Redemanuskript von Almut Schnerring
Vorgeschichte:
Nachdem ich ab dem 4. Juni auf Instagram eine Reihe von Reels veröffentlicht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hatte, in denen ich über die geplanten Streichungen diversitätssensibler Pädagogik im Berliner Kita-Bildungsplan informierte, bekam ich Mitte Juni eine Einladung zur Teilnahme an einer Anhörung in der 55. Sitzung des Ausschusses für Bildung, Jugend und Familie des Abgeordnetenhauses von Berlin. Die Sitzung wurde aufgezeichnet und kann hier nachgeschaut werden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Ich war eingeladen, über die Relevanz vorurteilsbewusster Pädagogik zu sprechen, die Gefahr läuft, aus dem Kita-Bildungsprogramm gestrichen zu werden. Dafür hatte ich fünf Minuten Redezeit. Es folgen zwei Fragerunden, in denen ich nochmal kurz antworten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) durfte. Also im Verhältnis dazu ganz schön viel Aufregung, Vorbereitung und Aufwand (ich bin dafür extra nach Berlin gefahren und war insgsesamt 36 Stunden unterwegs). Deshalb kommt hier die Langversion meiner Rede, die ich gerne so gehalten hätte - immernoch zu kurz, meiner Meinung nach, für ein derart wichtiges, aber unterschätztes Thema, aber immerhin.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Kennen Sie rosa Überraschungseier?
Wissen Sie, dass nicht alle Farben für alle da sind?
Ich habe hier zwei Nabelschnurscheren dabei – Symbol für das große Ganze: Wissen Sie, welche Farbe benutzt wird, wenn ein Mann Vater einer Tochter wird? Ich auch nicht! Und das ist der springende Punkt!
„Was wird es denn?“ – mit dieser einen großen Frage beginnt heute alles Leben, und für viele geht GAR nichts mehr, wenn sie darauf keine Antwort bekommen. „Ja, was soll man euch denn dann schenken?“ Rätselhaft, wie Menschen das vor Erfindung der Ultraschalluntersuchung hinbekommen haben. Die Frage ist nicht so harmlos, wie sie daherkommt. Genauso wenig wie das, was die Antwort in den Köpfen auslöst: „es wird ein Junge, es wird ein Mädchen“, die Assoziationen, die dann aufpoppen: die Geschenke, die Wandfarbe, die Erstausstattung, das Schnullermotiv, Spielzeug, Hobbys, Berufswahl … Gender Reveal !

Studien zeigen:
dass Eltern schon vor Geburt mehr mit dem Ungeborenen sprechen, wenn ihnen gesagt wurde, es werde ein Mädchen. Und sie sprechen mit tieferer Stimme, wenn im Ultraschall ein Zipfelchen zu sehen war.
Kleine Jungs dürfen weiter weg krabbeln - Mädchen werden schneller auf den Schoß zurückgeholt
Mädchen bekommen mehr Komplimente für ihr Aussehen - Jungen für ihr Handeln.
Und darüber müssen Kita-Fachkräfte Bescheid wissen, damit sie die Chance haben, ihr Verhalten zu reflektieren! DAS ist Thema der vorurteilsbewussten Pädagogik, die ins Kita-Bildungsprogramm gehört!
Ich zitiere aus dem, was gestrichen wurde:
„DIE Jungen und DIE Mädchen als jeweilige homogene Gruppe gibt es nicht“
„Frauen und Männer, Mädchen und Jungen befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen, und nur wer für diese einen geschärften Blick entwickelt, wird vermeiden, dass scheinbar neutrale Maßnahmen faktisch zu Benachteiligung führen“
Im aktuellen Entwurf des Bildungsplanes fehlt all das. Es fehlt die gesamte diversitäts- und geschlechtersensible und vorurteilsbewusste Pädagogik.
Das stellt einen direkten Verstoß dar gegen Grundgesetz Artikel 2 & 3,
gegen die Berliner Verfassung Artikel 1 & 10
es untergräbt langfristig das Allgemeine GleichbehandlungsGesetz
und das SGB Paragraph 9 Artikel VIII .
Das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz fordert explizit die „unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen, Jungen sowie transidenten, nichtbinären und intergeschlechtlichen jungen Menschen zu berücksichtigen, Benachteiligungen abzubauen und die Gleichberechtigung der Geschlechter zu fördern“.
Wollen Sie sich da drüber stellen?
Ich bin ja NUR Externe hier in Berlin und in Ihren Routinen…, aber geht das jetzt auf Landesebene weiter? Dass Gesetze bewusst missachtet werden? Diese Forderungen aus dem Grundgesetz, der Berliner Verfassung und dem SGB sind nicht aus der Luft gegriffen, sondern wissenschaftlicher Konsens!
Diese Streichungen kosten Leben. - falls das interessiert.
Oder versuchen wir’s anders: diese Streichungen kosten Geld, Sie sparen damit keins!
