SACHBILDERBUCH (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)-KINDERBUCH-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
„Ich kann dich/den/die nicht riechen.“ Die Redewendung bedeutet, dass mensch jemanden nicht mag oder eine gewisse Abneigung gegen einen anderen Menschen hat. Heute hören wir das seltener, der Satz scheint ein wenig veraltet. Wir sprechen derzeit derber. Vorkommen könnte er allerdings im Tierreich, hier wohl eher ausgedrückt durch Gesten und Gebärden, Piepsen und Fiepsen, Wegrennen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und Verbuddeln.

Etwa Erdferkel oder Schnabeligel, diese flüchten zackig vor Fressfeinden und vergraben sich schließlich. Der Schnabeligel, zu denen der Ameisenigel mit seiner 18 cm langen Zunge zählt, „verbuddelt [...] sich blitzschnell in der Erde, sodass nur noch seine Stacheln herausschauen. Es gibt Tiere die ihre Artgenossen auf ewige Entfernungen erriechen und so erreichen können, Elefanten können Wasser auf bis zu 10 Kilometern Entfernung aufspüren oder der sehr kleine Nasenbär, der von den Wäldern im Südwesten der USA bis Argentinien seine Leibspeisen „aus bis zu 25 Metern Entfernung erschnüffeln kann.“ (Kaum erforscht ist übrigens der „in mehr als 2000 Metern Höhe in Gebirgen in Kolumbien, Venezuela und Ecuador“ lebende Bergnasenbär.) Beim Europäischen Aal wird vermutet, dass er „sich mithilfe seiner zwei Nasenröhren [...] auf seinen Tausende Kilometer weiten Wanderungen orientiert.“

Riechen ist also Leben. Das dürften alle wissen, die schon einmal an einem Mittwochnachmittag bei 32 Grad in einem vollen Bus standen. Das passiert nicht-menschlichen Tieren nun eher seltener, außer wohl Hunden und Katzen. (Die vom Menschen nach Australien eingeschleppt dafür sorgten, dass die „kleinere der beiden Nasenbeutlerarten“ bereits ausgestorben ist, denn die Kaninchennasenbeutler aka Bilbys kannten die unbekannten Raubtiergerüche anders als bspw. die der Dingos nicht und erkannten sie so nicht als Fressfeinde.)

Jedenfalls ist das Riechen ein wesentlicher Faktor, um zu Überleben, einander zu erkennen, sich zu schützen, zu ernähren, voranzukommen. Nasenlöcher können aber auch als Klimaanlage dienen, wie bei den Dikdiks (Zwergantilopen) oder als Staubfilter und Luftbefeuchter wie bei der Saiga-Antilope. Dass sie nicht nur praktisch und überlebenswichtig sind, sondern teils auch noch famos-genial und manches Mal durchaus lustig aussehen, können wir im fantastischen Sachbilderbuch GENIALE NASEN – Eine kuriose Tiersammlung von Lena Anlauf (Text) und Vitali Konstantinov (Illustrationen) entdecken. Erschienen ist dieses bereits im März 2023 im NordSüd Verlag aus der Schweiz, gefolgt 2024 von OHREN und 2025 von AUGEN (in die wir auch noch einen Blick werfen werden).

Tiere mit Geruchssinn nennen wir Osmaten und unterscheiden dabei zwischen zwei Ms und einem A: „Makrosmaten (Großriecher oder Nasentiere)“, die sich vornehmlich über ihren Geruchssinn orientieren und „meist nicht besonders gut sehen“ können (bspw. Maulwürfe oder das bereits erwähnte Erdferkel). Den Kleinreichern oder Augentieren Mikrosmaten, die zwar riechen, sich aber eher übers Sehen orientieren (wie der Nasenaffe, bei deren Männchen diese wächst und wächst und manches Mal gar beim Essen stört und zur Seite geschoben werden muss). Und Anosmaten (Nichtriecher), die kaum oder gar nicht riechen können und sich vor allem über „ihr Gehör, ihren Tast- oder Sehsinn“ orientieren.
Nach diesem dem feinen Glossar des bunten und unfassbar informativen wie unterhaltsamen Bandes sind wir im Riecher-Bilde. Denn Orientierung ist wichtig, heißt sie doch „[w]issen, wo es langgeht.“ Ja, humorvoll ist der Band, der vom Zoo Zürich fachlich geprüft wurde ebenso. Aufgeteilt ist diese kuriose Tiersammlung lose nach einem „Wo?“: Jenen, die sich gern vergraben, die eher am Boden wohnen, in die Luft gehen, an Bäumen baumeln oder sich im Wasser tummeln. Natürlich gibt es dabei Überschneidungen.

