Warum wir guten Mutes sein können

Was ist Zeit, die wir nach vorne denken? Zukunft? Vision? Planung? Zeit, die wir nach vorne denken, zumindest ist unschuldig. Sie kann alles mögliche werden. Wenn es uns gelingt, unsere Angst im Zaum zu halten, dann ist die Zeit, die vor uns liegt, eine Verheißung: es besser zu machen, nochmal zu machen, neu zu machen, anders zu machen. Die Zeit, die wir nach vorne denken, beinhaltet die Möglichkeit, etwas zu tun.
Corona 1 : Zukunft 0
Es begann während Corona, dass die Zeit vor mir und die Möglichkeit, etwas neu/anders/besser/wieder zu tun, sich voneinander entkoppelten. Ich habe schmerzlich in Erinnerung, dass der Lockdown-Januar 2021 einfach nur ein grauer, trüber, deprimierender Januar war. Denn, was ich nicht tun konnte wie in allen anderen deutschen Januaren, war, mich auf den Sommerurlaub zu freuen. Weil ich ihn nicht, wie all die Jahre zuvor im Januar buchte. Genau zum Beginn eines neuen Jahres, wenn man Pläne macht und dabei nach draußen sieht, wenn das Innere auf dem Sprung, das Äußere aber noch im Winterschlaf ist, gab es nichts Verheißungsvolleres für mich, als zwei Wochen Urlaub im europäischen Ausland zu buchen.
… wenn das Innere auf dem Sprung, das Äußere aber noch im Winterschlaf ist, gab es nichts Verheißungsvolleres für mich, als zwei Wochen Urlaub im europäischen Ausland zu buchen.
Die Vorfreude darauf verkürzte mir nicht nur den ewigen Januar, sondern auch die gesamte Zeit bis zur Frühjahrsblüte. Es ist nur noch ein kleines bisschen bis dahin, hatte ich vor 2021 gedacht — im Januar und Februar und März und, je nachdem, noch im April. Ab Mai war die blühend-warme Gegenwart eins mit meiner inneren Empfindung. Deshalb dauerte der Sommerurlaub fünf Monate: Vorfreude, Tat, Nachfreude. Die Zeit nach dem Sommerurlaub hielt meist bis Mitte, Ende September. Spätestens im November begannen die lustvollen Planungen für den nächsten Sommer. Es folgte die warme, helle Weihnachtszeit. Und dann war es ja fast schon geschafft!
Etablierte Form kapitalistischer Zeitrechnung
Wahrscheinlich unterscheidet mich das in keiner Weise von den meisten, die zwar Jahreszeiten an sich mögen, aber lieber die ohne Jacke. Manche vermögen das zeitliche Verhältnis zwischen Vor-/Nachfreude und Erlebnis zu optimieren, und andere können einem ehrlichen Winter mehr abgewinnen als warmen Gefilden. Aber die Logik, den Urlaub als utopisches Element zu nutzen, weil er erlaubt, die Alltagsmühle geistig zur Zwischenphase zu erklären — denn im Grunde hätte man es ja anders verdient! -, kenne ich von vielen. Notwehr, nannte das meine Freundin H., erschöpft vom Marathon zwischen Meetings, Mann-Frau-Themen und Milchfläschchen.
Urlaub als utopisches Element […] erlaubt, die Alltagsmühle geistig zur Zwischenphase zur erklären — denn im Grunde hätte man es ja anders verdient! […]
Im ewigen Lockdown 2021 brach diese für die arbeitsame, wiewohl leicht angestrengte Mittelschicht im globalen Norden etablierte Form kapitalistischer Zeitrechnung. Meiner Meinung nach war es der Anfang dessen, was dem alten Kapitalisten Friedrich Merz und Konsorten das Leben heute schwer macht. Denn heute bezweifeln selbst Menschen, die richtig fette Urlaube machen konnten, dass Anstrengung sich lohnt. 2021, als auch die globalen Lieferketten zum ersten Mal nachhaltig rissen, erfuhren wir, wie es ist, wenn Zukunft nur häppchenweise zugeteilt wird. Wir lernten, dass Anstrengung sich womöglich nicht mehr lohnt. Und wir trainieren seither, damit klarzukommen.
War das Corona-Virus die Vorbereitung auf das, was gerade geschieht? Planbarkeit isch over. 2026 mit Blick auf Urlaubsplanung etwa: Klima, Kriege, Kerosinpreise. Joa, fährt man halt wohin irgendwann irgendwie. Vielleicht da, wo immer schon? Oder gleich auswandern?
Wer weniger zu verlieren hat als die bürgerliche Mitte, revoltiert längst. Die populistischen Randalierer in den westlichen Nationen fahren mit Bezug auf Zeit eine bemerkenswerte Doppelstrategie. Einerseits wollen sie die Zeit in der vorhersehbaren Linearität zurück, denn der Pfad für die Zukunft war schlussendlich eindeutig. Andererseits rufen sie zur Zerstörung jeglicher Zeitlinien auf, ganz nach dem Motto: wenn ich nicht kriege, soll es auch sonst niemand haben, so!!!