Wenn wir jetzt aber diese Sitzung nur wieder damit verbringen, Desinformation zurechtzurücken, dann gelingt das, was passieren soll: dass wir uns ablenken lassen von großen, gesamtgesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die in der Kindheit ihren Anfang nehmen. Wenn Sie meinen, hier geht es um sog. „Frühsexualisierung“, dann sitzen Sie einem Ablenkungsmanöver von Rechts auf. Dann entgeht Ihnen, dass wir drauf und dran sind, die komplette Anti-Diskriminierungs- und Demokratie-Bildung über Bord zu werfen. Im öffentlichen Diskurs wird das Thema nur auf einen kurzen Abschnitt aus dem Bildungsprogramm reduziert - Überschrift: „Körper- und Sexualitätsentwicklung sensibel begleiten“. Das ist EIN Absatz im Bildungsbereich ‚Gesundheit‘, der so in den Fokus gerückt ist, dass die vielen weitere Aspekte gendersensibler Pädagogik gar nicht mehr gesehen werden – und jetzt prompt in der Überarbeitung auch fehlen!
In dem Absatz geht es darum, dass Erzieher*innen sich mit der Frühkindlichen Entwicklung auskennen müssen. Sie müssen lernen, woran sie Kindesmissbrauch evtl. erkennen können. Und wenn sie ihre eigenen Vorurteile nicht reflektieren müssen, nichts darüber lernen, wenn das totgeschwiegen wird, dann wird das Leben kosten! Fachkräfte müssen wissen, wann Doktorspiele normal sind und wann sie Zeichen sein können von sexualisierten Übergriffen. Und Kinder müssen lernen, wie ihre Geschlechtsorgane heißen, damit sie nicht von „da unten“ sprechen und keine Worte haben, wenn ihnen Gewalt angetan wurde.
Die öffentliche Diskussion über diesen Punkt ist inzwischen derart emotional aufgeladen, dass in vielen Kreisen reflexhaft alles abgelehnt wird, wo das Wort „Gender“ auftaucht. Es wird von manchen gleichgesetzt mit „Krude, schädliche gotteslästerliche Sexualpraktiken sollen Pflicht werden im Morgenkreis“. Und das ist grober Unfug!
Da steht nicht drin, dass Erzieherinnen Doktorspiele anleiten oder fördern sollen. Da steht nichts drin von Sexualkunde oder Workshops, in denen Homosexualität gelehrt wird und Heterobeziehungen verboten werden – falls Sie das damit verknüpfen, dann haben einige Organisationen gute Arbeit geleistet, die a) von prominenten AfD-Mitgliedern unterstützt werden, und b) eine Nähe haben zur Gruppierungen mit evangelikal-fundamentalistischer Agenda.
Es braucht mehr, nicht weniger Kompetenz für das Thema!
Es braucht mehr, nicht weniger Fortbildungen dazu. Das geht nur, wenn es dafür Projekte und Gelder gibt! Kita-Fachkräfte sind sowieso massiv überlastet – wenn sie jetzt obendrein kein klar ausformuliertes Programm mehr bekommen, leidet der ganze Bildungssektor!
- Wer Gewalt verhindern möchte, muss über Gewalt sprechen.
- Wer Diskriminierung verhindern möchte, muss sie benennen.
Und Kinder wollen wissen:
Darf denn der Jannis mit dem rosa Stift malen, ist das nicht eine Mädchenfarbe?
Warum hat Mirko so eine dunkle Haut?
Warum hat Amira zwei Mütter?
Wieso arbeitet der Vater von Thilo nicht?
Soziale Selektion beginnt nicht in der Grundschule
Deutschland wird seit Jahren für sein undurchlässiges Bildungssystem kritisiert – aber soziale Selektion fängt ja nicht erst in der Schule an! Vorurteile wirken gegenüber Hautfarbe, Religion, Herkunft, Sprache oder Familienformen. Und die Vorurteilsbewusste Pädagogik zielt darauf ab, Vielfalt nicht nur zu tolerieren, sondern aktiv wertzuschätzen und Machtverhältnisse kritisch zu reflektieren.
1994 wurde die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern als Staatsziel im Grundgesetz verankert. Damit hat sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, die bestehenden Unterschiede und Ungerechtigkeiten zu überwinden und zu beseitigen. - Wie wollen Sie diesem Verfassungsauftrag gerecht werden, wenn Sie 'geschlechter- und diversitätssensible pädagogische Ansätze' aus den Bildungsplänen streichen?
Es geht darum, dass anders Sein, nicht falsch ist.
Darüber muss man mit Kindern sprechen, darüber wollen Kinder etwas lernen. Wer darauf keine professionellen Antworten hat, und nie was über vorurteilsbewusste Pädagogik gelernt hat, wird aus dem Bauch heraus das reproduzieren, was sie*er im eigenen Aufwachsen verinnerlicht hat, denn
Wo es an Wissen fehlt, füllen Stereotype die Lücke!
