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“Immer wenn ich lächle, dann springen Sie”

Hätte ich damals, als mein Vorgesetzter mir dies ins Gesicht sagte, geahnt, was sich hinter diesem Satz verbirgt, hätte ich ihn dankbar für diese wichtige Aussage umarmt. Es hätte meinen Leidensweg erheblich verkürzt. Aber es sollte anders kommen. Denn ich habe mit Ablehnung, Unverständnis und Wut reagiert - was sollte ich denn als seine Assistentin auch anderes tun? War es da nicht besser, er lächelt, wenn er mir seine Aufgaben überträgt? Musste ich sie nicht ohnehin machen? Lange habe ich nicht verstanden, was er mir da wirklich gesagt hatte. Ob er es wusste, weiß ich bis heute nicht.

In diesem Artikel möchte ich auf eine meist übersehene, wenn fehldiagnostizierte Überlebensstrategie eingehen, die aus meiner Sicht weit mehr Menschen betrifft, als wir es uns selbst eingestehen können (weil wir gar nicht wissen, dass es das gibt). Vorab: Es trifft Frauen wie Männer gleichermaßen, scheint sich aber anders nach außen zu zeigen. Da ich es nicht zu kompliziert machen möchte, schreibe ich es aus meiner, sprich weiblichen Perspektive.

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Das ist doch ganz normales Verhalten!

Seit ich denken kann, galt ich als überaus freundlich und auch empathisch. Ich war immer schon sehr hilfsbereit und sehr zuvorkommend. Auf mich konnte (kann) man sich immer verlassen. Ich hatte ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Bereits in der Schule, aber auch später im Arbeitsleben fiel ich durch meine hohe Leistungsbereitschaft auf. Ich nahm mich aller (emotionaler) Probleme anderer an und fand umgehend Lösungen. Außerdem sorgte ich dafür, dass Konflikte vermieden werden und eine gute Stimmung herrschte. Ansonsten passte ich mich an die anderen Menschen an und integrierte mich ins Team.

Perfekt oder? Es ist genau das, was unsere Gesellschaft und Unternehmen erwarten und belohnen. Und weißt du was? Ganz viele Menschen und vielleicht auch du selbst können diese Tugenden für sich in Anspruch nehmen. Besser kann es doch gar nicht sein.

Aber dann passierte das:

Bis 2011 verlief mein Leben in “normalen” Bahnen. In diesem Jahr brach mein System erstmals zusammen. Diagnose: Anpassungsstörung mit depressiver Episode und Panikattacken. Ich war schon neun Monate vorher in Therapie. Keiner suchte mit mir nach den Ursachen. Alle gingen von aktuellen Überlastungen im Privat- und Berufsleben aus.

Nach meiner Wiedereingliederung und der Kündigung seitens meines damaligen Arbeitgebers machte ich weiter wie bisher. Ich ging davon aus, dass die aktuellen Überlastungen ja jetzt vorbei seien und ich mein Leben wieder normal weiterführen könnte.

So lernte ich in einem neuen Unternehmen meinen neuen Vorgesetzten kennen. Am Anfang war ich überzeugt davon, dass nun endlich alles wieder gut werden würde. Ich hatte es wirklich gut angetroffen. Die Arbeit machte mir richtig Spaß. Ich hatte auf 35 Stunden reduziert und einfach einen tollen Chef.

Es vergingen ca. anderthalb Jahre und scheinbar aus dem Nichts änderte sich unsere Arbeitsbeziehung. Es wurde richtig ungemütlich. Ich erklärte es mir dahingehend, dass er in seinem Privatleben ein einschneidendes Erlebnis hatte, was er nun bei mir ausließ. Jetzt zeigte sich noch eine Eigenschaft, die ich weiter oben nicht erwähnt hatte: Loyalität. Obwohl er mich anschrie, mir mit Kündigung drohte, ständig seine Erwartungen an mich drehte, blieb ich ihm gegenüber weitere anderthalb Jahre gegenüber loyal - bis, ja bis ich diesen Satz hörte:

“Immer wenn ich springe, dann lächeln Sie.”

