“Ein Mehrwert und Ziel für mich wäre unter anderem, wenn ich den riesigen Berg an Arbeit, Anforderungen, Zielen und was alles sonst noch in meinem Kopf feststeckt, abtragen könnte”
Als ich diese Anmeldung für meine ADHSSpektrum-Community bekam, lachte in mir ein Anteil laut und schmerzhaft auf.
Darf ich vorstellen ? Die ADHS-Hydra in mir.
Oder: Warum meine To-do-Liste mittlerweile eine eigenständige Verwaltungsbehörde ist

Es gibt Menschen, die erledigen Aufgaben.
Und dann gibt es Menschen wie mich, die Aufgaben öffnen.
Das klingt zunächst ähnlich, ist aber ungefähr so vergleichbar wie „Ich gehe kurz duschen“ und „Ich renoviere versehentlich das Badezimmer, weil ich beim Griff zum Handtuch bemerkt habe, dass die Silikonfuge emotional nicht mehr tragfähig ist.“
Bei ADHS ist eine Aufgabe selten eine Aufgabe. Eine Aufgabe ist eher eine Eingangstür. Dahinter: ein Flur. Vom Flur gehen sieben Türen ab. Hinter jeder Tür: ein Raum voller weiterer Türen. In einem Raum sitzt ein sehr enttäuschter Beamter aus dem Jahr 2009 und fragt, warum die Steuerunterlagen damals nicht vollständig waren.
Man wollte nur eine E-Mail beantworten.
Eine harmlose E-Mail.
Also objektiv betrachtet ein Textfeld mit ein paar Sätzen. Subjektiv betrachtet: ein mehrstufiges Existenztribunal mit unklarer Rechtslage.
Man öffnet die E-Mail und denkt: „Das beantworte ich schnell.“
Ein Satz, den Menschen mit ADHS nur sagen, weil sie offensichtlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend von der Realität beaufsichtigt wurden.
Denn diese E-Mail enthält eine Frage. Um die Frage zu beantworten, braucht man eine Information. Diese Information befindet sich in einem Dokument. Das Dokument liegt in einem Ordner. Der Ordner heißt „Wichtig“. Es gibt allerdings zwölf Ordner mit dem Namen „Wichtig“, davon drei mit Ausrufezeichen, einer mit dem Zusatz „aktuell“, einer mit „wirklich aktuell“ und einer mit „NEU FINAL FINAL BITTE NUR DIESEN“.
Natürlich ist keiner davon richtig.
Während man sucht, fällt einem auf, dass der Desktop aussieht wie eine digitale archäologische Ausgrabungsstätte. Man beschließt, nur kurz aufzuräumen. Nur fünf Minuten. Man ist ja erwachsen. Man hat schließlich Strategien gelernt.
Zwanzig Minuten später befindet man sich in einem emotional aufgeladenen Beziehungsgespräch mit einer PDF-Datei namens „Scan_0047.pdf“.

Und hier tritt sie auf: die Neurodivergenz-Hydra.
Die klassische Hydra hatte den Anstand, im Sumpf von Lerna zu leben und nicht in meinem Posteingang. Wenn Herakles ihr einen Kopf abschlug, wuchsen zwei neue nach. Primitive Mythologie, könnte man sagen. Fast rührend. Die Neurodivergenz-Hydra ist weiterentwickelt. Sie hat WLAN, Cloud-Synchronisation, Push-Benachrichtigungen und eine liebende Ehefrau, die fragt, ob man „kurz“ etwas klären könne.
Man erledigt eine Aufgabe.
Drei neue entstehen.
Man beantwortet eine Nachricht.
Fünf Rückfragen kommen zurück.
Man räumt einen Stapel weg.
Darunter liegt ein Brief, der inzwischen ein eigenes Mahnwesen gegründet hat.
Man schreibt eine Liste.
Die Liste bekommt Kinder.

Man priorisiert.
Die Prioritäten widersprechen sich, fühlen sich aber alle existenziell an.
Das Gemeine ist: Von außen sieht das nicht heldenhaft aus. Von außen sieht es aus, als würde man „nicht anfangen“. Oder „sich verzetteln“. Oder „schon wieder überfordert sein“.
Niemand sieht, dass man innerlich gerade mit einem dreiköpfigen Verwaltungsdrachen ringt, während im Hintergrund ein Chor aus alten Beschämungserfahrungen singt:
„Andere schaffen das doch auch.“
Dieser Satz ist vermutlich der größte Beitrag der Menschheit zur inneren Verwüstung seit der Erfindung der offenen Großraumbüros.
„Andere schaffen das doch auch“ ist so hilfreich wie einem brennenden Haus zuzurufen: „Andere Häuser brennen gerade nicht.“
Danke, Karen. Das Feuer löscht sich bereits aus Scham.
Natürlich gibt es für dieses Problem Ratgeber. Sehr viele sogar. Sie tragen Titel wie:
„In 7 Schritten zu mehr Fokus“
„Eat the Frog“
„Mach zuerst das Wichtigste“
„Wie du deine Ziele endlich erreichst“