Kein Platz am Tisch
Bis zur Corona-Impfung im Winter 2022 pausierte die Zukunft. Aber dann: Ich erinnere mich an einen Januar 2022, an dem ich Urlaub plante und viele Angebote schrieb. Aber als wir vorsichtig, Horizontlinien suchend, die Handbremse lösten, wurde die Zeit abrupt erneut gestoppt. Oder besser gekapert: Zunächst durch Putin und später durch Trump. Seither ist die Zeit und damit wir in ihr, erneut hin und her ”gewendet”. Unser persönlicher Planungshorizont: Von einem randalierenden Etwas kaputt gemacht worden, sei es Virus, sei es selbsternannter King.
Unser persönlicher Planungshorizont: Von einem randalierenden Etwas kaputt gemacht worden, sei es Virus, sei es selbsternannter King.
Ein Ergebnis davon ist, dass Anstrengung sich nicht mehr lohnt. Die Zeit vor uns führt ins Nirgendwo, im Kreis oder in den Abgrund. Übrigens ist es fast egal, von welcher Warte: Der Versuch, sich einen Platz am Tisch zu sichern, ist gescheitert. Für die einen, weil dieser mittlerweile von Raubtierkapitalist*innen besetzt ist. Für die anderen, weil die Verheißung, vom Stühlchen (und Fußabtreter) unter dem Tisch an jenen zu kommen, sich als falsch erweist. Autokratische Alternativen werden attraktiv, denn sie bedeuten Planungssicherheit für jede*n. Es wundert uns, dass sie wählen würden, was ihnen schadet. Aus der Warte von Planungssicherheitsbedürfnissen betrachtet, ergibt es jedoch durchaus Sinn.
Was ist die vierte Option? Man eiert so herum. Weder demokratische Leitfiguren noch Medien als Demokratiewächter und noch nicht mal der Wissenschaft fällt ein, wie sich der kaputte Horizont reparieren ließe. Und so vergeht die Zeit.
Ist es verlorene Zeit? In meiner ersten Planungsunsicherheitsphase 2021 hatte ich den Eindruck, Zeit wäre zäh geworden. Zu lange währte die Gegenwart. Zukunft ist es, die ich meine! Die Zukunft, sie schien mir verloren.
Hoffnung ist real
Fünf Jahre später bin ich Geduldsprofi. Ich bin noch nicht ganz in der “Zeitbewusstheit” angekommen, die die Geologin Marcia Bjoernerud so eindrücklich beschreibt — was sind schon Tage, Monate, ein Menschenleben? (das Buch ist beim wunderbaren Matthes & Seitz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)-Verlag erschienen). Sowieso: Wer mich kennt, wird lachen. Ich und Geduld. Auch das eine Art Notwehr. Denn mein Einfluss auf meine Zukunft ist in den letzten fünf, ich denke sogar zehn Jahren geschrumpft (Schockjahr 2016: Trump 1, Brexit). Ich muss es nehmen, wie es kommt. Was mich 2021 erschüttert hat, nehme ich heute achselzuckend zur Kenntnis. Vielleicht besser jetzt leben? Die Zeit vor mir nicht genau zu kennen, bietet ja auch Möglichkeiten. Wenn wirklich alles passieren kann, kann es ja auch das Gute sein.
Wenn wirklich alles passieren kann, kann es ja auch das Gute sein.
VUCA, die volatile, unsichere, komplexe und ambivalente Welt, die in anderen Teilen unserer Erde und zu anderen Zeiten der Normalzustand ist und war, macht aus der Zeit die vor uns liegt einen anderen Frei-Raum. War früher vieles “im Rahmen” möglich, kann nun alles “außerhalb” auch möglich sein.
Denn wir leben ja eben nicht im Mittelalter. Wir leben auch nicht im Krieg und ich habe auch nicht vor, mich davor zu fürchten bis zu dem Moment, in dem es vielleicht so sein könnte. Im Sommer hatte ich ein Erlebnis, das mir drastisch vor Augen führte, dass das Schlimmste nicht bedacht werden kann. Stichwort: Familienmitglied. Unfall. Intensivstation. Es nur darum gehen kann, das Beste zu hoffen. Nur wenn das Schlimmste eingetreten ist, so sagte ich mir damals, würde ich mich damit beschäftigen. Dass das Gute eingetreten ist, ist für mich bis heute ein kleines Wunder, für das ich jeden Tag dankbar bin. Kein Wunder ist, dass ich aus einer potentiell traumatischen Situation beinahe unbeschädigt herausgekommen bin. Ich glaube, es liegt daran, dass ich mir nicht erlaubt habe, mir die schlechte Version der Zukunft vorzustellen. Sondern nur die gute.