Mehr hätte ein Mensch mich nicht verletzen können. Ich habe zu ihm gestanden. Habe ihm lästige Arbeit abgenommen. Ich habe ihn so gut ich es konnte unterstützt, weil ich Verständnis für seine private Situation hatte (ich hatte sie einige Jahre vorher auch erlebt). Ich habe zugehört. Zuletzt hatte ich mehr Aufgaben als es in meiner Aufgabenbeschreibung stand. Und ich war gut. Und dann das! Innerlich machte jetzt alles dicht. Ich fuhr meine Empathie völlig runter und fühlte außer einem Gefühl von Wut, was aber gleichzeitig auch Schuld war, nichts mehr. Es war ein lebendig gewordener Albtraum, ohne Sinn. Mein Körper rettete sich wieder in Panikattacken und ich ging in einen Rückfall.

Die verhängnisvolle Fehldiagnose

Wir erinnern uns an meine gesellschaftlich und unternehmerisch belohnten Tugenden? Und an die Aussage meines Chefs, dass ich immer springe, wenn er lächelt.

Gerade weil sie so anerkannt sind, war mein äußeres Verhalten völlig “normal”. Ist es ja heute noch. Diese Tugenden werden unterstützt und ich bezweifel, dass sich viele Chefs mit so einer Aussage der Wahrheit nähern würden.

Eine wichtige Erkenntnis

2003 hat Pete Walker (M.A. Marriage und Family Therapie) in den USA in seinen Therapien erkannt, dass es neben den bereits sehr geläufigen Überlebensstrategien Flight (Fliehen), Fight (Kämpfen) und der schon weniger geläufigen Überlebensstrategie Freeze (Erstsarren) noch eine vierte Überlebensstrategie gibt:

Fawn (sich unterwürfig verhalten; kriechen und schmeicheln)

Er nannte diese Überlebensstrategie: Fawn Response (hier in Deutschland auch unter: Bambi-Reflex beschrieben). Erst 2013 veröffentlichte er sein Buch “Complex PTSD: From Surviving to Thriving”. In Deutschland wird diese Überlebensstrategie erst in den letzten fünf Jahren bekannter. Viele Therapeuten und Coaches (er-)kennen sie auch heute noch nicht, was immer noch zu zahlreichen Fehldiagnosen führt, vor allem weil sich die Betroffenen so “normal” zeigen.

Zur Zeit meiner Zusammenbrüche gab es zwar diesen Begriff und die Beschreibung schon, aber sie war in Deutschland noch nicht bekannt.

Was macht Fawn Response aus?

Diese Überlebensstratgie findet man bei vielen Co-Abhängigen.

Co-Abhängigkeit wird hier definiert als die Unfähigkeit, in einer Beziehung eigene Rechte, Bedürfnisse und Grenzen auszudrücken; es ist eine Störung der Durchsetzungsfähigkeit, die dazu führt, dass die betroffene Person Ausbeutung, Missbrauch und/oder Vernachlässigung anzieht und akzeptiert. (übersetzte Version von der Definition von Pete Walker)

Fawn Response dient schon in frühester Kindheit dazu, Sicherheit durch Gefälligkeit herzustellen. Es ist ein Schutz, der durch Unterwerfung und Anpassung mit äußerlicher Freundlichkeit aufrecht erhalten wird. Innerlich herrschen Angst, Unsicherheit und Selbstverlust.

Fawn Response zeigt sich durch:

  • übermäßige Anpassung an andere

  • Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Meinungen

  • Harmoniesucht & Konfliktvermeidung um jeden Preis

  • permanente Selbstüberwachung (wie wirke ich? / bin ich genug?)

  • Helfersyndrom

  • People Pleasing (Ja-sagen)

  • Schuldgefühle und Loyalitätskonflikte bei Selbstbehauptung

  • Mangel an klaren inneren Grenzen

  • anbiedern

Hier wird noch einmal deutlich, wie schwer es ist, diese als Symptome eines Traumas zu erkennen, dass vermutlich ganz viele Menschen für sich selbst gar nicht als Trauma identifzieren würden. Ich persönlich wäre von alleine zumindest nicht auf diese Idee gekommen und habe auch einige Umwege gebraucht, um zu diesem Begriff zu kommen.

Es hat mich wohl immer gewundert, dass ich mich nie so richtig in den bisherigen Überlebensstrategien, Fliehen, Kämpfen, Erstarren, wiederfand. Mein Kampf war immer sehr schnell erloschen, eher so ein minimales Aufbegehren. Also dachte ich, ich würde eher Erstarren. Erst als ich Fawn Response entdeckte, wurde mir mein Lebenslauf langsam klar. Auch wenn es ganz ehrlich keine schöne Entdeckung ist, ist es aber der erste Schritt zur inneren Heilung:

Bewusstwerden

Aber warum haben wir diese Überlebensstrategie?

Topic Innere Muster & Selbst

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