So etwa beim Bisamrüssler, einem Wassermaulwurf, der den illustrierenden Architekten und Kunsthistoriker Vitali Konstantinov schon als Kind faszinierte und am Tag etwa die Hälfte seines Körpergewichts an Kleintieren verputzt. Dabei ist er sehr gesellig und lebt „an ruhigen Flüssen, Seen und Teichen in Russland, der Ukraine und Kasachstan“ in Höhlen, „deren Eingänge unter der Wasseroberfläche versteckt liegen.“ (siehe Bilder) Bisam ist übrigens ein anderes Wort für Moschus. Da können sich die meisten wohl nun denken, dass das possierliche Tierchen früher zur Parfümherstellung gejagt wurde, das ist zwar nun verboten, doch „dank“ zunehmender Umwelt- und Wasserverschmutzung ist er weiterhin gefährdet.

Als „stabil“ gilt der Bestand der Sternnasenmaulwürfe (auch Sternmull), die vor allem in Nordamerika leben. Um deren Nasenlöcher herum sind 22 Tentakel sternförmig angeordnet, auf denen „sich mehr als hunderttausend Nervenfasern auf winzigen Noppen“ befinden. Zu Einordnung: „Das sind fünfmal so viele wie auf der gesamten menschlichen Hand!“ Und der Sternmull gilt als der schnellste Fresser unter den Säugetieren, kann er doch „bis zu 13 Tierchen pro Sekunde aufspüren“ und in „weniger als einer Viertelsekunde“ seine Beute verschlingen.

Wo wir schon gerade, wie es der Zufall so will, bei Maulwürfen sind und Igel bereits erwähnt wurden: Noch bis zum 29. September 2025 können Bürger*innen diese (inklusive Maulwurfshügeln) zählen und beim NABU melden. Die Meldeaktion „Deutschland sucht Igel & Maulwurf“ wurde 2023 ins Leben gerufen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ziel ist es, die Aufmerksamkeit auf diese beiden Säugetierarten zu lenken und Beobachtungsdaten zu sammeln (die Bestände beider Wildtiere nehmen laut Experten ab). Dabei sollen auch Verkehrsopfer, Totfunde und kranke Tiere gemeldet werden. Warum das so wichtig und richtig ist, erläutert auch Anne Berger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), Berlin, im Interview mit dem Deutschlandfunk (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Zurück zum genialen GENIALE NASEN. In dem brillanten Band erfahren wir noch, was wir alles so nicht wissen, sind doch einige Tiere noch eher unerforscht. Dabei freut es wiederum, dass das eine oder andere Säugetier wiederentdeckt worden ist, nachdem mensch es für ausgestorben hielt. Natur- und Tierschutz, etwa durch Nationalparks sowie Aufklärung werden immer wieder erwähnt, sodass wir eines Tages nicht mehr nur das Hausschwein kennen. Ob Ameisenbär oder Stinkdachs (der gar kein Dachs ist), Tapir oder Stumpfnase, den einzig fliegenden Säugetieren, den Fledertieren, oder der Blattnasennatter, Koala oder Kiwi – es gibt Tier-reichlich Eigentümliches und Ungewöhnliches, Spannendes und Faszinierendes zu erfahren in diesem tollen Band mit tierisch großer Bandbreite.

Abgerundet wird das durch eine Weltkarte, die der AutoGraph-Weltkarte des japanischen Architekten Hajime Narukawa nachempfunden ist. Sie gilt als die aktuell genaueste Weltkarte mit Blick auf Wasser- und Landmassen. Anders als die Mercator-Projektion, ist hier das kleine Grönland nicht ähnlich groß dargestellt wie Afrika. Ein Thema, das auch durch die Kampagne Correct the Map aktuell wieder mehr in den Fokus gerückt ist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ist die Darstellung und optische Wahrnehmung der Welt auch eine politische Angelegenheit.

Nach Glossar und einem Register mitsamt aller lateinischen Namen findet sich noch eine Hilfestellung zur Einschätzung der Größe all unserer genialen Nasen-Tiere. Selten haben wir ein solch verspieltes und doch ernsthaft lehrreiches, kunstvoll gestaltetes und für alle Generationen (empfohlen ab 5 Jahren) fassbar geschriebenes Sachbilderbuch in den Händen gehalten, das ohne zu naturpolitisch zu werden immer wieder die Notwendigkeit von Artenvielfalt und -schutz aufbringt. Ein wahrer, irrer Schatz!
AS
PS: Wir haben im Band sogar zwei Pinguine gesichtet!
PPS: Apropos - tolle Doku, tolles Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
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Eine Leseprobe findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Lena Anlauf (Text), Vitali Konstantinov (Illustrationen): GENIALE NASEN - Eine kuriose Tiersammlung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); März 2023; 64 Seiten; Hardcover, gebunden; Format: 23,3 × 28 cm; ISBN: 978-3-314-10633-0; NordSüd Verlag; empfohlen ab 5 Jahren; 25,00 €