Optimismus also ist zwangsläufig. Sonst werden wir handlungsunfähig. Und die Zeit vor uns verrinnt. Mit den Effekten werden wir womöglich geduldiger sein müssen als uns lieb ist. Weil ein paar mächtige Statusverlierer die Errungenschaften der Zivilisation einreißen wollen, weil ein paar sterbende Ungeheuer im Niedergang versuchen, möglichst viel mitzureißen, weil es immer Arschlöcher geben wird. Weil deren Untaten Folgen haben. Weil wir etwas tun müssen gegen das Misstrauen, die Desinformation und faktisches Scheitern von demokratischen Institutionen. Das Tun liegt aber in der Zukunft. Um diese Zeit, die vor uns liegt, geht es.
Was kann ich tun, um sie mir zurückzuholen? Das Prinzip Hoffnung (Ernst Bloch) klingt simpler als es ist. Hoffnung ist nicht nur individuell, sondern auch soziale Praxis, wie auch die Klimaaktivistin Luisa Neubauer einst in einem Buch (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) schrieb. Das war 2019 richtig und ist es heute immer noch. Mich wundert nicht, dass dazu die Kunst (z.B. im Kunstmuseum Wolfsburg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) besonders viel zu sagen hat. Bald erscheint auch die dritte Folge meines Utopia-Podcasts über die utopischen Möglichkeiten von Kunst. Nicht zufällig sind die neuen Services von 20blue zum einen künstlerischer Dienstleistungen, zum anderen utopischer Erzählungen gewidmet (die Service-Seiten von 20blue bieten Informationen, aber sprechen Sie mich gerne auch direkt an (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)).
Hoffnung ist nicht nur individuell, sondern auch soziale Praxis.
Hoffnung ist nötig, wenn es schwierig wird. Denn: was ist die Alternative? Angst? Agonie? Die Zeit, die wir noch zur Verfügung haben, zu vergeuden? Hoffnung ist eben: die Zeit nutzen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, was die Zukunft bringt. Für mich für die gute Sache verwenden.
Zeit für Gutes
Nichts also hält mich davon ab, an einer verbesserten Form von Demokratie dranzubleiben. Die Konzepte sind da, ich nenne nur einige Initiativen, die Inspirationen geben können — JETZT: Brand New Bundestag (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), German Zero (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder die Initiative für einen handlungsfähigen Staat (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Politiker*innen ohne Angst sind gefragt. Niemand verhindert, dass ich mit wunderbaren Partner*innen um mich kooperativere Formen des Wirtschaftens, Arbeitens und Lebens ausprobiere. Erstaunlich viele Menschen in der Wirtschaft sind unbeeindruckt vom Backlash. Die Gäste im Podcast von Michael Carls “Carls Café (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)” erzählen von solchen Geschichten. Niemals höre ich auf, an einer weiblicheren Wirtschaft zu arbeiten. Sie lohnt sich für alle Seiten. Ich lebe, beforsche und fördere weiblicheres Denken in Entscheidungssituationen, denn ich erlebe es pragmatischer, zyklischer, kooperativer. Anders kamen wir nicht durch die Weltgeschichte. Kooperation ist langfristig stärker, braucht aber mindestens zwei Seiten. Egoismus verliert nach meiner Erfahrung am Ende, weil es nicht krisenresilient ist. Die Abschreckungsmethode halte ich für überholt. Entweder kann ich mich auf dich verlassen, wenn’s drauf ankommt. Oder wir beenden das jetzt, ich habe besseres zu tun. Keiner kann mich davon abhalten, die Aufmerksamkeit diverser Teams zu feiern und fördern. Jede*r gute Mensch kann einen meiner Räume betreten, die ich für die Zeit, die vor mir liegt, mit anderen baue (etwa: “The Tisch” für progressive, weibliche Führungskräfte in Leipzig, den Kunstsalon Mutschler & Friends als Club für gute Leute, 20blue (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) als interdisziplinäre und internationale Expert Community). und wir alle können uns jederzeit ethisch verbindlich verhalten und kreative Freiheit nutzen, den in meiner Wahrnehmung wichtigsten Eigenschaften des Menschseins.
… wir alle können uns jederzeit ethisch verbindlich verhalten und kreative Freiheit nutzen, den in meiner Wahrnehmung wichtigsten Eigenschaften des Menschseins.
Das ändert sich übrigens auch nicht im KI-Zeitalter. Wir könnten uns sogar mehr darauf konzentrieren, wenn wir die Alltagsmühle von den blöden Aufgaben befreien. Technik soll das Leben schließlich leichter machen!
Last not least: Dass auch dumme Taten gute zur Folge haben können, sehen wir beim kalten Strukturwandel, der mit der fossilen Klemme derzeit geschieht. Nichts hält mich davon ab, auf die Schlauheit europäischer Entscheider*innen zu setzen, dass sie die Chancen erneuerbarer Energien erneut erkennen. Nichts ist von Dauer, auch der Irrweg nicht. Insofern ist die Zeit vor uns unschuldig geblieben. Wenn wir nach wie vor alles als möglich annehmen und geduldig am Guten arbeiten. Auf meinen Sommerurlaub freue ich mich übrigens schon. Auch wenn er nur zur Hälfte feststeht.
© April 2026, Anja Mutschler.
Foto: Peter-Paul Hammerschmidt