Mädchen sind empathisch und mögen Puppen, wollen sich schön machen, basteln gern und brauchen weniger Bewegung.
richtige Jungs sind wild, interessieren sich für Technik, suchen den Wettkampf, müssen cool sein und finden Pink und weiblich Konnotiertes peinlich / unmännlich / verweichlicht.
Erinnern Sie sich an Momente oder Sätze von Erwachsenen, die Ihnen vermittelt haben, dass das, was Sie grade wollen, „falsch“ ist, weil Sie Mädchen oder Junge sind?
- „Ach, an dir ist aber auch ein Junge verloren gegangen!“
- „Jetzt heul doch nicht, du bist doch kein Mädchen!“
- Sie sind die Tochter und mussten auf Ihre kleinen Geschwister aufpassen, kümmern sich heute noch um sie oder um die alten Eltern, während ihr Bruder dafür nicht so viel Zeit hat?
- Vllt WOLLTEN Sie sich kümmern, wollten in einen sozialen Beruf, aber Erwachsene habe gesagt: „Das ist nichts für einen Mann, du musst ja später mal eine Familie ernähren!“
Falls Sie selbst das Glück hatten, wirklich frei entscheiden zu dürfen ohne rosa-blaues Schubladendenken, dann freuen Sie sich, denn dann hatten Sie eine Ausnahme-Kindheit.
Ich gebe seit 15 Jahren Seminare und Vorträge für Fachkräfte. Und ich weiß: das, was jetzt an gendersensibler Pädagogik aus den Bildungsplänen gestrichen werden soll, ist in den meisten Einrichtungen noch gar nicht angekommen! Da gibt’s Kitas, in denen das Puppenhaus in einem Raum ist, zu dem Jungs keinen Zutritt haben. Und die neue Werkbank spendet der Förderverein, „damit auch die Jungs mal zum Zug kommen“.
Oder Kitas, die es besser machen wollen, aber damit alleine gelassen werden z.B. mit der Elternarbeit: wenn Väter ihren Söhnen verbieten, sich als Elsa zu verkleiden und Müttern ihren Töchtern Kleider anziehen und sich beschweren, dass es nach einem Tag nicht mehr weiß ist – sorry, auch Mädchen brauchen Bewegung.
Wieviel weniger Gleichberechtigung wollen Sie denn noch?
Denn wenn Sie das alles mal zu Ende denken:
- … dann, wissen Sie, warum Mädchen sich selbst oft weniger zutrauen, ihre Leistungen geringer einschätzen und Jungs ihre überschätzen.
- Wenn Sie das zu Ende denken, wissen Sie, warum „Rabenmutter“ ein deutsches Wort ist.
- Wenn Sie das zu Ende denken, wissen Sie, warum jede zweite Frau in Teilzeit geht.
- … und dann wissen Sie auch, wie wir einen Teil des Fachkräftemangels auffangen könnten.
- Dann wissen Sie, warum Jungen ein Männlichkeitsbild entwickeln, das dazu führt, dass sie im Durchnschnitt 5 Jahre kürzer leben als Frauen
- das dazu führt, dass in Deutschland jeden Tag ein Mann seine ehemalige oder aktuelle Partnerin tötet.
Es ist ein großes Unglück für Kinder und es hat gravierende Folgen für die Gesamtgesellschaft, wenn sie von Erwachsenen umgeben sind, die tatsächlich glauben, sie würden Kinder „neutral“ behandeln. Die meinen, selbst keine Vorurteile zu haben, die nie aufgefordert wurden, ihren eigenen Bias zu reflektieren, und deshalb stereotypes Schubladendenken an Kinder weiterreichen.
Danke an jene, die sich dafür einsetzen, dass all das als Aufgabe im Kita-Bildungsprogramm festgehalten bleibt!

Aufzeichnung der dreistündigen Berliner Bildungsausschuss-Sitzung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) vom 19. Juni 2025
Download (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): Auszug der wichtigsten Punkte aus dem Berliner Bildungsprogramm von 2014 in Bezug auf Gender, die im Entwurf der Überarbeitung nicht mehr vorkommen
Blogartikel und Links über ‘Rechtliches zu Rollenstereotypen in der Kita (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)’
Argumente für gendersensible Pädagogik (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) mit Infoblatt zum Download.
Herzblut braucht Unterstützung:
Wenn Du wichtig und interessant findest, worüber wir schreiben, Du etwas mitnehmen kannst in Deinen bunten Alltag, dann freuen wir uns, wenn Du unsere Arbeit unterstützt und diesen Newsletter abonnierst. Du ermöglichst damit die Fortsetzung der Newsletter und die Recherche für unsere nächsten Texte. - Danke!
Hier die 4 Abo-Varianten, mit denen Du Mitglied werden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) kannst in Almut und Saschas Wort & Klang Küche:
Im Türrahmen (3€/Monat)
Mit Küchenhocker (5€)
Platz am Küchentisch (7€)
Freie Sicht zum Herd (10€)
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Unsere Bücher können überall gekauft werden, wo es Bücher gibt, aber nur im Shop der Autorenwelt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bekommen Autor*innen einen Extraanteil vom Verkauf.