Das klingt vernünftig, bis man merkt, dass bei ADHS schon die Frage „Was ist das Wichtigste?“ eine philosophische Doktorarbeit mit Nebenfach Katastrophenschutz auslöst.
Was ist wichtiger?
Die Steuer?
Die Gesundheit?
Die Beziehung?
Die Arbeit?
Das Kind?
Der Schlaf?
Der Kühlschrank, aus dem es seit Dienstag leise moralisch riecht?
Die Nachricht, die man seit elf Tagen nicht beantwortet hat und die jetzt nicht mehr Nachricht, sondern soziales Minenfeld ist?
Normale Produktivitätssysteme gehen davon aus, dass Aufgaben diskrete Einheiten sind. Also kleine, klar umrissene Pakete, die man von A nach B bewegt.
Das ist niedlich.
Bei ADHS sind Aufgaben eher wie nasse Handtücher voller Quallen. Man hebt eine Ecke an, und plötzlich klebt einem die ganze Geschichte am Nervensystem.
„Mach doch einfach eins nach dem anderen.“
Ja. Gern. Sofort.
Welches Eine?
Das Eine, das dringend ist?
Das Eine, das wichtig ist?
Das Eine, das peinlich ist?
Das Eine, das Geld kostet?
Das Eine, das jemand anderem auffällt?
Das Eine, das niemandem auffällt, aber mein Leben in sechs Monaten ruinieren könnte?
Oder das Eine, das nur deshalb nicht dringend wirkt, weil ich es seit so langer Zeit verdränge, dass es inzwischen zur Persönlichkeit geworden ist?
Die Neurodivergenz-Hydra liebt diese Momente.
Sie setzt sich dann mit einer kleinen Tasse Kaffee an den Rand meines Bewusstseins und sagt:
„Na? Wollen wir heute funktionieren oder wieder nur das Funktionskonzept überarbeiten?“
Das ist übrigens ein unterschätzter ADHS-Skill: das Funktionskonzept überarbeiten.
Man plant nicht. Man meta-plant.
Man arbeitet nicht. Man optimiert die Arbeitsumgebung.
Man lebt nicht. Man entwickelt ein Framework für ein späteres, effizienteres Leben.
Ich habe bereits mehrere Systeme erstellt, mit denen ich mein Leben hätte organisieren können, wenn ich nicht so viel Zeit damit verbracht hätte, Systeme zu erstellen, mit denen ich mein Leben hätte organisieren können.
Notion-Seiten.
Bullet Journals.
Kanban-Boards.
Farbcodes.
Mindmaps.
Apps.
Papierlisten.
Digitale Listen.
Listen über Listen.
Eine Liste mit dem Titel „Listen zusammenführen“.
Diese Liste habe ich verloren.
Was neurotypische Menschen oft nicht verstehen: ADHS ist nicht einfach ein Mangel an Aufmerksamkeit. Es ist eher ein übermotivierter Türsteher im Club des Bewusstseins, der leider Kokain genommen hat und nun sowohl die Feuerwehr, drei Expartner, einen ungeklärten Versicherungsbrief, den Gedanken an die Sterblichkeit, eine gute Geschäftsidee und das Geräusch des Kühlschranks gleichzeitig hereinlässt.
Und dann fragt jemand:
„Warum bist du so unruhig?“
Weil in meinem Kopf ein Bürgerkrieg zwischen 47 offenen Kontexten stattfindet, Sabine.
Deshalb.
Das Absurde ist: Viele Menschen mit ADHS können in echten Krisen erstaunlich gut funktionieren. Wenn es brennt, sind sie wach. Wenn jemand zusammenbricht, sind sie klar. Wenn alle anderen in Panik geraten, entsteht plötzlich eine fast unheimliche Ruhe.
Aber wenn man eine Rechnung bezahlen soll, auf der ein Aktenzeichen steht, das irgendwo in einem anderen Brief erklärt wird, der wiederum in einem Portal liegt, dessen Passwort man zurücksetzen muss, wofür man Zugriff auf eine E-Mail-Adresse braucht, die man nur für solche Portale angelegt hat — dann ist das Nervensystem der Meinung:
„Wir sterben.“
Nicht symbolisch. Nicht metaphorisch. Sondern körperlich überzeugend.
Der Körper sagt:
„Dies ist kein Formular. Dies ist ein Säbelzahntiger mit IBAN.“
Und dann kommt die schöne Welt der Selbstoptimierung und sagt:
„Atme doch mal.“
Ich möchte an dieser Stelle betonen: Atmen ist gut. Ich bin grundsätzlich dafür. Ich habe es selbst mehrfach ausprobiert.
Aber manchmal wird „Atme doch mal“ zur spirituell lackierten Version von „Stell dich nicht so an“.
Man sitzt dann vor seinem Berg, der ja kein Berg ist, sondern ein Förderband, auf dem ständig neue, leicht brennbare Verantwortungskartons angeliefert werden, und soll dabei achtsam beobachten, wie man innerlich implodiert.
„Spüre in dich hinein.“
Danke. Dort ist Lärm.
„Wo im Körper fühlst du die Aufgabe?“
In der gesamten Existenz.
Natürlich kann Achtsamkeit helfen. Aber nicht, wenn sie als dekoratives Pflaster auf ein strukturelles Überforderungssystem geklebt wird.
Denn das eigentliche Problem ist nicht: „Ich habe keine Technik.“
Das eigentliche Problem ist:
Ich habe zu viele Eingänge und zu wenig Schleusen.
Jede Anfrage kommt direkt ins Zentrum. Jede Aufgabe klopft nicht an, sie tritt die Tür ein. Jede Erinnerung benimmt sich wie ein Notfall. Jeder offene Punkt ruft: „Ich bin der Grund, warum du später obdachlos, verlassen, arbeitslos oder zumindest sehr unangenehm auffällig wirst.“
Die Neurodivergenz-Hydra ernährt sich nicht von Faulheit. Sie ernährt sich von Offenheit.
Offene Tabs.
Offene Rechnungen.
Offene Gespräche.
Offene Möglichkeiten.
Offene Kränkungen.
Offene Zukunft.
Offene Vergangenheit.
Offene Packungen im Kühlschrank, deren Inhalt nicht mehr eindeutig biografisch zuzuordnen ist.
Und dann sagt jemand:
„Du musst einfach mal abschließen.“
Ja. Genau. Abschließen. Wunderbare Idee.
Aber womit?
Mit der Aufgabe?
Mit dem Gefühl?
Mit der Schuld?
Mit dem Menschen?
Mit dem Lebensentwurf?
Mit der Hoffnung, irgendwann ein Mensch zu werden, der Post direkt öffnet?
Manchmal ist das Tragische an ADHS nicht, dass man nichts schafft. Viele schaffen unglaublich viel. Viel zu viel sogar. Nur eben nicht immer das, was sichtbar, abrechenbar oder sozial erwartbar ist.
Man hält Systeme am Laufen, die niemand sieht.
Man kompensiert.
Man antizipiert.
Man maskiert.
Man erklärt.
Man entschuldigt sich präventiv.
Man rettet Situationen, die man vorher selbst durch Vermeidung miterschaffen hat.
Man funktioniert in letzter Minute mit einer Intensität, die andere als Talent missverstehen.
Und danach liegt man da wie Prometheus nach einem langen Arbeitstag mit Outlook.
Die Leber wächst nach.
Der Adler auch.
Vielleicht wäre die ehrlichste ADHS-Produktivitätsmethode deshalb nicht:
„Wie erledige ich mehr?“
Sondern:
„Wie verhindere ich, dass jede Aufgabe sofort mein gesamtes Selbstwertsystem aktiviert?“
Oder noch radikaler:
„Wie erkenne ich den Unterschied zwischen einem echten To-do und einem kleinen Verwaltungsdämon mit Kindheitstrauma?“

