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Am unscheinbaren Tag (3)

Rohfassung

Vormittag

Früh am Morgen küssen wir uns nach dem Erwachen. Gemeinsam achten wir auf die Musik unserer Umgebung. Bachrauschen, Vogeltschilpen, Katzenschnurren, Hundeschmatzen, Autoreifen-Vorüberrollen und Motorbrummeln.

Mein frühwacher Lieblingsmensch bringt unsere zwei Kaffee-Pötte aus der Küche mit herauf. Zuvor hat sie bereits ihre eingeübte Morgen-Runde durchs Haus gedreht. Sie nimmt einen Gefrierbeutel aus der Schublade beim Kühlschrank, geht ins Esszimmer zum Katzenklo, durchkämmt die Streu nach verklumpten Hinterlassenschaften. Bei dem, was sie tut, spricht sie laut mit der greisen Minnie. Die Katzendame antwortet im Frankfurter Katzendialekt, den nur mein Lieblingsmensch versteht. Dazu nehmen wir die erste Tasse im Bett.

Lieblingsmensch: Heute ist er spät, der Abdul.
Ich: Sonst lässt er uns nach Sonnenaufgang einen Atemzug Zeit bevor er lauthals durch den Fjord schreit.
Lieblingsmensch: Selbst die christlichen Kirchenglocken haben Respekt vor ihm und schweigen, bis Abdul sich beruhigt hat.
Ich: Abdul ist schließlich mit Mohamed im Bunde.

Abdul stammt aus Marokko und ist ein Hahn in seinen besten Jahren. Doch die greise Minnie kann er doch nicht übertönen.

Ich: Was sagt Minnie?
Lieblingsmensch: Dass sie noch nicht kann.
Ich: Was kann sie nicht?
Lieblingsmensch: Das große Geschäft. Das kann sie noch nicht machen. Es liegt an der neuen Umgebung.
Ich: Spielt sich ein.
Lieblingsmensch:
Bestimmt. Das war bei mir auch so.
Ich: Du hattest Probleme mit dem Stuhlgang? Kommt Zeit, kommt …Vielleicht gehe ich nachher in den Wald. Will den weichen Boden unter den Füßen spüren. Eigentlich braucht es dazu ja einen Regentag. Soll es heute regnen?
Lieblingsmensch: Am Nachmittag.
Ich: Dann also am Nachmittag.

Für eine zweite Tasse Kaffee setzen wir uns auf die oberste Granitstufe vor die Haustür.

Ich: Sein Glück soll man nicht mit Gewalt einfangen wollen.
Lieblingsmensch: Es genügt schon, ihm nicht aus dem Weg zu gehen.
Ich: Glück kann auch total einfach sein. Im Baumschatten sitzen. Auf dem Gartenstuhl, wenn dem auch zwei Holzleisten auf der Sitzfläche fehlen. Die Augen schließen. Auf den vergangenen Jahren treiben.
Lieblingsmensch: Sag an.
Ich: Fünf Jahre als Kleinkind in Geborgenheit daheim. Zwanzig Jahre Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener in Schule und Lehre. Zehn Jahre Steppenwolf. Weitere zehn erste Ehejahre.
Lieblingsmensch: Zehn?
Ich: Die Jahre der Trennung inbegriffen. Dann fünf Jahre als einsamer Wolf. Nun glücklich mit dem Lieblingsmenschen am Lieblingsort.
Lieblingsmensch: Ja. Und nun hier. Und mit weiterhin geschlossenen Augen den Duft einer Birne riechen, oder nur den Duft denken. Eine von Wespen angestochene Birne, in der ein Wurm seine Arbeit macht. Duft der Frucht. Duft der Vergänglichkeit.
Ich: Und endlich sich im Garten auf den Weg machen. Von Geburtsort zu Geburtsort. Die Neugeborenen von gestern, die Schreibblätter unter den Steinen, Tassen, Bechern, Nüssen, Kastanien, Tannenzapfen herausholen, abholen zur Reifeprüfung.
Lieblingsmensch: Geh nur.

Also gehe ich los durch den Garten. Meine Papiere sind in Wind und Wetter fast versteinert. Auch das Buch auf der Fensterbank, draußen, liegt dort bereits einen Winter und einen Sommer. Eingerollt ist der Einband und mit kreisrunden Einschlägen von Regentropfen übersät. Nicht besser geht es einem anderen der zu Wind und Wetter verdammten Bücher. Es ist eingewachsen in die Moosschicht auf der Holzabdeckung der Regenwasser-Zisterne.

Ein mit Moos überzogenes Brett. Darauf und darin im Moos eingewachsen ein aufgeschlagenes Buch. Daneben eine Suppenschüssel aus weißem Porzellan mit Goldrand. Darin Regenwasser, in dem Mückenlarven schwimmen. Laub vom letzten Herbst lieg verstreut.
Das zermodernde Buch

Noch kann man die Buchzeilen sehen. Doch nur einzelne Worte sind erkennbar. Da geht es um “Anbetung” und “Arme”. Ich will das Buch nicht anheben, um an den Titel zu gelangen. Wenn denn der – mitsamt dem Bucheinband – nicht schon zerfallen ist. Nein. Ich rühre das nicht an. Es soll weiter in Frieden zerfallen. So ist das Leben. Vor oder nach dem Tod. Es ist Zerfall.

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