Standardfragen zum Dolmetschen (ähnlich wie nicht-stumm.de (Opens in a new window), welches sich rund um Taubsein und Gebärdensprachen dreht) und andererseits Heimat für exklusive Meinungs- und Diskussionsbeiträge. Fehlt dir etwas? Hast du Lob, hast du Tadel? Schreib uns an info@taubenschlag.de (Opens in a new window) !
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