Denn nicht jeder Berg muss abgetragen werden.
Manche Berge müssen eingezäunt werden.
Manche müssen beschriftet werden: „Nicht heute.“
Manche müssen in kleinere Steine zerlegt werden.
Manche muss man jemand anderem zeigen und sagen: „Siehst du das auch, oder bin ich inzwischen selbst Teil der Landschaft?“
Und manche Berge sind gar keine Berge, sondern alte Lawinen, die nie jemand mit einem geräumt hat.
Die Neurodivergenz-Hydra verschwindet vermutlich nicht.
Das ist die schlechte Nachricht.
Die gute Nachricht: Man muss sie nicht besiegen wie Herakles. Man muss nicht in heroischer Pose mit nacktem Oberkörper und antiker Keule im Homeoffice stehen, auch wenn das für Instagram vermutlich sehr gut funktionieren würde.
Vielleicht reicht für den Anfang etwas Unheroisches.
Nicht: „Ich erledige mein Leben.“
Sondern: „Ich markiere einen Kopf der Hydra.“
Nicht: „Ich bringe Ordnung in alles.“
Sondern: „Ich verhindere, dass alles gleichzeitig schreit.“
Nicht: „Ich trage den Berg ab.“
Sondern: „Ich lege heute einen Stein in eine Schale und nenne das Fortschritt, auch wenn mein innerer Leistungsausschuss dagegen Berufung einlegt.“
Und vielleicht ist genau das der zynisch-hoffnungsvolle Kern:
Menschen mit ADHS brauchen nicht noch mehr moralische Appelle an Disziplin.
Sie brauchen weniger Hydra-Zufütterung.
Weniger offene Enden.
Weniger gleichzeitige Eingänge.
Weniger „kurz mal“.
Weniger Systeme, die so tun, als sei Selbstverwaltung ein Hobby.
Weniger Beschämung für ein Nervensystem, das nicht zu wenig wahrnimmt, sondern zu viel auf einmal.
Und manchmal brauchen sie jemanden, der neben ihnen steht und sagt:
„Nein, du bist nicht das Problem.
Das da ist eine Hydra.
Wir schlagen heute keinen Kopf ab.
Wir füttern sie nur nicht weiter.“

LG Martin
https://steadyhq.com/de/adhsspektrum/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)