
Kennst du das? Eine eigentlich kleine Aufgabe – die Steuererklärung, ein schwieriger Anruf oder auch nur der Abwasch – steht vor dir wie ein unbezwingbarer Achttausender. Du weißt, was zu tun ist. Du hast die Zeit. Aber du kannst dich einfach nicht bewegen. Stattdessen starrst du auf den Bildschirm oder flüchtest dich in Ablenkungen, während der Berg an Aufgaben (und das schlechte Gewissen) immer größer wird.
In der ADHS-Welt nennen wir dieses Phänomen oft „Aufschieberitis“, aber das greift zu kurz. Jessica McCabe hat dafür ein viel treffenderes Bild geprägt: die „Wall of Awful“ (die Mauer des Schreckens).
Als Sozialpädagogin begegnet mir diese Mauer täglich – sowohl bei meinen Klientinnen als auch bei mir selbst. Es ist an der Zeit, dass wir aufhören, dieses Erstarren als „Faulheit“ zu labeln, und stattdessen die emotionale Architektur dahinter verstehen.
Die Anatomie der Mauer: Es sind keine Ziegel, es sind Gefühle
Die „Wall of Awful“ besteht nicht aus mangelnder Disziplin. Sie besteht aus Steinen, die wir im Laufe unseres Lebens gesammelt haben. Jeder Stein ist eine negative Erfahrung aus der Vergangenheit:
Ein Moment, in dem wir kritisiert wurden.
Ein Projekt, das wir trotz größter Mühe nicht fertiggestellt haben.
Die Scham, wenn uns jemand beim „Nichts-Tun“ erwischt hat.
Die Angst, wieder zu versagen.
Wenn wir heute vor einer neuen Aufgabe stehen, sehen wir nicht die Aufgabe selbst. Unser Gehirn sieht die Mauer aus all diesen alten Emotionen. Die Amygdala – unser Alarmzentrum – schlägt aus: Gefahr! Und was macht ein Nervensystem bei Gefahr? Es schaltet auf Kampf, Flucht oder eben: Erstarrung.
Warum „einfach anfangen“ nicht funktioniert
Wenn wir versuchen, die Mauer mit purer Willenskraft zu durchbrechen, scheitern wir oft. Das führt zu noch mehr Scham, und – du ahnst es – einem weiteren Ziegelstein auf der Mauer. Andere versuchen es mit der „Abrissbirne“: Sie warten bis zur letzten Minute, bis der Panik-Modus (Adrenalin) so groß wird, dass er die Mauer sprengt. Das funktioniert zwar kurzfristig, führt aber langfristig direkt in den Burnout, weil es das System massiv auszehrt.
Wie wir die Mauer wirklich überwinden
Wir müssen die Mauer nicht einreißen. Wir müssen sie begehbar machen. Das gelingt durch Externalisierung und Nervensystem-Arbeit. Erst wenn wir die Mauer als etwas von uns Getrenntes wahrnehmen (als „die Hardware“), können wir Strategien entwickeln, um darüber hinwegzukommen.
Die Ziegel benennen: Welche Sätze stehen auf deiner Mauer? (z.B. „Ich schaff das eh nicht“).
Die Aufgabe verkleinern: Die Leiter anlegen. Was ist ein Schritt, der so klein ist, dass er keine Angst macht? (z.B. nur den Laptop aufklappen).
Selbstmitgefühl statt Härte: Scham ist der stärkste Kleber für die Ziegel. Akzeptanz ist das Lösungsmittel.
Mein Werkzeug für dich: Das Mauer-Protokoll
Um dir zu helfen, deine eigenen Blockaden zu verstehen und die Leiter endlich richtig anzulegen, habe ich das Mauer-Protokoll entwickelt. Es ist ein Workbook, das dich durch den Prozess der Externalisierung führt.
Für meine Supporter: Hinter der Paywall findest du heute das komplette Workbook zum Download. Zudem habe ich für alle Beratenden einen speziellen Guide zur Motivationsarbeit erstellt, der zeigt, wie man dieses Modell effektiv in der Arbeit mit Klientinnen nutzt.
Das Mauer-Protokoll (Workbook)
Hier kannst du dir das Workbook herunterladen. Es enthält die interaktiven Vorlagen, um deine „Wall of Awful“ zu analysieren und die ersten 5-Minuten-Schritte festzulegen. [Link zum PDF / Button]
Fach-Extra: Beratungs-Guide „Motivation jenseits der Disziplin“
Dieser Guide unterstützt dich dabei:
Die „Wall of Awful“ als systemisches Tool in der Beratung einzusetzen.
Vielen Dank, dass du meine Arbeit unterstützt! Dein Beitrag ermöglicht es mir, neurodivergente Themen tiefergehend zu beleuchten und praktische Hilfen für den Alltag zu entwickeln.
Urheberrechtshinweis: Das bereitgestellte Material darf gerne im Rahmen von Einzel-Coachings oder für den privaten Gebrauch genutzt werden. Eine kommerzielle Nutzung, der Weiterverkauf oder die Verwendung in eigenen kostenpflichtigen Fortbildungen ohne Rücksprache ist jedoch ausdrücklich untersagt und unterliegt dem Urheberrecht.